Verlauf

Verlauf der Revolution

II. Beginn der Revolution

 

Mit der Revolution der Abgeordneten begann die "große Revolution", die sich im Sommer 1789 gewaltsam Bahn brach. Es handelte sich jedoch nicht um eine einheitliche Bewegung, sondern um die Aktionen verschiedener Trägergruppen mit unterschiedlichen regionalen Schwerpunkten, die sich zwar gegenseitig stimulierten, aber nicht koordiniert waren und jeweils eigene Ziele verfolgten.

 

1. Von den États Généraux zur Nationalversammlung

Streit um den Abstimmungs-
modus 

Die gemeinsame Front gegen den absolutistischen Machtanspruch konnte die Spannungen unter den Ständen nicht lange verdecken. Das Verlangen nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung musste den Dritten Stand in Konflikt mit Adel und hohem Klerus bringen: Sobald die Generalstände Anfang Mai 1789 in Versailles zusammentraten, stand der grundlegende Streit um die Abstimmungsmodalitäten - nach Ständen oder nach Köpfen - auf der Tagesordnung. 


Abb. 1: Nationalversammlung

Sièyes:
Dritter Stand ist die Nation 

Die Auseinandersetzung zog sich über mehrere Wochen hin, ohne dass die eigentlichen Aufgaben in Angriff genommen werden konnten. Am 10. Juni forderte der Dritte Stand (Tiers) - zum Großteil Vertreter des Bürgertums, darunter viele Juristen - die Abgeordneten der anderen beiden Stände dazu auf, sich mit ihm zu vereinigen. Einige reformoffene Vertreter des Klerus folgten dem Appell. 

Ballhaus-
schwur 

Am 17. Juni erklärte sich die Tiers-Kammer auf Vorschlag des Abbé Sieyès zur "Nationalversammlung" (Assemblée Nationale ). In seiner Begründung vertrat Sieyès die Auffassung, dass die Nation nicht durch den König oder eine privilegierte Elite allein repräsentiert werden könne, sondern nur durch die Masse des Volks, den Dritten Stand. Mit dieser Proklamation der Volkssouveränität hatten die Vertreter des Dritten Standes einen revolutionären Weg beschritten, dem sich am 19. Juni nach knappem Mehrheitsbeschluss auch der Klerus anschloss.

Als die Abgeordneten am 20. Juni den Versammlungssaal verschlossen fanden, wichen sie ins nahe gelegene Ballspielhaus aus und schworen sich, "niemals auseinander zu gehen und sich überall zu versammeln ... bis die Verfassung geschaffen und auf dauerhaftes Fundament verankert ist." 


Abb. 2: Ballhausschwur

 

Assemblée Nationale Constituante 

Schließlich gingen auch Teile des Adels zur allgemeinen Versammlung über, die sich am 9. Juli in Assemblée Nationale Constituante (Verfassungsgebende Nationalversammlung) umbenannte und damit ihrer wesentlichen Zielsetzung Ausdruck verlieh: Umbau von Staat und Gesellschaft auf dem Weg der Verfassungsgebung. Dem König - unschlüssig und in seiner Autorität deutlich geschwächt - blieb nichts anderes übrig, als der Nationalversammlung, die nun als konkurrierende Souveränität im Staate an seine Seite getreten war, seine Zustimmung zu erteilen. 

 

2. Erhebung in Paris

Unruhe in Paris 

Die Stimmung in Paris war aufgeheizt: Über Aufbruchseuphorie und Freiheitshoffnung hing drohend die Gefahr einer militärischen Repression durch die Truppen, die der König im Pariser Raum zusammengezogen hatte. Gleichzeitig erreichten die Brotpreise in der Hauptstadt ihren Jahrhunderthöchststand; Hunger und bevorstehender Staatsbankrott wurden zur existentiellen Bedrohung für viele. 

Entlassung Neckers



Demonstrationen 

Am 11. Juli entließ Ludwig XVI. Necker, den populären "Finanzkontrolleur", sowie weitere liberale Minister. Damit schien das Signal zur aristokratischen Gegenrevolution gegeben zu sein. Als die Nachricht von Neckers Entlassung in Paris ankam, versammelten sich aufgebrachte Bürger im Palais Royal, wo Camille Desmoulins angesichts der drohenden Truppen-Intervention zum Widerstand aufrief. 

14. Juli:
Bastille-Sturm 

Die Unruhe in der Stadt stieg, Handwerker, Ladenbesitzer, Gesellen und Gehilfen sammelten sich zu Demonstrationszügen, es wurden Straßenblockaden errichtet und eine Bürgermiliz organisiert.

Am 14. Juli erbeuteten die aufgebrachten Massen im Zeughaus 32.000 Gewehre und zogen bewaffnet zur Bastille, dem Pariser Stadtgefängnis, das als Inbegriff der Unterdrückung durch das Ancien Régime galt. Die Aufständischen zwangen den Kommandeur nach blutigen Gefechten zur Kapitulation und befreiten sieben Gefangene. Der König musste erneut nachgeben: Am folgenden Tag zog er die Truppen zurück und setzte Necker wieder in sein vorheriges Amt ein. Als Zeichen der Verbundenheit mit seinem Volk steckte er sich beim Besuch in Paris unter großem Beifall die Kokarde an, die binnen weniger Tage zum Erkennungszeichen der Revolutionäre geworden war. 


Abb. 3: Bastillesturm

 

 

3. Munizipalrevolution

kommunale Freiheiten 

Die Revolution war kein Pariser Ereignis, sondern fand an unterschiedlichen Schauplätzen statt. Die übrigen Städte und Gemeinden des Landes nahmen die Initialzündung aus der Hauptstadt bereitwillig auf, um die lange unterdrückten kommunalen Freiheitsrechte zurückzuerobern und die Gängelung durch die königlichen Beamten abzuschütteln. 

Übernahme der Hoheitsrechte 

Komitees und Gemeindeausschüsse übernahmen die wesentlichen Hoheitsbefugnisse: Polizei, Justiz, Verwaltung, Lebensmittelversorgung. Fast überall wurden Bürger- bzw. Nationalgarden zum Schutz der neuen Ordnung ins Leben gerufen. 

"Commune" 

Paris gab sich durch die Wahl von 300 Delegierten eine provisorische Regierung, die Commune, die eine neue Stadtverfassung ausarbeiten sollte. Die Pariser Nationalgarde bestand aus etwa 30.000 Freiwilligen, die das bisher Erreichte schützen und die Stadt vor Anarchie bewahren sollten. 

Demokratisierung und kommunale Selbstverwaltung 

Die "Regierungsübernahme" verlief nicht überall gleich, meist jedoch friedlich: In manchen Kommunen wurde das alte Stadtregiment vollständig ersetzt, in anderen traten revolutionäre Ausschüsse an die Seite der bisherigen Verwaltung und kontrollierten sie. Die Vertreter der königlichen Zentralgewalt und die Steuerpächter flüchteten oder wurden vertrieben; die Gemeinden hatten sich die lokale Selbstverwaltung erobert und ihre Strukturen demokratisiert. 

 

4. Revolution auf dem Land

 

Die Nachrichten von den Ereignissen in Versailles und Paris - vermittelt über Flugschriften und mündliche Propaganda - trafen in den ländlichen Gegenden auf eine angespannte Stimmung, die sofort in offene Aufstände umschlug. 

schlechte Versorgungslage






"Grande peur" 

Die Missernte des Vorjahrs und die damit verbundene Wirtschaftskrise hatten die Versorgungslage der Landbevölkerung prekär werden lassen. Viele Bettler und Arbeitslose streiften durch die Gegend und vagabundierende Banden verunsicherten die Bauern. Die Gerüchte über eine "aristokratische Verschwörung" und ein mögliches militärisches Eingreifen der revolutionsfeindlichen Kräfte steigerten die Nöte und Ängste der Landbevölkerung zur sog. Grande peur ("große Furcht"), einer Art kollektiver Panikerscheinung. 

Ziel:
Absschaffung des Feudalsystems 

Die vielfältigen revolutionären Aktivitäten zielten in erster Linie auf eine Abschaffung des Feudalsystems. Der Zorn der Bauern richtete sich demgemäß gegen die örtlichen Grundherren: In der Normandie, in den Ardennen, im Elsass, in der Franche-Comté und im Saônetal stürmten und verbrannten sie Schlösser, verweigerten die Zahlung von Abgaben und vernichteten äußere Zeichen der Feudalität, wie z.B. die in den Archiven bewahrten Rechtstitel der feudalen Ansprüche. Die Gemeindestrukturen wurden nach dem Vorbild der Städte neu organisiert, Bürgermilizen und Bauernkomitees gebildet. 

