Biographien

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Kurzbiogramm - Karl X.

Karl X.; * 09.10.1757 Versailles; 06.11.1836 Görz

Comte d'Artois, Lieutenant-général du Royaume, König von Frankreich

Der spätere Karl X. wird am 9. Oktober 1757 in Versailles als Sohn des Dauphin Ludwig (1729-1765) und dessen Ehefrau Maria Josepha von Sachsen (1731-1767) geboren und erhält den Titel des Comte d'Artois. Zusammen mit seinen beiden älteren Brüdern, dem Duc de Berry, dem späteren Ludwig XVI. (1754-1793), und dem Comte de Provence, dem späteren Ludwig XVIII. (1755-1824), genießt er eine den traditionellen Werten verpflichtete Erziehung am Versailler Hof unter der Aufsicht des Duc de la Vauguyon (1706-1772). Im Gegensatz zum Comte de Provence begegnet d'Artois den täglichen Unterrichtseinheiten jedoch mit Indifferenz. Sein Hauptinteresse gilt der unbesorgten und prunkvollen Lebensführung bei Hofe.

Am 16. November 1773 wird Charles-Philippe mit Marie-Thérèse de Savoie (1756-1805), der jüngeren Schwester der Frau des Comte de Provence, vermählt. Der Akt der Eheschließung setzt seinem freizügigen Lebenswandel jedoch kein Ende. Seine zahlreichen Affären und amourösen Abenteuer sorgen weiterhin für Aufsehen und öffentliche Kritik. Da Artois sich nach dem Regierungsantritt seines Bruders (1774) und der Geburt eines Kronprinzen (1781) keinerlei Hoffnungen auf eine eventuelle Thronfolge machen kann, widmet er sich umso mehr dem Luxus und dem Vergnügen. Erst die sich verschärfende Krise des Ancien Régime bietet ihm die Gelegenheit zur politischen Betätigung.

Der Comte d'Artois betritt die politische Bühne zur Zeit der Wiedereinberufung der Parlamente. Seine anfängliche Begeisterung für diese Maßnahme schlägt jedoch in offene Ablehnung um, als er sich des einhergehenden Popularitätsverlustes für die französische Krone bewusst wird. Als überzeugter Vertreter der alten Monarchie lehnt er während der Notabelnversammlungen (1787/88) sämtliche Reformmaßnahmen ab. In der Frage der Einberufung der Generalstände und deren Abstimmungsmodalitäten verhärtet sich seine Einstellung zusehends. Im Gegensatz zu seinem Bruder, dem Comte de Provence, widersetzt er sich vehement einer Verdoppelung der Vertreter des dritten Standes.

Der Comte d'Artois zählt zusammen mit Marie-Antoinette zu denjenigen Mitgliedern der Königsfamilie, die öffentlich an der bestehenden Form der Monarchie festhalten und damit ungemein an Popularität einbüßen. Dennoch gelingt es ihm, mit einer Denkschrift vom 21. Juni 1789 auf die Haltung Ludwigs XVI. hinsichtlich der Gleichberechtigung des Dritten Standes einzuwirken. Der Lauf der revolutionären Ereignisse ist zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr aufzuhalten. Nach der Erstürmung der Bastille (14.07.1789) verwirft Charles-Philippe seine Hoffnungen auf einen energischen Gegenschlag seitens der Krone und entschließt sich am 16. Juli des Jahres zur Emigration. Seinem prominenten Beispiel folgen unter anderem die Prinzen von Condé und Conti sowie Barentin (1738-1819) und Breteuil (1730-1807).

Die erste Station seines Exils heißt Turin. Vor Ort muss der machtbewusste Bourbonenprinz erstmals feststellen, dass er nur bedingt auf die Solidarität der europäischen Herrscherhäuser zählen kann. Zusammen mit Calonne (1734-1802) versucht er 1790 vergeblich, die Flucht Ludwigs XVI. zu organisieren und die französischen Provinzen zum bewaffneten Aufstand gegen das revolutionäre Paris zu motivieren. Auch der Versuch, Kaiser Leopold II. (1747-1792) für seine Ziele zu gewinnen, ist zum Scheitern verurteilt. Angesichts der zahlreichen Fehlschläge zieht sich Artois 1791 nach Koblenz zurück, wo er auf seinen älteren Bruder trifft. Den ungleichen Brüdern gelingt es jedoch nicht, ihre Kräfte im Kampf gegen die Revolution zu vereinen. Statt dessen entspinnt sich zwischen ihnen ein Streit um die politische Führung der Emigration.

Dem konservativen Artois gelingt es dabei, sich gegen Louis-Stanislas durchzusetzen. Seine diplomatischen Aktivitäten erzielen darüber hinaus Teilerfolge. So vermag er unter anderem Österreich und Preußen zur gegenrevolutionären Deklaration von Pillnitz (27.08.1791) zu bewegen. Im anschließenden, erfolglosen Feldzug von 1792 muss er allerdings mit ansehen, wie sein eigens zusammengestelltes Emigrantenheer zu Hilfstruppen degradiert wird. Enttäuscht zieht sich Artois ins westfälische Hamm zurück, wo er zusammen mit dem Comte de Provence von der Hinrichtung Ludwigs XVI. (21.01.1793) erfährt. Charles-Philippe wird daraufhin von seinem Bruder, der die Regentschaft für den unmündigen Ludwig XVII. (1785-1795) übernimmt, zum Lieutenant-général des Königreichs ernannt.

