Wirkungsbereiche

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Wirkungsbereiche

III. Frauen und Familie

 

Auch wenn die Gleichheit zu den wichtigsten Prinzipien der Französischen Revolution bzw. der Menschenrechte gehörte: die Frauen blieben von der vollen rechtlichen Gleichstellung ausgeschlossen. Sie waren aber keineswegs nur Hintergrundfiguren im revolutionären Geschehen, sondern aktive Teilnehmerinnen und auch Gestalterinnen der Ereignisse.

 

1. Frauen als Akteurinnen der Revolution

Rolle der Frau als Ernährerin der Familie 

Das revolutionäre Engagement der Frauen aus den städtischen Unterschichten wuchs aus der direkten Betroffenheit heraus: Da sie es waren, die für die häusliche Wirtschaft und die Ernährung der Familie zuständig waren, wurden sie zu den Hauptträgerinnen der spontanen Journées und "Brotaufstände", die vor allem die Sicherung der Lebensmittelversorgung erzwingen sollten. 

Volksaufstände 

So ist es kein Zufall, dass wichtige Ereignisse der Revolutionsgeschichte mit verschärften Versorgungsengpässen zusammenfallen: der ebenso legendäre wie erfolgreiche "Zug der Marktweiber" nach Versailles am 5./6. Oktober 1789, der Tuilerien-Sturm vom 10. August 1792 und die Aufstände des Frühjahrs 1795.

Frauen waren an der Plünderung von Läden beteiligt, sie zwangen die Bauern und Produzenten auf den Märkten, ihre Waren günstiger abzugeben, kämpften gegen den Wucher und forderten mit Nachdruck die Festlegung von Höchstpreisen. Vergleichbare Aktionen von Frauen waren auch schon von Hungerkrisen vor der Revolution bekannt und wurden meist nicht strafrechtlich verfolgt, da sie Ausdruck unmittelbarer Existenznöte waren. 

Hauptnahrungsmittel Brot 

Die Brisanz der Brotpreise wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass ein Großteil des Arbeitslohnes für Brot ausgegeben werden musste. Brot war das wichtigste und in Zeiten der Not auch das einzige Nahrungsmittel. Man rechnet einen durchschnittlichen Tagesbedarf von anderthalb Pfund Brot pro Erwachsenen, so dass eine eine 4-5-köpfige Familie circa 6-7 Pfund Brot benötigte. 

Formen des Engagements 

Die Aktivität der Frauen beschränkte sich aber keineswegs auf spontane, sozial motivierte Erhebungen. Sie bedienten sich wie die Männer neuer Organisationsformen wie z.B. der Clubs und Gesellschaften, sie waren auf den Zuschauerrängen des Parlaments ebenso zu finden wie auf politischen Versammlungen, sie veröffentlichten Broschüren und Denkschriften, trugen Petitionen vor und versuchten Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. 

Frauen Clubs 

1790 bildeten sich im ganzen Land Clubs und Gesellschaften, die ausschließlich weibliche Mitglieder zählten: etwa der Cercle Partriotique des Amies de la Vérités ("Patriotischer Kreis der Freundinnen der Wahrheit"), der Club des Femmes ("Club der Frauen"), die Soeurs de la Constitution ("Schwestern der Verfassung"), daneben entstanden aber auch gemischte Gesellschaften wie die Société fraternelle des Deux Sexes ("Brüderliche Gesellschaft beider Geschlechter").
 

zunehmende Politisierung 

Die auf diese Weise organisierten Frauen widmeten sich zunächst häufig wohltätigen, "patriotischen" Zwecken: Sie halfen bei der Armenfürsorge, sammelten Hilfsgüter und strickten Kleidungsstücke für die Soldaten - weshalb sie auch als "Strickweiber" tituliert wurden. Mit der Radikalisierung der Revolution wurden aber auch die Positionen der Frauen politischer, ihr Engagement kämpferischer. Sie nahmen an den aktuellen Diskussionen teil, wachten über die Einhaltung der Verfassung und formulierten politische Forderungen. 

Club der revolutionären republikanischen Bürgerinnen 

Einer der aufsehenerregendsten Clubs der Pariser Sansculottenbewegung war der Club des Citoyennes Républicaines Révolutionaires ("Club der revolutionären republikanischen Bürgerinnen"), der im Mai 1793 von Claire Lacombe und Pauline Léon gegründet wurde. Die "revolutionären Republikanerinnen" trugen Hosen, die Nationalkokarde und die Jakobinermütze und bewaffneten sich. Sie forderten das Wahlrecht für Frauen und propagierten angesichts der Bedrohung durch den Krieg die Aufstellung eines "Amazonenheers" sowie striktes Vorgehen gegen die inneren Feinde der Revolution. 

