Biographien

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Kurzbiogramm - Gorsas

Antoine Joseph Gorsas; * 21.09.1793 Limoges; 07.10.1793 Paris (hingerichtet).

Journalist

Der Sohn des Schusters Jean Baptiste Barthélemy kommt am 21. September 1751 in Limoges zur Welt. Seine Erziehung übernimmt ein Bediensteter des Limoger Bischofs Coëtlosquet (1700-1784), der als Hauslehrer des Duc de Bourgogne (1751-1761) sowie des Duc de Berry und späteren Ludwig XVI. (1754-1793) fungiert. 1759 folgt Gorsas seinem Mentor an den französischen Hof nach Versailles. Schulische Erfolge bringen ihm später ein Stipendium am renommierten Pariser Collège du Plessis ein, wo er auf Mitschüler wie Vergniaud (1753-1793), Cloots (1755-1794) und La Fayette (1757-1834) trifft.

Nach erfolgreich abgeschlossenem Studium kehrt Gorsas nach Versailles zurück. Er tritt in den Dienst der "Ferme générale des Domaines" und heiratet wenig später Marie-Madeleine Roudier. Sein Hauptinteresse gilt jedoch der Pädagogik. Nach einigen Jahren schriftstellerischer Tätigkeit entschließt er sich 1779, eine eigene Erziehungsanstalt zu gründen. Die Institution erfreut sich großer Beliebtheit in den Kreisen derjenigen Familien, die ihren Söhnen eine Laufbahn in den königlichen "Gardes du corps" ermöglichen wollen. 1784 wird es vom Kriegsministerium offiziell als "Maison Militaire d'Education" anerkannt.

Gesellschaftlicher Aufstieg und materielle Sicherheit erlauben es Gorsas, den Großteil seiner Zeit der Schriftstellerei zu widmen. Mit den satirisch-sarkastischen Texten seines alter ego "Critès" kultiviert er ein literarisches Talent, das ihn schließlich in das Umfeld von Mirabeau (1749-1791) führt. Zusammen mit anderen Intellektuellen erarbeitet er im Frühjahr 1786 das Pamphlet "De agiotage", das die Finanzpolitik Calonnes (1734-1802) anprangert. Gorsas wird darüber hinaus mit der Abwicklung des Drucks sowie der illegalen Einfuhr des Pamphlets in die französische Hauptstadt beauftragt. Im Herbst 1786 verlässt der Literat jedoch das "Atelier" Mirabeaus, um sich einer anderen pamphletistischen Gruppierung anzuschließen. Im Kreis um den Bankier Guillaume Kornmann trifft er auf radikale Autoren wie Brissot (1754-1793), Carra (1742- 1793), Bergasse (1750-1832) und Clavière (1735-1793), die im Geiste des Mesmerismus gegen das Akademiewesen der französischen Monarchie polemisieren.

Wie zu erwarten, bereiten die anti-akademischen Äußerungen Gorsas' dessen pädagogischer Karriere ein jähes Ende. 1788 erhebt der entrüstete Vater eines Schülers Anklage. Gorsas wird beschuldigt, angeblich die Sitten seiner Zöglinge zu verderben und darüber hinaus einen unsittlichen Lebenswandel zu führen. Der eigentliche Punkt des Anstoßes sind indes seine satirischen Schriften wie "La Cour plénière" (1788). Der Prozess geht verloren, das Bildungsinstitut wird seitens der Behörden geschlossen und sein Leiter für kurze Zeit in Bicêtre inhaftiert. Als Gorsas unmittelbar vor Eröffnung der Generalstände (05.05.1789) entlassen wird, ist sein gesellschaftlicher Ruf ruiniert. Er verkauft seine Versailler Besitztümer und begibt sich nach Paris. Fortan stellt er seine schriftstellerische Tätigkeit ausschließlich in den Dienst der Revolution.

Bereits zwei Monate nach seiner Haftentlassung hat der verbitterte Autor ausreichend Geld für die Veröffentlichung einer eigenen Zeitung gesammelt. Am 5. Juli 1789 erscheint der "Courrier de Versailles à Paris et de Paris à Versailles", ein 16-seitiges, vollständig von Gorsas verfasstes Blatt, das allmorgendlich um 8 Uhr verteilt wird. Der "Courrier" ist eine der zahlreichen parlamentarischen Zeitungen, die sich mit Debatten aus der Nationalversammlung auseinandersetzt und gemäß ihrer Gesinnung kommentiert. Antoine Joseph Gorsas ist dabei ein eifriger Fürsprecher der Revolution; sein journalistischer Stil ist satirisch, anekdotisch und entlarvend. Sein pädagogisches Anliegen besteht in der unterhaltenden Belehrung der Leserschaft. Zu den bevorzugten Opfern des "Courrier" zählt der ultrarechte Akademiker und Abgeordnete Jean-Siffrein Maury (1746-1817), der zur gleichen Zeit ähnlich sprachbegabt gegen die Patrioten agiert.

