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Helmut Schnatz

Dresden des Nordens? 

Der Luftangriff auf Swinemünde am 12. März 1945.[1]

 


Abb. 1: Zielkarte der Hafenanlagen in Swinemünde; National Archives, Waschington, D.C.

Am 12. März 1945 flog die 8. US Army Air Force [USAAF] ihren einzigen Luftangriff auf den Hafen in Swinemünde. Über die Ostsee aus Westen anfliegend, drehte der Strom aus 661 viermotorigen Bombern aller drei Air Divisionen der Luftflotte ca. 85 Kilometer nördlich der Stadt nach Süden ein, bombardierte von 12.06 bis 12.58 Uhr das Ziel und flog nach Westen über Rostock ab. Die 661 B-17 und B-24 warfen insgesamt 3.216 Stück 1.000 lb (453 Kg) und zwei zu 500 lb (226,5 Kg) GP-Sprengbomben [General Purpose: Allzweck] ab. Das waren 1.608,5 Tonnen (US, 1.457,3 to metrisch).[2] Damit steht Swinemünde an sechster Stelle in der Reihe der Städte, in denen die 8. USAAF Ziele mit mehr als 1.000 US-Tonnen Sprengbomben angegriffen hat. Nach abgeworfener Gesamttonnage steht die Hafenstadt unter den 422 aufgeführten Städten im Target Summary der 8. USAAF auf Platz 66.[3]

Veranlassung für den Angriff war ein sowjetisches Ersuchen, das der Marschall Khudyakov, Stabschef der Roten Luftwaffe, am 9. März 1945 über die amerikanische Militärmission in Moskau an General Spaatz, den Oberbefehlshaber der amerikanischen Luftstreitkräfte in Europa, richtete und am 11. März noch einmal wiederholte. Khudyakov teilte Spaatz mit, daß in Swinemünde eine Konzentration deutschen Schiffsraumes läge, die die Rote Luftwaffe aber nicht angreifen könne, weil sie in den Bodenkämpfen gegen die Wehrmacht gebunden sei.[4]

Wahrscheinlich war der unmittelbare Anlaß zu dem Schritt Khudyakovs die Verlegung der Kampfgruppe 2 (Thiele ) der Kriegsmarine von Gotenhafen nach Swinemünde am 7. März 1945. Dieser Verband bestand aus den Panzerkreuzern "Admiral Scheer", "Lützow" und mehreren Zerstörern und Torpedobooten, besaß durch seine schwere Schiffsartillerie eine erhebliche Kampfkraft und sollte in den Kämpfen entlang der pommerschen Küste von Swinemünde aus den Heerestruppen durch Landzielschießen gegen die weit überlegenen Russen Entlastung verschaffen.

Über die Schadenslage meldete am 13. März 1945 der Befehlshaber der Ordnungspolizei Stettin: "… 2.000 bis 3.000 Sprengbomben auf Stadtmitte, Hafengebiet und Stadtteil Ostswine. … Insgesamt 7 Schiffe total, 6 leicht. 1 Fährschiff gesunken, 1 beschädigt und nicht mehr einsatzfähig. Befehlsstelle der örtl. LS-Leitung schwer. Strom- Wasser- und Fernsprechleitungen ausgefallen. 4 Groß- 10 Mittel- und 40 Kleinbrände [diese wohl meist durch umgefallene Öfen, H.S.]. 3 Kraftspritzen total, 1 LF [Löschfahrzeug] 25, 1 mech. Leiter, 1 LKW schwer, 2 Fahrzeuge leicht. Personenverluste bisher: 1.500 Gefallene, davon 1.000 auf Dampfer "Andros", 2.000 Verwundete."[5]

Zu den Verlusten und Schäden im Hafengebiet bilanzierte der Luftwaffenführungsstab am 14. März 1945: "1 Dampfer mit 12055 BRT (Kordilliera), 1 Dampfer mit 3000 BRT (Andros), 1 Dampfer ohne Tonnageangabe, 1 Fähre, 2 kleine Kriegsfahrzeuge gesunken. 2 Torpedoschießboote und 47 kleine Fahrzeuge beschädigt. Hafenbetrieb in Ordnung. Umschlagsmöglichkeiten nur unwesentlich beeinträchtigt. 2 Werften getroffen." Über die Personenverluste vermerkte die Meldung: "Bisher 1500  Gefallene, 2000 Verwundete."[6]