Reaktionen der National-
versammlung 

Die bürgerlichen Abgeordneten der Nationalversammlung sahen sich durch die Geschehnisse auf dem Land herausgefordert: Auf der einen Seite stand die Angst vor Anarchie und vor der Bedrohung des Privateigentums - auch zahlreiche Bürger waren Besitzer von Landgütern -, auf der anderen Seite die Gefahr, die einheitliche Front des Dritten Standes zu zerstören und mit gewaltsamen Ordnungsmaßnahmen den Bürgerkrieg zu riskieren. 

 

5. Beginn der Verfassungsarbeit

"Opfernacht der Priveligierten" 

Die Nationalversammlung reagierte auf die ländliche Revolution nach einigem Hin und Her mit der Anerkennung der Forderungen der Bauern. In der berühmten "Opfernacht der Privilegierten" vom 4./5. August 1789 verzichteten Aristokratie und Geistlichkeit feierlich auf feudale Vorrechte wie Steuerprivilegien, Fron und persönliche Dienstleistungen und stimmten dem Freikauf von allen dinglichen Rechten zu. Auch Städte und Provinzen opferten alte Sonderrechte. In den Debatten der folgenden Tage entschied sich die Versammlung darüber hinaus für die Abschaffung des Kirchenzehnten und der Ämterkäuflichkeit. 

Abschaffung der Feudalität








Verfassungs-
arbeit 

Mit der Vernichtung der Feudalität hatte die National-
versammlung dem System des Ancien Régime die Grundlage entzogen. Nach der Auflösung der ständischen Gesellschaftsstruktur und dem Wegfall regionaler Sonderrechte zeigte sich Frankreich nun prinzipiell einer einheitlichen Rechtsordnung unterworfen. Das Ergebnis muss jedoch relativiert werden: Die Bauern genossen nun zwar persönliche Freiheit, wirtschaftlich gesehen war die "Befreiung" für viele allerdings eine Enttäuschung, da die finanzielle Ablösung der auf dem Boden liegenden Rechte für die meisten nicht erschwinglich war und z.T. durch schikanöse Ausführungsbestimmungen erschwert wurde. 

Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 

Im August widmete sich die Nationalversammlung wieder der Verfassungsarbeit und machte sich an die Ausarbeitung der Menschen- und Bürgerrechte nach dem amerikanischen Vorbild von 1776.
Das Ergebnis der leidenschaftlichen Debatten wurde am 26. August 1789 in Gestalt der Déclaration verabschiedet. 


Abb. 4: Menschenrechtserklärung

 

Vetorecht des Königs 

In 17 Artikeln legte Die Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers das Fundament der neuen Ordnung, in deren Zentrum die rechtliche Gleichstellung (égalité) aller Bürger stand. Als unveräußerliche und "natürliche" Rechte des Menschen wurden Freiheit (liberté), Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung festgeschrieben. Die staatliche Souveränität lag gemäß Art. 3 nicht mehr beim König, sondern bei der Nation. Garantiert wurden außerdem das Recht auf freie Meinungsäußerung, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Gewaltenteilung und Schutz des Privateigentums. 

Ausgestaltung der Legislative 

Ende August verhandelte die Nationalversammlung noch zwei weitere richtungsweisende Punkte: Sollte der König ein Vetorecht gegen die Beschlüsse der Legislative haben? Und sollte neben der Nationalversammlung eine zweite Kammer nach dem Vorbild des englischen House of Lords mit erblichen Sitzen eingerichtet werden? Die Abgeordneten einigten sich auf einen Kompromiss, der dem König zwar ein aufschiebendes Veto zugestand, lehnten aber die Einführung eines Zwei-Kammer-Systems und die damit verbundene Schwächung der Legislative ab.

Diese Auseinandersetzungen ließen erstmals eine deutliche Spaltung zwischen den "Männern der Monarchie" und den "Patrioten" hervortreten. 

 

6. Ludwig XVI. und die Revolution

Hinhaltetaktik des Königs 

Ludwig XVI. reagierte auf die revolutionären Ereignisse, die in kürzester Zeit die Fundamente seiner Macht überrollt hatten, uneindeutig und mit einer passiven Hinhalte-Taktik.

