H-O

Heiligkeit

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

11. Januar 2011

In jüdischer und christlicher Theologie ist Heiligkeit vorrangig die Gott vorbehaltene Qualität, die ihn (theoretisch exklusiv) von jeder anderen Existenz unterscheidet. Während nach dem 2. Buch Samuel 2 es neben Gott keinen Heiligen gibt, gewährt sein Befehl „Ich bin heilig, deshalb sollt auch ihr rein und heilig sein“ (Lev 11, 44) die Möglichkeit menschlicher Heiligkeit. Im katholischen Christentum wird dasselbe Wort nicht nur für Gott benutzt, sondern auch für Menschen (die Heiligen, der Heilige Vater, d. h. der Papst), für Institutionen (Heilige Mutter Kirche, Heilige Inquisition), Termine (Heiliger Donnerstag, heiliger Samstag), Objekte (Heilige Schrift, heiliges Wasser, d. h. Weihwasser), Handlungen (Heilige Sakramente), etc. Bis vor kurzem begrenzten christliche Geistliche die Qualität der Heiligkeit nur auf Elemente ihres Glaubens, es per definitionem allen anderen Religionen und Konfessionen aberkennend (von einigen wenigen Ausnahmen wie Nikolaus von Cusanus abgesehen).

Vom Standpunkt der Religionsgeschichte ist Heiligkeit allerdings eine valide Kategorie für alle Religionen, ja, es ist sogar ihr Kern, da keine Religion ohne die Distinktion zwischen heilig/geweiht und profan existiert. Gemäß der einflussreichen Studie von Rudolf Otto wird Heiligkeit durch vier Bestandteile charakterisiert: Das Gewaltige (das Ehrfurcht gebietende), das Majestätische (das Überwältigende), das Energische (eine fesselnde Dynamik) und das Mysteriöse (das völlig Fremde). Der Begriff ‚Sakralität‘ drückt diese Ambivalenz besser aus als die rein positive ‚Heiligkeit‘ wenn man bedenkt, dass es vom lateinischen Wort ‚sacer‘ hergeleitet ist, welches die Vorstellungen heilig und geheiligt, aber auch abscheulich und verflucht umfasst. Heiligkeit kann als ein theoretisches Konzept definiert werden, allerdings bleibt es bedeutungslos, wenn es von den Gläubigen während der Konfrontation mit Objekten ihres Glaubens nicht intuitiv und emotional erfahren wird. Aus außereuropäischen Religionen wurden verschiedene Ausdrücke in die wissenschaftliche Terminologie des Heiligen integriert, nämlich Mana, Orenda und Tabu. Ersteres bezeichnet positive Heiligkeit, als eine Macht arbeitend, während Letzteres negative Heiligkeit artikuliert, Gedanken von Gefahr und Verbot implizierend.

In Verbindung mit Hexerei scheint vor allem die Zauberkunst – die Zeremonien, die Tätigkeiten, die Worte, die Geister etc. – der Träger von Heiligkeit zu sein. Aus Sicht der Phänomenologie der Religionen gibt es keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Einstellung, mit dem die Hexe den Dämon verehrt, Zauberei vollführt, Magieformeln artikuliert und der des die Mysterien der offiziellen Religion zelebrierenden Priesters. Aber auch der Hexer selbst ist eine Achtung gebietende Person, Wunder bewirkend und damit vergleichbar mit dem lebendigen Heiligen, da er und seine Taten nicht als Teile der profanen Alltagswelt angesehen werden, sondern ihre eigene sakrale Sphäre besitzen. Darin besteht der Unterschied, in seinen eigenen Gedanken und in den seine Hilfe suchenden Menschen, zum Illusionist und seinen Zaubertricks. Folglich sind die Riten der offiziellen Religion und die Zauber der verbotenen Magie das Gleiche für diejenigen, die jeweils daran glauben. Der Ort, an dem diese Riten stattfinden, die Kirche, ist ebenso geheiligt wie die Plätze von magischen Zeremonien wie Kreuzungen oder verzauberte Flecken in der Natur. Eine Stätte gilt als heimgesucht sowohl nach der Offenbarung einer göttlichen Macht wie gleichfalls nach der einer dämonischen Kraft. An der katholischen Doktrin der Transsubstantiation kann die phänomenologische Identität von kirchlichen und magischen Formeln vielleicht am besten dargestellt werden. Nur wenn der Priester die absolut korrekte Formulierung „hoc est enim corpus meum“ verwendet, wandelt sich das Brot der Hostie in den Leib Christi. Dies funktioniert vollkommen unabhängig von seinem persönlichen Verdienst, seiner Frömmigkeit, seiner Intention, etc., genauso wie magische Beschwörungen. In beiden Fällen ist es lediglich die Heiligkeit des richtigen Wortes, welche die Aufgabe erfüllt. So erscheint die Entwicklung der ebengenannten geistlichen Formel zu „hocus-pocus“ keine zufällige zu sein.

Literatur

Peter Dinzelbacher und Dieter Bauer (Hg.), Heiligenverehrung in Geschichte und Gegenwart, Ostfildern 1990.

Peter Dinzelbacher, Handbuch der Religionsgeschichte im deutschsprachigen Raum, Bd. 2. Hoch- und Spätmittelalter, Paderborn 2000.

Peter Dinzelbacher, Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen in Mittelalter und Frühneuzeit, Düsseldorf 2001.

Mircea Eliade, The sacred and the profane; the nature of religion, New York 1961.

Holiness, in: James Hastings (Hg.), The Encyclopaedia of Religion and Ethics VI. Edinburgh 1913, S. 731-759.

Rudolf Otto, The idea of the holy; an inquiry into the non-rational factor in the idea of the divine and its relation to the rational, New York 1958.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Heiligkeit. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezq3/

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Erstellt: 11.01.2011

Zuletzt geändert: 11.01.2011


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