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Häberlin (Heberlin, Häberle), Georg Heinrich

Jürgen Michael Schmidt

10. September 2008

* 30. September 1644 in Stuttgart (Herzogtum Württemberg), † 20. August 1699 in Stuttgart; lutherischer Theologieprofessor, moderater Prediger im Hexereidiskurs

Kurzbiografie

Über Häberlins Leben und Werk ist bislang nur wenig bekannt. Als Mitglied der württembergischen Ehrbarkeit (der Vater war Kaufmann und Stadtrat in Stuttgart) machte er Karriere in der württembergischen Landeskirche. Nach Besuch der Klosterschulen in Maulbronn und Bebenhausen und der Erlangung des Magistergrades an der Universität Tübingen 1663 studierte er dort Theologie. 1668 wurde er Diakon in Leonberg, 1669 Diakon in Cannstatt und 1675 Prediger in Stuttgart (zunächst an der Leonhardskirche, 1677 an der Hospitalkirche, 1678 als zweiter Prediger an der Stiftskirche). Nach der Promotion zum Doktor der Theologie folgte 1681 die Berufung auf eine außerordentliche Theologieprofessur an der Universität Tübingen, wo er zugleich zweiter Superattendent am evangelischen Stift wurde und zeitweise Hebräisch lehrte. Mehrere glänzende Berufungen von auswärts schlug er wohl aus gesundheitlichen Gründen aus. Dafür nahm er im Februar 1692 die ehrenvolle Stelle des ersten Predigers an der Stuttgarter Stiftskirche und geistlichen Rats im fürstlichen Konsistorium an. 1695 wurde Häberlin zusätzlich evangelischer Abt in Alpirsbach.

Tätigkeit im Kontext der Calwer Kinderhexenprozesse

 

Die Hexenprozesse im Herzogtum Württemberg fanden in den Kinderhexenprozessen der Amtsstadt Calw unter Beteiligung Häberlins 1683/84 ein spektakuläres Ende. Eine große Zahl von Kindern sollte einen Teufelspakt eingegangen sein, und noch mehr Erwachsene standen im höchsten Verdacht der Hexerei. Obwohl es noch ein letztes Mal in Württemberg zu zwei Hinrichtungen kam, ließen sich die aus Angst um das Seelenheil der Kinder gespeiste Hexenhysterie und eine gefährliche Pogromstimmung unter der Calwer Bevölkerung über Monate hinweg kaum in den Griff bekommen. Die äußerst besorgte Regierung musste die für die staatliche Ordnung destabilisierende Wirkung von Hexenglauben und Hexenverfolgung erkennen. Um Ruhe und Sicherheit wieder herzustellen, entsandte Stuttgart (neben einem Truppenkontingent) eine Untersuchungskommission und mehrfach Tübinger Theologen nach Calw, die der aufgebrachten Bevölkerung durch Predigten und seelsorgerliche Unterweisung die Angst vor den Hexen nehmen sollten. Der zentrale theologische Vertreter aus Tübingen war Georg Heinrich Häberlin. Sein Wirken in Calw ist nicht nur in den Akten des Stuttgarter Oberrats dokumentiert (Hauptstaatsarchiv Stuttgart A 209, Bü 690). Darüberhinaus veröffentlichte er in Stuttgart 1685 auf Wunsch des Herzogadministrators eine Predigt, die er in Calw bezüglich der Hexenverfolgung gehalten hatte. Aufgrund eines vom Autor vorgeschalteten Berichts über die Ereignisse erhielt der Druck den Titel „Historische Relation von denen in der würtemb. Ampts- und Handel-Stadt Calw einige Zeit her der Zauberey halber beschreyeten Kindern und andern Personen“. Spätestens dadurch wurden die Calwer Hexenprozesse deutschlandweit bekannt.

Häberlins Publikation zu den Prozessen

 

Häberlin bestritt keineswegs die Existenz von Hexen, forderte nicht expressis verbis die Einstellung von Hexenprozessen und stellte auch nicht die Rechtmäßigkeit der beiden Calwer Todesurteile in Frage. Gleichwohl führte seine Absicht, die Calwer Bevölkerung von weiteren Hexenprozessen abzubringen, zu einem sehr kritischen Umgang mit Hexenverfolgungen. Häberlin gehörte damit zu jenen Theologen in Württemberg, die die moderate Haltung der lutherischen Orthodoxie, die von Johannes Brenz begründet worden war, in Richtung auf einen weitgehenden Prozessverzicht weiter entwickelten und den Gedanken der seelsorgerlichen Lösung des Problems weiter ausbauten. Zitiert wird insbesondere Brenz´ Nachfolger Wilhelm Bidembach.

