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Frank Teske

Die Zerstörung von Mainz im Zweiten Weltkrieg


Abb. 1: Sprengung von Gebäuderuinen in der Innenstadt nach den Luftangriffen vom August 1942, (c) Stadtarchiv Mainz, BPS Foto 348 a, Foto: K. Usinger

Die Bilanz

Als am 21. und 22. März 1945 amerikanische Truppen ohne größere Gegenwehr nach Mainz einrückten, fanden sie anstelle der „Goldenen Stadt“ nur noch eine Trümmerlandschaft vor, aus deren Ruinen Brand- und Leichengeruch emporstieg.

Die Innenstadt war im Bombenhagel zu 80 Prozent zerstört worden, von über 11.000 Wohngebäuden im Jahr 1939 waren weit mehr als die Hälfte vernichtet, kaum ein historisches Bauwerk war ohne schwere Beschädigungen geblieben und die Einwohnerzahl hatte sich um über die Hälfte von 154.000 (1939) auf 76.000 (Mai 1945) verringert.

Etwa 2800 Menschen waren durch die Bombenangriffe der Jahre 1941 bis 1945 getötet worden, unzählige hatten schwere Verletzungen an Leib und Seele davon getragen, zehntausende Überlebende hatten ihr gesamtes Hab und Gut verloren.

Der Auftakt

Begonnen hatten die Luftangriffe 1940 mit vereinzelten Bombenabwürfen in der näheren Umgebung von Mainz durch Maschinen der Royal Air Force, deren eigentliches Ziel Frankfurt am Main gewesen war. Die ersten Opfer des Bombenkriegs in Mainz waren am 13. September 1941 zu beklagen, als ein britischer Bomber vom Typ Wellington seine Bombenlast über dem Hauptbahnhof ausklinkte, wodurch 22 Menschen in den Tod gerissen wurden.

In der Folgezeit wurde zwar häufig Luftalarm ausgelöst, die Mainzer Bevölkerung blieb jedoch für beinahe ein Jahr von weiteren Angriffen verschont. Fast schien es daher, als ob das Leben in Mainz trotz der Kriegsereignisse seinen gewohnten Gang nehmen könnte. In der Nacht zum 12. August 1942 wurde dann jedoch die Stadt erstmals Hauptangriffsziel der alliierten Luftstreitkräfte: Ein englischer Bomberverband überflog die Innenstadt und entlud über 300 Tonnen Brand- und Sprengbomben, darunter auch Luftminen. Komplette Stadtviertel wurden durch diesen Angriff in Schutt und Asche gelegt, ein kaum zu löschender Feuersturm durchzog die Innenstadt. Bereits in der folgenden Nacht war Mainz erneut Ziel der RAF. Diesmal wurden rund 240 Tonnen Brand- und Sprengbomben abgesetzt. 781 Wohnhäuser, fünf Kirchen, vier Schulen, ein Krankenhaus, 23 öffentliche Gebäude und 40 Geschäfte wurden bei den beiden Luftangriffen zerstört, 161 Menschen fanden den Tod.

Dass die Folgen der Angriffe derart verheerend ausfielen, lag nicht zuletzt auch am nahezu unkoordiniert verlaufenden Einsatz der Löschmannschaften in den beiden Brandnächten. Die aus den umliegenden Orten eintreffenden Löschzüge erhielten in Mainz keinerlei Anweisungen und suchten sich ihre Löschobjekte selbst aus. Die Feuerwehren von Nierstein und Oppenheim etwa entschlossen sich an Ort und Stelle den brennenden Dachstuhl des Doms zu löschen und bewahrten somit das Wahrzeichen der Stadt vor größeren Schäden, während ringsum zahlreiche Gebäude bis auf die Grundmauern nieder brannten. Dennoch erschienen in den Tagen nach den Luftangriffen in zahlreichen Zeitungen Artikel über das Inferno, in denen über die vollständige Zerstörung des Doms berichtet wurde. Glücklicherweise dienten diese Meldungen allerdings nur der NS-Propaganda und entsprachen nicht den tatsächlichen Gegebenheiten.

Zur Versorgung der Ausgebombten wurden nach den Luftangriffen durch die nationalsozialistische Volksfürsorge (NSV) Feldküchen auf dem Münsterplatz aufgestellt sowie Kartoffeln, Bohnenkaffee, Süßwaren und Zigaretten zur Verteilung gebracht.

