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Birgit Horn

Angriffsziel "Haddock".

Bombenangriffe auf Leipzig [1]

 

Chronik der Luftangriffe (PDF)

Verkehrsknotenpunkt, Rüstungsstandort und Bevölkerungszentrum

Leipzig war 1939 mit rund 707.500 Einwohnern nicht nur die bevölkerungsreichste Stadt Sachsens, sondern zählte auch zu den größten Städten im Deutschen Reich. Dadurch bot sich Leipzig für das vom britischen Bomber Command bevorzugte "moral bombing" an, dessen Hauptaugenmerk seit Februar 1942 im Wesentlichen in der Schwächung und Demoralisierung der gegnerischen Zivilbevölkerung lag.[2] Leipzig als sehr bedeutende Handels- und Industriestadt, als eines der europäischen Zentren von Wissenschaft und Buchhandel sowie als wichtiger Verkehrsknotenpunkt Mitteldeutschlands lieferte jedoch auch für die von der 8. United States Air Army Force (USAAF) favorisierten Industrie- und Verkehrsbombardements zahlreiche Ziele. Aus militärischer und kriegswirtschaftlicher Sicht galt Leipzig den Alliierten als ein Produktionszentrum der Luftwaffenrüstung und Munitionsfertigung sowie als wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. 


Abb. 1: Hauptbahnhof

Unter dem Eindruck der Bombardements von Köln, Hamburg, Lübeck, Rostock und anderen deutschen Städten, begleitet vom Eintreffen der ersten Luftkriegsflüchtlinge bzw. Evakuierten aus Westdeutschland in Sachsen, sah sich die Leipziger Bevölkerung seit Sommer 1943 mit der Möglichkeit eines schweren Luftangriffes auf ihre Stadt konfrontiert. Allerdings berührten die Flugrouten der britischen und der US-amerikanischen Bomberflotten den Raum Leipzig bis 1943 kaum. Seit dem ersten Luftalarm in der Nacht vom 16./17. August 1940, in dieser Nacht richtete sich ein britischer Angriff gegen die Leuna-Hydrierwerke bei Merseburg, bzw. seit dem ersten Tagesalarm am 22. September 1941 in Leipzig, griff das Aufheulen der Sirenen jedoch immer stärker in den Lebensrhythmus der Stadtbevölkerung ein und signalisierte gleichzeitig in erschreckendem Maße die Ausweitung des Aktionsradius der alliierten Bomberflotten bis in den mitteldeutschen Raum.[3]

Leipzig befand sich bereits seit Ende 1941 unter dem Decknamen "Haddock" (Schellfisch) neben Dresden ("Chevin"), Halle ("Pickerel") und Chemnitz ("Blackfin") auf einer als "Top Secret" klassifizierten Liste, dem so genannten Fish Code, die insgesamt 43 Decknamen der zu bombardierenden deutschen Städte enthielt. Vor allem im Sommer und Herbst 1940 unternahmen britische Flugzeuge immer wieder Versuche, Rüstungsbetriebe in Leipzig anzugreifen. Trotzdem blieb die Stadt bis zum Sommer 1943, sieht man von einzelnen Überflügen und Notabwürfen mit geringen Schäden ab (z.B. in der Nacht vom 10./11. Oktober 1940 bei Abwürfen durch Einzelflugzeuge), von schweren Bombardierungen verschont. Dies änderte sich jedoch, als die militärischen Planungen der Alliierten neben der Weiterführung der Angriffe auf das Ruhrgebiet und die Reichshauptstadt Berlin, die geographische Ausdehnung der Flächenangriffen in südliche und östliche Regionen des Reichsgebietes vorsahen.

In Leipzig selbst sowie in den angrenzenden Orten, wie z.B. Taucha, befanden sich zahlreiche Betriebe, die in den Planungen des britischen Ministry of Economic Warfare (MEW) sowie des US-amerikanischen Board of Economic Warfare (BEW) als kriegswichtig eingestuft waren; im "Bombers Baedeker" (1. Auflage im Januar 1943, 2. Auflage im August 1944) des MEW erhielten etliche Betriebe die höchste Prioritätsstufe 1. Dazu gehörten mit jeweils mehreren Betriebsteilen u.a. die Allgemeine Transportgesellschaft (ATG), die Erla-Werke und die Mitteldeutschen Motorenwerken sowie die Junkers Flugzeugwerke, nicht zuletzt aber auch der größte sächsische Rüstungsbetrieb, die Hugo Schneider AG (HASAG). Aber auch andere mittelständische und kleinere Firmen bis zu Handwerksbetrieben leisteten wichtige Zulieferungen für die Rüstungsindustrie. 

