Politische Kultur

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Politische Kultur

III. Politische Clubs und Parteiungen

 

Mit den Pariser Sektionen, politischen Clubs und Volksgesellschaften bildeten sich außerparlamentarische Organisationsformen heraus, die die Mitwirkung großer, vom politischen Prozess bislang ausgeschlossener Gruppen ermöglichten. Sie standen in enger Verbindung zu den sich gleichzeitig formierenden parlamentarischen Parteiungen, die als Vorläufer der späteren, sich gesamteuropäisch etablierenden Parteien gelten können.

 

1. Sektionen

basisdemokratische Plattformen 

Nach der Reform der Pariser Verwaltungsbezirke entwickelte sich in den Komitees und Bürgerversammlungen der Sektionen bald ein reges, basisdemokratisches Leben. Dort trafen sich die Bürger zu gemeinsamer Zeitungslektüre und Diskussionen, sie erarbeiteten Petitionen an die Nationalversammlung, formulierten Flugblätter und organisierten Demonstrationen.
Vor allem das städtische Kleinbürgertum fand hier eine Plattform, seine Interessen in die lokale wie auch die nationale Politik einzubringen. Zahlreiche Sektionen gaben sich revolutionäre Namen wie section du Bonnet rouge, section de Brutus, section des Picques

Aktivität der Bürger 

Zwischen 1790 und 1792 nahmen etwa 4-19% der stimmberechtigten Bürger einer Sektion regelmäßig an den Sitzungen teil. In der Krise des Sommers 1793 wurden die Sektionsversammlungen zu ständig tagenden Gremien, aus denen heraus auch die großen Volksaufstände (Journées) organisiert wurden, und die in der radikalen Phase der Revolution zunehmenden Einfluss auf die Regierung gewannen. 

Beschränkung der Macht der Sektionen 

Der Konvent versuchte ab September 1793 die außer Kontrolle geratene Macht der Sektionen einzudämmen, indem er verfügte, dass die Versammlungen nur noch zweimal pro Dekade (d.i. zehn Tage) tagen dürften. Unter den Thermidorianern, am 10. Oktober 1795, wurden die Pariser Sektionen gänzlich aufgehoben und durch zwölf Arrondissements mit je eigenen Ratsgremien ersetzt, wodurch die unterste Verwaltungsebene politisch "entschärft" wurde. 

 

2. Sansculotten

äußere Kennzeichen 

Unter "Sansculotten" versteht man seit 1792 die politisch aktiven städtischen Volksmassen, die sich äußerlich durch das Tragen langer Hosen (im Gegensatz zur adeligen Kniebundhose), der phrygischen Mütze sowie der revolutionären Symbole der Kokarde und der Pike auszeichneten. 

Sozialstruktur 

Die Pariser Sansculotten stammten vor allem aus den Arbeitervierteln Faubourg Saint-Antoine und Saint-Marcel und setzten sich mehrheitlich aus kleinen Ladenbesitzern, Handwerkern, abhängig Beschäftigten, Dienstboten und Künstlern zusammen. Untersuchungen über die soziale Struktur der aktiven Sansculotten ergaben für Marseille eine prozentuale Zusammensetzung von 40-50% Handwerkern und Kleinhändlern, 30-40% "Bourgeois" und 10-20% Lohnarbeitern. Der durchschnittliche Sansculotte war etwa 40 Jahre alt, mehrheitlich verheiratet und Familienvater. Es handelte sich also insgesamt um eine sozial heterogen zusammengesetzte Gruppe, keineswegs aber um die Masse der sozial Schwächsten, die als typischer Vorläufer eines künftigen Proletariats identifiziert werden könnte. 

Ziele 

Die Sansculotten definierten sich über ihre patriotische Treue zur Republik und im Gegensatz zu den sozial Privilegierten. Sie traten für eine "brüderliche", republikanische Gesellschaft, die direkte Demokratie und eine tugendhafte Lebensführung ein und sahen sich vereint in der Ablehnung von Aristokratie, Kirche und Großhandel. Zu den zentralen Forderungen, die aus den konkreten Lebensumständen der städtischen Volksschichten erwuchsen, gehörten die Sicherheit der Lebensmittelversorgung und die staatliche Preiskontrolle. Neben den politischen Zielsetzungen verband die Sansculotten auch eine eigene Kultur, die in Banketten, Festen, Debattierzirkeln und revolutionären Kulten ihren Ausdruck fand. 