Besonderen Wert legten die Nationalsozialisten auf die Aufrechterhaltung von Ordnung und Disziplin. Dementsprechend hart wurde gegen Plünderer vorgegangen. Wer am 12./13. August oder an den folgenden Tagen bei Plünderungen aufgegriffen wurde, hatte sich vor dem beim Landgericht Mainz eingerichteten Sondergericht zu verantworten. Mindestens fünf der dort Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, darunter auch ein Hilfsarbeiter aus Mainz-Mombach, der zuvor bereits auf der Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wegen angeblichen „Schwachsinns“ zwangssterilisiert worden war. Dieses Opfer der NS-Rassenpolitik hatte in der Nacht zum 12. August bei Lösch- und Bergungsarbeiten geholfen und dabei einen Radioapparat und einen Gummimantel entwendet.

Dass die nationalsozialistischen Machthaber auch nach den beiden schweren Luftangriffen die Geschicke der Stadt zu lenken gewillt waren, wurde am 3. September 1942 anlässlich der Einführung des neuen Oberbürgermeisters Heinrich Ritter deutlich. Die Ernennung eines neuen Oberbürgermeisters war notwendig geworden, nachdem der 1933 von den Nationalsozialisten eingesetzte Amtsinhaber Robert Barth im Mai 1942 an der Ostfront gefallen war. Die öffentliche Kundgebung zur Amtseinführung vor den Trümmern des völlig zerstörten Stadthauses, an der auch Reichsinnenminister Wilhelm Frick und Gauleiter Jakob Sprenger teilnahmen, war als Demonstration der Macht gedacht, glich für manchen Betrachter aber eher einer schlechten Theaterinszenierung in bizarrer Szenerie.

Die Ruhe vor dem Sturm

Da Mainz nach den Luftangriffen vom August 1942 für längere Zeit kein bevorzugtes Ziel mehr für die alliierten Luftstreitkräfte darstellte, konnten in den Folgemonaten umfangreiche Aufräumungsarbeiten in Angriff genommen und der teilweise Wiederaufbau der Stadt vorangetrieben werden. 500 Soldaten wurden für zwei Monate als Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt, daneben wurden russische und französische Kriegsgefangene herangezogen.

Erst am 20. Dezember 1943 fielen wieder Bomben auf die Innenstadt, da ein Teil eines in Richtung Frankfurt am Main gestarteten Bomberverbandes der RAF versehentlich über Mainz seine Ladung ausgeklinkt hatte. 24 Menschen kamen dabei ums Leben.

Das Finale

Zum erneuten Hauptangriffsziel wurde Mainz erst wieder zwei Jahre nach den Luftangriffen vom August 1942. Als Verkehrsknotenpunkt mit wichtigen Eisenbahnstrecken und zwei Binnenhäfen im Hinterland der immer näher rückenden Westfront geriet die Stadt in das Blickfeld der Militärstrategen. Im Abstand weniger Tage flogen Verbände der RAF und der US Air Force im September 1944 Angriffe auf Mainz-Kastel, wo sich ein noch intaktes Wehrmachtsdepot befand, auf das MAN-Werk in Mainz-Gustavsburg und auf den Hauptbahnhof in Mainz. Der Angriff auf das MAN-Werk verfehlte sein Ziel, in Kastel und in der Mainzer Innenstadt kamen hingegen mehrere Hundert Menschen ums Leben.

Auch im Oktober und Dezember wurde Mainz mehrmals bombardiert, so dass Ende 1944 über 7000 Tonnen Bomben das Stadtgebiet durchpflügt hatten.

Dennoch hatte die Bevölkerung das Schlimmste noch nicht überstanden: Den Angriffen von britischen und amerikanischen Bombern, die von Januar bis Mitte Februar 1945 mehrere Hundert Tonnen Bomben auf die Innenstadt und die Vororte abwarfen, sollte noch das furchtbarste Inferno folgen, das Mainz im Zweiten Weltkrieg erleben musste.

Am 27. Februar 1945 bewegten sich etwa 2600 alliierte Bomber und Jagdflugzeuge im deutschen Luftraum. Da diese teilweise auch den Mainzer Warnbereich berührten, wurde um die Mittagszeit Vollalarm in der Stadt ausgelöst. Die Bevölkerung stürzte wie so oft in den vergangenen Wochen und Monaten in die Schutzräume und verharrte dort, bis gegen 16.00 Uhr Entwarnung gegeben wurde. Der deutsche Flugmeldedienst, der Ende Februar nur noch über wenige Radarstellungen verfügte und personell ausgedünnt war, hatte jedoch nur die aus Sachsen und dem Ruhrgebiet zurückkehrenden Bomber der 8. US-Luftflotte und der 3. Group des Bomberkommandos der RAF registriert und den auf Mainz angesetzten Kampfverband der RAF übersehen.