Nahezu alle Unternehmen in Leipzig beschäftigten ausländische Arbeitskräfte, Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge.[4] Rund 30.000 Menschen waren 1943 allein in Betrieben der Luftrüstung beschäftigt. Zwischen 1943 und 1945 existierten in Leipzig rund 400 Lager für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene sowie auch mehrere Außenkommandos mit überwiegend weiblichen Häftlingen der Konzentrationslager Buchenwald, Flossenbürg und Ravensbrück. Allein die HASAG beschäftigte in ihrem Leipziger Stammwerk und den acht Zweigbetrieben etwa 20.000 weibliche KZ-Häftlinge und ausländische Zwangsarbeiter.

Erster schwerer Luftangriff im Oktober 1943

Hinterließen die seit 1940 gewohnten Überflüge und fehlgeschlagenen Angriffe des britischen Bomber Command zunächst nur geringe Schäden und zumindest eine nervös gewordene Stadtbevölkerung, deuteten die durch Notabwürfe der vom Ziel abgekommen britischen Bomberpiloten verursachten Brandschäden am 27. März 1943 mit mehreren Verletzten sowie am 31. August/1. September 1943 mit den ersten vier Leipziger Todesopfern, die mögliche Einbeziehung Leipzigs als strategisches Angriffsziel erster Ordnung an. Die im Herbst und zum Jahresende 1943 von den britischen Bomberverbänden durchgeführten Flächenangriffen trafen das bis dahin unzerstörte Leipzig schwer und führten zu erheblichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens und des Alltags der Bevölkerung. 

Besonders deutlich wurde dies bereits beim ersten schweren Flächenangriff in der Nacht des 20./21. Oktober 1943. Über 350 viermotorige Lancaster-Bomber waren in dieser Nacht zu einer ersten größeren Angriffsoperation gegen Leipzig gestartet. Doch die dichte Bewölkung und ungünstigen Sichtbedingungen ließen diese Operation scheitern. Obwohl 270 Besatzungen vermuteten, einen Bombenabwurf im Zielgebiet durchgeführt zu haben, ging das Hauptquartier des britischen Bomber Command wohl zu Recht von einem wenig erfolgreichen Angriff aus. Die britischen Maschinen warfen ihre Bombenlast nicht wie geplant über dem Leipziger Stadtkern ab, sondern trafen besonders die äußeren Stadtteile, darunter Stötteritz und Paunsdorf. Trotzdem wurden im Stadtgebiet nach dem Angriff durch die Luftschutzreviere 6.250 Schadstellen registriert, darunter am Hauptbahnhof, im grafischen Viertel und im Klinikviertel. Von 20 verschütteten Personen konnte nur eine lebend geborgen werden. Bei diesem Angriff waren 40 Todesopfer und fast 200 Verletzte zu beklagen.

Der Luftangriff vom 4. Dezember 1943

Im Zusammenhang mit der "Battle of Berlin", die das Bomber Command zur Monatsmitte November 1943 begonnen hatte, geriet auch Leipzig wieder in die unmittelbaren Zielplanungen. Mit einem erneuten Angriff auf Leipzig sollte der Misserfolg des britischen Angriffes vom Oktober 1943 wettgemacht und die Bevölkerung in Sachsen, das als "Auffangraum" für die Berliner "Ausgebombten" angesehen wurde, getroffen werden. Das Hauptquartier des Bomber Command schätzte den "Zielwert" von Leipzig höher ein, als den von Dresden und Chemnitz, die von ihrer Bevölkerungzahl und industriellen Bedeutung als nachrangig angesehen wurden. 

Die Wetterprognosen waren für die Nacht zum 4. Dezember 1943 für Angriffsoperationen tief im deutschen Hinterland günstig: über dem Ziel vermuteten die alliierten Meteorologen eine nur dünne Wolkendecke.  Luftmarschall Arthur Harris entschloss sich in den Mittagstunden des 3. Dezember für einen schweren Luftangriff auf Leipzig, der den Bombergruppen in den Nachmittagstunden telegrafisch übermittelt und wiederholt bestätigt wurde. Am Abend des Tages herrschte rege Betriebsamkeit auf den Flughäfen des Bomber Command. Den Besatzungen von insgesamt 527 Maschinen - 307 viermotorige Lancaster- und 220 Halifax-Bomber - wurde vor dem Start der Angriffsbefehl und das Ziel bekannt gegeben: "Haddock" - das Stadtgebiet von Leipzig in Verbindung mit den dortigen Eisenbahn- und Industrieanlagen. In die Bombenschächte kam eine genau berechnete Mischung von Spreng- und Brandmunition, wie sie für Flächenangriffe zu dieser Zeit typisch war: rund 50% Sprengmunition, rund 50% Brandbomben. 


