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Christian Groh

Pforzheim – 23. Februar 1945

 


Abb. 1: Blick auf die völlig zerstörte Innenstadt, Sommer 1945 [Stadtarchiv Pforzheim]

Vorgeschichte der Bombardierung

Schon auf Grund der geringeren Größe und der vergleichsweise geringen Prominenz der Stadt in Vorkriegszeiten hat das Schicksal Pforzheims während des Bombenkriegs nicht die gleiche nationale und internationale Aufmerksamkeit gefunden wie etwa das Hamburgs, Dresdens oder Kölns. Wie Dresden wurde auch die ehemals für seine Schmuckwaren- und feinmechanische Industrie berühmte Stadt am nördlichen Schwarzwaldrand erst spät von alliierten Luftverbänden ins Visier genommen. 

Der erste Luftangriff auf die Stadt wurde am 1. April 1944 von US-amerikanischen Bombern geflogen. Diesem ersten Angriff mit vergleichsweise geringen Schäden und 95 Opfern folgten weitere, am folgenreichsten diejenigen am Heiligen Abend des Jahres 1944 und am 21. Januar 1945.

Erstmals war die Stadt im November 1944 auf einer Zielliste der Alliierten Luftkriegsstrategen aufgetaucht. Sie hatte dort zu einer Auswahl von Städten gehört, denen auf einer fünfstufigen Skala die geringste Priorität eingeräumt wurde, die sich aber für Flächenangriffe eignen würden, weil Transportanlagen durch eng bebautes, brandanfälliges Stadtgebiet führten. Tatsächlich dienten die Bahnanlagen und Straßen Pforzheims der Verlegung und Verschiebung von Truppen und Rüstungsgütern. Die feinmechanische Industrie hatte seit 1942 weitgehend auf Rüstungsproduktion umgestellt, was den britischen und amerikanischen Entscheidungsträgern durchaus bekannt war. 

Schon in einer Zielanalyse für das Bomber Command der Royal Air Force (RAF) vom 28. Juni 1944 hieß es, dass Pforzheim "one of the centres of the German jewellery and watch-making trades and is therefore likely to have become of considerable importance in the production of precision instruments" war.

Zum Verhängnis musste der Stadt werden, dass ihre Industrie nicht in großräumigen Fabriken außerhalb des Stadtzentrums, sondern in zahlreichen Klein- und Kleinstbetrieben organisiert und in Wohngebiete integriert war oder, wie es die 2. Ausgabe des "Bomber’s Baedeker", dem "Guide of Importance of German Towns and Cities", im August 1944 formulierte, "almost every house in this city is a small workshop". Daneben, auch das erfuhren die Piloten durch "Bomber’s Baedeker", gab es größere Fabriken im Süden bzw. eine im Norden der Stadt.

Anders als in Teilen der Literatur dargestellt und gerne in der Bevölkerung kolportiert, bestand der militärische Wert Pforzheims eben nicht "aus seiner vollständigen militärischen Wertlosigkeit" oder allein aus seiner „Brennbarkeit“ (1). Es gab sehr wohl kriegsrelevante Ziele, kriegsentscheidend war wohl keines. Gleichwohl war auch dem britischen Bomber Command bewusst und dessen Oberkommandierender Arthur T. Harris nahm in Kauf, dass neben den industriellen Zielen zwangsläufig Wohngebäude getroffen würden. Der Einsatzbefehl des Bomber Command nannte als Absicht des Angriffs, "to destroy built up area and associated industries and rail facilities".

Angesichts der Häufung von Luftangriffen auf Pforzheim im Spätjahr 1944 stellte sich auch hier die bange Frage, ob die Goldstadt "auch noch der Vernichtung anheim fallen würde", wie es der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs herausgebrachte Verwaltungsbericht formuliert. Am 23. Februar 1945 sollte die schreckliche Antwort folgen.

