Politische Kultur

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Politische Kultur

I. Kommunikationsstrukturen des Ancien Régime

 

Massenwirksame politische Umwälzungen setzen das Vorhandensein von funktionierenden Kommunikationsräumen voraus. Besonders im vorrevolutionären Paris, aber auch in anderen Städten des Königreichs hatten sich abseits des Einflusses der staatlichen Kontrolle solche Strukturen und sozialen Netzwerke entwickelt, die entscheidende Voraussetzungen für die Formierung einer kritischen Öffentlichkeit bildeten.

 

1. Zensur

staatliches Monopol 

Zu den wesentlichen Ausgangsbedingungen der öffentlichen Kommunikation im Ancien Régime gehörte ihre strikte Reglementierung durch die Zensur. Hatten seit dem Mittelalter Kirche, Universitäten und der oberste Gerichtshof Druckgenehmigungen für Manuskripte erteilt, so gelang es dem Königtum gegen Ende des 17. Jahrhunderts, die alleinige Kompetenz in diesen Belangen an sich zu ziehen. Ziel der Zensurmaßnahmen war es, die politischen, religiösen und sittlichen Fundamente der französischen Monarchie vor oppositionellen Angriffen zu schützen. 

oberste Zensurbehörde 

Das königliche Organ der (Vor-)Zensur war die Direction de la Librairie, die oberste Zensurbehörde. Jede Buchveröffentlichung bedurfte vorab einer Genehmigung durch diese Librairie. Die Richtlinien der Kontrolle waren allerdings relativ weit gefasst, so dass die Entscheidung über eine Druckerlaubnis zu großen Teilen im Ermessen der jeweiligen Gutachter lag. Hatte die Zensurbehörde keine Einwände gegen die Drucklegung eines Textes, erteilte sie ein gesiegeltes Privilège général, das dem Verleger oder Autor die alleinigen Verkaufs- und Druckrechte zusprach. 

Buchpolizei 

Viele Verleger und Drucker umgingen das staatliche Genehmigungsverfahren und produzierten für einen beachtlichen illegalen Buchmarkt. Dieser Praxis versuchte die Buchpolizei, die seit 1763 ebenfalls der Librairie unterstand, Herr zu werden, indem sie mittels regelmäßiger Razzien den Markt überwachte. Entdeckten die Buchinspektoren illegal gedruckte Schriften, wurden diese konfisziert, und die verantwortlichen Drucker, Verleger und Autoren mussten zum Teil mit empfindlichen Strafen rechnen. 

Liberalisierungs-
tendenzen 

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das System der staatlichen Reglementierung durch Zensur und Kontrolle der Buchproduktion teilweise aufgeweicht. Nicht nur die politischen Forderungen nach Pressefreiheit, sondern auch die marktwirtschaftlichen Erfolge der Branche übten Druck auf die Beamten aus und führten zu einer veränderten Handhabung der Zensur. Eine große Anzahl von Texten, die inhaltlich nicht ganz konform waren, wurde ohne ein Privilège général, jedoch mit stillschweigender Erlaubnis (permission tacite) der königlichen Behörden gedruckt; auch die Buchpolizei drückte nicht selten ein Auge zu.

Das offizielle Ende des staatlichen Zensursystems markiert die verbriefte Pressefreiheit der Menschenrechtserklärung im August 1789. Faktisch fand jedoch schon seit dem Sommer 1788, mit dem Beginn der Erosion des absolutistischen Systems und dem königlichen Appell an die Untertanen, ihre Beschwerden einzureichen, keine Zensur mehr statt. 