Abb. 2: Ritterstraße 16-22


Abb. 3: Blick zum Alten Rathaus

Die Bomberverbände flogen nach einer Täuschung der deutschen Luftverteidigung, in den vorausgegangenen Nächten war Berlin mehrfach angegriffen worden, so dass auf Grund der ähnlichen Flugroute mit einem neuerlichen Angriff auf die Reichshauptstadt gerechnet wurde, mit über 500 Maschinen in drei eng aufgeschlossenen Wellen - einem "Bomberstrom" - zwischen 3.50 Uhr und 4.25 Uhr das Leipziger Stadtgebiet an. Obwohl die Stadt auch in dieser Nacht wiederum von einer dichten Wolkendecke überzogen war, konnten die Radarbeobachter in den "Pfadfindern" das Stadtbild Leipzigs auf ihren Bildschirmen lokalisieren. Sie kennzeichneten es mit farbigen Himmels- und Bodenmarkierungen, die als weithin sichtbare Leuchtzeichen am Himmel über Leipzig standen. Die Bevölkerung nannte sie "Tannenbäume" bzw. "Christbäume". Die nachfolgenden Maschinen zielten auf diese Farbmarkierungen, so folgte Bomberwelle auf Bomberwelle. Die ersten Bomben fielen um 3.58 Uhr auf Leipzig. Innerhalb kürzester Zeit prasselten große Mengen an Brand-, Minen- und Sprengbomben, darunter mehr als 90.000 Stabbrandbomben 4 lb (1,7 kg) sowie über 17.000 Flüssigkeitsbrandbomben 30 lb (14 kg), auf das Stadtgebiet. Durch den konzentrierten Brandbombenabwurf entstanden mehrere Flächenbrände, die sich in der Altstadt vereinigten.

Der Leipziger Feuerwehr und den aus umliegenden Orten herangeführten Löschkräften war es in den frühen Morgenstunden des 4. Dezember 1943 nicht mehr möglich, den Schwerpunkt des Angriffs auszumachen, da mehr als 5.000 Brandherde in allen Stadtteilen festgestellt worden waren. Doch vor allem die im Stadtzentrum und in der historischen Altstadt vorherrschende dichte Bebauung begünstigte die rasche Ausbreitung der Brände. Die Hauptverkehrsstraßen waren durch Bombentrichter unbefahrbar, schwere Minenbomben ("Luftminen", "Litfasssäulen") hatten ganze Straßenzüge durch den gewaltigen Luftdruck zerstört, was den Flammen Nahrung gab und wichtig Straßen mit Schuttmassen und Trümmern blockierten. Die Heranführung von Hilfsmannschaften und Löschkräfte verzögerte sich dadurch erheblich, teilweise war kein Durchkommen mehr möglich. 

Die der Stadtverwaltung bereits zu Kriegsbeginn bekannten Unzulänglichkeiten im Feuerlöschwesen hatten verhängnisvolle Auswirkungen, die zum Zusammenbrechen der Wasserversorgung führten oder den Einsatz auswärtiger Löschmittel verhinderten. Trotz des tatkräftigen Eingreifens der Hausbewohner und des aufopferungsvollen Bemühens der Einsatz- und Löschkräfte weiteten sich einzelne Dachstuhlbrände zu Häuserbränden aus, das Feuer erfasste ganze Straßenzüge und schließlich standen ganze Stadtviertel vollständig in Flammen. Ungefähr zwei Stunden nach den letzten Bombenabwürfen, am frühen Morgen des 4. Dezember 1943, brannte die gesamte Innenstadt und es kam, ähnlich wie schon in den Monaten zuvor in Wuppertal, Hamburg und Kassel, zu einem "Feuersturm", der starke Bäume umknickte, Autos umwarf, Feuerlöschleitungen auf Bäume und Hochspannungsleitungen schleuderte, sowie Menschen über Straßen und Plätzen hinweg wirbelte. Zahlreiche Personen wurden dadurch schwer verletzt oder sogar getötet. Viele ältere Leipziger erinnern sich noch heute daran, dass Tage nach dem Angriff über der Innenstadt und den am stärksten betroffenen Stadtteilen beißender Rauch aufzog, Brandherde immer wieder aufflackerten und alles von Asche und Ruß überzogen war. Doch zu einem alles vernichtenden großflächigen "Feuersturm", wie er im Juli 1943 in Hamburg getobt hatte, war es in Leipzig (zum Glück für die Einwohnerschaft) nicht gekommen.