Der Angriff

Um 19 Uhr 45 wurde durch Sirenen das Signal „Akute Luftgefahr“ gegeben. Die Pforzheimer eilten wie so häufig in den vergangenen Monaten in die Luftschutzräume. Fünf Minuten nach dem Signal näherten sich aus westlicher Himmelsrichtung die ersten Flugzeuge der Royal Air Force. Insgesamt 368 Maschinen flogen einen der folgenreichsten Angriffe des Zweiten Weltkriegs und ließen in nur 22 Minuten Bomben im Gesamtgewicht von 1575 Tonnen auf die Goldstadt nieder. Das Gemisch aus Spreng- und Brandbomben, Brandkanistern und Luftminen wirkte sich in der Innenstadt mit ihren engen Straßen und Gassen katastrophal aus. Große Flächenbrände vereinigten sich schnell zu einem gewaltigen Feuersturm.

Wegen des Ausfalls der Löschwasserversorgung konnte die Feuerwehr nichts mehr ausrichten. Auf einer Länge von drei Kilometern und einer Breite von eineinhalb Kilometern brannten sämtliche Gebäude komplett aus. Menschen, die sich nicht rechtzeitig aus der Innenstadt in die Außenbezirke oder in Keller retten konnten, waren ohne jegliche Überlebenschance. Aber auch in den unterirdischen Luftschutzräumen starben viele Menschen, da die Flammen des Feuersturms den Sauerstoff aus den Kellern raubten. Wer dem Erstickungstod durch Flucht auf die Straßen zu entkommen suchte, verglühte in den Flächenbränden oder im Feuersturm. Nicht wenige von denen, die sich in die Flüßchen Enz und Nagold gestürzt hatten, um dem Verbrennungstod zu entgehen, ertranken:

"Plötzlich hieß es, das ganze Haus brennt, wir müssen ins Wasser springen. … Weder ich noch meine Kinder konnten schwimmen. So dachte ich in meinem Entsetzen: Ich muss zuerst aus dem Kellerfenster in die Enz springen und versuchen, ob man stehen kann. Ich sprang hinab und konnte tatsächlich im Wasser Grund spüren. [...] Meine Tochter schrie von oben, sie halte es vor Hitze nicht mehr aus. Ich hieß sie herabspringen. Ich fing sie auf: 'Wo hast du den Karl-Heinz? Es ist niemand mehr im Keller!'"(2)

 


Abb. 2: Blick auf die Stadkirche, Sommer 1945 [Stadtarchiv Pforzheim]

Auswirkungen

Das Ausmaß der Zerstörung offenbarte sich in den Tagen nach dem Angriff, nachdem zunächst weite Teile der Stadt auf Grund von Bränden und der Hitze lange Zeit nicht begehbar waren. In seinem Tagebuch schildert ein Überlebender den Gang durch die zerstörte Stadt: "Kein Haus mehr! … Keine Reichsbank mehr, keine Oberrealschule, kein Gymnasium. [...] Im Wasser schwammen Tote. [...] Das Bohnenberger Schlößchen, unter dem sich ein großer Luftschutzkeller befand, hatte mehrere Volltreffer erhalten. Ein Dutzend Tote lag vor dem Eingang. [...] Die Toten hatten alle Schaum vor dem Mund. Der Luftdruck tötete sie."

Der Auswertungsbericht K.3838 der RAF vom 12. März 1945 fasste zusammen: "The attack on the night of 23/24 FEB 1944 [Datumsfehler im Original] has reduced the buildings in the greater part of the town to hollow shells or heaps of rubble. Most of the identifiable factories, including seven of priority 3 rating, have been destroyed or severely damaged."

Auf die Gesamtfläche berechnet waren mehr als zwei Drittel der Stadt zerstört, auf den Innenstadtbereich bezogen liegt die Quote zwischen 80 und 100 Prozent. Waren im Innenstadtbereich „Marktplatz“ 1939 noch 4112 Anwohner registriert, lebte hier nach dem Februar 1945 auf Jahre hin niemand mehr. Gemessen an der Gesamtgröße ist der Zerstörungsgrad Pforzheims vergleichbar mit dem Dresdens und Krefelds.