 

2. Buchmarkt

Organisation des Buchmarktes 

Das französische Buch- und Druckereiwesen bis zur Revolution war korporativ-monopolistisch organisiert. Die staatlichen Behörden ließen in jeder Stadt nur eine begrenzte Anzahl an Druckereien zu, zudem kontrollierten sie die Produktion über die Ausgabe von Druckpressen und weiteren Materialen. Eine Folge der Restriktionen von Niederlassungs- und Druckprivilegien war, dass angesichts eines wachsenden und nach marktwirtschaftlicher Befreiung drängenden Buchmarktes zahlreiche nicht genehmigte Schriften illegal im Ausland gedruckt und importiert wurden. 

verbotene Schriften 

Zu diesen gehörten Werke der philosophischen Aufklärung, antiklerikale Schriften, pornographische Literatur, Schmähschriften und anzügliche Skandalgeschichten, die mit pikanten "Enthüllungen" Angehörige der königlichen Familie und des Adels kompromittierten. In je unterschiedlicher Weise trugen sie mit zum allgemeinen Autoritätsverlust der traditionellen Eliten bei. 

Untergrund-
buchhandel 

Die Unternehmen, die sich häufig kurz hinter der französischen Grenze angesiedelt und auf verbotene Bücher und Raubdrucke spezialisiert hatten, standen in enger Verbindung mit Buchhändlern und Agenten in zahlreichen Städten Frankreichs. Der Handel mit illegaler Literatur war ein einträgliches Geschäft, das auch zahlreichen Schmugglern Verdienstmöglichkeiten bescherte. 

wachsender Lesehunger 

Abnehmer der Buchhändler und Drucker war eine stark angewachsene Leserschaft, die auf ein verändertes Leseverhalten und einen deutlichen Anstieg der Alphabetisierung zurückzuführen ist. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ist der Anteil der Lesekundigen von einem Fünftel um 1700 auf etwa ein Drittel gestiegen, in den Städten lag der Alphabetisierungsgrad sogar bei bis zu 75%. Nun gehörten auch Gesellschaftsschichten zum Leser- und Käuferkreis, bei denen früher der Buchbesitz eine Seltenheit gewesen war. 

Neustruktu-
rierung in der Revolution 

Mit der Revolution brach das traditionelle Privilegiensystem des Buch- und Verlagswesens zusammen und machte Platz für eine Vielzahl kleiner selbständiger Produzenten, die auf einem stark veränderten Buchmarkt unter gewandelten Rahmenbedingungen ihr Auskommen suchten. Viele der "kleinen" Pariser Drucker, Buchhändler und Graveure waren traditionellerweise in der rue Saint-Jacques und den westlich gegenüber der Ile de Saint-Louis anschießenden Gassen angesiedelt, mitten im belebten Zentrum der Stadt. 

 

3. Cafés, Salons und Lesekabinette

 

Da die publizistische Öffentlichkeit während des Ancien Régime stark eingeschränkt war, bildeten sich in der städtischen Kultur alternative Kommunikationskanäle und Umschlagplätze für Informationen heraus. 

Boom der Caféhäuser 

Eine wichtige Rolle spielten in dieser Hinsicht die Cafés, deren Zahl im Laufe des Jahrhunderts beträchtlich angewachsen war; allein in Paris gab es um 1790 schätzungsweise 1.800 Caféhäuser. Sie waren zentrale Treffpunkte im Herzen der Stadt und Orte des Genusses, der Lektüre und des Gesprächs: Hier wurden Neuigkeiten ausgetauscht, soziale Netze geknüpft, Zeitungen und Pamphlete gelesen und die politischen Tagesthemen diskutiert.

Der illegale Buchhandel nutzte die Caféhäuser als Stützpunkte für Kontakte zwischen Händlern, Druckern und Autoren sowie als Umschlagplätze verbotener Literatur. Aber nicht nur die Vertreter des literarischen Milieus gehörten zu den Besuchern der Cafés, sondern auch Geschäftsleute und ihre Kunden - und auch die Polizei schickte ihre Spitzel. 

