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Roswitha Rogge

Hexenverfolgungen in Hamburg

 

Sichere Aussagen über den Hamburger Verfolgungsumfang können auf Grund der dünnen Quellenlage nicht getroffen werden. Zuverlässig überliefert ist die Verurteilung und Verbrennung von mindestens 40 Frauen wegen Schadenzauber beziehungsweise Teufelspakt zwischen 1444 und 1642. Die Hamburger Prozesse begannen somit vergleichsweise früh, fanden jedoch auch ein schnelles Ende. Auffällig sind der große Stellenwert des Schadenzaubervorwurfs und die späte Rezeption der Hexenlehre im hamburgischen Stadtrecht.

Hamburg zur Zeit der Hexenverfolgung

Hamburg war im 16. und 17. Jahrhundert eine wirtschaftlich aufstrebende Stadt. Der Niedergang des hansischen Handels auf der Ostsee und der Aufschwung des Atlantikhandels begünstigten den Aufstieg der Elbstadt zu einem europäischen Fernhandelszentrum. Um 1500 lebten etwa 15.000 Menschen in Hamburg. Durch den Zuzug besonders von niederländischen und portugiesisch-jüdischen Emigranten sowie der englischen Merchant Adventurers stieg die Einwohnerzahl auf 36-40.000 um 1600. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts beherbergte Hamburg schon 75.000 Einwohner und war damit zur größten Stadt im Norden des deutschen Reiches herangewachsen.

Die lutherische Reformation verlief in Hamburg vergleichsweise ruhig und brachte vor allem Reformen der kirchlichen Verwaltung mit sich, von denen besonders die ratsnahen kaufmännischen Familien profitierten. Die erbgesessenen Hamburger Kaufleute besetzten somit sowohl die kirchlichen als auch die politischen Gremien der Stadt; der Zutritt zum sich selbst ergänzenden Stadtrat war Handwerkern de facto verwehrt.

In politischer Hinsicht ist die starke Stellung des Hamburger Rates hervorzuheben. Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts war der Stadtrat in Gesetzgebung und Urteilsfindung gegenüber dem holsteinischen Landesherrn autonom; auch den kaiserlichen Ansprüchen widersetzte sich die Stadt mehrfach, bis sie sich 1618 für reichsunmittelbar erklärte. Hamburgs Reichsstandschaft wurde von Dänemark / Schleswig-Holstein jedoch erst 1768 anerkannt.

Die Verfolgung von Schadenzauber im 15. und 16. Jahrhundert

Das Stadtrecht und die Gerichtsbarkeit waren wichtige Elemente der städtischen Unabhängigkeit. Für peinliche Sachen war in Hamburg in erster Instanz das Niedergericht zuständig. Appellationsfälle kamen vor den Stadtrat in seiner Funktion als städtisches Obergericht. Im Niedergericht fanden zwei Ratsherren und zwölf "Dingleute" (Schöffen) die Urteile; nach 1623 war es mit zwei Rechtsgelehrten und sieben Bürgern aus dem Handelsstand besetzt, die alle vom Rat auf Zeit gewählt wurden.

In den Stadtrechtsfassungen von 1270, 1301 und 1497 setzte das hamburgische Stadtrecht für "diejenigen Christen, welche von Gott abgefallen waren, mit Zauberei oder Gift umgingen und dabei ergriffen wurden" die Verbrennungsstrafe aus. Die Vorstellungen der neuen Hexenlehre fanden auch in der Stadtrechtsneufassung von 1497 noch keine Berücksichtigung.

Für die Einleitung des Gerichtsverfahrens wegen Schadenzaubers musste eine handhafte Tat vorliegen, das heißt das Verfahren wurde durch das "Gerüfte", das Zetergeschrei, eröffnet, mit welchem die Nachbarn aufgefordert und verpflichtet wurden, bei der Festnahme des Verbrechers zu helfen. Als Beweis waren die Tatwerkzeuge vorzulegen, bei Totschlag oder Körperverletzung mussten zwei ehrliche, unberüchtigte Zeugen genannt werden. Die handhaft Angeklagten waren nicht zum Reinigungseid als Beweis ihrer Unschuld zugelassen und durften sich weder einen gerichtlichen Beistand, "Vorsprake", nehmen noch einen Bürgen stellen, sondern wurden bis zur Urteilsfindung gefangen gesetzt.