Neben sämtlichen Wohn- und Fabrikgebäuden der Innenstadt zerstörte der Angriff auch Kirchen, Schulen, Krankenhäuser, Bäder und andere Einrichtungen. Nicht gering zu schätzen ist außerdem der Verlust an Zeugnissen der Vergangenheit. Archiv- und Kulturgut aus dem Mittelalter war schon in früheren Jahrhunderten, während des Dreißigjährigen Krieges und der Pfälzischen Erbfolgekriege verloren gegangen. Die damals jüngeren Bestände des Städtischen Museums und des Stadtarchivs waren erst im Herbst 1944 auf Anordnung der Wehrmacht aus Westwallbunkern zurück nach Pforzheim geholt worden. Im Keller der Hildaschule wurden sie ein Opfer der Flammen.

Schadenskarte von Pforzheim: PDF (580 KB) anzeigen [Stadtarchiv Pforzheim] 

 

Die nach wie vor zuverlässigste Schätzung der Opfer des 23. Februar 1945 in Pforzheim geht von 17.600 Luftkriegstoten aus. Die letzte Vorkriegsvolkszählung hatte im Mai 1939 eine Bevölkerung von rund 79.000 Menschen ergeben. Somit starb rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. Noch Jahre später wurden im Zuge der Trümmerbeseitigung Leichenfunde gemacht. Zur Zeit des Angriffs hielten sich auch Flüchtlinge, Soldaten und Zwangsarbeiter in Pforzheim auf, was eine genaue Zählung der Opfer erschwerte. Eine Aufstellung des Arbeitsamts von 1942 sprach von 2980 Ausländern in Pforzheim. Die genaue Zahl der am 23. Februar umgekommenen Zwangsarbeiter aus dem Ausland läßt sich nicht mehr feststellen.

Nach dem 23. Februar 1945 sollte es noch 54 Tage dauern, bis französische Truppen die Stadt komplett besetzt hielten. Am 18. April schließlich war die Stadt vom Nationalsozialismus befreit. Als am 8. Juli US-amerikanische Truppen die Stadt übernahmen, faßten diese die Situation zusammen: "The city of Pforzheim was severely damaged by aerial bombing, about 85% of the buildings in the Stadtkreis of Pforzheim were destroyed. Nothing had been done toward clearing the city except the removal of the rubble and debris from the main roads through the town. Housing facilities were very much overcrowded and in some instances unsanitary. The work of removing the cadavers from the destroyed sections of the city was in progress."(3)

Die US-amerikanische Militärregierung besetzte die Verwaltung neu. Unter anfangs strenger Kontrolle der US-Offiziere gingen deutsche Verantwortliche an den Wiederaufbau, den Alfred Döblin für unmöglich gehalten hatte. Nach einem Besuch der Stadt hatte er in einem Brief berichtet: "Das Tollste ist Pforzheim; vom Erdboden verschwunden, rasiert, komplett kurz und klein geschlagen. Keine Menschenseele mehr vorhanden. Pforzheim kannst Du vom Atlas streichen."(4)

Wiederaufbau und Rezeption

Die Stadt ist auch in der Folgezeit in Atlanten zu finden. Allerdings hat sich deren Antlitz so grundlegend gewandelt, dass sich ihre Jahrhunderte alte Geschichte nicht auf den ersten, ja kaum auf den zweiten Blick erschließt. Der Wiederaufbau setzte auf Modernität und die autogerechte Stadt.

Das Konzept des Strategischen Bombenkriegs, entwickelt vor dem Hintergrund der zermürbenden und opferreichen Stellungskämpfe des Ersten Weltkriegs, um Kriege abzukürzen und damit Menschenleben zu schonen, hatte weniger als drei Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs auch Pforzheim erreicht. Wie wörtlich die Vokabel des von den Nationalsozialisten herbei geführten "Totalen Krieges" zu nehmen war, offenbarte sich in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, spiegelt sich aber auch heute noch in der Modernität des Stadtbildes wieder.

