Politische Kultur

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Politische Kultur

II. Publizistik der Revolution

 

Zu den revolutionären Veränderungen der politischen Kultur und der Verständigung über neue gesellschaftliche Werte trug das Aufblühen einer reichen tagesaktuellen Publizistik wesentlich bei. Durch sie erreichte die öffentliche Diskussion und Meinungsbildung eine bisher unbekannte Vielfalt und soziale Breitenwirkung.

 

1. Cahiers de doléances

publizistischer Aufbruch 

In diesem Kontext kommt den cahiers de doléances (Beschwerdeheften) besondere Bedeutung zu: Im Zuge der Wahlen zur Generalständeversammlung verfassten die drei Stände nach alter Tradition ihre "Beschwerdehefte" -wie letztmalig anlässlich der Ständeversammlung 1614-, die dann den Abgeordneten nach Versailles mitgegeben wurden. Vom Adel über die Geistlichkeit bis zur kleinen Landgemeinde trugen alle Stimmberechtigten auf der Ebene der lokalen Wählerversammlungen ihre Anliegen und Reformvorschläge zusammen. 

Anliegen der Bevölkerung 

Die etwa 60.000 noch erhaltenen Dokumente liefern somit ein einmaliges Zeugnis von den konkreten Sorgen und Hoffnungen der Bevölkerung. Einschränkend muss allerdings angeführt werden, dass die "einfachen Leute" nicht unmittelbar zu Wort kamen, da sie als Analphabeten beim Verfassen der Texte auf die Hilfe von Schreibkundigen angewiesen waren. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um die örtlichen Lehrer, Pfarrer, Beamte oder Kaufleute, welche die Äußerungen sicherlich redigierten und durch den Filter ihrer Sprache und Auffassungen wiedergaben. 

Beschränkung der monarchischen Vollmachten 

Aus der Masse der vorgebrachten Punkte kristallisierten sich einige zentrale Forderungen heraus. Dazu gehörten, über die Standesgrenzen hinweg und aus unterschiedlichen Motivationen heraus, die Einschränkung und Kontrolle der monarchischen Macht. Die Monarchie als Institution wurde jedoch niemals grundsätzlich in Frage gestellt, vielmehr sollte der häufig als "Vater" apostrophierte König im Einklang mit den Interessen der "Nation" handeln. 

Steuerreform und Rechtsgleichheit 

Ein weiteres wichtiges Anliegen war die Vereinfachung des komplizierten und vielfach als ungerecht empfundenen Steuersystems. Auch wenn der Adel in dieser Hinsicht die Bereitschaft zu Konzessionen erkennen ließ, zeigten radikalere Forderungen aus den Reihen des Dritten Standes nach völliger steuerlicher und rechtlicher Gleichstellung, Zulassung zu den Beamten- und Offizierslaufbahnen oder Abschaffung der Adelsprivilegien, dass hier die Ständeordnung selbst zur Disposition stand und zukünftige Konfliktfelder vorgezeichnet waren. 

innerständische Konflikte 

Es offenbarten sich aber auch Reibungspunkte innerhalb der Stände, etwa zwischen armen Landklerikern auf der einen, Bischöfen und Ordensgeistlichen auf der anderen Seite, oder zwischen besitzlosen und begüterten Bauern in der Frage der Aufteilung des Gemeindelandes. 

 

2. Neuartige Öffentlichkeit

 

War die öffentliche Äußerung von Kritik an den politischen oder religiösen Wirklichkeiten des Ancien Régime durch Zensur weitgehend unterbunden oder in den literarischen Untergrund gedrängt worden, so schuf die Revolution zunächst einen bislang unbekannten Freiraum der Öffentlichkeit. 

Pressefreiheit 

Das Recht auf freie Meinungsäußerung wurde im Artikel 11 der Menschenrechtserklärung vom 26. August 1789 festgeschrieben: "Jeder Bürger kann also frei schreiben, reden, drucken unter Vorbehalt der Verantwortlichkeit für den Missbrauch dieser Freiheit in den durch Gesetz bestimmten Fällen."
Die Pressefreiheit ließ die Zahl der publizistischen Erzeugnisse rapide in die Höhe schießen und führte zu einer enormen Verdichtung, Beschleunigung und Demokratisierung der Presselandschaft. 