Obwohl zahlreiche Einzelbrände sich zu einem örtlich begrenzten, orkanartigen "Feuersturm" vereinigten, erscheint es fast als Wunder, dass die Zahl der Todesopfer mit mindestens 1.815 Toten und fast 4.000 Verletzten trotz der Schwere des Angriffes weitaus "geringer" ausfiel als z.B. in Wuppertal-Barmen (etwa 3.800 Tote), Hamburg (rund 40.000 Tote) oder Kassel (ca. 6.000 Tote), wo vergleichbare "Feuersturme" getobt hatten. Begründet war das wahrscheinlich im nicht "luftschutzgerechten Verhalten" eines Teils der Leipziger Bevölkerung, die teilweise die Luftschutzkeller bereits vor Beendigung des Angriffes verließ und darin ging, einzelne Brände zu löschen sowie Verletzte und Verschüttete zu bergen. In Wuppertal, Hamburg und Kassel harrte die Bevölkerung dagegen "luftschutzmässig" in ihren Kellern aus, als sie hinaus wollten, war es häufig zu spät für eine Rettung, da sich die Brände bereits ausbreiteten. 

Die Entwarnung in den frühen Morgenstunden des 4. Dezember erfolgte erst um 5.32 Uhr, also eine Stunde nach dem Abflug der letzten britischen Bomber. Hätten die Leipziger den Luftschutzvorschriften streng Folge geleistet, so wären sicher weitaus mehr Menschen dem Angriff zum Opfer gefallen, besonders durch Ersticken in den Kellern. Der größte Teil der Toten war auf die Wirkung der Sprengbomben und nicht auf die Brände zurückzuführen. Nach dem Angriff erfassten die städtischen Behörden und Auffangstellen ungefähr 140.000 Menschen als "Bombengeschädigte", die teilweise ihre Wohnung und gesamte persönliche Habe verloren hatten.

Aber auch die britischen Bomberverbände erlitten Verluste. Den deutschen Nachtjägern und der Flak im Raum Leipzig gelang in den frühen Morgenstunden des 4. Dezember 1943 der Abschuss von drei Maschinen über dem Zielgebiet. Doch die schwersten Verluste entstanden auf dem Rückflug, als der Bomberstrom in die stark verteidigte Flakzone im Raum Frankfurt am Main geriet. Die Flakbatterien, die zu dieser Zeit vor allem mit 15- und 16-jährigen Luftwaffenhelfern besetzt waren, holten in dieser Nacht etwa 20 viermotorige Bomber vom Himmel. Insgesamt verlor das Bomber Command 24 Maschinen mit über 160 Besatzungsmitgliedern, von denen die Mehrzahl beim Absturz ihrer Bomber getötet wurden.

Leipzig nach dem 4. Dezember 1943

Die im Stadtgebiet kaum noch einzudämmenden Brände sowie zahlreiche Spreng- und Minenbombentreffer beschädigten oder zerstörten innerhalb weniger Stunden etwa 13.500 Gebäude, darunter Schulen, Krankenhäuser und Lazarette. Von den ehemals vorhanden 34.819 Leipziger Gebäuden wurden 3.450 total zerstört, 850 schwer oder mittelschwer sowie 9.200 leicht beschädigt. Dadurch waren 45.000 Haushalte betroffen; rund 131.000 Menschen galten unmittelbar nach dem Luftangriff als obdachlos - etwa 1/5 der damaligen Stadtbevölkerung Leipzigs. Es ist an dieser Stelle nicht der Raum, die endlos erscheinende Liste der Einzelschäden widerzugeben. Am deutlichsten zeigten sich die Schäden in der unmittelbaren Innenstadt, die dem aufmerksamen Betrachter auch noch heute im Stadtbild auffallen. Am schmerzhaftesten wird von den Leipzigern wohl die Zerstörung des historischen Ensembles am Augustusplatz mit Gewandhaus, Neuem Theater, Museum der bildenden Künste und Postgebäude empfunden. 