politische Einflußnahme 

Einfluss auf den politischen Prozess übten die Sansculotten über die Bürgerversammlungen der Sektionen und über die politischen Clubs aus. Protagonisten der Revolutionsbewegung wie Danton, Robespierre, die Fraktion der Montagnards im Konvent und die Enragés um Jacques Roux gehörten zu Meinungsführern und parlamentarischen Repräsentanten der Sansculottenbewegung, sahen sich jedoch in einem ambivalenten Wechselverhältnis zunehmend in ihrem politischen Handeln vom Druck der "Straße" vorwärts getrieben. 

 

3. Clubs und Volksgesellschaften

Organisation politischer Willensbildung 

Die zahlreichen politischen Clubs und Volksgesellschaften, die 1788/89 ins Leben gerufen wurden, bauten auf die seit der Aufklärung etablierten bürgerlichen Organisationsformen der Salons, Lesezirkel, akademischen Gesellschaften und Freimaurerlogen auf, öffneten sich aber einem größeren Kreis und neuen Zielen. Sie verstanden sich als Orte des Austauschs und der gemeinsamen politischen Willensbildung und konstituierten sich teilweise bewusst als parallele Einrichtungen zu den Sektionen und anderen politischen Organen, um die Arbeit von Verwaltung und Regierung zu kontrollieren und die neuen staatsbürgerlichen Rechte aktiv wahrzunehmen. 

Jakobiner Clubs 

Der erste der revolutionären Clubs wurde von den Abgeordneten des Dritten Standes der Bretagne gegründet: der Club Breton. Er diente seinen Mitgliedern vor allem dazu, sich auf die Debatten der Generalständeversammlung, später der Nationalversammlung vorzubereiten. Nach dem Umzug der Nationalversammlung von Versailles nach Paris nahm der Club Breton seinen Sitz in dem ehemaligen Klosterkonvent der Jacobins (Dominikaner) und benannte sich in Société des Amis de la Constitution um; bekannt wurde er jedoch bald als Jakobiner-Club. Zunächst keineswegs auf eine einheitliche ideologische Linie festgelegt, führten die politischen Entwicklungen im Laufe der Zeit zu mehreren Abspaltungen und einer Vereinheitlichung und Radikalisierung des Programms. Die wichtigste Abspaltung vom Jakobiner-Club führte im Juli 1791 zur Gründung des gemäßigteren, monarchisch-konstitutionell ausgerichteten Club des Feuillants

Mitglieder 

Aufgrund der hohen Mitgliedsbeiträge war die Aufnahme in den Jakobiner-Club hauptsächlich auf die Kreise des Besitz- und Bildungsbürgertums beschränkt, darunter viele Abgeordnete. Frauen waren nicht zugelassen. 1790 hatte der Pariser Jakobiner-Club bereits 1.200 Mitglieder erreicht, und ein Jahr später verzeichnete er etwa 1000 "Ableger" in der Provinz. 

politische Macht 

Die Jakobiner gehörten zu den einflussreichsten Gesellschaften und außerparlamentarischen Gruppierungen. Sie entwickelten politische Leitlinien und übten vielfältigen Druck auf die Nationalversammlung bzw. den Konvent aus. Nach der Ausschaltung der Girondisten waren die Montagnards, größtenteils Mitglieder des Jakobiner-Clubs, unter der Führung Robespierres bis zu dessen Sturz die bestimmende Kraft im republikanischen Frankreich. 

verschiedenste Clubs und Volks-
gesellschaften 

Der Jakobiner-Club war jedoch nur eine von vielen, programmatisch sehr unterschiedlich ausgerichteten Vereinigungen, die von royalistisch-elitären Zirkeln bis hin zu radikaldemokratischen Volksgesellschaften reichten. Letztere ließen zum Teil auch Frauen zu; selbst reine Frauen-Clubs konnten zeitweilig bestehen. "Links" vom Jakobiner-Club und stärker basisdemokratisch geprägt als dieser, ist der Club des Cordeliers um Marat und Danton anzusiedeln. Er hatte sich auch den unterbürgerlichen Schichten geöffnet, hielt enge Verbindung zur Sansculotten-Bewegung und spielte eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung revolutionärer Aufstände. 

