Biographien

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Kurzbiogramm - Gossec

François-Joseph Gossec (Gaussé, Gossé, Gosset, Gossez); * 17.01.1734 Vergnies (Hainaut / Belgien); 16.02.1829 Passy (Paris)

Komponist

François-Joseph Gossec wird als Sohn eines wallonischen Bauern geboren. Sein musikalisches Talent macht sich schon im Kindesalter bemerkbar, weswegen er im Alter von sechs Jahren Musikunterricht an der Stiftskirche von Walcourt erhält. Kurz darauf wird er Mitglied der Kapelle von St. Aldegonde in Maubeuge und tritt der Kapelle von St. Peter bei, deren Musikdirektor Jean Vanderbelen ihn an der Geige, dem Cembalo, in Harmonielehre und Komposition unterrichtet. 1742 wird er in den Chor der Kathedrale Notre Dame in Antwerpen aufgenommen, wo er weiteren Unterricht von André-Joseph Blavier erhält.

Nachdem Gossec im Februar 1751 in Paris angekommen ist, stellt er sich mit einem Empfehlungsschreiben dem bedeutenden Komponisten Jean-Philippe Rameau (1683-1764) vor, der zu dieser Zeit das Privatorchester Alexandre-Joseph Le Riche de la Pouplinierès (1693-1762), eines wohlhabenden Mäzens und Generalsteuerpächters, leitet. Rameau zeigt sich von Gossecs Fähigkeiten beeindruckt und nimmt ihn als Geiger in das Orchester auf. Gossec macht auch die Bekanntschaft von Johann Stamitz (1717-1757), der von 1754 bis 1755 das Orchester La Pouplinières leitet und dem jungen Musiker die neuesten Errungenschaften der Mannheimer Schule näher bringt: homophone Orchestersymphonien, beeindruckende dynamische Effekte und die herausragende Rolle der Blasinstrumente. 1758 heiratet Gossec Marie-Elisabeth Georges, eine Sängerin, und führt mit ihr eine relativ glückliche Ehe, obwohl Gossec sich wenig um die Erziehung des 1760 geborenen Sohnes Alexandre-François-Joseph kümmert und auch an finanziellen Belangen wenig Interesse zeigt.

Von 1756 bis 1762 veröffentlicht Gossec 24 Symphonien. Die Symphonie in D, die im Jahr 1761 entsteht, gehört zu den ersten Orchesterwerken in Frankreich, in denen die Klarinette zum Einsatz gelangt. Er beginnt auch zu dieser Zeit mit der Vertonung von Bühnenwerken und der Komposition geistlicher Musik. Das eineinhalbstündige Requiem, das im Mai 1760 erstmals in der Pariser Jakobskirche aufgeführt wird, sprengt die bisher bekannten Grenzen und macht den Komponisten über Nacht berühmt.

Nach dem Tod La Pouplinières im Jahre 1762 wird Gossec Leiter des Privattheaters von Louis-Joseph de Bourbon (1736-1818), Prinzen von Condé, in Chantilly, wo er die nächsten acht Jahre bleiben wird. Um 1766 nimmt er auch die Funktion der Leitung der Hausmusik von Louis-François de Bourbon (1717-1776), Prinzen von Conti, wahr. Während dieser Zeit richtet Gossec mit wechselndem Erfolg verstärkt seine Aufmerksamkeit auf die Bühnenmusik; unzureichende Libretti beeinträchtigen die Wirksamkeit der Opern.
Da er im Wettbewerb mit seinem Konkurrenten Grétry (1741-1813) den kürzeren zieht, gibt Gossec angesichts des Misserfolgs seiner pastoralen Farce "Les agréments d´Hylas et Silvie" an der Comédie Française im Jahre 1768 das Schreiben von Opern auf. Er konzentriert sich nun zunehmend auf die Instrumentalmusik, was sich in zahlreichen kammermusikalischen und symphonischen Werken niederschlägt.

Das Orchester Concert des Amateurs, das Gossec 1769 gründet, erlangt bald internationalen Ruhm als eines der besten Orchester Europas. Unterstützt von dem Generalsteuerpächter La Haye und dem Baron d´Ogny, gibt es neue Kompositionen in Auftrag und engagiert Gastkünstler von höchstem Rang. Während seiner vierjährigen Tätigkeit als Orchesterleiter führt Gossec auch eigene Symphonien auf, die eigens für dieses Ensemble entstanden sind. 1773 dirigiert Gossec als erster eine Symphonie Joseph Haydns (1732-1809) in Frankreich.

1773 übernimmt Gossec die Leitung des Concert Spirituel, die er sich mit Simon Leduc und Pierre Gaviniès bis 1777 teilt. Zugleich bleibt er in Kontakt mit der Oper und führt Werke von Grétry, Gluck (1714-1787) und Piccini (1728-1800) auf. 1775 erhält er den Titel "maître de la musique". Obwohl Glucks überragende Begabung Gossecs Opernschaffen in den Schatten stellt, unterstützt Gossec seinen Konkurrenten im Kampf mit den Anhängern Piccinis. 1778 trifft Gossec Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1831), der ihn als sehr guten Freund und sehr nüchterne Person bezeichnet. Mozart zeigt sich von Gossecs Symphonien beeindruckt und übernimmt Themen aus dessen Werken in mehrere eigenen Symphonien; Gossecs Requiem beeinflusst auch die Mozartsche Vertonung des Totenoffiziums. 1779 erreicht Gossec mit einem Te Deum, das aus Anlass der Schwangerschaft Marie Antoinettes (1755-1793) entsteht, einen weiteren Höhepunkt seiner Karriere. 1780 wird Gossec Vizedirektor und 1782 Direktor der Opéra; 1784 wird er mit der Leitung der Ecole Royale du Chant betraut. In dieser Zeit konzentriert sich Gossec vor allem auf die Bühnenmusik, während in den 1780er Jahren nur vier Symphonien entstehen.