Für die Verfolgung von Schadenzauber im 15. und 16. Jahrhundert finden sich Hinweise in den städtischen Kämmereirechnungen. Dem Büttel Johann Prangen wurden im Jahre 1444 die Unkosten für die "incantatrix" Katharina Hane aus der Stadtkasse erstattet, ebenso die Ausgaben für ihre Verbrennung. Der hier so spärlich in den Kämmereirechnungen dokumentierte Prozess gehört zu den frühesten im norddeutschen Raum. Im selben Jahr erstattete die Kämmerei dem Büttel das Holz und das Pech für die Verbrennung einer "mulier divinatrix", 1470 wurde eine "maleficiatrix" verbrannt, 1474 wurden nochmals Unkosten für eine "incantatrix" ersetzt.

Nach diesen vereinzelten Nachrichten aus dem 15. Jahrhundert sind Mitte des 16. Jahrhunderts mehrere Fälle überliefert: 1529 starb eine "malefica" im Gefängnis, zwei wurden verbrannt; (1533 wurde eine Frau verbrannt); über 1540 wird chronikalisch berichtet, dass "etliche Zauberschen" gefangen gesetzt, jedoch nicht verurteilt wurden, nur eine Wahrsagerin sei aus der Stadt gestäupt worden; 1544 wurden zwei "veneficae" hingerichetet und zwei Frauen nach dem Verhör für unschuldig befunden; 1545 sechs "incantatrices" und eine "saga" verbrannt; 1553 wurde eine "venefica" hingerichtet; 1555 neun "maleficae" verbrannt; 1581 sollen nach chronikalischen Angaben sechs Zauberinnen verbrannt worden sein; 1583 wurde Abelke Bleken wegen Schadenzauber und Teufelspakt verbrannt; (1589 wurden Wilcke Vetten und seine tote Frau verbrannt); ebenfalls 1591 Metke Poleuer wegen verbotener Heilkünste und 1594 Lemke Niper oder Meyer wegen Schadenzauber und Teufelspakt. Carl Trummer nennt ohne Quellenangabe noch weitere Fälle zwischen 1576 und 1594, nämlich vier Männer und 10 Frauen.

Von Mitte des 15. bis Ende des 16. Jahrhunderts wurden mindestens 35 Frauen in Zaubereiprozessen wegen Schadenzauber, Giftmischerei und/oder zauberischer Wahrsage- und Heilkunst verurteilt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts häuften sich die Prozesse gegen mehrere Angeklagte.

Der frühneuzeitliche Hexenprozess in Hamburg

Die 1580er Jahre stellen eine Zäsur in der hamburgischen Verfolgungspraxis dar. In der einzigen aus Hamburg überlieferten Urgicht der Abelke Bleken von 1583 ist erstmalig die explizite Nennung der Elemente des kumulativen Hexereibegriffs nachzuweisen. Allerdings kann auf Grund der Quellensituation ein früheres Auftreten des Hexenkonzepts in den Hamburger Prozessen auch nicht ausgeschlossen werden.

Im ausgehenden 16. Jahrhundert löste der fiskalische Anklageprozess das Verfahren bei handhafter Tat in der hamburgischen Gerichtspraxis ab. Nun erhob ein amtlicher Ankläger, der Fiskal, die gerichtliche Klage in Kriminalsachen. Im Vorfeld der Gerichtsverhandlungen ermittelten die dem Niedergericht vorsitzenden Prätoren. Im Gegensatz zur früheren Verfahrenspraxis bei handhafter Tat wurde den peinlich Angeklagten spätestens seit Ende des 16. Jahrhunderts ein Prokurator als Verteidiger von Amts wegen zugestanden.

Die Gerichtsverhandlungen vor dem Hamburger Niedergericht wurden bis etwa 1635 in mündlicher Form geführt. Für den Zeitraum 1588 bis 1642 stehen als Quellengrundlage die Urteilsbücher des Niedergerichts (1588-94, 1607-10, 1640-42) sowie die Appellationsurteile des Rates in peinlichen Sachen (1589-1628) zur Verfügung. Während die Urteilsbücher die in den Urgichten festgehaltenen Tatmerkmale protokollieren, kann den Appellationsurteilen lediglich das jeweilige Strafmaß, nicht aber die Straftat, entnommen werden.

Die städtischen Rechtsnormen zur Zauberei erfuhren zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine grundlegende Erweiterung. In die Neukodifikation des hamburgischen Stadtrechts von 1603/05 wurde neben dem weiterhin bestehenden Schadenzauberdelikt nun der Teufelspakt als Straftatbestand aufgenommen. Für beide Verbrechen sollte die Feuer- oder die Schwertstrafe verhängt werden. Die Ausübung beziehungsweise Inanspruchnahme zauberischer Wahrsagekünste sollte, so der Kommentar des hamburgischen Sub-Syndicus Möller (gestorben 1625) zum Stadtrechtsartikel, zunächst mit Ermahnungen und einer Geldbuße oder Gefängnis bestraft werden, bei Wiederholung war mit Straferhöhung oder mit Rutenstrichen und Stadtverweisung zu rechnen.