Als die Menschen in Mainz gerade zu ihren Häusern zurückkehrten, wurde gegen 16.25 Uhr erneut Fliegeralarm ausgelöst, da das Mainzer Flugwachkommando den Motorenlärm der anfliegenden Bomber bereits vernehmen konnte. Die Alarmierung erfolgte jedoch zu spät, so dass ein Teil der erschreckten Bevölkerung nicht mehr in die Schutzräume, sondern nur noch in die Keller ihrer Häuser flüchten konnte. Die alten Festungsanlagen der Stadt waren für Viele in der Kürze der Zeit nicht mehr erreichbar. Auch die bombensicheren Luftschutzräume in den Kellern der Mainzer Aktienbrauerei und der Sektkellerei Kupferberg, die 4000 Einwohnern bei rechtzeitiger Alarmierung hätten Schutz bieten können, blieben nahezu ungenutzt.

Innerhalb von rund 20 Minuten warfen 300 Halifax-Bomber, 130 Lancasters und 5 Mosquitos über 1500 Tonnen Spreng- und Brandbomben über Mainz ab und entfesselten damit einen Feuersturm, wie ihn die Stadt noch nicht erlebt hatte.

Etwa 1200 Menschen fielen diesem letzten Luftangriff auf Mainz zum Opfer, darunter 41 Schwestern des Klosters „Der Ewigen Anbetung“, die im Keller ihres Klosters Schutz gesucht hatten und dort erstickt waren. Das im Keller vorgefundene Ziborium war unversehrt, enthielt aber keine Hostien mehr. Die Oberin hatte ihren Schwestern in den letzten Lebensstunden die Heilige Kommunion gereicht, bis das Gefäß leer war.

Unmittelbar nach dem verheerenden Angriff wurden 648 Tote auf den Waldfriedhof in Mainz-Mombach überführt und dort in Sammelgräbern bestattet. Noch wochenlang waren die Bewohner der Stadt mit der Bergung von Todesopfern beschäftigt, die auf Handkarren zu den Friedhöfen gebracht und dort von den Angehörigen begraben wurden.

Der Verkehr in und um die Stadt konnte durch den Einsatz von Zwangsarbeitern und Strafgefangenen bereits Anfang März wieder aufgenommen werden. Die Alliierten hatten somit eines der vorrangigen Ziele des Luftangriffs, die Zerstörung des Verkehrsknotenpunktes Mainz, nicht erreicht; stattdessen war eine Stadt mit zweitausendjähriger Geschichte für viele Jahre in Trümmer gelegt worden.

Literatur

Dieter Busch: Der Luftkrieg im Raum Mainz während des Zweiten Weltkrieges 1939-1945, Mainz 1988.

Hans-Jürgen Kotzur (Hg.): Mainz 27. Februar 1945. Zeitzeugen berichten, Mainz 1995.

Richard Kurtz: Mainz in Flammen. Ein Tatsachenbericht über den Luftangriff am 27. Februar 1945, Mainz 1951.

Heinz Leiwig: Bomben auf Mainz, zweite überarb. Aufl., Mainz 1995.

Ders.: Mainz 1933 bis 1948. Von der Machtergreifung bis zur Währungsreform, zweite, erweiterte Aufl., Mainz 1987.

Friedrich Schütz: Mainz vor 50 Jahren. In: Mainz. Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte 12 (1992), H. 3, S. 129-132.

Ders.: Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg (1914-1945). In: Mainz. Die Geschichte der Stadt, hg. von Franz Dumont, Ferdinand Scherf und Friedrich Schütz, Mainz 1998, S. 475-509.

Carl Stenz: Die Zerstörung von Mainz vom 11. bis 13. August 1942 und am 27. Februar 1945. Ein Erlebnisbericht in Wort und Bild, Mainz 1964.

 

Kontakt: Frank.Teske(at)stadt.mainz.de

 

Fotogalerie

 











 

Empfohlene Zitierweise

Teske, Frank: Die Zerstörung von Mainz im Zweiten Weltkrieg, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ipz12l/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.03.2006


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