Lesekabinette 

Neben den "multifunktionalen" Netzwerken der Cafés gab es mit den Salons, Lesekabinetten und Lesegesellschaften weitere bedeutsame Formen des "organisierten intellektuellen Austauschs", der kennzeichnend für die Kultur der europäischen Aufklärung war. Lesekabinette und Lesegesellschaften boten ihren Mitgliedern, zu denen auch kleinbürgerliche Schichten gehörten, gegen ein relativ geringes Entgelt ein aktuelles Repertoire an Zeitschriften und Büchern mit dem Ziel, Aufklärung und Bildung allgemein zugänglich zu machen. 

Salons 

Die literarischen Salons hatten sich im Laufe des Jahrhunderts ebenfalls als wichtige Einrichtungen der städtischen Kultur etabliert, wo sich Adelige, gebildete Bürger und Intellektuelle in der Wahrnehmung gemeinsamer literarischer und künstlerischer Interessen begegneten. Ihr Einfluss auf das öffentliche Geschmacksurteil wirkte zunehmend emanzipatorisch gegenüber der kulturellen "Meinungsführerschaft" des Hofes. 

Einübung der Kritik 

Im halb-öffentlichen Raum der Cafés, Salons und Lesegesellschaften übte so ein neues Publikum seine Kritikfähigkeit zunächst im ästhetischen Bereich der Literatur und Kunst, übertrug sie aber bald auch auf die Sphäre der Politik. Auf diese Weise erfüllten diese Institutionen eine wichtige Funktion in der Verbreitung des aufgeklärten Diskurses und der Selbstvergewisserung einer aufkeimenden Opposition. 

 

4. Palais-Royal

Ort des Vergnügens 

Mitten im Zentrum von Paris entwickelte sich das Palais-Royal in nächster Nachbarschaft des Louvre und der Tuilerien zum Schmelztiegel und Freiheitsraum einer lebendigen urbanen Öffentlichkeit. Die ursprünglich von Kardinal Richelieu errichtete Palastanlage wurde Mitte der 1780er-Jahre von seinem damaligen Besitzer, dem Herzog von Orléans, umgebaut. Dieser - ein Vetter des Königs und bekannt als Volksfreund und Freimaurer - stattete den Arkaden-Innenhof des Palais mit Caféhäusern, Theatern und Läden aus, wo sich neben Händlern, Wirten und Künstlern bald auch Taschendiebe und Prostituierte tummelten. Ein großes Publikum aus allen Volksschichten fand hier zahlreiche Vergnügungsangebote vor. 

Polizei-freier Raum 

Da sich das Palais-Royal im Privatbesitz des Herzogs von Orléans befand, war es der polizeilichen Kontrolle weitgehend entzogen. Unter diesen Voraussetzungen diente es den Parisern nicht nur als Vergnügungszentrum, sondern auch als Ort der politischen Versammlung und Agitation. 

Ausgangspunkt der Pariser "Journées" 

Der Innenhof des Palais wurde im Sommer 1789 zum Schauplatz der revolutionären Gärungen: Am 12. Juli rief Camille Desmoulins die dort versammelte 6.000-köpfige Volksmenge in einer flammenden Rede zu den Waffen, als bekannt geworden war, dass Ludwig XVI. am Vortag den populären "Finanzminister" Necker entlassen hatte. Am folgenden Tag bewaffneten sich die Bürger, um am14. Juli erfolgreich die Bastille zu stürmen. 

Palais Égalité 

Auch nach der revolutionären Initialzündung behielt das Palais-Royal seine Rolle als zentraler Treffpunkt, Forum politischer "Gassenredner" und Sammlungsort für Demonstrationszüge bei und diente dem Pariser Publikum als Kulisse für patriotische Feste und Schauspiele. Durch den Umzug des Hofes und der Nationalversammlung nach Paris im Oktober 1789 lag das Palais im Kern des "Regierungsviertels".
Nach dem Sturz des Königs am 10. August 1792 wurde das Palais-Royal in "Palais Égalité" umbenannt. 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: I. Kommunikationsstrukturen des Ancien Régime. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Politische Kultur, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/3e/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 03.01.2006

Zuletzt geändert: 27.06.2006


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