Sowohl der Teufelsbund als auch die zauberische Schädigung mussten bewiesen werden, um eine Verurteilung durchführen zu können. Die Beweisführung erfolgte nach der Anklage durch den Fiskal vor dem Niedergericht. Als Beweismittel kommt in den überlieferten Prozessen lediglich das erfolterte Geständnis vor, Zeugen sind nicht genannt. In seinem Kommentar verwies Sub-Syndicus Möller auf den Artikel 44 der Carolina, wonach auch bestimmte, glaubhaft beigebrachte "Umstände und Vermutungen" ausreichend für einen Tatverdacht seien. Während laut Carolina die genannten Indizien zur Anzeige und zur peinlichen Frage berechtigten, war laut dem Hamburger Kommentar theoretisch eine Überführung von Hexen auf Grund bloßer Indizien, auch ohne Geständnis, möglich.

Die hamburgischen Rechtsnormen hatten zu Beginn des 17. Jahrhunderts endgültig das gemeine Recht rezipiert. In der Stadtrechtsfassung von 1603/05 und dem Rechtskommentar wird der Einfluss der Juristen auf die Rechtsetzung deutlich. In der Rechtsprechung kam es im 17. Jahrhundert nur zu wenigen Verurteilungen zum Feuertod: 1606 Engel Reimers wegen zauberischer Heilkünste; 1610 Anneke Petersens Leiche wegen Teufelspakt; 1642 Cillie Hempels wegen Zauberei und Ermordung ihres Mannes und Gretje Wevers wegen Zauberei. Catharine Carstens (1601) und Abelke Dabelstein (1619) wurden zum Tod durch Verbrennen verurteilt, das ihnen vorgeworfene Delikt ist dem Urteil nicht zu entnehmen. Prozesse gegen mehrere Beteiligte sind aus dem 17. Jahrhundert nicht überliefert. In einem Prozess von 1701 spielte der Zaubereivorwurf eine nebengeordnete Rolle. Der Terminus "Hexe" tritt in der gesamten hamburgischen Überlieferung nicht auf.

Fazit

Die Anzahl der überlieferten Zauber- bzw. Hexenprozesse in Hamburg beläuft sich auf etwa 40 Fälle. Korrekturen nach oben müssen angesichts der Quellenproblematik sicherlich vorgenommen werden; im Übrigen sind in den vorhandenen Quellen fast nur die Prozesse dokumentiert, die mit Verurteilungen endeten. Angesichts des starken Bevölkerungswachstums im 16. und 17. Jahrhunderts erscheint jedoch auch eine "korrigierte" Gesamtzahl nicht übermäßig hoch, so dass Hamburg mit Sicherheit weder als weißer Fleck noch als Hochburg der Hexenverfolgung gelten darf. Für den relativ geringen Gesamtumfang der Prozesse spricht die unangefochtene Stellung der hamburgischen Justiz gegenüber äußeren, weltlichen wie geistlichen Konkurrenten. Die städtische Gerichtsbarkeit war nicht auf sensationelle Gerichtsverfahren zur Abwehr von Herrschaftsansprüchen angewiesen.

Auffällig erscheint das lange Festhalten am mittelalterlichen Schadenzauberkonzept in der Rechtsatzung. Die Neufassung des hamburgischen Stadtrechts in der Bilderhandschrift von 1497, welche sich generell der Aufnahme neuer Rechtsprinzipien gegenüber versperrte, demonstriert das Traditionsbewusstsein des Hamburger Rates, der sich den kaiserlichen Ansprüchen auf die oberste Gerichtsbarkeit standhaft widersetzte. In dieses Traditionsbewusstsein passt das lange Festhalten am mündlichen Verfahren und die personelle Situation des Niedergerichts, welches erst 1623 ständig mit zwei Rechtsgelehrten besetzt wurde. Schließlich waren es die Juristen, die für die Rezeption des Hexenkonzeptes sorgten, wie im geänderten Stadtrechtsartikel von 1603/05 und dem diesbezüglichen Rechtskommentar. Diese normativen Neuerungen wurden in Hamburg jedoch erst zu einem Zeitpunkt kodifiziert, zu dem das obrigkeitliche Interesse an solchen Prozessen offenbar nachgelassen hatte. Die Rezeption wirkte hier keinesfalls verfolgungsfördernd. Die hamburgische Verfolgungspraxis im 15. und 16. Jahrhundert hob sich allerdings von anderen Hansestädten wie Lübeck (Holstein), Köln, Rostock und Wismar (Mecklenburg) durch die Härte der Urteile in Zaubereiprozessen ab. Möglicherweise ist dies auf das hier praktizierte Verfahren bei handhafter Tat zurückzuführen, denn, einmal vor Gericht gestellt, waren die Angeklagten bei dieser Prozessform im Grunde rechtlich völlig wehrlos.