Tochtergesell-
schaften in der Provinz 

Die Aktivitäten der Clubs beschränkten sich keineswegs auf die Hauptstadt: Viele von ihnen hatten Tochtergesellschaften in den Provinzstädten und verfügten auf diese Weise über ein breites Netz politischer Einflussnahme und öffentlicher Meinungsbildung. 

 

4. Parteiungen der Konstituante

keine Parteien 

Während der Revolutionsepoche gab es noch keine Parteien im modernen Sinne, doch bildeten sich an den zentralen Streitfragen aus zunächst gelegentlichen und instabilen Meinungskoalitionen Gruppierungen mit identifizierbaren politischen Grundrichtungen heraus. Die bis heute übliche Einteilung des politischen Spektrums nach "rechts" und "links" ist dabei auf die Sitzordnung der Abgeordneten in der Nationalversammlung - von der Präsidententribüne aus gesehen - zurückzuführen.

Für die Zeit der Konstituante (Verfassungsgebende Nationalversammlung vom 9. Juli 1789 bis 31. September 1791) lassen sich fünf Parteiungen ausmachen: 

"Demokraten" 

Auf der "Linken" eine demokratisch gesinnte Gruppe um Pétion und Robespierre, die sich als Vertreter der Volksmassen verstand und anstelle des Zensuswahlrechts das allgemeine Wahlrecht befürworteten. 

Triumvirat 

Das "Triumvirat" um Barnave, Duport und Alexandre de Lameth, die zeitweilig die bürgerlich-liberale Opposition gegen die Politik der königlichen Minister anführten. 

Konstitutionelle 

In der "Mitte" die "Konstitutionellen" oder "Patrioten", zu denen die Mehrheit der Bürgerlichen, Kleriker und liberalen Adligen zu rechnen ist (La Rochefoucauld, Talleyrand, Lafayette, Beauharnais, Tronchet, Merlin de Douai, Sieyès u.a.), die sich für eine konstitutionelle Monarchie mit starkem Gewicht des Bürgertums auf der Grundlage der Prinzipien von 1789 einsetzten. 

Monarchisten 

Im rechten Spektrum die "Monarchisten" oder "Anglomanen", eine Gruppe Adeliger und Bürgerlicher um Mounier, Malouet, Lally-Tollendal und Clermont-Tonnere, die eine starke Stellung des Königtums, einschließlich des absoluten Veto-Rechts und des Ein-Kammer-Systems, befürworteten und die Dekrete vom 4./5. August 1789 zur Abschaffung der Privilegien ablehnten. 

Aristokraten 

"Rechts außen" schließlich die Gruppe der "Aristokraten" um Abbé Maury, Vicomte de Mirabeau und Cazalès, welche die Standesprivilegien des Adels und des Klerus strikt verteidigten. 

 

5. Parteiungen der Legislative

 

Nach den Maßgaben der neuen Verfassung vom 3. September 1791 wurde nach dem Zensuswahlrecht die Gesetzgebende Nationalversammlung (Assemblée Nationale Législative) gewählt, die vom 1. Oktober 1791 bis zum 20. September 1792 amtierte. 

Brissotins / Girondisten 

In dieser Parlamentsperiode finden sich auf der "Linken" die Brissotins oder Girondisten.
Zentrale Figur dieser Gruppierung war der Jurist und Journalist Brissot. Die - nicht zeitgenössische - Bezeichnung "Girondisten" erklärt sich aus der Herkunft vieler Abgeordneter aus dem Département Gironde. Die meisten unter ihnen gehörten der bürgerlichen Bildungselite an und waren Mitglieder des Jakobiner-Clubs. Sie brachten die Interessen der Provinz und der reichen Hafenstädte ins Parlament ein und traten 1792 als entschiedene Befürworter des Kriegs hervor. 

Montagne 

Ausdrücklicher als die Girondisten setzte sich die Gruppierung der Montagne ("Berg"; im Sitzungssaal ganz links oben platziert) um Lindet, Couthon, Carnot u.a. für die Interessen der Unterschichten und das allgemeine Wahlrecht ein. Die meisten Montagnards gehörten dem Jakobiner-Club an. 

Cordelier-Trio 

Schließlich ist zur Linken noch das Cordelier-Trio (Basire, Chabot, Merlin de Thionville) zu zählen, das seinen politischen Einfluss hauptsächlich über die Pariser Volksgesellschaften geltend machte. 

