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VII. Revolutionsbegriff

 

"Revolution" ist ein Begriff mit sehr komplexem Bedeutungsspielraum, der in seinem engeren, modernen Sinn erst seit der Französischen Revolution gebräuchlich ist.

 

Semantik des Begriffs

vormoderner Begriff: "Revolution" als Kreislauf 

Das Wort stammt aus der mittelalterlichen astrologisch- astronomischen Fachsprache und bezeichnete dort den Umlauf der Gestirne.

In der Neuzeit wurde es auf den politischen Bereich übertragen, wobei - in Analogie zum antiken Modell des Verfassungskreislaufs von Monarchie, Aristokratie und Demokratie - der quasi-organische Wandel von Herrschaftsordnungen gemeint war, eine Bewegung, die die Dinge zu ihrem Ausgangspunkt zurückbringt.

Daneben ist aber dem 18. Jahrhundert auch die gegenläufige Bedeutung von Aufruhr und plötzlicher Neuerung bekannt; der Ausdruck schwankte lange zwischen diesen beiden Konnotationen. 

progressiver Richtungssinn 

In der Zeit der Aufklärung erfuhr der Begriff durch die geschichts-philosophische Ausweitung eine neue Qualität: "Revolution" umfasste nun die positiv beurteilte Kraft des Wandels aller Lebensbereiche, die den Fortschritt der Gesellschaft beförderte und zu einer besseren Zukunft führte. Diese progressive Ausrichtung auf ein bisher unbekanntes Ziel hob die Idee der Kreisbewegung auf und gab dem Revolutions-Begriff gleichzeitig eine legitimatorische Funktion. 

Mehrdeutigkeit 

Der moderne Revolutionsbegriff ist jedoch in Bezug auf den Modus des Wandels weiterhin nicht eindeutig, sondern kann sowohl die gewaltsame, plötzliche Veränderung meinen, die einen Verfassungswandel herbeiführt, als auch längerfristige, strukturverändernde Prozesse. 

"revolutionär" 

Die Französische Revolution selbst hat das semantische Feld des Wortes verändert und erweitert. Mit der Bildung des Adjektivs révolutionnaire, das seit 1789 belegbar ist, kommt zum Aspekt des abstrakten Wandels der Verhältnisse die Vorstellung des revolutionären Akteurs hinzu, der seine Umwelt durch die Kraft seines Freiheits-Willens gestalten kann. 

Revolution als Handlungssubjekt der Geschichte 

Gleichzeitig wird das vielströmige revolutionäre Geschehen sprachlich zu einem Kollektivsingular ("die Revolution"), der die Einzelereignisse zu einem Gesamtprozess bündelt. Die Revolution wird zu etwas Einmaligem und Einzigartigem, zu einem selbständigen Handlungssubjekt der Geschichte. ("Die Revolution frisst ihre Kinder.")

Den Revolutionären diente die solchermaßen als eigenmächtige Geschichtskraft verstandene Revolution als Legitimation für das Getane - bis hin zur Terreur -, gleichzeitig war sie ihnen Verpflichtung zum Handeln. Dieser Bedeutungsgehalt erklärt auch den missionarischen und universellen Anspruch, der mit dem Revolutions-Begriff verbunden wurde. 

Erfahrung der Beschleunigung und des völlig Neuen 

Im Bewusstsein der Zeitgenossen stellte die Revolution die Erfahrung einer massiven Beschleunigung des historischen Wandels dar, der die Grenzen des bisher Bekannten überschritt. Da die eigene Erfahrung als Basis für die Zukunftserwartung nicht mehr hinlänglich war, sahen sich die Menschen gewissermaßen mit einem Aufbruch ins Ungewisse, einem absoluten Neubeginn konfrontiert. 

Modellhaftigkeit der Französischen Revolution 

Für die europäischen Nachbarn wurde die Französische Revolution bald zum Modell für Revolutionstheorien und -erwartungen. Man glaubte nach den französischen Erfahrungen einen allgemeinen Ablaufzyklus von "Revolution - Terror - Herrschaft des Einzelnen" erkennen zu können, was vor allem in Deutschland dazu führte, die Revolution als Mittel der notwendigen gesellschaftlichen und politischen Veränderung abzulehnen. 

"Evolution" 

Entsprechend dazu kamen bald "Evolution" und "Reform" als Gegenbegriffe auf, die den Ausschluss von Gewalt und Chaos zugunsten der friedlichen Entwicklung und Planbarkeit zum Ausdruck bringen sollten.

Der Revolutionsbegriff blieb aber im 19. und 20. Jahrhundert äußerst aktuell und diente als Beschreibung und Zielvorstellung für unterschiedlichste gesellschaftliche Phänomene und politische Projekte - von der industriellen Revolution bis zur Revolution der 68er. 

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: VII. Revolutionsbegriff. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Wirkungsbereiche, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/3fz11w/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 22.12.2005

Zuletzt geändert: 27.06.2006


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