Städte / Regionen

  / historicum.net / Themen / Bombenkrieg / Themen / Beiträge / Städte / Regionen

Markus Pöhlmann

Die Stadt Augsburg im Bombenkrieg 1939-1945

 


Abb. 1: Blick in die Karolinenstraße. Im Hintergrund der Perlachturm und das Rathaus, 1944/1945 [Stadtarchiv Augsburg]

Am 17. August 1940 verzeichnete das örtliche Luftschutz-Warnkommando den ersten Bombenabwurf auf das Stadtgebiet Augsburg: sechs britische Bomben auf eine Buntweberei. Der Führer der dortigen Turbinenanlage wurde das erste Opfer des strategischen Luftkriegs gegen die Stadt. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sollte noch ein Dutzend Angriffe folgen, die beiden schwersten in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944.

Die luftstrategische Lage der Stadt war zunächst von der relativ großen Distanz zu den Basen der Royal Air Force (RAF) bzw. der amerikanischen Verbände (8. USAAF) in Großbritannien gekennzeichnet gewesen. Dazu kam, dass die Prioritäten der Alliierten zunächst ohnehin im west- und norddeutschen Raum lagen. Mit der technischen Weiterentwicklung im Verlauf des Krieges (Radar, Einführung des Lancaster-Bombers sowie des Langstrecken-Begleitjägers) und der Eröffnung der zweiten Luftfront in Italien (15. USAAF) erhöhte sich die Luftgefährdung für die Stadt.

Als unmittelbar militärisches Ziel war die Stadt - mit Ausnahme der kurzen Phase vor ihrer Einnahme durch die Amerikaner am 27. April 1945 - von geringer Bedeutung. Politisch hatte sie als Gauhauptstadt Schwabens eine eher durchschnittliche administrative oder symbolische Bedeutung. Als Verkehrsknotenpunkt wurde sie als süddeutscher Eisenbahnknotenpunkt um die Jahreswende 1944/1945 und vor allem im Verlauf der amerikanischen Luftoperation "Clarion" (22.-23. Februar 1945) schwerpunktmäßig angegriffen.

Die eigentliche Bedeutung lag in ihrem Charakter als mittelstädtisches Rüstungsproduktionsziel. Namentlich zwei Betriebe hatten auf den alliierten Ziellisten über die längste Dauer des Krieges hohe Priorität: Die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) und die Messerschmittwerke. Der in der Innenstadt angesiedelte Augsburger Traditionsbetrieb MAN gehörte zu den wichtigsten deutschen Produzenten von U-Boot-Dieselmotoren. Darüber hinaus produzierte der Betrieb sonstige Antriebsmotoren, Pioniergerät sowie zeitweise auch Geschütze. Die in dem damals noch selbständigen Vorort Haunstetten angesiedelten Messerschmittwerke galten als Musterbeispiel für die damals noch junge Luftrüstungsbranche. Hier wurde eine breite Palette an Flugzeugen produziert, vornehmlich aber Jagdflugzeuge vom Typ Me 109. Ein weiterer, von den gegnerischen Nachrichtendiensten mit großer Sorge beobachteter Schwerpunkt wurde in der Spätphase des Krieges die Entwicklung und Produktion von modernen Düsenjets, etwa der Me 262.

Luftkriegsgeschichtlich von Bedeutung war zunächst der RAF-Angriff vom 17. April 1942 (Operation "Margin"). Das britische Bomber Command suchte zu diesem Zeitpunkt einen spektakulären Einzelerfolg mit dem neuen Lancaster-Bomber. Die Augsburger Motorenproduktion für U-Boote bot sich vor dem Hintergrund der Atlantikschlacht als ein geeignetes Ziel. Zwölf tieffliegende Lancaster griffen kurz vor 20.00 Uhr in einem Präzisionsangriff die MAN-Werke an. Dabei wurden drei Maschinen durch die örtliche Flak abgeschossen. Zwölf Zivilisten kamen ums Leben, mindestens 20 wurden verletzt.

Die für die Stadt einschneidende Angriffsserie ereignete sich in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1944. In dieser Nacht fielen die Masse der Zerstörungen der historischen Bausubstanz und etwa die Hälfte aller Luftkriegsopfer. Die Serie begann zunächst mit einem Angriff von 199 Maschinen der 8. USAAF am 25. Februar gegen 14.00 Uhr auf die Messerschmittwerke, der im Rahmen der alliierten Luftoperation "Big Week" geführt wurde. Im Bereich der Gemeinde waren durch diesen Präzisionsangriff über 380 Opfer zu verzeichnen, davon 250 KZ-Häftlinge, die bei Messerschmitt Zwangsarbeit leisteten. In der kommenden Nacht folgten zwei Terrorangriffe der RAF gegen die Stadt: zunächst gegen 21.45 Uhr (248 Lancaster) und dann um 00.55 Uhr (130 Lancaster, 115 Halifax). Die Löscharbeiten wurden durch extreme Kältegrade behindert. Noch in derselben Nacht flüchteten rund 80.000 Menschen aus der brennenden Stadt. 730 Tote und 1.335 Verletzte waren die Bilanz der Angriffsserie.