Einschränkung der Pressefreiheit 

Das Recht auf freie Meinungsäußerung erfuhr allerdings schon bald wieder Einschränkungen: Im Sommer 1791 wurden Aufrufe zu Mord, Plünderungen und Ungehorsam gegen die Gesetze unter Strafe gestellt, nach dem Tuilerien-Sturm im August 1792 und der Verhaftung der königlichen Familie ging man energisch gegen royalistische Zeitungen und ihre Redakteure vor.

Die radikalisierte Revolutionsregierung von 1793/94 versuchte dann verstärkt, Presse und Kunst als Propaganda-Mittel einzusetzen und zu lenken, und unterdrückte oppositionelle Meinungen. Auch nach dem Sturz Robespierres blieben gewisse Beschränkungen der Pressefreiheit in Kraft, unter Napoleon schließlich wurde die öffentliche Meinungsäußerung einer strikten Kontrolle unterworfen und die Presselandschaft auf wenige regierungskonforme Zeitungen reduziert. 

Funktion der Publizistik 

Der Entwicklung einer umfangreichen, volksnahen Publizistik ist eine kaum zu überschätzende demokratische Kontroll- und Mitwirkungsfunktion zuzusprechen, vor allem angesichts der Tatsache, dass die Beschränkungen des Zensus-Wahlrechts auch nach 1789 einen größeren Teil der Bevölkerung von der direkten politischen Partizipation ausschlossen. Die Presse wurde somit zu einer lauten und entscheidenden Stimme der Öffentlichkeit, durch die das politische Geschehen und die Auseinandersetzungen um konkrete wie weltanschauliche Probleme in den Alltag der Massen eindrangen. Zeitungen, Flugblätter und Broschüren wurden in großer Zahl auf den Straßen, auf dem Markt, in den Clubs und Kneipen verteilt, gelesen und diskutiert. 

Produktion für ein Massenpublikum 

Die Druckschriften waren meist sehr günstig zu erwerben. Während früher Verleger und Buchhändler hauptsächlich wertvolle Bücher für eine relativ kleine kulturelle Elite herstellten, brachten sie nun größtenteils kurze, unaufwändig produzierte Texte für ein neues Massenpublikum auf den Markt. 

 

3. Zeitungen

enormer Zuwachs 

Das Zeitungswesen, das schon im Laufe des 18. Jahrhunderts einen bedeutenden Aufschwung vollzogen hatte, erlebte in den ersten Jahren der Revolution einen explosionsartigen Boom. Circa 500 Zeitschriften kursierten zwischen 1789 und 1792 in Frankreich, davon allein über 300 in Paris. Viele von ihnen verschwanden nach kurzer Zeit wieder, manche wurden zu gefürchteten Meinungsführern im öffentlichen Kommunikationsprozess. Im Ganzen gesehen wurde die Presselandschaft deutlich politischer und trug durch die Erweiterung des Angebotsspektrums zur Demokratisierung der öffentlichen Meinungsbildung bei. 

politisierte Presse 

Die Bandbreite des politischen Spektrums fand sich in der Vielfalt der Presselandschaft widergespiegelt. Von royalistischen Blättern wie dem L'Ami du roi (Der Freund des Königs) oder dem Patriote royaliste (Royalistischer Patriot) auf der einen Seite bis zu Marats Ami du peuple (Volksfreund) oder Héberts Le Père Duchesne, das aggressive Sprachrohr der radikalen Volksrevolution, auf der anderen. Während die royalistischen Redakteure nach der Gefangennahme der königlichen Familie im August 1792 der Verfolgung ausgesetzt waren, überlebten andererseits einige der "linken" Blätter nicht den Sturz der ihr nahe stehenden Parteiungen.

Neben der Politik, die in den meisten Zeitungen den größten Raum einnimmt, wurden aber auch andere Themen behandelt. Unter den faits divers finden sich Nachrichten über Diebstähle, Selbstmorde, Prostitution und Liebeshändel mit tragischem Ausgang. 

aktueller und leichter zugänglich 

Im Unterschied zu den Zeitschriften der vorangegangenen Epoche, die meist monatlich erschienen waren, waren sie nun wöchentlich bzw. täglich erhältlich. Ein Novum bedeutete auch der Straßenverkauf, der die bislang übliche Verbreitungsform des Abonnements ergänzte. 

