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Tobias Picard

Frankfurt am Main im Luftkrieg

 


Abb. 1: Frankfurt/Main 1944
(weitere Aufnahme: www.frankfurt1933-1945.de)

Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt insgesamt 54 Luftangriffen und 15 Tieffliegerangriffen ausgesetzt. Der schwerste Angriff ereignete sich am Abend des 22. März 1944. In dieser Nacht wurde eine der schönsten und bedeutendsten mittelalterlichen Städte Deutschlands vernichtet und - als Folge des nationalsozialistischen Größenwahns - in einem Bombenhagel seiner ursprünglichen Identität beraubt.

Die ersten Luftangriffe

In Frankfurt gab es zahlreiche Industriebetriebe, die für die Wehrmacht arbeiteten: VDM/Heddernheimer Kupferwerke stellten Flugzeugteile her, VDO-Tachometer produzierten Instrumente und Messgeräte und die Firma Alfred Teves Bremssysteme. Auch IG-Farben, Naxos Union, Messer Griesheim, Hartmann & Braun, Lurgi Apparatebau sowie Voigt & Haeffner fertigten kriegswichtige Artikel. Frankfurt wurde daher mit Offenbach und Oberursel in die oberste Schutzkategorie eingestuft. Bis Ende 1939 waren über 200 öffentliche Luftschutzräume fertiggestellt, auch in Kaufhäusern, Kinos und Hotels. Dazu kamen 24 Luftschutzrettungsstellen.

Im Februar 1940 erhielten alle Hausbesitzer die Auflage, ihre Luftschutzkeller fertig zu stellen und - besonders in der Altstadt - Durchbrüche zu den Kellern der Nachbarhäuser herzustellen. Darüber hinaus wurden im ganzen Stadtgebiet Löschwasserbecken angelegt. In der Nacht zum 4. Juni 1940 nahmen 24 britische Bomber die Öltanks im Osthafen ins Visier, aber nur zwei Maschinen warfen ihre Ladung über dem Stadtgebiet ab. Dabei kamen am Rebstock und in Nied elf Menschen ums Leben. Am Abend des 7. Juni erschienen fünf französische Maschinen über den westlichen Stadtteilen. Eine warf vier Sprengbomben zu 400 Pfund und zehn Brandbomben über Höchst ab. Drei Häuser wurden zerstört, drei junge Familien getötet. Die Einschlagstellen lockten viele Schaulustige an. Parteifunktionäre standen in voller Uniform daneben, einen Finger rührten sie nicht.

Am 29. August 1941 steuerten erstmals mehr als 100 britische Flugzeuge Frankfurt an, in der Nacht zum 13. September waren es fast 150. 74 Wohnhäuser wurden beschädigt, neun Menschen getötet. Bei diesem Angriff wurden zum ersten Mal Flüssigkeitsbrandbomben eingesetzt. Am 22. Februar 1942 übernahm General Arthur Harris den Befehl über das britische Bomber Command. Sein Ziel war es, die zum Feind erklärte Bevölkerung der Städte durch Flächenbombardements zu „enthausen“, ihre Moral zu brechen und das Reich zur Kapitulation zu zwingen. Am 25. Juli 1942 erfolgte der erste britische Tagesangriff auf Frankfurt. Zwei Wochen später griffen 226 Flugzeuge die Stadt an. Erstmals waren viermotorige Lancaster sowie Pfadfinder-Flugzeuge dabei, die Zielmarkierungen abwarfen. Trotzdem fiel der größte Teil der für Frankfurt bestimmten Bomben auf Orte der Umgebung. Im Januar 1943 beschlossen Briten und Amerikaner, ihre Luftstreitkräfte zu bündeln. Am 11. April setzten die Bombardements auf Frankfurt erneut ein, und immer wieder lösten Störflugzeuge Luftwarnungen oder Alarme aus, die die Bevölkerung beunruhigten oder um den Schlaf brachten.