Der Courrier entwickelt sich schnell zu einem einflussreichen Blatt. Das Renommee des Herausgebers gründet auf dessen Berichterstattung unmittelbar vom Schauplatz der Ereignisse. Im Gegensatz zu prophetischen Autoren wie Marat (1744- 1793), Ideologen wie Brissot (1754-1793) oder Satirikern wie Desmoulins (1760-1794) und Rivarol (1753-1801) zählt Gorsas zusammen mit Élisée Loustallot (1762- 1790) zu den ersten "tatsächlichen" Journalisten der Revolution. Er ist es, der berichtet, wie das Bankett der "Gardes du roi" am 1. Oktober 1789 in ein gegenrevolutionäres Bekenntnis umschlägt, dessen Teilnehmer die "Cocarde tricolore" mit Füßen treten und statt dessen eine weiße "Contre-cocarde" hochhalten. Dabei weiß er die symbolische Sprengkraft des Ereignisses richtig einzuschätzen. Der Artikel vom 3. Oktober 1789, den Gorsas mehrfach öffentlich im Palais-Royal verliest, ist ein großer Publikumserfolg und zählt zu den Impulsgebern der erzwungenen Rückkehr der Königsfamilie nach Paris am 5. und 6. Oktober des Jahres.

In der Ausgabe vom 18. Oktober feiert der "Courrier" die Heimkehr der politischen Macht in die Hauptstadt - und damit seinen eigenen Erfolg. Gorsas nimmt das Ereignis darüber hinaus zum Anlass, die Zeitung in "Courrier de Paris dans les provinces" umzubenennen. Aufgrund der steigenden finanziellen Einkünfte trennt er sich von seinem Verleger Quillau und richtet eine eigene Produktionswerkstatt in der Rue Tiquetonne ein. Fortan ist er in der Lage, die landesweit verbreitete Zeitung vollends zu kontrollieren. Zeitgleich muss er sich vergeblich zahlreicher Imitationen, Raubdrucke und Konkurrenzen zu erwehren. So existieren seit Juli 1789 unter anderem ein "Courrier national" und ein "Courrier nocturne"; ab April 1790 erscheint darüber hinaus ein "Courrier de l'aurore". Auch wird die royalistische Presse nicht müde, gegen den ihr verhassten Journalisten ins Feld zu ziehen. Gorsas wird zu zahlreichen Duellen herausgefordert, denen er sich zu entziehen weiß, und sieht sich mit tätlichen Angriffen konfrontiert.

Über seine journalistischen Fähigkeiten hinaus verfügt der strikt antiklerikale Gorsas über ein ausgeprägtes Organisationstalent, was ihn zu Beginn der Revolution zu einer der markanten Persönlichkeiten des Palais-Royal werden lässt. Dort veranstaltet er zusammen mit Gleichgesinnten karnevaleske "Journées comiques", bei denen die Werte des Ancien Régime systematisch verspottet werden. Die grotesken Aufführungen gipfeln in der blasphemischen Zeremonie vom 3. Mai 1791, in deren Zentrum die feierliche Verbrennung einer Puppe des Papstes Pius VI. (1755-1799) steht.

In den Reihen der Revolutionäre genießt Gorsas die Unterstützung von Brissot, Mercier (1740-1814) und zunächst auch von Desmoulins. Zu seinen Kritikern zählen indes Marat und Hébert (1757-1794). Ersterer bezichtigt ihn ab Oktober 1789 des Moderantismus und bezeichnet ihn abfällig als Volksunterhalter. Hébert hingegen erblickt im "Courrier" eine unmittelbare Konkurrenz für seine eigene Zeitung, den "Père Duchesne", und mokiert sich über dessen mangelnde literarische Qualität. Weder die Kritik aus dem Lager der Revolutionäre noch die Attacken der Royalisten vermögen jedoch den Erfolg des "Courrier" zu beeinträchtigen, der nicht zuletzt einen bedeutenden propagandistischen Beitrag zu den Volksaufständen vom 20. Juni 1792 und dem Sturm auf die Tuilerien am 10. August leistet. Als Reaktion auf die Ereignisse distanziert sich das Organ, welches sich noch am 10. Juni des Jahres für ein Königtum ausgesprochen hat, erstmals deutlich von der Monarchie: "Plus de Roi, mort aux tyrans! Liberté, Egalité!".