Lesekreis 

Die Auflagenhöhen schwankten je nach Popularität zwischen 300 Stück bei kleineren Blättern und 15 - 20.000 Exemplaren, die etwa Prudhommes Révolutions de Paris oder der volkstümliche Père Duchesne erreichten. Gefragte Tageszeitungen erlangten durchschnittliche Auflagen von gut 5.000 Stück. Man muss allerdings davon ausgehen, dass diese noch einen wesentlich größeren Leserkreis erreichten, da sie häufig laut vorgelesen wurden und in den Cafés auslagen. Die gestiegenen Auflagen bedeuteten nicht nur sinkende Preise für die Konsumenten, sondern auch größere Gewinnspannen für Verleger und Redakteure. 

Plakatzeitungen 

Eine besondere Form der Nachrichtenverbreitung waren Plakatzeitungen und öffentliche Anschläge. Die Affiches de la Commune de Paris etwa wurden von Mitte Juni 1793 bis Ende März 1794 täglich in der ganzen Stadt angeschlagen und an die Sektionen und Volksgesellschaften verteilt. Auf diese Weise wurden Bekanntmachungen der Regierung und der Verwaltung verbreitet, aber auch private Zeitungsunternehmer unterschiedlichster Couleur bedienten sich dieser Variante der offensiven Publizistik. Aus zeitgenössischen Berichten ist bekannt, dass sich vor den Wandzeitungen oft ganze Trauben von Angehörigen aller Volksschichten versammelten und sich lebhafte Diskussionen entspannen. 

 

4. Bild- und Liedpublizistik

Informations-
medien für Analphabeten 

Da etwa zwei Drittel der Bevölkerung - vor allem auf dem Lande - nicht alphabetisiert waren, hing die Politisierung breiter Bevölkerungskreise eng von der Verbreitung medialer Vermittlungsformen ab, die diese Gruppen erreichen konnte. Nicht nur die kollektive Lektüre und das Weitererzählen, Predigten und Katechismen, Reden und Theateraufführungen sind hier zu nennen, sondern auch die Fülle der Bild- und Liedpublizistik. 

wichtige didaktische Funktion 

Die unzähligen Druckgrafiken - erhalten sind über 30.000 - eigneten sich besonders gut, um auf anschauliche Weise aktuelle Ereignisse und Diskussionen zu verbreiten und zu kommentieren. Für wenig Geld konnten auch ärmere Leute Stiche erwerben, die zum Teil in großen Auflagen gedruckt wurden und an jeder Straßenecke erhältlich waren. Die ständige Wiederholung und Kombination einprägsamer visueller Codes trug nicht unwesentlich dazu bei, die Wertvorstellungen der Revolution zu verinnerlichen, eine elementare politische Bildung zu vermitteln und abstrakte Begriffe zu veranschaulichen. Nicht zuletzt wurde die Bildpublizistik auch bewusst für propagandistische Zwecke eingesetzt. 

politischer Kommentar im Bild 

Im Medium des Bildes konnten sich Wünsche und Hoffnungen ausdrücken, wie etwa die Einigkeit der drei Stände und der Nation, Kritik an Aristokratie und Klerus, oder der Wandel der Einstellungen gegenüber Ludwig XVI., der anfangs noch als verehrter Monarch in den Bildprogrammen auftaucht, im Laufe der Entwicklung aber immer mehr zur Zielscheibe des Spottes und der Satire wird.
 


Abb. 1

 

Bildzeitungen 

Bildliche Darstellungen traten auch in Kombination mit Texten als eine Art von "Bild-Zeitungen", den so genannten Canards, in Form populärer Einblattdrucke auf, deren Tradition wiederum bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Diese Drucke verbreiteten nicht nur die zentralen Ereignisse der Revolution, sondern berichteten auch über andere "Sensationen" wie Naturkatastrophen oder spektakuläre Verbrechen. 

Lieder 

Eine weitere volkstümliche und gut zu memorierende Mediengattung ist das Lied. Über 3.000 revolutionäre Lieder, vornehmlich aus den Jahren 1789-1794, sind überliefert. Häufig wurden ältere Chansons parodiert; bekannte Melodien erhielten politische Texte mit tagesaktuellem Bezug. Die Lieder wurden gerne in den Straßen und auf Festen gesungen und fanden weitere Verbreitung über gedruckte Flugblätter und umherziehende Sänger. Besonders eingängige Melodien, wie etwa die der Marseillaise, kursierten oft mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Texten. Zu den populärsten "Schlagern" der revolutionären Volksbewegung gehörte das 1790 entstandene Ça ira

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: II. Publizistik der Revolution. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Politische Kultur, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/3ez11o/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 03.01.2006

Zuletzt geändert: 27.06.2006


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