Während für Häberlin Schadenzauber und Hexenflug in dieser Tradition sowieso nur (durch den Teufel erweckte) Einbildungen waren, konstatierte er in Bezug auf Teufelspakt und Hexentreffen eine derartige Unsicherheit in der Beweisführung, dass die Menschen kaum sicher erkennen könnten, was hier Realität, was Traum und was einfach nur Erfindung ist. Über die wenigen eindeutigen Fälle hinaus wisse letztlich nur Gott allein, wer wirklich eine Hexe sei. Der Teufel als der eigentliche Gegner, den es zu besiegen gelte, nutze die große Unsicherheit im Hexereidelikt, um in Hexenpaniken Unordnung und Unfrieden im Gemeinwesen zu stiften und Unschuldige in falschen Verdacht zu bringen. Die Gemeinde müsse sich durch geistige Rüstung und christliche Sittenzucht gegen den Feind wappnen. Mit unkontrollierten Hexenverfolgungen aber, so legt Häberlin nahe, diene sie dem Teufel mehr, als dass sie ihm schade. Selbst wenn man alle Hexen verbrennen würde, so Häberlin, den Satan würde man damit nicht ausrotten. Der Konflikt Hexe-Bevölkerung wird wie bei Brenz und Bidembach in einen Konflikt Gott-Teufel-Bevölkerung überführt.

In Bezug auf die Bedeutung des perhorreszierten Teufelspaktes bleibt die Predigt dabei trotzdem noch hinter einem Grundsatzgutachten zurück, das die gesamte Theologische Fakultät der Universität Tübingen im Calwer Fall 1684 verfasst hatte und das in den Oberratsakten überliefert ist. Das Gutachten deutete einen gewissen Bruch mit der bisherigen Tradition an, indem es dem Teufelspakt die Bedeutung weitgehend absprach, da der getaufte Christ den Bund mit Gott niemals von sich aus kündigen könne. Gott halte an dem Bund beharrlich fest, so dass der einmal getaufte Mensch selbst die größte Sünde durch Reue und Buße jederzeit wieder aus der Welt schaffen könne. Die Tübinger Theologen hatten dabei zwar zunächst vor allem die Calwer Kinder im Auge. Diese grundsätzlichen Ausführungen bezogen die erwachsenen Christen vom theologischen Fundament her aber eigentlich voll mit ein. Hexenprozesse machten damit, konsequent zu Ende gedacht, überhaupt keinen Sinn mehr, seelsorgerliche Maßnahmen blieben nicht nur die wichtigste, sondern sogar die einzig vernünftige Antwort. Die radikale Formulierung dieser Erkenntnis fehlt aber im Gutachten und mehr noch in Häberlins Predigt.

Literatur

Georg Heinrich Heberlin, Historische Relation von denen in der würtemb. Ampts- und Handel-Stadt Calw einige Zeit her der Zauberey halber beschreyeten Kindern und andern Personen, Stuttgart 1685.

H.C. Erik Midelfort, Witch Hunting in Southwestern Germany 1562–1684. The social and intellectual Foundations, Stanford 1972, S. 158–163

Christian Sigel, Das evangelische Württemberg, ein Nachschlagewerk, Bd. 12, o. O. [Gebersheim], o. J. [1931].

Hartwig Weber, »Von der verführten Kinder Zauberei«. Hexenprozesse gegen Kinder im alten Württemberg, Sigmaringen 1996, S. 15–29.

Hartwig Weber, Kinderhexenprozesse, Frankfurt/Leipzig 1991 (ND u. d. T. Hexenprozesse gegen Kinder, Frankfurt/M. 2000), S. 286–297.

Jürgen Michael Schmidt, Die Hexenverfolgung im weltlichen Territorialstaat des Alten Reiches. Das Beispiel Südwestdeutschland, in: Johannes Dillinger / Jürgen Michael Schmidt / Dieter R. Bauer (Hg.), Hexenprozess und Staatsbildung (Hexenforschung 12), Bielefeld 2008, S. 149-180, hier S. 171–174.

Empfohlene Zitierweise

Schmidt, Jürgen Michael: Häberlin, Georg Heinrich. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jezq1/

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Erstellt: 12.09.2008

Zuletzt geändert: 20.10.2008


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