Die Drohungen werden wahr: die Großangriffe am 4. Oktober 1943 und 29. Januar 1944

Am späten Vormittag des 4. Oktober 1943 attackierten amerikanische Verbände die Heddernheimer Kupferwerke, und um 20.59 Uhr heulten erneut die Sirenen. Von 21.30 bis 22.00 Uhr detonierten 650 Luftminen, fielen 217.000 Stabbrandbomben und 16.000 Flüssigkeitsbrandbomben aus über dreihundert britischen Flugzeugen. Der Morgen zeigte das ganze Ausmaß der Zerstörungen: das Innere des Römers war verwüstet, schwer getroffen das Gebiet zwischen Liebfrauenberg, Kleinmarkthalle und Töngesgasse. Über den Riederwald, Seckbach, Bornheim, Friedberger Anlage, Ostbahnhof, Hanauer Landstraße, Oberrad und das östliche Sachsenhausen erstreckte sich eine Zone der Vernichtung. Die Firmen Voigt & Haeffner, Schade & Füllgrabe sowie über dreißig weitere wurden schwer beschädigt, ebenso die Großmarkthalle und das Krankenhaus an der Gagernstraße. Besonders schlimm wurde das Viertel um den Zoo heimgesucht. Auf dem Waldfriedhof Oberrad wurden 587 Tote bestattet. Sechs Tage nach dem Angriff inszenierte die Partei vor dem Opernhaus eine pompöse Trauerfeier.

Nach weiteren Angriffen in der Nacht zum 26. November und am Abend des 20. Dezember 1943 hatten die Frankfurter vier Wochen lang Ruhe. Am 29. Januar 1944, einem Samstag, heulten erneut die Sirenen. Bei geschlossener Wolkendecke überflogen mehr als 800 amerikanische Bomber, vor allem „Fliegende Festungen“, die Stadt. Von 11.00 bis 11.30 Uhr warfen sie 5000 Sprengbomben und zehntausend Brandbomben. Die Einschläge verteilten sich über das gesamte Stadtgebiet. Der Angriff forderte über 900 Tote, die meisten waren verschüttet worden. Die Zünder der Sprengbomben waren so eingestellt, dass sie die Stockwerke durchschlugen und oft erst im Parterre oder Keller explodierten. Viele Frankfurter verloren daher das Vertrauen in die Schutzräume und suchten bei späteren Angriffen die Bunker auf. Beinahe 3000 Wohnhäuser waren zerstört worden, des weiteren über 100 Wirtschaftsgebäude und mehr als 30 öffentliche Bauten, darunter Schauspiel- und Opernhaus, viele Museen, Kirchen, Schulen und Krankenhäuser sowie die Flak-Kaserne in Hausen. Die Oberleitungen der Straßenbahnen waren zerstört, die Versorgung mit Wasser, Gas und Strom blieb auf längere Zeit unterbrochen; die Schulklassen wurden mit ihren Lehrern aufs Land verlegt.

Die Alliierten ließen der Stadt keine Pause. Am späten Vormittag des 8. Februar 1944 nahmen 88 amerikanische Bomber die Rüstungsfirma Alfred Teves ins Visier. Die Amerikaner setzten zwar auch diesmal Präzisionszielgeräte ein, trafen aber hauptsächlich Wohngebiete in Bockenheim und im Gallusviertel sowie die Firmen Hartmann & Braun, Bosch, Pokorny & Wittekind, die Bauersche Giesserei und andere. 348 Menschen kamen ums Leben. Es wären wohl noch mehr gewesen, hätte man nicht schon vorher viele Betriebe teilweise ins Umland verlagert.