Am 10. September 1792 wird Antoine Joseph Gorsas vom Departement Seine-et-Oise in den Nationalkonvent gewählt. Seit dem 10. Januar 1793 zählt er zu dessen Sekretären. Im Prozess gegen Ludwig XVI. votiert er vergebens für einen Volksentscheid. Zu diesem Zeitpunkt ist der "Courrier" ein uneingeschränktes Sprachrohr der machthabenden Girondisten und agiert gegen die führenden Abgeordneten der Bergpartei. Die Parteinahme für die Girondisten und die offen ausgetragene Feindschaft mit Marat führen jedoch zu seinem Fall. Die Druckerei wird am 9. März 1793 gestürmt, sämtliche Pressen zerstört; der Herausgeber und seine Familie fürchten um ihr Leben. Der politische Einfluss Gorsas' schwindet einen Monat später, als Marat, für dessen Anklage er sich am 13. April 1793 im Konvent ausgesprochen hat, wider Erwarten vom Revolutionstribunal freigesprochen wird. Die zunehmende Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der Montagnards im Vorfeld der Terreur setzt der Karriere Gorsas' ein Ende.

Am 14. Mai 1793 veröffentlicht die Pariser Kommune ein Flugblatt, das unter dem Titel "Le Gorsas d'autrefois et le Gorsas d'aujourd'hui" unter anderem dessen widersprüchliche Äußerungen zur französischen Monarchie dokumentiert. Nach der Umstellung des Konvents (31.05.1793) und der Entmachtung der Girondisten am 2. Juni 1793 stellt Gorsas die Produktion des "Courrier" endgültig ein und flüchtet ins normannische Caen. Dort beteiligt er sich im Sommer an der "Insurrection du Calvados" gegen die französische Hauptstadt. Er zieht daraufhin weiter nach Rennes, wo er bei seiner Tochter unterkommt. Fern von Paris fühlt er sich jedoch isoliert und nutzlos, so dass er den Entschluss zur heimlichen Rückkehr in die Hauptstadt fasst. Ab dem 2. Oktober 1793 lebt er dort bei seiner Mätresse Brigitte Mathey. Er begeht allerdings den Fehler, sich öffentlich in deren "Cabinet de lecture" am Palais Royal zu zeigen, wo er am 6. Oktober erkannt und festgenommen wird.

Da der Konvent eine Anhörung verweigert, wird Gorsas am Morgen des 7. Oktobers 1793 direkt dem Revolutionstribunal vorgeführt. Dort hat man lediglich seine Schuld festzustellen und das Strafmaß festzulegen. Nach Verkündigung des Todesurteils versucht Gorsas vergeblich das Wort zu ergreifen, bevor er sich ohne Widerstand in die Conciergerie zurückführen lässt. Drei Stunden später wird er zusammen mit dem Geistlichen Guischard zur Place de la Révolution [Place de la Concorde] überführt. Die lange Unterhaltung der beiden auf dem Weg durch die Menge wird von der Presse spöttisch als "letzte Beichte" des gefallenen Journalisten interpretiert. Antoine Joseph Gorsas ist der erste Konventsabgeordnete, welcher der Guillotine zum Opfer fällt.

Literatur

Antoine de Baecque: Les Éclats du Rire. La Culture des Rieurs au XVIIIe siècle, Paris 2000.

Robert Darnton: La Fin des Lumières. Le mesmérisme et la Révolution, Paris 1984.

Louis Guibert: Un journaliste girondin, Gorsas, Limoges 1871.

J. Bénétury: L'Atelier de Mirabeau, Paris 1962.

Quellen

[Fêtes et cérémonies révolutionnaires]

Le courrier de Versailles à Paris et de Paris à Versailles : 5 juillet [-17 octobre] 1789. [4] / [Par A.-J. Gorsas.]

 

Lars Schneider 

 

Empfohlene Zitierweise

Schneider, Lars: Gorsas, A.J., in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/oz10q/

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Erstellt: 03.01.2006

Zuletzt geändert: 03.01.2006


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