In einem Großteil der Straßen wurde die historisch gewachsene Bausubstanz und das städtebauliche Gefüge derartig umfassend zerstört, dass bei dem Wiederaufbau in der frühen Nachkriegszeit der völlige Abbruch erfolgen musste. Zu diesen Bereichen gehörten der Brühl, die Burgstraße, die Große Fleischergasse, die Reichsstraße, die Katharinenstraße oder der Matthäikirchhof. Am Neumarkt fielen die letzten prunkvollen Barockhäuser Leipzigs dem Angriff zum Opfer. Mehrere Gebäude wie die Johanniskirche oder die Alte Buchhändlerbörse brannten völlig aus. Zerstört oder beschädigt wurden wichtige Versorgungseinrichtungen wie die Großmarkthalle, der Vieh- und Schlachthof oder Wasser-, Gas- und Elektrizitätsleitungen, wodurch es kurzfristig zu Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung, aber auch der Gewerbe- und Industriebetriebe, kam. Die Leipziger Straßen wiesen zahlreiche Bombentrichter auf und waren durch Schutt und Trümmer der eingestürzten Gebäude unpassierbar. Straßenwagen und -gleise konnten erst Tage nach dem Angriff freigeräumt und ausgebesserte Strecken wieder befahren werden.

Weniger betroffen war der Leipziger Hauptbahnhof, wo es zwar totalen Glasbruch, aber nur geringe Schäden an den Gleisanlagen gab und der Zugverkehr kurzfristig über die Vorortbahnhöfe geleitet wurde. Wenige Monate später, am 7. Juli 1944, wurde die gewaltige Bahnhofshalle bei einem Angriff von über 400 US-amerikanischen Maschinen auf Ziele im Raum Leipzig fast vollständig zerstört. Ein erschreckendes Bild boten am 4. Dezember 1943 dagegen die Kultureinrichtungen sowie Krankenhäuser und Wissenschaftsbetriebe, darunter die Leipziger Universität mit schwersten Zerstörungen an allen 78 Lehr- und Klinikgebäuden. Das Alte Theater, das Schauspielhaus, der berühmte Kristallpalast, die Stadtbibliothek sowie 17 Leipziger Schulgebäude versanken in Trümmern. Nahezu das gesamte grafische Viertel, das damalige Zentrum deutscher Buch- und Druckkultur, ging in seiner Bausubstanz und Druckkapazität verloren.

"Leipzig trotzt dem Bombenterror"- Propaganda und Wirklichkeit [5]

Der Sicherheitsdienst der SS notierte in seinen Tagesmeldungen, dass der Angriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 unter der Bevölkerung Mitteldeutschland große Bestürzung und Ängste ausgelöst habe. Die Bevölkerung wertete nach den Berichten des SD den Angriff als Beginn von ständigen Bombardierungen der sächsischen Industrieregion.

Obwohl Leipzig wie auch der gesamte sächsische Raum in den deutschen Kriegsplanungen generell als "luftkriegssicher" galten, im Sommer 1943 sprach man sogar von dem "Luftschutzkeller des Reiches", traf der Dezember-Angriff weder die Stadtverwaltung noch die Bevölkerung unvorbereitet. Im Alltag der Leipziger Einwohner war das Thema Luftkrieg als Bestandteil der nationalsozialistischen Nachrichten- und Meinungsoffensive in Presse, Rundfunk und Filmbeiträgen der Wochenschauen immer präsent. Für den Fall eines Luftangriffes gab es sowohl bei den militärischen als auch den zivilen zentralen und lokalen Behörden und Einsatzstäben vorbereitete Einsatzpläne, die aus heutiger Sicht in bedrückender Weise die Zerstörung der Stadt und die Vernichtung von Menschenleben prophezeiten und als "Normalität" im Kriegsverlauf einkalkulierten. Unvorhersehbar war jedoch nach den bis zum Herbst 1943 relativ geringen Schäden das tatsächliche Ausmaß eines flächendeckenden Angriffes, als die abgeworfenen Spreng- und Brandbomben innerhalb weniger Minuten die bis dahin intakte Infrastruktur der Messestadt zerstörten und damit das geschäftliche und private Leben gleichermaßen hart trafen.

Tiefe Erschütterung löste in der Bevölkerung die große Anzahl der Toten vom 4. Dezember 1943 aus. Der Luftangriff kostete nach den damaligen Zählungen 1.815 Menschen das Leben und forderte damit die höchste Zahl an Opfern während eines Angriffes auf Leipzig. Ob sich in dieser Zahl auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die ebenfalls Opfer der Bomben wurden, befinden, muss offen bleiben. Angesichts der Schwere der Schäden nach dem Luftangriff vom 4. Dezember 1943 und der nachfolgenden Bombardierungen, die weitere Tote forderten, Verletzte und Obdachlose hinterließen sowie Aufräumungsarbeiten wieder zunichte machten, stellt sich die Frage, wie die Menschen mit diesen schrecklichen Erlebnissen umgingen, welche Gedanken sie in den Bunkern und Kellern bewegten und wie sie der permanenten Gefahr der Luftangriffe begegneten?