Obwohl er die Arbeit der Nationalversammlung mit juristisch spitzfindigen Vorbehalten behinderte, die Bestätigung ihrer Erlasse verweigerte und offen mit der Drohung militärischer Interventionen spielte, blieb ihm meist keine andere Wahl, als vollendete Tatsachen hinzunehmen und sich eher unfreiwillig an der Spitze der Bewegung zu wiederzufinden. So musste er sich z.B. in der "Opfernacht der Privilegierten" als "Wiederhersteller der französischen Freiheit" feiern lassen. Über die tatsächlichen Hintergründe seines Handelns lässt sich nur spekulieren: Vertraute er auf die Unverletzlichkeit der monarchischen Stellung und die baldige Aufspaltung des revolutionären Lagers? Glaubte er an die Möglichkeit der gewaltsamen Widerherstellung des Verlorenen? Oder hoffte er auf die militärische Hilfe seiner europäischen "Kollegen"? 

Zug der "Marktfrauen" nach Versailles 

Die andauernde schlechte Versorgungssituation und die Angst vor dem in Versailles stationierten flandrischen Regiment führte am 5./6. Oktober zu einem zweiten großen Pariser Volksaufstand ("Journée"), dem Zug der "Frauen von Paris" nach Versailles. Etwa 6.000 Frauen - die meisten von ihnen stammten aus dem Arbeiterviertel Faubourg Saint-Antoine und aus dem Marktviertel - machten sich am frühen Morgen des 5. Oktober auf den Marsch zur königlichen Residenz, um vom König die Verbesserungen der Lebensmittelversorgung zu fordern. Da es die Frauen waren, die für die Ernährung der Familien verantwortlich waren, sahen sie sich in dieser Frage in besonderem Maße zum Handeln genötigt. 


Abb. 5: Zug der Marktfrauen

 

"Heimholung" des Königs 

Gegen 18 Uhr kamen die Frauen in Versailles an und nahmen an den Sitzungen der Nationalversammlung teil. 15.000 Nationalgardisten unter dem Kommando Lafayettes, die für Ruhe sorgen sollten, allerdings mit den Frauen sympathisierten, trafen einige Stunden später ein. Bei ihnen befanden sich zwei von der Pariser Stadtverwaltung entsandte Kommissare, die den Auftrag hatten, den König nach Paris zu holen. Noch am selben Abend hob Ludwig XVI. sein Veto gegen die Menschenrechtserklärung sowie gegen die Abschaffung der Feudalrechte auf und unternahm erste Schritte zur Verbesserung der Ernährungslage.

Als es am nächsten Morgen zu Tumulten kam, erklärte sich die königliche Familie unter dem Druck der Massen bereit, nach Paris überzusiedeln. In einem triumphartigen Zug geleiteten die Frauen und die Nationalgardisten, die ihre Bajonette symbolhaft mit Brot bespickt hatten, die königliche Kutsche in das Tuilerien-Schloss. In Paris lebte der gedemütigte König nun unter direkter Aufsicht seines Volkes. 

 

7. Fazit

 

  1. Das Kalkül des Königs und seiner Berater, durch die Zulassung der Generalständeversammlung die politische Erosion abzufangen, hatte sich als falsch erwiesen. 

  2. Die Umgestaltung auf dem Weg der Reform, wie ihn die bürgerlichen Abgeordneten angestrebt hatten, wurde schnell von der Revolution - im Sinne gewaltsamer Veränderungen - überholt. 

  3. Die Nationalversammlung und das aufständische Volk hatten in dieser ersten Phase der Revolution entscheidende Schritte zu einer Umstrukturierung des Staatswesens eingeleitet, allerdings war ihre Lage noch keineswegs gefestigt, sondern stets von einer möglichen Gegenrevolution bedroht.

  4. Je weiter die Nationalversammlung mit ihrer Reformarbeit ins Detail ging, desto deutlicher zeichnete sich eine Spaltung in Parteiungen ab, die ihre Position schwächen konnte.

  5. Fraglich war außerdem, wie sich der König in die neue Verfassung integrieren ließ, hatte er sich doch mit seiner Schaukel-Politik als wenig vertrauenswürdig erwiesen.

  6. Die Versorgungs- und Finanzlage blieb weiterhin sehr schwierig und barg viel sozialen Sprengstoff.

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: II. Beginn der Revolution. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Verlauf, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/3gz11q/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 22.12.2005

Zuletzt geändert: 27.06.2006


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