Verbot der Frauenclubs 

Derartiger weiblicher Einsatz wurde von männlicher Seite mit größtem Misstrauen beobachtet. Anlässlich eines Streits zwischen Sansculottinnen und Marktfrauen um die Pflicht des Kokarden-Tragens verbot der Jakobiner-Konvent im Oktober 1793 alle Frauenclubs. 

 

2. Feministische Positionen

Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung 

Im engeren Sinne politische Forderungen bzw. theoretische Überlegungen zu den Rechten der Frau kamen in erster Linie von Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, die über eine gewisse Bildung verfügten. Diese setzten sich für Unterricht, die Reform der Ehegesetze und auch für die politische und rechtliche Gleichbehandlung der Geschlechter ein. Gleichberechtigung bedeutete nicht nur die politische Partizipation, sondern auch die Befreiung aus der Vormundschaft der Väter und Gatten. 

"natürliche" Unterordnung der Frau 

Die Frauen mussten dabei gegen die gängige und von der Aufklärung gestützte Auffassung ankämpfen, dass der Wirkungskreis der Frau aufgrund ihrer biologischen Beschaffenheit auf Haus und Familie beschränkt sei. Rousseau'schen Positionen folgend argumentierten viele Männer, dass es den Gesetzen der Natur widerspreche, wenn sich eine Frau die Stellung eines Mannes anmaße. So gab es unter den revolutionären Gruppierung keine, die eine aktive Teilhabe der Frauen an der Politik befürwortete. 

Olympe de Gouges 

Ein außergewöhnliches Beispiel weiblichen Emanzipationsbestrebens war die Schriftstellerin Olympe de Gouges, die im September 1791 eine "Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin" veröffentlichte. Mit dem Naturrecht begründete sie ihre Forderungen nach völliger zivilrechtlicher und politischer Gleichstellung der Frau. Die Ehe als Institution sah sie als überholt an und schlug vor, sie durch einen Sozialvertrag zu ersetzen.

In zahlreichen politischen Flugschriften versuchte sie ihre Geschlechtsgenossinnen zum revolutionären Engagement aufzufordern und setzte sich für die Belange der Frau und die Reform der Gesellschaft ein. Als die Anhängerin der konstitutionellen Monarchie 1793 für die öffentliche Abstimmung über die Staatsform plädierte, wurde sie als Konterrevolutionärin verhaftet und hingerichtet. 

Etta Palm 

Eine weitere Vorkämpferin der Frauenrechte war die Niederländerin Etta Palm, die 1790 nach Paris gekommen war. Dort gründete sie die "Patriotische und wohltätige Gesellschaft der Wahrheit" und veröffentlichte u.a. im April 1792 den Aufruf an die Französinnen über die Erneuerung der Sitten und die Notwendigkeit des Einflusses von Frauen in einer freien Regierung

Théroigne de Méricourt 

Als drittes prominentes Mitglied in der Riege der revolutionären Frauen sei noch Théroigne de Méricourt genannt. Die Tochter eines reichen Bauern setzte sich in öffentlichen Reden und Schriften für die Gleichberechtigung ein, nahm aber auch aktiv, teilweise in Männerkleidern und bewaffnet, an den Pariser Aufständen teil. Als die populäre "Amazone" im Club um Aufnahme bat, wurde sie jedoch von der Männer-Gesellschaft zurückgewiesen. Sie endete wahrscheinlich in einem Pariser Irrenhaus. 

Condorcet 

Einer der wenigen Männer, die öffentlich für die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter eintraten, war der Philosoph und Mathematiker Condorcet. Er argumentierte, dass die Frau ebenso ein vernunftbegabtes Wesen sei wie der Mann und folglich gleichermaßen am politischen Leben partizipieren könne. Die bestehende untergeordnete Stellung der Frau sei ein Produkt der Gesellschaft, nicht der Natur. 

 

3. Rechtliche Veränderungen

Zivilehe 

Zu den bleibenden wichtigen Veränderungen, die den Status der Frau und die Beziehung der Geschlechter betrafen, gehört die Reform des Eherechts. Die Ehe wurde der alleinigen Verfügung der Kirche entzogen und auf einen zivilrechtlichen Akt gegründet, der die Verbindung der Ehepartner vertraglich regelte.

Das Heiratsalter wurde 1792 für beide Geschlechter auf 21 Jahre festgelegt, was speziell für die Frauen eine bedeutsame Emanzipation aus der väterlichen Gewalt bedeutete. 

symbolische Bedeutung 

Nach dem Willen der Jakobiner sollte die Zivilehe auch zu einer stärkeren Verknüpfung von individuellem und gesellschaftlichem Leben führen; die Trauungszeremonie wurde zunehmend zu einer symbolischen Demonstration und Bestärkung der republikanischen Gesinnung genutzt. Gleichermaßen sollten durch die Institution Familie die Grundlagen der demokratisch-staatsbürgerlichen Erziehung vermittelt werden. 

mehr Eheschließungen 

Die Zahl der Eheschließungen stieg in den Revolutionsjahren deutlich an. Zwei Ursachen lassen sich dafür benennen: Zum einen ermutigte die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen viele Paare zu diesem Schritt, zum anderen versuchten viele Männer dadurch der Levée en masse zu entgehen, da Verheiratete von der Rekrutierung ausgenommen wurden. 

Scheidung 

Das Gesetz vom 20. September 1792 ermöglichte unter bestimmten Voraussetzungen auch die Scheidung. Die Befürworter sahen darin die praktische Anwendung des Freiheitsprinzips auf die Ehe. Von dem neuen Recht machten anfangs vor allem viele Frauen Gebrauch. 

Verfügungsgewalt über Familienbesitz 

Eine weitere Verbesserung erzielten die Frauen 1793, als ihnen die Verfügungsgewalt über das Familieneinkommen zuerkannt wurde und sie sich damit einen weiteren Schritt aus der völligen Abhängigkeit vom Mann befreiten. Bis dahin hatten sie ohne Zustimmung des Ehemanns keine finanziellen Geschäfte tätigen dürfen; selbst ein von der Frau verfasstes Testament erhielt erst durch die Unterschrift des Gatten Gültigkeit. Nun erhielt die Frau das Recht, Familienbesitz selbständig zu verwalten und auch an Mädchen oder uneheliche Kinder zu vererben.

Der Code Civil (1804) machte die Neuregelung jedoch wieder rückgängig und die Männer erlangten das volle Verfügungsrecht zurück. 

verbesserte Bildung 

Die Reformen des Schulwesens, vor allem der Grundschulen, verbesserten die Ausgangsbedingungen der Mädchen, für die vorher keine Schulpflicht bestanden hatte. 

Entzug der politischen Partizipations-
möglichkeiten 

Politische Mitwirkungsrechte, die sich die Frauen in der Revolution erkämpft hatten bzw. die geduldet worden waren, wurden bald wieder eingeschränkt. Nachdem schon im Oktober 1793 die Clubs mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern verboten worden waren, setzte Robespierre im Frühjahr 1794 ein Verbot für die Teilnahme von Frauen an den Volksgesellschaften durch. Unter dem Direktorium verloren die Frauen sämtliche politischen Rechte und wurden wieder in ihre traditionelle Rolle zurückgedrängt. 

 

4. Erwerbstätigkeit von Frauen

notwendiger Zusatzverdienst 

Auch schon vor dem Zeitalter der Industrialisierung war für die ärmeren Familien der Zusatzverdienst von Frauen und Kindern unverzichtbar, denn das Stückchen Land des Kleinbauern genügte häufig ebenso wenig wie der Lohn eines städtischen Arbeiters, um eine größere Familie zu ernähren. 

Heimarbeit 

Frauen waren häufig als Heimarbeiterinnen für Woll- und Baumwollspinnereien tätig, die vor allem in Nordfrankreich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor waren. Für die Manufakturen war das lukrativ, da Frauen grundsätzlich niedrigere Löhne erhielten. 

Erwerbsmöglich- keiten in der Stadt 

In den Städten traf man sie vielfach als selbständige Marktfrauen, umherziehende Händlerinnen oder Wäscherinnen. Die Frauen von Handwerksmeistern arbeiteten im heimischen Betrieb tatkräftig mit bei der Verwaltung der Finanzen ebenso wie bei der Betreuung der Gesellen. In manchen Fällen betrieben sie nach dem Tod des Mannes das Geschäft eigenständig weiter. In Zeiten großen Arbeitskräftemangels - wie ihn etwa der Krieg verursachte - findet man sogar weibliche Arbeiterinnen in Bergwerken, in der Papier- oder Glasproduktion oder als Lastenträgerinnen. 

öffentliche Werkstätten: Prostitution 

Als im Laufe der Revolution die Lebensbedingungen weiter verschlechterten, suchten Frauen in zunehmendem Maße Arbeit. Die Regierung richtete öffentliche Werkstätten ein, wo Bedürftige Anstellung finden können. Viele Frauen flüchteten sich auch in die Bettelei oder die Prostitution. Man schätzt, dass es in Paris zeitweilig etwa 30.000 Prostituierte gab. 

Sorge für die Familie 

Die Erwerbstätigkeit bedeutete für die Frauen eine zusätzliche Belastung zu der Verpflichtung, die Familie zu ernähren. Der Suche nach Brot, anderen erschwinglichen Lebensmitteln und Brennholz ging häufig einher mit ausgedehnten Märschen durch die ganze Stadt und stundenlangem Schlangestehen vor den Geschäften. 

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: III. Frauen und Familie. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Wirkungsbereiche, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/3fz11y/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 22.12.2005

Zuletzt geändert: 27.06.2006


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