Während die materiellen Schäden in Leipzig anhand der von den Verwaltungen aufgestellten Statistiken gut nachvollziehbar sind, bleiben die Menschen in diesem Berichten nahezu unsichtbar. "Ausgebombt" sein bedeutete jedoch für jeden Betroffenen einen tiefen Einschnitt in seine bisherigen Lebensverhältnisse. Die Auswirkungen eines Luftangriffes erforderten zunächst rasches Handeln und das Zupacken jedes Einzelnen. Das Wiederinstandsetzen von Wohnungen, die Beschaffung von Notquartieren, das Besorgen des Nötigsten für den alltäglichen Unterhalt, die Suche nach Familienangehörigen und Bekannten ließen keine Zeit für Trauer und Resignation. Ein "Nichtfunktionieren" durch "Flucht in Krankheit" oder "hysterische Reaktionen" hätte sich für den Einzelnen gegen das ureigenste Interesse des Überlebens gerichtet. Sicher herrschten in der Leipziger Bevölkerung ganz unterschiedliche Emotionen und Motivationen vor, die von Durchhalte- und Überlebenswille, dem von der NS-Propaganda vielbeschworenem Gemeinschaftsgefühl der "Volksgemeinschaft", wachsender Energie, die Beschränkung der persönlichen Bedürfnisse auf das Notwendigste bis zu Gefühlen wie Hilflosigkeit, Ohnmacht und Wehrlosigkeit, Resignation, Abgestumpftheit und Gleichgültigkeit reichten.

Aspekte des persönlichen Erlebens der Luftangriffe finden sich heute nur noch in Erzählungen, Erlebnisberichten, Tagebüchern und Briefen der damaligen Leipziger Einwohner. Sie lassen das bedrohliche Empfinden der Ereignisse, das Staunen über Lebenswillen und Zupacken, aber auch die stete Furcht vor einem neuen Angriff, das Abwägen über eine Evakuierung oder die Rückkehr in die von Ruinen gezeichnet Stadt bedrückend nachempfinden. Dass die Zivilbevölkerung weiter ausharrte, war jedoch vor allem auch durch den bis Kriegsende beinahe reibungslos funktionierenden Versorgungsapparat der NSDAP und der "Hilfe für Betroffene" durch die NSDAP und ihre Gliederungen geschuldet. Der NS-Propaganda gelang es nach dem Angriff auf Leipzig, die "moralischen Auswirkungen" des Bombardements aufzufangen und im Sinne der Partei zu lenken. Ebenso ermöglichten die von der Partei organisierten "Erstmaßnahmen" in Form von Bezugsscheinen und Zusatzrationen aufkeimenden Unmut und Versorgungsprobleme halbwegs einzudämmen. Die allgegenwärtigen Repressionen seitens Partei, Polizei und Gestapo bei einem der "Volksgemeinschaft" nicht konformen Verhalten taten ein übriges, den Angriff auf die "Kriegsmoral" auch in Leipzig klein zu halten.

Strategisches Angriffsziel bis zum Kriegsende

Die in der Bevölkerung teilweise vorherrschende Meinung, dass die Luftangriffe nur den zivilen Sektor betrafen, galt angesichts des zerstörten Stadtbildes nur auf den ersten Blick. Zahlreiche Schäden an den Versorgungseinrichtungen, die Unterbrechung der Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung, die Schäden am Straßen- und Eisenbahnnetz wirkten sich auf die Infrastruktur Leipzigs hemmend aus und banden die vorhandenen Arbeitskräfte zur Schadenbegrenzung und notdürftigen Beseitigung unter Einbeziehung zentraler Einsatzkräfte des Reiches, vor allem aber auch der ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener. Die Rüstungsbetriebe der Stadt, die mehr an der Peripherie und besonders im Norden und Westen lagen, verzeichneten beim Angriff am 4. Dezember 1943 im Verhältnis gesehen wenige Treffer. Sie wurden erst bei den nachfolgenden Tag- und Nachtangriffen im Verlauf des Jahres 1944 schwer in Mitleidenschaft gezogen.

