Politische Kultur

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Politische Kultur

IV. Feste und Zeremonien

 

Zur kulturellen Praxis der Revolution gehörte auch die Bestärkung der nationalen Gemeinschaft und der neuen Werte durch Feste und Riten. Anfangs entwickelten sich diese aus der Volksbewegung heraus als spontane Gesten der Verbrüderung oder Zeichen des gemeinschaftlichen Widerstandes gegen konterrevolutionäre Bestrebungen, später wurde die Festkultur allerdings zunehmend von Regierungsseite vereinnahmt und gesteuert. Zu den Elementen der aufwändig inszenierten Massenfeiern, gehörten Aufmärsche, Hymnen, Gesänge, Schwüre, Reden und schauspielerische Einlagen.

 

1. Föderationsfest (1790)

Föderierte 

Aus der Aufbruchsstimmung, die Frankreich durch die Revolution erfasst hatte, entstand der Wunsch der Gemeinden und Provinzen zur überregionalen und nationalen Vereinigung und Verbrüderung, die in einer breiten Föderationsbewegung der neu gebildeten Nationalgarden zum Ausdruck kam. Um dieser spontanen Volksbewegung entgegen zu kommen und sie gleichzeitig zu kanalisieren, beschloss die Regierung die Feier eines nationalen Föderationsfestes am ersten Jahrestag des Bastille-Sturms. 

14. Juli 1790 

Am 14. Juli 1790 versammelte sich eine Zuschauermenge von etwa 300.000 Menschen, um dem Aufmarsch von etwa 50.000 Bewaffneten - Verbände der reguläre Linientruppen und Föderierte aus ganz Frankreich - auf dem Pariser Marsfeld, wo sie einer sorgfältig inszenierten Feier beiwohnten, in der die Eintracht aller Teile der Nation und ihre Verbindung mit dem Königtum beschworen wurde. 

Ablauf der Feierlichkeiten 

Zu Beginn der Zeremonien zelebrierte Talleyrand unter freiem Himmel eine feierliche Messe am eigens errichteten "Altar des Vaterlandes". Unter der Führung Lafayettes, der als aristokratischer Liberaler und Kämpfer des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs legendäres Ansehen genoss, legten Repräsentanten der neuen Amtsträger, der Nationalgardisten, der regulären Truppen und Kinder einen Eid ab, der ihre Treue zur Nation, zum Gesetz und zum König bekräftigte. Der König, von der Menge bejubelt, schwor seinerseits, die Verfassung zu respektieren. 

weite Verbreitung 

Das Pariser Föderationsfest war nicht nur beispielhaft für unzählige Föderationsfeiern, die parallel bis in die kleinsten Ortschaften hinein in allen Teilen Frankreichs stattfanden, sondern führte außerdem eine lange Reihe späterer revolutionärer Feste an. 


Abb. 1

 

 

2. Fest der Vernunft (1793)

Dechristianisierungs-
bewegung 

Der in der Provinz entstandene, anti-katholisch ausgerichtete Kult der Vernunft griff im Herbst 1793 auf die Hauptstadt über. Im Zeichen dieser Entwicklung widmete die Pariser Commune das für den 10. November 1793 im Palais-Royal geplante "Fest der Freiheit" in ein Fest zu Ehren der Vernunft um und verlegte es in die Kathedrale von Notre-Dame, um es somit zu einem öffentlichen Affront gegen den Katholizismus zu machen.
 

Inszenierung des Kults der Vernunft 

Die symbolträchtige Inszenierung der Feier sollte die Substitution der religiösen Inhalte durch den Kult der Vernunft veranschaulichen: In der Mitte des Kirchenraums wurde ein "heiliger" Berg aufgeschüttet, den ein kleiner Tempel mit der Aufschrift "à la Philosophie" krönte. An einem Altar brannte die Flamme der Vernunft, vor der weiß gekleidete Mädchen eine Prozession abhielten. Eine Schauspielerin, welche die Freiheitsgöttin bzw. die Vernunft verkörperte, trat aus dem Tempel, um sich auf einem mit Laub geschmückten Thron niederzulassen und die Ehrbezeigungen der anwesenden Republikaner entgegen zu nehmen. Dem Volk sollte kein neuer steinerner Götze vorgestellt werden, sondern die lebendige Verbildlichung abstrakter Begriffe. 

Verbreitung des Kultes 

Nach dem großen Erfolg des durch die Pariser Bürgerschaft initiierten Festes beschloss der Nationalkonvent, dass mit Wirkung zum 25. November 1793 alle Kirchen der Hauptstadt der Vernunft geweiht werden sollten und dass der neue Kult regelmäßig (an jedem decadi) gefeiert werden sollte. Viele Städte und Ortschaften in der Provinz folgten dem Pariser Beispiel und veranstalteten ebenfalls Vernunft- oder Freiheitsfeste, bei denen meist eine weibliche Figur im Zentrum stand. 

anti-religiös 

Im Gegensatz zu den Festen in den ersten Jahren der Revolution war das kirchliche Element nun gänzlich verdrängt worden. Die offiziellen Feiern gestalteten sich später teilweise zu einer bewussten Demonstration gegen die christliche Religion. 

 

3. Fest der Freiheit (1798)

Festkalender unter dem Direktorium 

Nach 1794 verloren die offiziellen Feste weitgehend die innere Verbindung zur Volksbewegung und nahmen verstärkt den Charakter staatsbürgerlicher Verpflichtung und militärischer Aufmärsche an. Das Direktorium legte 1795 eine feste Abfolge nationaler Feiern im Jahresablauf fest, die an Schlüsseldaten der Revolution - 14. Juli, 9. Thermidor - und Erfolge der republikanischen Armeen erinnerten, aber auch bürgerliche Tugenden und "sittliche" Themen wie Jugend, Alter, Ehe zum Inhalt hatten.