Der Feuersturm: die Großangriffe im März 1944

In den frühen Abendstunden des 18. März nahmen etwa 750 Bomber Kurs auf die Mainstadt. Um 21.13 Uhr verkündete das Heulen der Sirenen „Vollalarm“, um 22.17 war der Angriff zu Ende. 1300 Sprengbomben bis zu 8000 Pfund, 600.000 Stabbrandbomben und 50.000 Flüssigkeitsbrandbomben waren auf Frankfurt niedergegangen. Besonders der Stadtkern war schwer getroffen, aber auch Rödelheim, Niederrad und das Gutleutviertel. 421 Menschen kamen ums Leben, über 50.000 wurden obdachlos. Mehr als 7000 Wohngebäude waren zerstört oder stark beschädigt. Schwerste Schäden erlitten das Heilig-Geist-Hospital, das Fischerfeld, die Bahnhöfe, das Gaswerk Ost sowie viele andere öffentliche Bauten. Fünfzig Industriewerke wurden zerstört, und auch die Höchster Farbwerke hatten schwere Treffer erhalten. Von der Alten Brücke bis zur Konstablerwache dehnte sich eine breite Schuttschneise. Die Fahrgasse mit ihren Nebengassen war von Sprengbomben förmlich umgepflügt. Viele Menschen, die beruflich nicht gebunden waren oder auswärts unterkommen konnten, verließen die Stadt. Die anderen verband ein wachsendes Zusammengehörigkeitsgefühl, das noch stärker war, als die nationalsozialistische Propaganda es wünschte.

Eine Steigerung dieses Infernos konnte sich kaum jemand vorstellen, doch schon vier Tage später erlebte Frankfurt einen Angriff von bisher noch nicht gekannter Wucht, der das gesamte Stadtgebiet traf. Als der Rundfunk um 20.15 sein Abendprogramm begann, hatten etwa 800 britische Lancaster-, Halifax- und Mosquitobomber bereits Kurs auf Frankfurt genommen, um der Stadt den Todesstoß zu versetzen. Der Angriff kam völlig überraschend, denn die Luftabwehr war durch einen Scheinangriff auf Kassel getäuscht worden. Als die Luftwarnzentrale um 21.45 Uhr den Alarm auslöste, war die gewaltige Armada bereits über dem Stadtzentrum und warf in drei Wellen ihre Last ab.

Die gesamte westliche Altstadt stand in Flammen. In Schutzräumen unter dem Römer und in der Alten Mainzer Gasse hatten rund 800 Menschen Schutz gesucht. Hier gelang es einem Feuerwehroffizier, die Keller gegen den Willen der Luftschutzwarte räumen zu lassen und die Menschen durch unterirdische Gänge zum Notausstieg am Gerechtigkeitsbrunnen zu führen. Aus vielen Altstadtkellern kamen die Menschen, denen die Wege durch den Feuersturm versperrt waren, hier ans Licht. Vom Main her wurden sie von der Feuerwehr ständig unter Wasser gehalten und durch das Fahrtor zum Ufer geschleust. Auch um Hauptwache, Schillerstraße, Börse und Hauptpost brannte alles. In der ganzen Stadt gingen Bomben nieder, auch in den äußeren Bezirken im West-, Nord- und Ostend. Hier standen allerdings keine Fachwerkhäuser, die sofort nieder brannten. Manche Bewohner versuchten daher, zu löschen und Hausrat zu bergen

Allen war klar, dass dieser Angriff die bisherigen an Schwere und Heftigkeit übertroffen hatte. 1001 Tote wurden erfasst. Die unterirdischen Verbindungs- und Fluchtwege in der Altstadt hatten eine noch größere Zahl von Opfern verhindert. Dort, wo Menschen in den Schutzräumen ums Leben kamen, hatten diese die Durchbrüche nicht mehr rechtzeitig durchschlagen können, waren erstickt oder durch die Druckwellen naher Bomben ums Leben gekommen. Andere waren beim Versuch, ihre Häuser zu löschen, getötet worden, wieder andere konnten nicht mehr rechtzeitig einen Schutzraum erreichen und wurden in den Feuersturm hineingezogen. Rund 7000 Gebäude waren zerstört oder schwer beschädigt worden, über 9000 Brände wurden gezählt, mehr als 120.000 Menschen wurden obdachlos. Was der Angriff vier Tage zuvor in der Altstadt noch übrig gelassen hatte, war jetzt vernichtet: die Häuser von Saalgasse, Bendergasse, Tuchgaden, Alter Mainzer Gasse, Neuer Kräme, Großem Hirschgraben, Kornmarkt, Weißadlergasse, Großer Sandgasse, Holzgraben, Römerberg usw. Schwer getroffen waren auch Industriebetriebe an der Mainzer Landstraße, die Stadtteile Bockenheim und Rödelheim, Gleisanlagen und die Häuser beiderseits der Bockenheimer Landstraße.