In der Nacht vom 19. auf den 20. Februar 1944 holte das Bomber Command zum nächsten großen Schlag gegen Leipzig aus. Über 820 viermotorige Maschinen starteten zu einem erneuten Flächenangriff auf die Stadt. Für die Engländer war dieser Angriff jedoch nur wenig erfolgreich. Aus der Sicht der britischen Militärs stand der Einsatz in keinem Verhältnis zu den erzielten Sachschäden und Personenverlusten in Leipzig, die als gering eingestuft wurden. Das Bomber Command verlor demgegenüber 78 Maschinen durch Flak und deutsche Nachtjäger. Es war nicht nur der letzte gegen Leipzig gerichtete britische Großluftangriff, sondern auch eine der verlustreichsten Operationen im gesamten Kriegsverlauf. Am Tag nach dem britischen Flächenangriff in der Nacht des 20. Februar 1944 wurde Leipzig im Zusammenhang mit der gegen die deutsche Luftrüstung gerichteten Operation "Big Week" erstmalig von einem größeren Verband amerikanischer Bomber angegriffen.

Von diesem Tag an bis in den Monat Juli 1944 hinein unternahm die 8. US-Luftflotte immer wieder gezielte Bombenangriffe auf Luftrüstungsbetriebe und Flugzeugwerke in und um Leipzig. Insgesamt waren in diesem halben Jahr über 2.000 US-amerikanische Maschinen an Luftangriffen auf Leipzig beteiligt. Dass dabei auch Wohnbezirke der Zivilbevölkerung getroffen wurden, war in den US-amerikanischen Planungsstäben bekannt und wurde in Kauf genommen. Eine zweite Serie von Bombenangriffen auf Leipzig erfolgte gegen Kriegsende. Obwohl Leipzig neben Dresden und Chemnitz auf der Zielliste des imaginären Planungen für "Thunderclap" stand, der als "Donnerschlag" massive Bombardements gegen Berlin und Bevölkerungszentren in Sachsen vorsah, blieb die Stadt von einem neuerlichen britischen Flächenangriff verschont.

Der Luftkrieg gegen Leipzig wurde in der Kriegsendphase von den strategischen Bomberverbänden der Amerikaner bestimmt. Am 27. Februar 1945 starteten über 700 US-amerikanische B-17 - Bomber zu einem geschlossenen Angriff auf die Eisenbahnanlagen und den Hauptbahnhof in Leipzig. Erst fünf Wochen später griffen am 6. April 1945 wieder rund 320 Maschinen der 8. US-Luftflotte erneut den Hauptbahnhof und Rangierbahnhöfe in Leipzig an. In den letzten Kriegstagen meldete sich das britische Bomber Command zurück. Am 10. April 1945 bombardierten 230 Maschinen des Bomber Command zwei Bahnhöfe auf Leipziger Stadtgebiet. In der darauffolgenden Nacht unternahm ein Verband von 95 Maschinen einen letzten schweren britischen Luftangriff auf Leipzig, um den Verschiebebahnhof in Wahren zu zerstören.

Mit der Eroberung von Leipzig durch US-Truppen am 18. April 1945 endete auch der Luftkrieg, der in den vorausgegangenen Wochen vor allem von Tiefangriffen durch amerikanische Jagdbomber der 9. US-Luftflotte bestimmt wurde.

Lokale Gedenkkultur

Während des Zweiten Weltkrieges wurden zwischen August 1942 und 10. April 1945 insgesamt 24 Luftangriffe gegen Leipzig geflogen, die über 5.000 Todesopfer forderten. Unter den Toten fanden sich neben Leipziger Einwohnern auch Wehrmachtsangehörige, ausländische Arbeitskräfte, Kriegsgefangene sowie Flüchtlinge, sicher aber auch KZ-Häftlinge in den Lagern der bombardierten Rüstungswerke. An die bei den Luftangriffen Umgekommenen erinnert die neu gestaltete Abteilung XXVIII auf dem Südfriedhof. Bis in die 1950er Jahre bestand die Anlage aus Einzelgräbern, die mit einheitlichen Holzkreuzen versehen waren. Als die 15-jährige Ruhefrist abgelaufen war, wurde das Gräberfeld zu einem Ehrenmal für die Opfer und zu einem Mahnmal für die Lebenden umgestaltet. 