Indépendants 

Die Mehrheit der Abgeordneten der Legislative gehörte dem Spektrum der "Mitte", den Indépendants (Unabhängige) an. Diese Gruppe zeichnete sich durch ihre Loyalität zur Verfassung aus, legte aber in vielen Fragen ein schwankendes und uneinheitliches Abstimmungsverhalten an den Tag. 

Feuillants 

Auf der "Rechten" hatte das Besitzbürgertum die nicht mehr im Parlament vertretenen royalistischen und aristokratischen Kräfte abgelöst. Mehrheitlich Mitglieder des liberal-konservativen Feuillants-Clubs, lehnte die Gruppierung um Lafayette und die Brüder de Lameth die extremen Positionen der radikaldemokratischen Linken ebenso wie der monarchisch-restaurativen Rechten ab und favorisierte die durch die Verfassung beschränkte Monarchie sowie eine tragende Rolle des Bürgertums im Staat. 

Abstimmungs-
verfahren 

Die Abstimmungen der Nationalversammlung verliefen öffentlich: Die Abgeordneten mussten ihr Votum durch Erheben bzw. Sitzenbleiben abgeben, was von der Besuchertribüne aus teilweise lebhaft "kommentiert" wurde. Besonders die Jakobiner verstanden es, ihre Anhänger zu mobilisieren; darüber hinaus erzwangen sie gelegentlich namentliche Abstimmungen, deren Ergebnisse in der Presse veröffentlicht wurden, und setzten somit die Abgeordneten erheblich unter Druck. 

 

6. Parteiungen des Konvents

 

Mit der Abschaffung der Monarchie und der Einführung der Republik trat der nach allgemeinem Wahlrecht konstituierte Konvent als drittes revolutionäres Parlament zusammen (21. September 1792 - 26. Oktober 1795). 

Montagnards 

Die "Linke" war nun von den Montagnards mit etwa 150 der insgesamt 745 Abgeordneten besetzt. Die "Bergpartei" verstand sich als Interessenvertreterin des Kleinbürgertums und der städtischen Unterschichten und versuchte, die radikale Volksrevolution durch ein Eingehen auf die Forderungen der Sansculotten - wie etwa Maßnahmen zur staatlichen Wirtschaftsregulierung - unter Kontrolle zu halten. Unter der Leitung von Robespierre, Danton und Marat dominierten die Montagnards den Konvent zwischen Juni 1793 und Juli 1794, verloren aber ihren Einfluss mit der Hinrichtung der führenden Mitglieder, die die Phase der Terreur beendete. Weitere bekannte Abgeordnete des "Bergs" waren: Couthon, David, Fouquier-Tinville, Chénier, Desmoulins, Carnot, Collot dÕHerbois, Saint-Just, Fabre d'Englantine. 

Plaine 

In der "Mitte" hatte sich die größte Gruppe der Abgeordneten (etwa 400) angesiedelt, die als "Plaine" ("Ebene"), "Marais" ("Sumpf"), "Bauch" oder "Unabhängige" bezeichnet wurden. Diese bürgerliche Mehrheit, die kaum einer konkreten politischen Richtung zuzuordnen ist, bestimmte vor allem nach dem Sturz der "Montagnards" am 9. Thermidors (27. Juli 1794) den weiteren Kurs des Konvents ("Thermidorianer"). 

Girondisten 

Die Verschiebungen innerhalb des parlamentarischen Spektrums werden deutlich anhand der Girondisten, die sich nach dem Ausscheiden der Feuillants aus dem Parlament nun auf der "Rechten" wiederfanden. Sie waren die tonangebende Gruppe in der ersten Periode der Konventsherrschaft. Da die Girondisten sich gegen die egalitären Bestrebungen und den Zentralismus der "Bergpartei" und der Sansculotten-Bewegung aussprachen, gerieten sie in zunehmenden Widerspruch zu diesen. Der Sansculotten-Aufstand vom 31. März - 2. Juni 1793 führte zur Vertreibung und Hinrichtung der girondistischen Führungsriege und damit zur weitgehenden Entmachtung dieser Gruppierung. 

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: III. Politische Clubs und Parteiungen. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Politische Kultur, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/3ez11m/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 03.01.2006

Zuletzt geändert: 27.06.2006


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