Erste Alliierte Luftaufklärung stellte fest: "Die Stadt SWINEMÜNDE wurde schwer beschädigt durch H. E [High Explosive: Sprengbomben] Fünf verschiedene Konzentrationen [der Bombenabwürfe] sind zu erkennen. Die erste liegt quer über dem Stadtzentrum, verursachte Zerstörung an Geschäfts- und Wohngebäuden und bedeckte die Straßen mit Trümmern. Die zweite bedeckt das Südufer der Swine und zerstörte oder beschädigte eine kleine Fabrik, drei wahrscheinliche Lagerhäuser beim Boothafen, eine große Zahl Gebäude in einem Hüttengelände und Privathäuser in dem Ortsteil Ostswine. Die übrigen Konzentrationen wurden in dem Vorort Der Strand, West Swine und Friedrichsthal entdeckt und betrafen kleine Häuser und Hütten. Über Schäden im Hafengelände kann wenig gesagt werden, weil der Kohlenhafen und das Südufer der Swine durch einen Nebelmantel verdeckt ist, der auf der Grünen Fläche erzeugt wurde. Immerhin ist zu sehen, daß etliche Gebäude in der Umgebung des Bauhafens getroffen sind und einige kleine und ein einzelnes Gebäude am Flugplatz für Wasserflugzeuge [Schiffbau- und Flugzeugwerft?] beschädigt sind".[7]

Aus der Meldung der Luftwaffe ergibt sich, daß der schwere Angriff sein Ziel, den Marinestützpunkt Swinemünde unbrauchbar zu machen, nicht erreicht hatte. Fatale Auswirkungen hatten dagegen die Konzentrationen von Bombenteppichen im Kurpark und auf der Ostswiner Seite. In dem Park hielten sich unter freiem Himmel Soldaten und Flüchtlinge auf, in Ostswine stauten sich Treckwagen, deren Besitzer auf das Übersetzen mit den Fährbooten bzw. die Reparatur der Pontonbrücke warteten, die von Heerespionieren über die Swine zum Eichstaden geschlagen, aber in den Tagen vor dem Angriff beschädigt worden und deshalb unbenutzbar war. Auf dem Dampfer Andros kamen 570 Personen ums Leben,[8] weitere Todesopfer gab es in einem Zug mit Flüchtlingen, der am Bollwerk stand und einen Treffer erhielt.

Wie auch in Dresden, sind über den Angriff auf Swinemünde Angaben im Umlauf, die sich bei genauer Betrachtung als Legendenbildung der Nachkriegszeit erweisen, die sich in diesem Fall offenbar erst Jahrzehnte später gebildet haben, weil das Schicksal der Stadt erst nach der Wende 1989/90 Aufmerksamkeit erfuhr. Es handelt sich hierbei um drei Komplexe: 
1. die Zielsetzung des Angriffs, 2. angebliche Tiefangriffe der amerikanischen Begleitjäger auf Flüchtlinge und 3. die Zahl der Toten, die mit 23.000 angegeben wird. 

1. In Presseartikeln, aber auch vielbeachteten neueren Publikationen wird behauptet, der Angriff habe sich gegen die Flüchtlinge gerichtet, die seit Ende Januar 1945 die Stadt passierten und sich dort stauten.[9] Die russische Anforderung und die Lage der sechs Zielpunkte sind eindeutige Hinweise, daß es weder Russen noch Amerikanern um die Flüchtlinge ging, sondern um Hafen und Schiffe als militärische Einrichtung. Schon vier Stunden nach dem Angriff äußerte Großadmiral Dönitz, Oberbefehlshaber der Marine, der vorher bereits mehrfach auf die Gefährdung Swinemündes als Marinebasis hingewiesen hatte, Hitler gegenüber, daß der Gegner die deutsche Lage erkannt habe und auszunutzen gewillt sei.[10]

2. Es hat keine Tiefangriffe amerikanischer P-51 gegeben. Allen Begleitjägerverbänden waren für diesen Tag im Einsatzbefehl Tiefangriffe nachdrücklich verboten worden und sie haben nach dem Einsatz auch keine Claims [Erfolgsansprüche] angemeldet.[11] Außerdem waren die Wetter- und vor allem die Sichtverhältnisse unmittelbar nach dem Angriff für Tiefangriffe nicht geeignet. Offenbar werden solche russischer Jagdbomber auf Flüchtlingstrecks im Raum Swinemünde und in Pommern in späten Erinnerungen der Zeitzeugen fälschlicherweise als Angriffe amerikanischer Jäger interpretiert.