Trotz seiner langjährigen Unterstützung durch adelige Mäzene zeigt sich Gossec sofort von der Französischen Revolution begeistert. 1789 gibt er seine Tätigkeit an der Pariser Opéra auf und leitet das Musikkorps der Nationalgarde mit Bernard Sarette. Er ist maßgeblich an der Entwicklung einer "Bürgermusik" beteiligt, indem er Lieder, Chöre, Märsche und Bläsersymphonien komponiert, die als Freiluftmusik für Massenensembles bestimmt sind. Gossec arrangiert mehr als 40 Revolutionshymnen und Märsche und arrangiert die Marseillaise für Blasorchester. Sein Requiem für die Opfer des Sturmes auf die Bastille wird im August 1789 dreimal aufgeführt, und am 27. September 1789 erklingen Gossecs verlorenen Militärsymphonien aus Anlass der Weihe der Fahnen der Nationalgarde in Notre Dame. Für das Föderationsfest am 14. Juli 1790 komponiert Gossec ein Te Deum für Männerchor und Blasorchester, und der Totenmarsch vom September 1790, der zum Repertoire der revolutionären Musik gehört, begleitet die Überführung Voltaires (1694-1778) in das Pantheon im Jahre 1791. Die deistische Hymne "L´invocation" zählt zu den herausragenden Zeugnissen geistlicher Musik. Für den Text zeichnet meistens der Dichter Marie-Joseph Chénier (1764-1811) verantwortlich, der auch das Libretto der Revolutionsoper "Le triomphe de la République" verfasst. In Anerkennung seiner Verdienste um die neue Staatsordnung erhält Gossec den Titel "Tyrtée de la Révolution" in Anspielung auf den spartanischen Dichter Tyrtäus (7. Jh.), dessen Lieder den patriotischen Sinn seiner Mitbürger wecken sollten. Gossec gehört zu den ersten Professoren, die an der im Jahre 1795 gegründeten Académie des Beaux-Arts unterrichten. Im selben Jahr wird er in die Académie Française aufgenommen; vier Jahre später, 1799, beruft ihn die Königlich Schwedische Musikakademie als Mitglied. Bereits kurze Zeit nach der Gründung der Ehrenlegion im Jahre 1804 erhält Gossec den Titel eines Chevalier.

Trotz der äußeren Ehrungen endet die Karriere Gossecs mit dem Aufstieg Napoleons (1769-1821) und dessen Konsulat im Jahre 1799. Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts entstehen nur noch zwei bedeutende Spätwerke, eine Symphonie in 17 Sätzen (1809) und die Dernière messe des vivants im Jahr 1813, die vermutlich aus Anlass des sich abzeichnenden Endes der napoleonischen Herrschaft entsteht. Danach widmet sich Gossec vorwiegend dem Unterricht am neu gegründeten Konservatorium. Für diesen Zweck verfasst er Abhandlungen über die Gesangstechnik, Harmonielehre und den Kontrapunkt.

Nach der Restauration der Bourbonenherrschaft 1815 wird das Konservatorium 1816 von König Ludwig XVIII. (1755-1824) zeitweise geschlossen, und Gossec verliert sein Amt. Er lebt von den Pensionen des Institut National, der Ehrenlegion und des Konservatoriums. Da er von einer Veröffentlichung seiner letzten Kompositionen absieht, gerät er allmählich in Vergessenheit. Im Februar 1829 stirbt Gossec 95-jährig in der Pariser Vorstadt Passy. Der Leichenzug passiert die Stätten, an denen in der Revolutionszeit die Musik Gossecs erklang. Seine letzte Ruhe findet Gossec auf dem Friedhof Père Lachaise in der Nähe von Mehul (1763-1817) und Grétry.

Gossecs Bedeutung liegt in seinem Sinn für die musikalische Avantgarde seiner Zeit, mit der er sich auseinandersetzt, ohne die eigene Persönlichkeit aufzugeben. Bemerkenswert sind sein lyrisches Talent und der Umgang mit den Klangfarben des Orchesters.

Literatur

Fêtes et musiques de la révolution - Grétry et Gossec, Brüssel 1990.

Jacques-Gabriel Prodhomme: François-Joseph Gossec: l´homme, l´œuvre, l´artiste, Paris 1949.

Fernand Tonnard: François-Joseph Gossec, musicien hennuyer de la révolution française, Brüssel 1938.

Claude Role: François-Joseph Gossec, 1734-1829. Un musicien à Paris de l´Ancien Régime à Karl X., Paris 2000.

Umfangreiche Informationen zu Gossec bietet Dr. Heinz Anderle unter http://members.klosterneuburg.net/handerle/GOSSEC.HTM

Quellen

Le triomphe de la République ou Le camp de Grand-Pré : divertissement lyrique en 1 acte / [par M.-J. Chénier] ; musique de Gossec

 

Stefan W. Römmelt 

Empfohlene Zitierweise

Römmelt, Stefan W.: Gossec, F.-J., in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/oz10r/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 04.01.2006

Zuletzt geändert: 04.01.2006


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