Auch wenn die Brüder einen Versuch zur Zusammenarbeit unternehmen, entwickelt sich die Sache der Emigranten nicht zum Vorteil. Artois' Russlandreise ist politisch folgenlos. Seine Hoffnungen auf den Aufstand in der Vendée zerschlagen sich. Und auch sein Versuch, 1795 mit Hilfe der Engländer in der Bretagne zu landen, misslingt. Statt dessen ist Artois gezwungen, den Weg ins englische Exil anzutreten. Er lässt sich auf dem schottischen Schloss Holyrood nieder, von wo aus er nicht länger in das politische Geschehen eingreifen kann. Zudem entfacht erneut der Streit mit seinem älteren Bruder, der sich nach dem Tod des Dauphins im Juni 1795 zumindest Hoffnungen auf eine eventuelle Thronübernahme als Ludwig XVIII. machen kann. Erst als sich 1814 die Anzeichen für ein Ende der Napoleonischen Herrschaft und für die Wiedereinführung der Monarchie mehren, kommt es zu einer vorübergehenden Verständigung zwischen den beiden.

Bereits im Januar 1814 begibt sich Charles-Philippe als Repräsentant der französischen Königsfamilie nach Frankreich. Am 12. April wird er vor den Toren von Paris von der provisorischen Regierung, an deren Spitze der anpassungsfähige Talleyrand (1754-1838) steht, empfangen. Bis zur Rückkehr Ludwigs XVIII. übernimmt Artois in seiner Funktion als Lieutenant-général den Vorsitz der Regierung. Aufgrund seiner frühzeitigen Präsenz erwirbt er ein großes Ansehen sowie einen beachtlichen politischen Einfluss innerhalb Frankreichs. Sowohl er als auch seine Söhne sind 1814/15 Mitglieder des Ministerrates und damit unmittelbar an den Regierungsgeschäften beteiligt. Der royalistisch gesonnene Artois geht jedoch frühzeitig auf Distanz zur Ausgleichspolitik seines Bruders.

Die "Herrschaft der Hundert Tage", die eine Belastungsprobe für die Regierung Ludwigs XVIII. darstellt, spielt dem Lager der Ultra-Royalisten, zu deren Repräsentanten Charles-Philippe zählt, in die Hand. Die moderate Politik des Königs vermag deren Einfluss in den folgenden Jahren nur unter großen Mühen zu bändigen. In diesem Zusammenhang verliert der unbequeme Artois schließlich das Kommando über die Nationalgarde. Darüber hinaus werden seine beiden Söhne vorübergehend aus der Pairskammer ausgeschlossen. Erst mit dem tödlichen Attentat auf den Duc de Berry (1778-1820) am 13. Februar 1820 ändert sich das politische Klima grundlegend zugunsten der Rechten. Der reaktionären Kirchen- und Kulturpolitik sowie der strengen Pressezensur zum Trotz kann sich die konservative Mehrheit bis zum Tode Ludwigs XVIII. (16.09.1824) behaupten. Die Nachfolge eines Bourbonen auf den französischen Thron ist damit unangefochten.

Der Comte d'Artois besteigt am 16. September 1824 im Alter von 67 Jahren den Thron. Die Krönung als Karl X. erfolgt am 29. Mai 1825 nach traditionellem Ritus in der Kathedrale von Reims. Die strikt restaurative und realitätsfremde Ausrichtung seiner Herrschaft deutet sich darin bereits an. So nimmt unter Karl X. der Klerus erneut die Stellung ein, die er im Ancien Régime besessen hatte. Darüber hinaus sorgen eine Reihe von Gesetzesentwürfen für Kontroversen in der Kammer sowie in der politischen Öffentlichkeit. Besonders umstritten sind die Pläne zur Entschädigung der früheren Eigentümer von Nationalgütern, die die grundsätzliche Auseinandersetzung zwischen Revolution und Restauration verschärfen. Zu größeren Spannungen führt jedoch ein Gesetzesentwurf über das Erstgeburtsrecht, der darauf abzielt, das bürgerliche Gleichheitsprinzip aufzuheben und die Aristokratie wieder einzuführen.