Die von der Leipziger Künstlerin Marie-Luise Bauerschmidt geschaffene Bronzeskulptur "Trauernder Jüngling" steht auf einem Sockel, der die Inschrift "DEN BOMBENOPFERN DER STADT LEIPZIG / 1943-1945" trägt. Das Kunstwerk wurde im August 1998 in einer neuen parkähnlichen Memorialstätte des Friedhofes aufgestellt, wo auf zwei Flächen nahezu 4.300 deutsche Bombenopfer ihre letzte Ruhestätte fanden. Auf den kreuzförmig aufgestellten 60 Grabstelen finden sich Namen und Lebensdaten der Bombenopfer. An die im Zweiten Weltkrieg in Leipzig getöteten ausländischen Arbeitskräfte erinnert ein Gedenkstein auf dem Ostfriedhof, der als zentraler Begräbnisplatz für Ausländer diente.

Am 4. Dezember 2003 beging Leipzig den 60. Gedenktag an den schwersten Luftangriff des Krieges. Aus diesem Anlass wurde im Stadtarchiv mit einer bereits am 3. Juli 2003 eröffneten und bis zum 18. März 2004Ausstellung an die Auswirkungen der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg erinnert. 

Anmerkungen

1) Die folgenden Ausführungen beruhen im Wesentlichen auf den bereits 1998 als Sonderband des Leipziger Kalenders vom Stadtarchiv herausgegebenen Untersuchungen der Autorin zu den Auswirkungen der alliierten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg auf die Stadt Leipzig, die auf der Auswertung der archivarischen Quellen basieren. Das in diesem Band enthaltende Literaturverzeichnis verweist auf die bereits vorliegenden grundsätzlichen Untersuchungen, insbesondere zur Analyse des Luftkrieges unter dem Fokus des Bombenkrieges gegen die Zivilbevölkerung und ist allerdings durch die in den letzten Jahren erschienen Veröffentlichungen zur Auseinandersetzung mit der Thematik zu ergänzen. Siehe hierzu das Literaturverzeichnis des Themenportals Bombenkrieg bei <historicum.net>.

2) Die "area bombing"-Direktive wurde am 14.2.1942 durch den britischen Verteidigungsausschuss genehmigt.

3) In privaten Aufzeichnungen sind von 1940 bis 1945 für Leipzig 590 Alarme registriert. Ein weiteres privates Verzeichnis listet, beginnend mit dem 16. Juni 1941, bis zum 14.4.1945 303 Fliegeralarme auf; StadtA Leipzig.

4) Umfassende Ausführungen zu dieser Thematik u.a. bei Steffen Held/ Thomas Fickenwirth: Fremd-und Zwangsarbeit im Raum Leipzig 1939-1945. Archivalisches Spezialinventar und historische Einblicke, hrsg. vom Stadtarchiv Leipzig, Sonderband des Leipziger Kalenders, Leipzig 2001; Fremd- und Zwangsarbeit in Sachsen 1939-1945. Beiträge eines Kolloquiums ... und Begleitband einer Gemeinschaftsausstellung der Sächsische Staatsarchive, Veröffentlichungen der Sächsischen Archivverwaltung. Reihe A; 2, Halle/Saale 2002 sowie Mustafa Haikal, Die Hugo Schneider Aktiengesellschaft, in: Die naturwissenschaftlich-technischen Institute der Akademie der Wissenschaften der DDR (Standort Leipzig-Permoserstraße), Leipzig 2001. Zur Leipziger Rüstungsindustrie allgemein - Klaus Hesse: Rüstungsindustrie in Leipzig 1933-1945, Leipzig (Eigenverlag, Exempl. im StadtA Leipzig).

5) Unter der Überschrft "Leipzig trotzt dem Bombenterror" riefen die örtlichen Parteidienststellen der NSDAP und die Stadtverwaltung Leipzig jeweils nach besonders schweren Luftangriffen, die propagandistisch als "Terrorangriff" bezeichnet wurden, die Leipziger Bevölkerung zum Durchhalten und gemeinsamen Vorgehen zur Beseitigung der schweren Schäden auf, so z.B. Leipziger Neuesten Nachrichten v. 5.12.1943.

Literatur

Horn, Birgit: Die Nacht, als der Feuertod vom Himmel stürzte - Leipzig, 4. Dezember 1943, Gudensberg-Gleichen 2003.

Horn, Birgit: Leipzig im Bombenhagel? Angriffsziel "Haddock". Zu den Auswirkungen der alliierten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg auf die Stadt Leipzig, Leipzig 1998.

Lehmstedt, Mark (Hg.): Leipzig brennt. Der Untergang des alten Leipzig am 4. Dezember 1943 in Fotografien und Berichten, Leipzig 2003.

 

Kontakt: bhorn(at)leipzig.de

 

Empfohlene Zitierweise

Horn, Birgit: Angriffsziel "Haddock". Bombenangriffe auf Leipzig, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ipz12h/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.03.2006


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