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Wirkungsbereiche

IV. Kirche und Religion

 

Bleibende Auswirkungen - mit der Folge gesellschaftlicher Polarisierungen bis in die Gegenwart hinein - hatte die revolutionäre Kirchen- und Religionspolitik. Hier erlitt eine Kraft dauerhaften Machtverlust, die über Jahrhunderte hinweg eine zentrale Rolle im geistigen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Leben Frankreichs gespielt hatte.

 

1. Kirche und Staat

vorrevolutionäre Kirchenkritik 

Ende des 18. Jahrhunderts geriet die katholische Kirche verstärkt in die Kritik, sowohl von Seiten der Laien als auch aus den Reihen des niederen Klerus, der bei äußerst karger Bezahlung die Fülle seiner Aufgaben häufig kaum bewältigen konnte.

Die Reformbestrebungen richteten sich vor allem gegen die Auswüchse des Pfründewesens und die starre Hierarchie der Kirchenordnung, die weder den einfachen Priestern noch dem Kirchenvolk Einflussmöglichkeiten und Mitspracherechte zugestand. Auch in Fragen des Glaubens gab es innerkirchliche Spannungsfelder. 

Verteidigung der Privilegien 

Als die königlichen Finanzexperten in den Jahren 1787/88 Pläne zur dringend benötigten Haushaltsreform auf den Tisch brachten und darin unter anderem auch eine Besteuerung der Kirchengüter bzw. eine Sonderzahlung der Kirche in die Staatskassen vorsahen, verteidigte der hohe Klerus die Privilegien seines Standes und lehnte ein Entgegenkommen ab. 

Generalstände-
versammlung 

In der Generalständeversammlung in Versailles waren es einige reformorientierte Geistliche bzw. Teile des niederen Klerus, die gemeinsam mit den Vertretern des Dritten Standes gegen die politische Ungleichberechtigung der Stände zu kämpfen bereit waren. Die Mehrheit des Klerus schloss sich erst nach längerem Zaudern der selbsterklärten Nationalversammlung an und zeigte bedingte Kooperationsbereitschaft, die Reform der Monarchie mitzutragen. 

keine Sonderstellung der Kirche 

Es stellte sich allerdings bald heraus, dass die Kirche ihre bisherige gesellschaftliche Sonderstellung nicht halten konnte: Die Revolution zerschnitt energisch das enge Band zwischen Staat und katholisch-gallikanischer Kirche, die in Frankreich seit 1516 Staatskirche gewesen war. 

Abschaffung des Zehnten 

Der erste Schritt war die Abschaffung des Zehnten im Zuge der "Entfeudalisierung", dem der Klerus in der
"Opfernacht der Privilegierten" am 4. August 1789 angesichts der revolutionären Dynamik zustimmte. Mit dem Verzicht auf diese Abgaben verlor die Kirche etwa die Hälfte ihrer Einnahmen, die insgesamt ca. 200 Mio. Livres jährlich betrugen. 

Nationalisierung der Kirchengüter 

Der Grundbesitz, die zweite wichtige Einnahmequelle, wurde von der Nationalversammlung am 2. November 1789 zum "Nationaleigentum" erklärt und damit der Kirche entzogen. Mit der Ausgabe der Assignaten und dem tatsächlichen Verkauf der Güter ab 1790 sollten die riesigen Finanzlöcher in der Staatskasse gestopft werden. Der Staat übernahm mit der Säkularisierung der Kirchengüter allerdings auch die Sorge für den Unterhalt der sozialen Einrichtungen - Schulwesen, Krankenhäuser, Armenfürsorge -, die bisher Domäne der Kirche gewesen waren. 

Aufhebung der Orden 

Im Februar 1790 wurden alle nicht-karitativen Orden und Klöster aufgehoben und säkularisiert; 1792 folgten dann auch die karitativen Ordensgemeinschaften. 

Zivilstandsverfassung 

Nach intensiven öffentlichen Diskussionen beschloss die Nationalversammlung am 12. Juli 1790 die "Zivilstandsverfassung des Klerus", welche die Kirche nach dem Vorbild politischer Institutionen neu organisierte und dem Staatswesen eingliederte:

Anzahl und Größe der Diözesen wurden der Département-Einteilung angepasst, Pfarreien wurden umstrukturiert und großzügig zusammengefasst. Pfarrer und Bischöfe wurden durch politische Wahlgremien auf Gemeinde- bzw. Départementebene bestimmt. Ihre Besoldung bezogen sie vom Staat, dem sie fortan als "Beamte der Moral und Erziehung" galten. 

Verfassungseid 

Darüber hinaus verlangte die Nationalversammlung von allen Geistlichen einen Eid auf die Verfassung, den jedoch nur etwa jeder Zweite zu leisten bereit war. Wer den Eid verweigerte, verlor sein Amt und sah sich in wachsendem Umfang mit Ausgrenzungsmaßnahmen konfrontiert, die Ansporn als auch Echo in der öffentlichen anti-klerikalen Propaganda fanden. 

 

2. Dechristianisierung und Ersatzkulte

 

An ihrem Beginn kann die Revolution keineswegs als anti-klerikal bzw. anti-religiös charakterisiert werden. Sie wurde es aber zunehmend, als sie sich von äußeren und inneren Feinden in die Defensive gedrängt fühlte und in der Geistlichkeit eine wichtige Säule der konterrevolutionären Bewegung sah. 

Dechristianisie-
rungskampagne
1793 / 94 

1793 setzte eine breite Dechristianisierungskampagne ein, die vor allem die kirchenfeindlichen Ressentiments kleinbürgerlicher Kreise bediente und verstärkte. Nicht nur die Kirche als Institution sollte getroffen werden, sondern auch der christliche Glaube als Weltanschauung, in seiner Verwurzelung in den Mentalitäten und dem Alltag der Menschen, sollte verdrängt werden. 

Zwangsmaßnahmen 

Eidverweigernde Priester wurden in großer Zahl verhaftet, deportiert oder gar exekutiert. Manche Priester demütigte man durch Zwangsverheiratung. Öffentliche Kulthandlungen wurden verboten, Kirchen geplündert und geschlossen, Kultgegenstände und Symbole zerstört. Mancherorts kürzte man die Kirchtürme auf die "demokratische Höhe" der umstehenden Häuser. Häufig handelte es sich dabei um spontane Aktionen, initiiert von Sansculottenkommandos, Verwaltungsbehörden oder lokalen Clubs. 

Zerstörung des christlichen Lebensrhythmus 

Durch die Einführung des neuen Kalenders am
5. Oktober 1793 versuchte man auch, den kirchlich geprägten Wochen- und Jahresrhythmus zu zerstören: neue, republikanische Feste traten an die Stelle religiöser Feiertage, die Sonntagsruhe wurde verboten und dafür der decadi zum Ruhetag erklärt. Dies konnte sich jedoch gegen den zähen Widerstand der in ihrer gewohnten Zeiteinteilung und dem damit verbundenen Brauchtum verankerten Bevölkerung nicht behaupten. 

Religionsersatz 

Im Gegenzug zur Dechristianisierung sollte die Revolution selbst zu einem religiösen Erlebnis werden, sollten die traditionellen Formen der Spiritualität und der Feier in den politischen Raum umgelenkt werden. 

Riten und Feste 

Das drückte sich aus in rituellen, symbolischen Handlungen wie dem Bruderkuss, dem feierlichen Bürgereid, dem Errichten von Freiheitsbäumen und "Altären des Vaterlands" sowie patriotischen Prozessionen. Ebenfalls stark ritualisiert und inszeniert wurden die zunächst spontan entstandenen Revolutionsfeste. 

Märtyrer und Heilige 

Besonders deutlich wird der "Transfer des Sakralen" (Mona Ozouf) an der Verehrung der revolutionären "Märtyrer" und "Heiligen". Die Verschmelzung der religiösen und der politischen Sphäre kann dabei so weit gehen, dass Revolutionshelden mit Jesus Christus gleichgesetzt wurden. So ist etwa bekannt, dass Pariser Frauen einen Psalm mit dem Text "O cor Jésus, O cor Marat" sangen.

Eng am Vorbild kirchlicher Glaubenslehrbücher orientierten sich auch die Verfasser revolutionärer Katechismen, die der Belehrung der Bürger dienten. 

Kult der Vernunft 

Eine Bewegung aus der Provinz aufgreifend, veranstaltete die Pariser Commune im November 1793 erstmals ein "Fest der Vernunft", das der Begründung eines "Kultes der Vernunft" dienen sollte. Die Kathedrale Notre Dame wurde zu einem Tempel umgestaltet und eine Zeremonie nach antikem Vorbild zu Ehren der Freiheit zelebriert. Der Vernunftkult und die Umwidmung der Kirchen in Tempel fanden bald weite Verbreitung. 

Kult des Höchsten Wesens 

In breiten Kreisen der Bevölkerung regte sich jedoch auch Widerstand gegen die völlige Verdrängung der traditionellen Religiosität. Robespierre erkannte die politischen Folgen des Religionsverbots, das die moralisch-emotionalen Bedürfnisse der Menschen außer Acht ließ und außerdem die Revolution bei allen ihren Gegnern noch mehr in Misskredit brachte, und setzte sich daher öffentlich für die freie Religionsausübung ein.

Auf sein Betreiben wurde im Mai 1794 per Dekret der Vernunftkult durch den "Kult des Höchsten Wesens" ersetzt. Im Eingangsartikel des Gesetzes heißt es: "Das französische Volk erkennt die Existenz eines höchsten Wesens und die Unsterblichkeit der Seele an." 

 

3. Folgen der revolutionären Kirchenpolitik

Schisma 

Die Zivilkonstitution und die Unterordnung der Kirche unter die Idee der Nation blieben keineswegs unangefochten. Die Kirche selbst erfuhr eine tiefe Spaltung in "konstitutionelle" (eidleistende) und "eidverweigernde" Priester ("Refraktäre") einschließlich ihrer Anhängerschaft. Der Großteil des hohen Klerus lehnte die aufoktroyierte, romfeindliche Kirchenverfassung strikt ab und organisierte konservativen Widerstand, der wiederum in Teilen der Bevölkerung die Angst vor einer aristokratisch-klerikalen Verschwörung nährte. 

Haltung des Papstes 

Papst Pius VI. verweigerte der Zivilstandsverfassung seinen Konsens, bannte 1791 alle Priester, die den Verfassungseid geleistet hatten und rief die europäischen Monarchen zum energischen Vorgehen gegen die Revolution auf. 

Verfolgung 

Mit dem Ausbruch des Krieges und der Radikalisierung der Revolution wurde auch das Vorgehen gegen widerständige Kleriker schärfer, so dass die katholische Kirche gezwungen war, sich im Untergrund zu organisieren.

Der Konvent verbot das Tragen geistlicher Kleidung, erließ ein Prozessionsverbot für Paris und ordnete im August 1792 die Deportation der romtreuen Priesterschaft an. In den "Septembermorden" von 1792 fielen etwa 300 Priester in den Pariser Gefängnissen dem blindwütigen Morden der Volksmassen zum Opfer. Tausende von Priestern flüchteten sich in die Emigration. 

geringe Akzeptanz 

Die revolutionäre, "konstitutionelle" Kirche konnte nur etwa 30% der Katholiken Frankreichs für sich gewinnen. Viele Menschen, vor allem auf dem Land, konnten mit der Idee der "zivilen Religion", wie sie Voltaire und Rousseau entwickelt hatten, wenig anfangen und erfuhren die politischen Veränderungen als Zerrüttung ihrer traditionellen, stark kirchlich geprägten Lebensumwelt. Das Entfernen der Kirchenglocken löste ebenso Proteste aus wie das Verschließen der Kirchen.

religiöse Erneuerung 

Mit der Jakobinerherrschaft endeten auch die systematischen Angriffe auf die katholische Kirche. Bald kehrten viele Geistliche aus der Emigration zurück. Diejenigen, die auch in den Zeiten der Verfolgung am Glauben festgehalten hatten, gingen gestärkt aus dieser Erfahrung hervor. 

Neukonstituierung
der Kirche 

Unter dem Direktorium wurde eine strikte Trennung von Staat und Kirche vereinbart und das Recht auf freie Religionsausübung anerkannt. Unter diesen Bedingungen konnte sich die Kirche auf einem Nationalkonzil (1797) neu konstituieren; das Konkordat, das Napoleon 1801 mit dem Papst schloss, gab der Neuordnung den finanziellen und organisatorischen Rahmen. 

Laizisierung 

Zu den Folgen der Religionspolitik der Revolutionsära gehört eine bis heute andauernde Spaltung der französischen Gesellschaft in ein konservativ-katholisches und ein republikanisch-laizistisches Lager. Ein Prozess der Laizisierung und Abwendung von der Kirche, der schon im frühen 18. Jahrhundert eingesetzt hatte, war durch die Revolution spürbar beschleunigt worden. 

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: IV. Kirche und Religion. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Wirkungsbereiche, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/3fz11x/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 22.12.2005

Zuletzt geändert: 27.06.2006


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