Nachdem der Entwurf am 7. April 1826 in der Kammer abgelehnt wird, reagiert die Regierung mit einer deutlichen Verschärfung des Presserechts. Doch auch dieser Gesetzesentwurf findet weder in der Öffentlichkeit noch in den Kammern Zuspruch. Die wachsende Entfremdung zwischen dem Monarchen und der Hauptstadt tritt besonders deutlich im Rahmen öffentlicher Auftritte zu Tage. Auf der Parade anlässlich des Jahrestags der Rückkehr Karls nach Paris bringt die Menge ihren Unmut lautstark zum Ausdruck. Der erste Minister Villèle wird gar von den defilierenden Legionen verhöhnt. Letzterer ergreift daraufhin strenge Maßnahmen der Pressezensur und löst darüber hinaus die Kammer auf. Es gelingt ihm jedoch nicht, die Mehrheitsverhältnisse im Sinne der Regierung zu beeinflussen.

Obgleich er mittels eines frühzeitigen Wahltermins versucht, der Organisation der oppositionellen Kräfte zuvorzukommen, erhalten die Regierungsanhänger bei den Wahlen am 17. November 1827 lediglich 180 von 435 Sitzen. Angesichts dieser Mehrheitsverhältnisse ist Villèle zum Rücktritt gezwungen. Es entsteht ein Kabinett der rechten Mitte unter der Leitung des aus Bordeaux stammenden Anwalts Martignac (1778-1832). Dessen Versuche, liberale Ideen mit der Monarchie in Einklang zu bringen, scheitern allerdings an der Unzufriedenheit aller politischen Parteien, sodass er am 8. August 1829 durch den König entlassen wird. Letzterer will seine Herrschaft mittels der Einsetzung seines Vertrauten, des Prinzen von Polignac (1780-1847), stabilisieren. Die Unpopularität des Ultra-Royalisten gibt den zahlreich vorhandenen oppositionellen Kräften jedoch zusätzlichen Auftrieb.

Bereits die Eröffnung der Parlamentsperiode im März 1830 beginnt mit einem politischen Konflikt, bei dem 221 Abgeordnete dem König vorwerfen, mit den Grundlagen der Charte von 1814 zu brechen. Es kommt kurz darauf zu einer weiteren Auflösung der Kammer mit anschließenden Neuwahlen. Obgleich Karl X. mittels einer öffentlichen Erklärung persönlich in den Wahlkampf eingreift, muss die Regierung Polignac eine herbe Niederlage hinnehmen. Selbst in dieser Lage ist der König nicht bereit, auf die Forderungen der liberalen Opposition einzugehen. Statt dessen wird erneut das Presserecht eingeschränkt, die Auflösung der Kammer dekretiert, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht zusammengetreten ist, sowie das Wahlgesetz modifiziert. Durch dieses taktisch unkluge Verhalten zieht Karl X. den offenen Volkszorn auf sich.

In den Straßen von Paris kommt es zu Demonstrationen, die sich zu Barrikadenkämpfen entwickeln. Am 28. Juli 1830 wird das Rathaus von aufständischen Bürgern aller Schichten erstürmt. Auch der Widerruf der Erlasse vermag die Eskalation der Lage nicht zu verhindern. Die Hauptstadt befindet sich innerhalb kurzer Zeit in den Händen der Aufständischen. Der in Saint-Cloud verweilende Monarch erwägt daraufhin, den Konflikt mit einer Abdankung zu Gunsten des Duc de Bordeaux zu lösen. In Paris favorisiert man indessen die Ernennung des Duc d'Orléans (1773-1850) zum König. Letzterer wird am 31. Juli 1830 in sein Amt erhoben. Der Versuch Karls, zugunsten seines Enkels abzudanken und Louis-Philippe die Regentschaft zu übertragen scheitert am Widerstand des Herzogs, der sich einzig auf die Legitimation durch die Volksvertreter berufen will.

Angesichts der für ihn aussichtslosen Lage ergreift der entmachtete Karl X. am 16. August 1830 die Flucht nach Großbritannien. Er residiert die nächsten sechs Jahre als Comte de Ponthieu erneut auf Schloss Holyrood. 1836 beschließt er aber, seinen Wohnsitz auf das europäische Festland zu verlegen. Er erwirbt in der Nähe von Budweis ein Gut, auf dem er seinen Lebensabend verbringen will. Auf der Reise dorthin infiziert sich Charles-Philippe jedoch an der Cholera, an der er am 6. November 1836 in Görz stirbt. Seine sterblichen Überreste werden am 11. November in der Kirche eines Franziskanerkonvents bestattet.

Literatur

Cabanis, José: Charles X, roi ultra, Paris 1973.

Castelot, André: Charles X. La fin d'un monde, Paris 1988.

Lucas-Dubreton, Jean: Le Compte d'Artois, Charles X. Le prince, l'émigré, le roi, Paris 1962.

Hans-Ulrich Thanner: Karl X., in: Peter C. Hartmann: Französische Könige und Kaiser der Neuzeit. Von Ludwig XII. bis Napoleon III. 1498-1870, München 1994, 389-401.

Vivent, Jacques: Charles X. Dernier roi de France et de Navarre, Paris 1958.

 

Lars Schneider 

 

Empfohlene Zitierweise

Schneider, Lars: Karl X., in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/oz10g/

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Erstellt: 03.01.2006

Zuletzt geändert: 03.01.2006


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