Der Höhepunkt der hamburgischen Hexen- beziehungsweise Zaubereiverfolgung begann zweifelsohne in der Mitte des 16. Jahrhunderts, nach der Durchsetzung der Reformation. Eine griffige Erklärung hierfür liegt nicht eben auf der Hand. Sigrid Gailus-Döring hat in ihrer Arbeit von 1991 keinen Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Krisen und der Verfolgungspraxis in Hamburg feststellen können. Über eventuelle personelle Ursachen wie die Amtbesetzungen im Niedergericht sind für Hamburg keine Aussagen möglich.

Berücksichtigt man, dass die Hexenlehre schon lange vor ihrer Aufnahme in das hamburgische Stadtrecht Eingang in die hamburgische Gerichtspraxis gefunden hat, unter Umständen auch schon vor ihrem Auftreten in der Urgicht der Abelke Bleken von 1583, so ist die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts als Umbruchphase zwischen dem spätmittelalterlichen Zaubereiverfahren und dem frühneuzeitlichen Hexenprozess anzusehen, in der wenig Sicherheit bezüglich des Umgangs mit magischen Delikten herrschte. Das spätmittelalterliche Verfahren bei handhafter Tat war in der Großstadt nicht mehr zeitgemäß, und die neue Hexenlehre konnte - selbst wenn sie noch keine Aufnahme in die Statuten gefunden hatte - nicht völlig ignoriert werden. Die Zunahme der Prozesse seit etwa 1540 könnte als Bemühen der städtischen Obrigkeit gedeutet werden, über Zauber- und/oder Hexenprozesse ihr Konfliktmanagement unter Beweis zu stellen und so die latente Rechtsunsicherheit bezüglich magischer Delikte zu überspielen. Die Neukodifikation des Schadenzauberartikels im Stadtrecht von 1603/05 beschlösse somit einen Modernisierungsprozess der hamburgischen Gerichtsbarkeit, in dessen Folge die Rechtssicherheit wiederhergestellt war, so dass das Problem "Hexenverfolgung" in Hamburg relativ früh "ad acta" gelegt werden konnte und sich die Stadtherren voll und ganz auf ihr eigentliches Interesse, den florierenden Handel im Zeichen des Wirtschaftsbooms, konzentrieren konnten.

Literatur

Susanna Misgajski: Hexerei und Zauberei in Hamburger Strafprozessen. Examensarbeit Universität Kiel 1982, Masch.

Siegrid Gailus-Döring: Die imaginäre und die reale Hexe - Erscheinungsformen eines sozialgeschichtlichen Phänomens in der frühen Neuzeit. Untersuchungen in Nord- und Nordwestdeutschland vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Diss. Phil. Universität Hannover 1991, Masch.

Roswitha Rogge: Hexenverfolgung in Hamburg? Schadenzauber im Alltag und in der Justiz. In: GWU 46, 1995, S. 381-401.

Roswitha Rogge: Schadenzauber, Hexerei und die Waffen der Justiz im frühneuzeitlichen Hamburg. In: Bernd Schmelz (Hg.): Hexerei, Magie und Volksmedizin. Beiträge aus dem Hexenarchiv des Museums für Völkerkunde Hamburg. Bonn 1997, S. 149-172.

Roswitha Rogge: Von Zauberinnen, Hexen und anderen berüchtigten Frauen im frühneuzeitlichen Hamburg. In: Wulf Köpke / Bernd Schmelz (Hg.): Hexenwelten (= Mitteilungen aus dem Museum für Völkerkunde Hamburg N. F.; Bd. 31). Bonn 2001, S. 27-43.

Carl Trummer: Vorträge über Tortur, Hexenverfolgungen, Vehmgerichte und andere merkwürdige Erscheinungen in der Hamburgischen Rechtsgeschichte. Bd. 1, Hamburg 1844, S.96-160.

 

Empfohlene Zitierweise

Rogge, Roswitha: Hamburg - Hexenverfolgungen. in: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezqh/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 04.05.2006


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