3. Die Zahl von 23.000 Toten ist offenbar erst in den 90er Jahren auf Usedom in Umlauf gesetzt worden. Zeitnahe Quellen nennen erheblich niedrigere Zahlen (siehe z.B. oben). Eine vergleichende Aufstellung aller amerikanischen Luftangriffe mit mehr als 1.000 US-Tonnen Sprengbomben auf Ziele in deutschen Städten ergibt als höchste Todesrate einen Wert von 1,5 Tote pro Tonne (Berlin, 3. 2. 1945), im Fall Swinemünde wären es 15,8 Tote.[12] Dies ist selbst dann ein unglaubhafter Wert, wenn berücksichtigt wird, daß Tausende von Flüchtlingen dem Angriff ungeschützt und unter freiem Himmel ausgesetzt waren. Aus vorhandenen, in einem Fall auch bereits publizierten,[13] Aufmessungen der Friedhofsanlagen geht eindeutig hervor, daß der ausgewiesene Platz für 23.000 Tote bei weitem nicht ausreicht.

Dennoch dürfte der Angriff auf Swinemünde derjenige mit der höchsten Zahl an Todesopfern sein, den ein amerikanischer Luftangriff auf Ziele in einer deutschen Stadt verursacht hat. Sie könnte realistisch geschätzt bei 4.000 bis 5.000 Menschen liegen.

Anmerkungen

[1] Zusammenfassung aus Helmut Schnatz, Dresden des Nordens? Zu Verlauf und Rezeption des Luftangriffs auf Swinemünde, 12. März 1945, unveröffentlichtes Manuskript 2003.

[2] Interpretation Report S.A. 3376, Air Force Historical Research Agency, Maxwell/Alabama, Eighth Air Force Mission Files, Microfilm B 5022.

[3] Eighth Air Force Target Summary, Statistical Summary of all Bomber Attacks … Period 17 Aug. 1942 thru 8 May, 1945, National Archives (NA) at College Park Maryland, RG 243, Records of the United States Strategic Bombing Survey, Entry 36, file 5. w. (19), Box 85.

[4] U.S. Military Mission Moscow Outgoing Message Nr M 23135, 9 March 1945 an USSTAF London, Urgent, Top Secret, United States Military Mission to Moscow Cables and Messages, NA RG 334, Entry 310 190/32/10/ - 11/14, Box 58.

[5] Der Chef der Ordnungspolizei, Luftangriffe auf das Reichsgebiet, Lagemeldung Nr. 1.395, 13. März 1945, Bundesarchiv (BArch) R 19/341.

[6] 2. Nachtrag zur Schadensmeldung zu den Einflügen am 12. 3. 45, (Luftwaffenführungsstab)Ic/M-Feind H.Qu. den 14. 3. 1945, BA-Militärarchiv, RL 2 II/840.

[7] Immediate Interpretation Report No. 3975, 16 March 1945, Air Force Historical Research Agency, Maxwell, Alabama (AFHRA), Eighth Air Force Mission Files, Microfilm B 5022.

[8] Fritz Brustat-Naval, Unternehmen Rettung. Letztes Schiff nach Westen, 5. Aufl. Hamburg 2001, S. 244 ff.

[9] So z. B. Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg, München 2002 S. 172; Artikel „Der Tod ist ein Meister aus London“ von Dr. Axel Klätte, Pommersche Zeitung vom 16. November 1991; Swinemünde. Schicksal einer deutschen Stadt. Bilder der Erinnerung, zusammengestellt von den alten Swinemündern Wilhelm und Lilli Behm und Karl und Irmgard Lange, herausgegeben von den Swinemündern in Flensburg, 1965, S. 77.

[10] Seekriegsleitung, Führerlage am 12. 3. 1945, 16.00 Uhr, BA-Militärarchiv, RM 7/192.

[11] Im Original: "G(rou)ps will not repeat not strafe (Die Groups dürfen keine, ich wiederhole, keine Tiefangriffe fliegen)", Field Order 1742A, AFHRA Microfilm B 5022; "Strafing was prohibited (Tiefangriffe waren verboten)", Report of Eighth Air Force Operations, S. 4, AFHRA Microfilm B 5021A.

[12] Schnatz, Dresden des Nordens? S. 47 f.

[13] Norbert Buske, Das Kreuz auf dem Golm. Kriegsgräber in politischem Besitz. Landeszentrale für Politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.), Schwerin 1996, S. 9.

 

Kontakt: HSchnatz(at)t-online.de

 

Empfohlene Zitierweise

Schnatz, Helmut: Dresden des Nordens? Der Luftangriff auf Swinemünde am 12. März 1945, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ipz12p/

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Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.03.2006


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