Pforzheim verfügt über mehrere Erinnerungsorte, die zum Gedenken an den Zweiten Weltkrieg mahnen. Diese und die Tatsache, dass sich seit 1946 jedes Jahr am 23. Februar eine unterschiedlich große Zahl von Menschen an der Gedenkstätte für die Bombenopfer auf dem Hauptfriedhof versammeln, widerlegen die These vom "Tabu", das angeblich annähernd sechzig Jahre bestanden habe. Schon 1963 waren Berichte von Zeitzeugen des schweren Luftangriffs auf Pforzheim herausgegeben worden. Gesprochen und geschrieben über den Luftkrieg wurde also schon lange vor Sebalds Kritik Ende der 1990er Jahre, die Bombenkriegserfahrung sei "nie wirklich in Worte gefasst und … an die später Geborenen weitergegeben worden"(5).

 

Anmerkungen

1) So Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945. München 7 2002, S. 112.

2) Esther Schmalacker-Wyrich (Hg.): Pforzheim 23. Februar 1945. Der Untergang einer Stadt in Bildern und Augenzeugenberichten. Pforzheim 1995, 84.

3)OMGUS 5/10-2/12.

4) Alfred Döblin: Briefe II. Düsseldorf/Zürich 2001, S. 217.

5) W. G. Sebald: Luftkrieg und Literatur. München/Wien 1999, S. 6.

 

Literaturauswahl

[Dreiundzwanzigster] 23. Februar 1945. Augenzeugenberichte vom großen Fliegerangriff auf Pforzheim, bearb. von Esther Schmalacker-Wyrich. Pforzheim 1963.

Friedrich, Jörg: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945. München 2002. [Pforzheim: S. 28, 108f, 112f, 116, 167, 277, 312, 359, 431, 433f, 465]

Groehler, Olaf: Zielort Pforzheim - Alliierter Bombenangriff 1945. Vortrag, gehalten am 23. 2. 1990 bei der Reuchlingesellschaft Pforzheim im Reuchlinhaus. Pforzheim 1992. (= Pforzheimer Hefte 1).

Groh, Christian: „Sehen wir Pforzheim!“ Der Bombenkrieg als Trauma der Stadtgeschichte. In: Bettina Fraisl/Monika Stromberger (Hg.): Stadt und Trauma. City and Trauma. Annäherungen - Konzepte - Analysen. Würzburg 2004, S. 123-143.

Massow, F. F. von: La Reconstruction de Pforzheim: Histoire, Conceptions et Idées-Force de l'Urbanisme de l'Après-Guerre. In: Dieudonné, Patrick: Villes Reconstruites du Dessin au Destin. Vol. II. O. O. 1994. S. 358-368.

Michel, Walter: Pforzheim. Das Stadtgeschehen 1939-1945. Veröff. von der Stadtverwaltung. Pforzheim [1954].

Moessner-Heckner, Ursula: Pforzheim, Code Yellowfin. Eine Analyse der Luftangriffe 1944-1945. Sigmaringen 1991. (=Quellen u. Studien z. Gesch. d. Stadt Pforzheim. Bd. 2). 

Pforzheim 23. Februar 1945. Der Untergang einer Stadt. In Bildern u. Augenzeugenberichten. Hrsg. u. bearb. von Esther Schmalacker-Wyrich. 3. Aufl. Pforzheim 1980. 

Pross, Marianne: „Die Einschläge kommen näher“. Aus den Tagebüchern 1943-1945 von Friedrich Adolf Katz, 1945-1947 Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim. Pforzheim 1995. (Pforzheimer Hefte 2.). 

W. G. Sebald: Luftkrieg und Literatur. München/Wien 1999.

Werner, Johannes: Wir wußten weder ein noch aus. Ein unbekannter Bericht über den Untergang von Pforzheim im Februar 1945. In: Pätzold, Stefan (Hrsg.): Neue Beiträge zur Stadtgeschichte III. Ostfildern 2003. S. 229-231.

 

 

Empfohlene Zitierweise

Groh, Christian: Pforzheim - 23. Februar 1945, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ipz12o/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.03.2006


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