Frontstadt Frankfurt

Am 24. März gab es gegen 9.00 Uhr wieder Alarm. 175 amerikanische Maschinen warfen Bomben auf das Stadtzentrum. Sie trafen auch die Bergungsmannschaften und die Särge mit den Toten, die reihenweise auf den Trümmern standen, sowie Frauen, Kinder und ältere Menschen, die in der Nähe des Bahnhofs auf ihre Evakuierung warteten. Nach den Angriffen vom 18., 22. und 24. März 1944 erklärte der Gauleiter Frankfurt am Main zur „Frontstadt“. Nach den Angriffen waren Bereitschaften aus ganz Südwestdeutschland nach Frankfurt gekommen. Über 8000 Helfer packten an, wieder waren viele Kriegsgefangene und Fremdarbeiter darunter. In den ersten Tagen erhielten rund 180.000 Menschen Verpflegung aus mobilen Küchen der NSV. Die Kritik am ungenügenden Einsatz der Löschkräfte konnten diese leicht zurückweisen: besonders in der Altstadt hatte sich ein Feuersturm entwickelt, der jede Hilfe unmöglich machte und die Bevölkerung zwang, das Gebiet zu verlassen. Die Straßen waren durch Trümmer und Hitze unpassierbar und mehrere Feuerwachen hatten Treffer erhalten. Hinzu kam, dass sich an diesem Tag kein Wasser mehr im Trink- und Flusswassernetz befand, denn bei den vorangegangenen Angriffen waren gezielt Wasserleitungen bombardiert worden.

Am vierten Tag nach den Angriffen ließen die Nationalsozialisten einen Spielmannszug zur Hebung der Moral aufmarschieren und nahmen den Menschen ein Treuegelöbnis auf den Führer ab - daneben rauchten noch immer die Trümmer, gruben verzweifelte Menschen nach Angehörigen oder Resten ihrer Habe. An manchen Hauswänden las man jetzt Durchhalteparolen: „Wir trotzen dem Terror“, „Führer befiehl, wir folgen“ und „Jetzt erst recht“. In der Biebergasse bekannte sich ein Friseur zum Regime: „Was auch passiert, es wird weiter rasiert!“ Die Rhein-Mainische Zeitung forderte am 26. März Berufstätige und Soldaten auf, die Stadt nicht zu verlassen: “Wir stehen Mann bei Mann und Frau bei Frau auf unserem Verteidigungsabschnitt in der großen Heimatfront und schwören voller Hass und Ingrimm gegen den bestialischen Feind uns und unserem Volke: Frontstadt Frankfurt wird gehalten!“

In den Märzangriffen waren mehr als 180.000 Menschen obdachlos geworden, etwa 150.000 verließen die Stadt. Die Innenstadt war nahezu vollständig zerstört worden; Außenbezirke und Vororte waren unterschiedlich betroffen. Besonders gelitten hatten Rödelheim, Bockenheim und Oberrad. Trümmermassen blockierten die Straßen, Kanalanlagen und Gasversorgung waren zerstört. Umgehend begannen die Instandsetzungsarbeiten. Das Stromnetz war schon zum 1. April 1944 funktionsfähig, Mitte Mai fuhren die Straßenbahnen wieder. Behörden, Banken und Geschäftsleute wurden aufgefordert, an den Trümmern ihrer Häuser ihr neues Domizil anzuschlagen. Pendler versuchten, mit allen möglichen Fahrzeugen zu ihrer Firma zu gelangen. Einsturzgefährdete Ruinen wurden gesprengt und Fachleute versuchten, Reste historischer Bauten zu retten. In manchen Kellern hatten sich Leute eingerichtet und neue Briefkästen angebracht. Auf Trümmern lagen Schilder von Geschäftsleuten: „Die Schuhmacherei geht weiter“, an andere Stelle verwies ein Lebensmittelgeschäft auf seine neue Adresse.