Insgesamt verloren im Verlauf des Bombenkriegs gegen Augsburg 1.499 Zivilisten ihr Leben. 24% des Wohnungsbestands wurden total zerstört, was im landesweiten Vergleich als mittelmäßig einzustufen ist. Die historische Bausubstanz wurde in großen Teilen vernichtet oder beschädigt, darunter das Renaissance-Rathaus, der Neue Bau, das Welser-Haus, die Maximilianstraße mit ihren Patrizierhäusern und die Fuggerei. In der kollektiven Erinnerungen der stark in ihrer reichsstädtischen Tradition verhafteten Stadtbevölkerung bedeutete der Bombenkrieg die schlimmste Heimsuchung seit der "Schwedenzeit" im Dreißigjährigen Krieg.


Abb. 2: Menschen verlassen einen Luftschutzstollen in der Gesundbrunnenstraße, 1944/1945 [Stadtarchiv Augsburg]

Quellen

Die einschlägigen Quellenbestände befinden sich vor allem im Stadtarchiv Augsburg. Diese lassen gute Aufschlüsse über die Organisation des örtlichen Luftschutzes und die Fürsorgemaßnahmen zu. Hervorzuheben ist ein unverzeichnetes Konvolut von Ereignisberichten von Mitarbeitern des Luftschutz-Warnkommandos (Wako) zum Luftangriff vom 25./26. Februar 1944. Die Tagesberichte des Wakos liegen ebenfalls weitgehend geschlossen im Stadtarchiv und ermöglichen so einen präzisen Einblick in die regionale Luftlage. An Bildquellen ist ein Konvolut amerikanischer Aufklärungsfotos aus dem Frühjahr 1945 zu nennen, das den gesamten Großraum Augsburg abdeckt. Hilfreich ist auch die Bildsammlung des Archivs, die die Zerstörung des historischen Baubestands dokumentiert.

Im Staatsarchiv Augsburg befindet sich ein für die Untersuchung der Kriegsmoral der Zivilbevölkerung im Bombenkrieg interessanter Bestand: die Stimmungs- und Lageberichte des SD-Unterabschnitts Friedberg (NS/2/1).

Die einschlägigen Bestände des Bistumsarchivs müssen offenbar als Kriegsverluste gelten, ebenso große Teile des Firmenarchivs der Messerschmittwerke. Die Archivlage zur MAN ist besser und gibt einzelne Aufschlüsse über Rüstungsproduktion, Zwangsarbeiter im Luftkrieg sowie den Werkluftschutz.

An edierten Quellen ist vor allem der United States Strategic Bombing Survey anzuführen, der Untersuchungen zur Stadt Augsburg sowie den beiden wichtigen Rüstungszielen Messerschmitt und MAN enthält (ergänzende Quellen in den National Archives Washington,D.C., Record Group 243).

Literatur

A guide to the reports of the United States strategic bombing survey. I. Europe, London 1981.

Jack Currie: The Augsburg Raid, London 1987.

Karl Filser/Hans Thieme (Hg.): Hakenkreuz und Zirbelnuß. Augsburg im Dritten Reich, Augsburg 1983.

Franz Häußler: Augsburg - Alte Stadt mit Kriegsnarben, Augsburg 1984.

Wolfgang Kucera: Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge in der Augsburger Rüstungsindustrie, Augsburg 1996.

Markus Pöhlmann: "Es war gerade, als würde alles bersten..." Die Stadt Augsburg im Bombenkrieg 1939-1945, Augsburg 1994.

Ders.: Kellerwohnung und Persilschein. Kriegsende und Neuanfang in Augsburg nach 1945, Augsburg 1995.

Bernhard Zittel: Die Volksstimmung im Dritten Reich im Spiegel der Geheimberichte des Regierungspräsidenten von Schwaben, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben, Bd. 66 (1972), S. 1-58.

Berichterstattung anläßlich der runden Jahrestage der Zerstörung der Stadt am 25./26. Februar 1944 in den Zeitungen "Augsburger Allgemeine" und "Neue Presse".

 

Empfohlene Zitierweise

Pöhlmann, Markus: Die Stadt Augsburg im Bombenkrieg 1939-1945, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ipz128/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 20.02.2006

Zuletzt geändert: 20.02.2006


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail