Biographien

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Kurzbiogramm - Guillotin

Joseph-Ignace Guillotin; * 28.05.1738 Saintes (Charente-Maritime); 26.03.1814 Paris

Arzt, Politiker, Miterfinder der Guillotine

Joseph-Ignace Guillotin wird am 28. Mai 1738 in Saintes als Sohn eines Anwalts geboren. Seine Ausbildung liegt in den Händen der Jesuiten. Guillotin verlässt jedoch das Jesuitengymnasium, um Arzt zu werden. Er begibt sich nach Paris, wo er erfolgreich Medizin studiert und daraufhin Anatomie, Physiologie und Pathologie an der Faculté de Médecine unterrichtet. Aufgrund seiner wachsenden Reputation wird er schließlich Leibarzt eines Bruders Ludwigs XVI. (1754-1793), des Comte de Provence (1755-1826).

Der gebildete und kultivierte Mediziner verfügt über einflussreiche gesellschaftliche Kontakte. Er verkehrt unter anderem im Kreise von Gelehrten wie Buffon (1707-1788) und Lacépède (1756-1825) sowie mit den Schriftstellern Condorcet (1745-1794) und Voltaire (1694-1778). 1784 wird er Mitglied der Commisssion Royale d'enquête zum tierischen Magnetismus und den Behandlungsmethoden des Wiener Arztes Mesmer (1734-1815), die er jedoch aufgrund von Unmoralität verwirft. Im Dezember 1788 beteiligt er sich an der Abfassung der Petition des six corps des marchands de Paris, die das standesgebundene Wahlrecht zu den Generalständen kritisiert, die Einsetzung von Abgeordneten des dritten Standes fordert und darüber hinaus für Pressefreiheit eintritt.

Am 2. Mai 1789 wird Guillotin zusammen mit Sieyès (1748-1836) und Bailly (1736-1793) in die Generalstände gewählt. Von Juni 1789 bis Oktober 1791 übt er das Amt des Sekretärs der Assemblée nationale constituante aus. Guillotin ist es darüber hinaus, der am 20. Juni 1789 den Umzug der Assemblée in die Räumlichkeiten des Jeu de Paume [Ballspielhaus] anregt. Sein politisches Engagement liegt indes im Bereich der öffentlichen Hygiene sowie in der Organisation der medizinischen Berufe und Ausbildungswege. Im Hinblick auf die seinerzeit reformbedürftige Vollstreckung der Todesstrafe schlägt er am 18. November 1789 den Einsatz einer Enthauptungsmaschine vor, wobei ihn Mirabeau (1749-1791) unterstützt. Das Ziel besteht darin, die Hinrichtungspraxis zu humanisieren, um das physische Leid der Verurteilten zu vermindern. Der Vorschlag stößt vorerst jedoch auf wenig Resonanz.

Am 1. Juni 1791 verwirft die Nationalversammlung Robespierres (1758-1794) Vorschlag vom 30. Mai des Jahres, die Todesstrafe vollends abzuschaffen. Bis dahin sind unterschiedliche, standesspezifische Hinrichtungsarten in Gebrauch: Während Adeligen sowie herausragenden Persönlichkeiten die Enthauptung vorbehalten bleibt, werden Räuber und Wegelagerer öffentlich zu Tode geprügelt, Königsmörder und Staatsverbrecher gevierteilt, Falschmünzer bei lebendigem Leibe gekocht. Mit dem Ziel der Gleichheit aller zum Tode Verurteilten unternimmt Guillotin im Juni 1791 einen erneuten Vorstoß zur Reform des Strafrechts. Er schlägt vor, die Ausführung der Todesstrafe durch einen "effet d'une simple mécanique" zu vereinheitlichen.

Daraufhin überträgt die Nationalversammlung Antoine Louis (1723-1792), Mitglied der Académie de Médecine, die Aufgabe, ein entsprechendes Instrument zu entwickeln. Unter Rückgriff auf bis ins Hochmittelalter zurückgehende vergleichbare Techniken aus dem italienischen, angelsächsischen und schottischen Raum konzipiert Louis eine Maschine auf einem Schafott. Deren Prototyp entwirft der Handwerker Tobias Schmidt unter Mitwirkung des Scharfrichters Charles-Henri Sanson (1739-1806). Am 25. März 1792 unterzeichnet Ludwig XVI. das Gesetz, das die Einführung der Technik vorschreibt. Einen Monat später, am 17. April 1792, wird die Maschine im Innenhof des Hôpital Bicêtre an Schafen sowie dreier Leichen auf ihre Effektivität hin geprüft. In diesem Zusammenhang gelangt erstmals ein trapezförmiges Fallbeil zum Einsatz. Die erste Hinrichtung per Guillotine wird am 25. April des Jahres auf der Pariser Place de Grève vollzogen. Delinquent ist der Dieb Nicolas-Jacques Pelletier. Die Schnelligkeit und Präzision der Maschine enttäuscht jedoch die zahlreichen Schaulustigen, die ihrem Unmut lautstark Ausdruck verleihen. Die erste Guillotinierung eines politisch Verurteilten - Louis-David Collenot d'Angremont - findet am 21. August 1792 statt.