Die Stimmung in der Bevölkerung erholte sich nicht. Gerüchte über eine bevorstehende Invasion wurden lauter. In geheimen Berichten meldeten die Frankfurter NSDAP-Zellen eine Zunahme kritischer Wandparolen und Flugblätter. Immer mehr Frankfurter hörten verbotene Sender, gaben deren Nachrichten weiter und brachten sich damit in Gefahr. Eine unbedachte Äußerung über den Ausgang des Krieges, ausgesprochen vielleicht im Bekanntenkreis oder beim Einkaufen, konnte reichen, um wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ angeklagt zu werden. Die Gestapo schien allgegenwärtig, ihr Hauptquartier im Haus Lindenstraße 27 gefürchtet. Mehrmonatige Inhaftierungen oder Einweisungen ins Arbeitserziehungslager Heddernheim konnte sie selbständig vornehmen. Im Preungesheimer Gefängnis wurden darüber hinaus Todesurteile der Sondergerichte aus ganz Hessen vollstreckt. Auch die Deportationen der jüdischen Bevölkerung, die am 15. Oktober 1941 begonnen hatten, gingen weiter. Etwa 11.000 Menschen aus Frankfurt wurden in den Vernichtungslagern ermordet.

Am Ende der Kräfte

Diejenigen, die in der Stadt geblieben waren, richtete sich in den Trümmern ein, so gut es eben ging. Im April 1944 spielten einige Kinos wieder, und das Theater nahm in Ausweichquartieren seine Vorstellungen wieder auf. Aber noch immer beunruhigten Luftwarnungen und -alarme die Bevölkerung fast täglich, und im Sommer setzten die Bombardements wieder ein. Am 12. September hörte man von einem Großangriff auf Darmstadt, und am Abend war Frankfurt selbst wieder an der Reihe: die Royal Air Force flog mit über 380 Maschinen ihren letzten großen Angriff auf Frankfurt. Eine 36-Zentner-Mine riss ein Loch in die Wand des Bunkers in der Bockenheimer Mühlgasse und tötete 172 Menschen. Am Unglücksort machte die Bevölkerung ihrer Verzweiflung Luft mit Rufen wie „Schluss mit dem Krieg“, ohne dass Polizei oder Partei einschritten. Über 400 Menschen kamen bei diesem Angriff ums Leben. Die Firmen Moenus, Teves, die Bauersche Gießerei, ein Teil der Adlerwerke und andere wichtige Industrieanlagen wurden getroffen, auch Infrastruktureinrichtungen wie die Gleisfelder der Hauptbahnhöfe, das Krankenhaus Sachsenhausen und das Gaswerk West.

Zwei Wochen später, am 25. September, bombardierten amerikanische Flugzeuge Frankfurt am Vormittag. Die meisten Schäden entstanden in der Innenstadt und in Sachsenhausen. Der Angriff forderte nahezu 500 Menschenleben. Schwer beschädigt wurden die Firmen Degussa, Voigt & Haeffner, Wiedmann, Mayfahrt & Co. sowie der Osthafen und das Krankenhaus in der Schifferstraße. Bei diesem Angriff wurden auch sogenannte Sabotagepäckchen abgeworfen: Brandstiftungsmittel mit Flugblättern in französischer und englischer Sprache, in denen Fremdarbeiter aufgerufen wurden, Sabotageakte durchzuführen.

Nach weiteren Angriffen am 11. und 29. Dezember 1944 nahmen amerikanische Flugzeuge die Stadt am 8. Januar nochmals ins Visier, 132 Menschen starben bei Treffern auf Bahnanlagen sowie Wohngebiete in Höchst und Nied. Am 17. Februar warfen 500 Flugzeuge nahezu ungehindert ihre Last auf Bahngelände und Mainbrücken sowie auf die Industrieanlagen in Sachsenhausen. 138 Tote waren zu beklagen. Die Menschen waren mittlerweile am Ende ihrer Kräfte. Es gab keine Kohlen, in vielen Stadtteilen fehlten Gas, Strom und Wasser, selbst Suppenknochen, Salz und Streichhölzer wurden rar. Tiefflieger jagten Menschen auf den Straßen und die Bombardements hörten nicht auf. Ziele waren die Gleisanlagen, das Gallusviertel, die Gegend zwischen Allerheiligenstraße und Ostbahnhof sowie die Heddernheimer Kupferwerke. Am 17. Februar und am 8. März warfen amerikanische Bomber in Tagesangriffen mit über 300 Flugzeugen nochmals 1000 Spreng- und 100.000 Brandbomben auf die verwüstete Stadt.