Am vierten Jahrestag von Robespierres Sturz, am 27. Juli 1798, feierte die Republik das "Fest der Freiheit", das der Pariser Bevölkerung die durch den erfolgreichen Revolutionsgeneral Bonaparte in Italien erbeuteten Kunstwerke und Kulturzeugnisse in einem prächtigen Umzug präsentierte. 

Zurschaustellung der Kriegsbeute 

Auf offenen, geschmückten Wägen wurden naturwissenschaftliche Sammlungen, wertvolle Archivalien und klassische Kunstwerke der Antike und der Renaissance, flankiert von Militärverbänden, durch Paris in Richtung Louvre gefahren, wo 1793 ein Nationalmuseum eingerichtet worden war. Bevor die Beutestücke ihren Bestimmungsort erreichten, wurden sie auf dem Marsfeld, das mit einer Personifikation der Freiheit und einem Vaterlandsaltar geschmückt war, ausgestellt. Nach einer abendlichen Tanzveranstaltung wurden sie am zweiten Festtag offiziell den Vertretern der Regierung übergeben. 

 

Napoleon, der die große propagandistische Wirkung der Kunst und der Aneignung einer langen kulturellen Tradition erkannt hatte, wollte Paris durch diese Geste zu einem "neuen Rom" machen und dem französischen Staat dadurch höhere Legitimität verschaffen. Die ursprüngliche Funktion der Selbstvergewisserung und Selbstfeier der Revolution durch die Festkultur ist hier fast gänzlich verschwunden. 

 

4. Totenkult und Pantheonisierung

Vorbilder der Revolution 

In der Verehrung der Märtyrer und Idole nahm der revolutionäre Kult stark religiöse Züge an. "Freiheitsmärtyrer" wie Le Peletier, Marat oder Barat wurden durch feierliche Beisetzung und die Überführung in den Pantheon geehrt, wo sie sich in Gesellschaft von Männern wie Rousseau wiederfanden, die als geistige Wegbereiter und Vordenker der Revolution vereinnahmt wurden. 

Selbstdarstellung 

Als Pantheon diente die zum nationalen Ruhmestempel und zur Grabstätte der "großen Männer" umgewidmete Kirche Sainte-Geneviève. Bewusst versuchte man bei den Begräbnisfeierlichkeiten mit musikalischer Umrahmung und Prozessionen den Prunk und Aufwand der ehemaligen monarchischen Selbstdarstellung zu übertreffen. 

Le Peletier 

Der adelige Jurist und Politiker Louis Michel Le Peletier de Saint- Fargeau wurde zum Märtyrer stilisiert, nachdem er am 20. Januar 1793 von einem Royalisten ermordet worden war, weil er am Vortag für die Hinrichtung Ludwigs XVI. gestimmt hatte. Jacques-Louis David inszenierte für die Beisetzung eine feierliche Aufbahrung auf der Place de Piques auf dem Sockel einer gestürzten Reiterstatue Ludwigs XIV., bevor der Leichnam Le Peletiers in den Pantheon überführt wurde. Dieser sollte allerdings nicht seine letzte Ruhestätte sein, denn nach dem Sturz Robespierres und dem damit verbundenen politischen Richtungswechsel wurde ihm diese Würde wieder abgesprochen. Dass diese neuen Feste und Kulte nicht nur "von oben" aufgesetzt, sondern auch von der breiten Volksmasse angenommen wurden, zeigen die zahlreichen Le Peletier-Feiern, die im Dezember 1793 selbst in den kleinsten Ortschaften stattfanden. 

Marat 

Auch um Jean-Paul Marat, der am 13. Juli 1793 von Charlotte Corday in seiner Badewanne erdolcht wurde, entspann sich schnell ein populärer Kult. Auf Antrag der Pariser Sektionen wurde ihm nach der öffentlichen Aufbahrung und einem Trauerzug durch die Stadt die Pantheonisierung zuteil. Darüber hinaus erklärten die Frauen der "Gesellschaft der revolutionären Republikanerinnen" feierlich, dass sie ihre Kinder zur Verehrung des Volkshelden Marat und seiner als "Evangelien" titulierten Schriften erziehen wollten. Die Büste Marats wurde an zahlreichen Versammlungsorten der revolutionären Bürger aufgestellt. 

Marat-Bild als Ikone 

Das Bild "Die Ermordung Marats", das David im Auftrag des Nationalkonvents anfertigte, wurde rasch zu einer Ikone der Revolution. Die stilistischen Anklänge an christliche Pietà-Darstellungen fanden ihre Entsprechung in den Berichten über einfache Jakobiner, die beim Vorbeidefilieren an dem Gemälde dem Abgebildeten wie einem Heiligen begegneten. 

Religionsersatz 

Diese Beispiele zeigen, wie sich in ambivalenter Weise in den rationalistisch motivierten Bruch mit der tradierten Religion, die mit Unterdrückung und Aberglaube gleichgesetzt wurde, die tief verwurzelten Formen der Volksfrömmigkeit mischten. Die revolutionären Kulte erfüllten ein starkes Bedürfnis nach quasi-religiösen Ersatzhandlungen, dienten aber gleichzeitig auch als Mittel der politischen Propaganda. 

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: IV. Feste und Zeremonien. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Politische Kultur, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/3ez11p/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 03.01.2006

Zuletzt geändert: 27.06.2006


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