Das neuartige Hinrichtungsinstrument wird im Volksmund jedoch zunächst Louison oder Louisette genannt. Die Bezeichnung Guillotine prägt erst die royalistische Zeitung Actes des Apôtres. Im Zuge der Terreur (1793-1794) sind landesweit circa 50 Guillotinen in Betrieb. Allein die Pariser Maschinen - die Hinrichtungen erfolgen auf der Place de Grève, der Place du Carrousel, dem Champ des Mars, der Place de la Révolution [Place de la Concorde], der Place Saint Antoine [Place de la Bastille] und der Barrière du trône renversé [Place de la Nation] - sind im Juni/Juli 1794 bis zu 6 Stunden täglich im Einsatz. Die Anzahl der Hinrichtungen in der Hauptstadt wird auf 19.639 geschätzt. Landesweit fallen im gleichen Zeitraum etwa 42.000 Menschen der Guillotine zum Opfer. Parallel dazu entspinnt sich unter den Medizinern eine hitzige Debatte hinsichtlich des genauen Todeszeitpunkts. Während die Einen den Standpunkt vertreten, dass der Hingerichtete noch etwa eine Viertelstunde nach Enthauptung "lebendig" sei, gehen die Anderen - unter ihnen Guillotin - von dessen sofortigem Tod aus.

Auch der prominente Mediziner entgeht der technischen Präzision seiner Erfindung nur knapp. Des Moderantismus verdächtigt, wird er inhaftiert, gelangt jedoch nach dem Sturz Robespierres (27.07.1794) erneut auf freien Fuß. Guillotin zieht sich daraufhin aus dem politischen Leben zurück, um sich ausschließlich der Medizin zu widmen. Er gehört dem Comité de Vaccine sowie der Société pour l'extinction de la petite vérole an. Ab 1799 tritt er zusammen mit Pinel und mit Unterstützung Napoleons (1769-1821) für die Verbreitung der Pockenschutzimpfung ein. Darüber hinaus verfasst Guillotin einen einschlägigen Bericht zum medizinischen Ausbildungswesen. Während der Konsularszeit (1799-1804) konzipiert er das erste französische Gesundheitsprogramm, das in den Jahren 1802 und 1803 gesetzlich verankert wird.

Die Kommunen sind nunmehr angehalten, die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Darüber hinaus müssen Listen über potentiell unhygienische und gefährliche Einrichtungen wie Schlachthöfe, Gerbereien, Färbereien etc. geführt werden. Auch die Armenfürsorge und die lokalen Krankenhäuser werden der Kommune unterstellt, deren Präfekt fortan regelmäßig von Ärzten über den Gesundheitsstand der Bevölkerung informiert wird. Auf diese Weise stellen die postrevolutionären Aktivitäten des Mediziners einen bedeutenden Beitrag zum französischen Gesundheitswesen dar. Joseph-Ignace Guillotin stirbt am 26. März 1814 in Paris.

Literatur

Mariel, Pierre/Soubiran, André (Hgg.): Ce bon Docteur Guillotin et sa "simple mécanique", Paris 1962.

Arasse, Daniel: Die Guillotine, die Macht der Maschine und das Schauspiel der Gerechtigkeit, Hamburg 1988.

Gerould, Daniel: Guillotine its legend and lore, New York 1992.

Kershaw, Alister: A history of the guillotine, London 1958.

http://perso.club-internet.fr/jgourdol/Medecins/MedecinsTextes/guillotin.html,[10.07.2003]

Quellen

Le Grand spécifique, ou L'ordonnance de MM. Guillotin et Salle, docteurs en médecine, sur la maladie et le traitement de très-haut et très-puissant seigneur, monseigneur, le haut clergé de l'église gallicane

Petition des citoyens domiciliés à Paris, du 8 décembre 1788 / [par Joseph Guillotin]

 

Lars Schneider 

 

Empfohlene Zitierweise

Schneider, Lars: Guillotin, J.-I., in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/oz10t/

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Erstellt: 04.01.2006

Zuletzt geändert: 04.01.2006


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