Am 16. März erklärte General Eisenhower Frankfurt zur Kampfzone. Gauleiter Sprenger ordnete daraufhin die Räumung der Stadt an, doch ein großer Teil der Bevölkerung kam dem Befehl nicht nach. An 26. März gelangten die Amerikaner über die Reste der Wilhelmsbrücke in die Stadt und beschossen die Kommandantur in der Taunusanlage. Die Gauleitung hatte sich abgesetzt, nicht ohne vorher ihre Quartiere mitsamt Akten, Spirituosen und anderen Luxusartikeln in Brand zu stecken und die Mainbrücken sprengen zu lassen. Am 29. März konstituierte sich die Militärregierung unter Oberstleutnant Howard D. Criswell. Für Frankfurt war der Krieg zu Ende.

5559 Einwohner waren im Bombenkrieg ums Leben gekommen, über 22.000 hatten Verletzungen erlitten, mehr als 18.000 waren als Soldaten gefallen. Nahezu 70 % der Bausubstanz waren in Schutt und Asche gelegt worden. In der Innenstadt waren überhaupt nur 50 Gebäude unzerstört. Von 124 Schulen standen noch 16, von 22 Krankenhäusern blieben noch zwei intakt. Nur ein Viertel des Wohnungsbestandes war unbeschädigt. Von 500.000 Einwohnern waren noch 230.000 in der Stadt, die Hälfte davon obdachlos. Millionen Kubikmeter Schutt lagen auf den Straßen, die Stadt war wie erstorben.

Lokale Gedenkkultur

Mit dem Bürgereinsatz zur Trümmerbeseitigung 1946 hatten die Stadtverordneten auch die Errichtung eines Denkmals für die Toten der Luftangriffe beschlossen. Aus den Trümmern des Römers sollte ein Sarkophag für das erste aufgefundene Opfer angefertigt werden. Als Standort war der Sockel des früheren Bismarckdenkmals vor dem Schauspielhaus vorgesehen. Der Plan wurde nicht verwirklicht und geriet in Vergessenheit. Erst 1978 brachte man eine Erinnerungsplakette auf dem Römerberg an, die heute etwas versteckt im Pflaster vor dem Technischen Rathaus eingelassen ist. Sie ersetzte die Trauerbeflaggung, die bis dahin jeweils am 22. März durchgeführt wurde. Zum 60. Jahrestag der Märzangriffe 1944 hat das Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a. M. (Stadtarchiv) einen Bildband sowie eine Ausstellung zusammengestellt, die durch die Oberbürgermeisterin am 23. März eröffnet und bis zum 27. Juni im Karmeliterkloster zu sehen sein wird. Darüber hinaus kamen in Veranstaltungen des „Frankfurter Erzählcafés“ am 20. März und am 17. April 2004 Zeitzeugen zu Wort.

 

Online-Angebot

http://www.frankfurt1933-1945.de

 

Literatur

Gustav Lerch, Frankfurt am Main im Luftkrieg, 12 Bände, Frankfurt 1998ff.

Evelyn Hils-Brockhoff/Tobias Picard, Frankfurt am Main im Bombenkrieg, Gudensberg-Gleichen 2004

Dieter Rebentisch, Frankfurt am Main in der Weimarer Republik und im Dritten Reich 1918-1945, in: Frankfurt am Main - Die Geschichte der Stadt in neuen Beiträgen, Sigmaringen 1994, S. 423-520.

Armin Schmid, Frankfurt im Feuersturm, Frankfurt 1965

Karl Krämer, Christbäume über Frankfurt, Frankfurt 1983

 

Kontakt: tobias.picard.amt47(at)stadt-frankfurt.de

 

Empfohlene Zitierweise

Picard, Tobias: Frankfurt am Main im Luftkrieg, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ipz12d/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.03.2006


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