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Gerhard E. Sollbach

'Schüler-Soldaten'

Der Einsatz von Luftwaffenhelfern


Abb. 1: Luftwaffenhelfer mit ihrem Batteriechef am Kommandogerät einer schweren Flakbatterie in Dortmund, Sommer 1943; Archiv G. E. Sollbach

Durch eine gemeinsam vom Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, dem Leiter der Partei-Kanzlei, dem Reichsminister des Innern, dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung sowie dem Jugendführer des Deutschen Reiches am 26. Januar 1943 erlassenen "Anordnung über den Kriegshilfseinsatz der Jugend in der Luftwaffe" wurde der Einsatz von Schülern der Ober- und Mittelschulen ab dem vollendeten 15. Lebensjahr als Luftwaffenhelfer in den Flak-Batterien verfügt. Die Luftwaffenhelfer-Tätigkeit galt jedoch als Erfüllung der "Jugenddienstpflicht" (HJ-Dienst) und begründete, wie in der Anordnung ausdrücklich bestimmt wurde, nicht den rechtlichen Status eines Soldaten.

Die Verwendung von Schülern für den Kriegseinsatz Anfang 1943 war aber keineswegs eine so völlig überraschende Maßnahme des NS-Regimes, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Sie stellt vielmehr die Konsequenz und den Entwicklungshöhepunkt eines Prozesses dar, der über die 1935 erfolgte Einführung der Wehrpflicht und der Dienstleistungspflicht für jeden Deutschen im Krieg zur so genannte Notdienstverordnung von 1938, die eine Heranziehung jedes Reichsbewohners für zeitliche begrenzte "Notdienstleistunge" ermöglichte, und zum Wehrleistungsgesetz/Reichsleistungsgesetz von 1938/1939 führte, auf Grund dessen u. a. auch Jugendliche ab vollendetem 15. Lebensjahr zu "körperlichen Dienstleistungen" verpflichtete werden konnten. Kollektiv organisiert war die deutsche Jugend im Alter von 10 bis 18 Jahren endgültig seit dem Erlass der Durchführungsbestimmungen vom 25. März 1939 zum Gesetz über die Hitler-Jugend.

Personal-Ersatz


Abb. 2: Vereidigung von Luftwaffenhelfer in Dortmund, Frühjahr 1943; Archiv G. E. Sollbach

Der Schüler-Einsatz bei der Flugabwehr hatte seinen militärischen Grund in dem inzwischen auf diesem militärischen Sektor aufgetretenen akuten Personalmangel. Er war hervorgerufen worden einerseits durch der Notwendigkeit, die zum Wehrdienst eingezogenen Jahrgänge so bald wie möglich an die Front zu schicken, wo der Personalbedarf wegen der wechselvollen Ereignisse des Russlandfeldzugs seit dem Winter 1941/1942 enorm anstieg, andererseits durch das Erfordernis, zum Schutz gegen den nach der von Deutschland verlorenen Luftschlacht über England ständig intensivierten strategischen Bombenkrieg der Alliierten die Flugabwehr im Deutschen Reich und in den von Deutschland besetzten Gebieten erheblich auszubauen.

Der für den Ausbau der Flugabwehr notwendige Personalbedarf konnte 1942 jedoch nicht mehr mit dem regulären Wehrpflichtpersonal gedeckt werden. Auch der seit Ende September 1942 auf Grund eines „Führerbefehls“ angeordnete Einsatz von Industriepersonal in den in der Nähe ihrer Betriebe stationierten „Heimatflak“-Batterien, noch die durch einen Erlass vom 27. April 1942 des Reichsjugendführers geschaffene Möglichkeit, Schüler ab 17 Jahren auf Grund freiwilliger Meldung unter Fortsetzung des Schulbesuchs als Personal in den Flak-Batterien zu verwenden, waren kein auch nur annähernd ausreichender Ersatz. Erschwerend kam hinzu, dass Hitler mit demselben "Führerbefehl" vom 20. September 1942 den Abzug von 120.000 Mann aus den Kaderdiensten der Luftwaffe zum Einsatz im Osten anordnete, wovon zwar nicht vorwiegend, aber auch die Besatzungen der Flak-Batterien betroffen waren.

Bedenken in der Reichs- und Parteiführung

Am 20. Oktober 1942 übermittelte dann das Reichsluftfahrtministerium dem Reichserziehungsministerium sein Ersuchen, Schüler der mittleren und höheren Schulen der Jahrgänge 1926 und 1927 zu "Hilfsdiensten" in den Organisationen der Luftwaffe einzusetzen und unter Fortfall des Schulunterrichts zu kasernieren. Den Entwurf einer entsprechenden Anordnung ließ Hermann Göring in seiner Eigenschaft als Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe der Reichskanzlei zustellen. Von den beteiligten Stellen ist die Angelegenheit mit Nachdruck betrieben worden. Auch die Parteikanzlei war damit befasst. Allerdings ist das Vorhaben des Reichsluftfahrtministeriums in den Kreisen der Reichs- und Parteiführung nicht unumstritten gewesen. 


Abb. 3: Luftwaffenhelfer aus Hagen am "Würzburg"-Radargerät einer schweren Flakbattere in Castrop-Rauxel, Herbst 1944; Historisches Centrum Hagen

In einem ausführlichen Antwortschreiben vom 21. Dezember 1942 an das Reichsluftfahrtministerium erteilte der Leiter der Parteikanzlei, Martin Bormann, einem derartigen militärischen Kriegseinsatz von Schülern eine glatte Absage. Er begründete diese u. a. damit, dass Deutschland sich durch eine solche Maßnahme dem Verdacht aussetze, militärisch am Ende zu sein, da es jetzt schon zur Rekrutierung von Kindern schreite, was einen negativen Eindruck im neutralen und feindlichen Ausland sowie auch in der deutschen Bevölkerung selbst hervorrufen würde. Auch würde eine gesundheitliche Schädigung der Jugendlichen unvermeidlich sein , da viele den körperlichen Anforderungen nicht gewachsen wären.

Weiter nennt Bormann als Ablehnungsgründe die moralische Gefährdung der im Reifeprozess stehenden Jungen bei einem solchen soldatischen Einsatz sowie eine Verschärfung des jetzt schon akuten Nachwuchsproblems in den geistigen und technischen Berufen, da die geplante Maßnahme praktisch das Ende der Schulausbildung nach der 5. Klasse bedeute und die entstehenden Wissenslücken später kaum aufgeholt werden könnten. Zudem seien in dem Entwurf auch keine Vorkehrungen für eine "weltanschauliche Betreuung" der betreffenden Jugendlichen enthalten.

Allerdings richteten sich die von Dienststellen und Personen der Partei- und Reichsführung vorgebrachten Bedenken und Einwände nicht gegen das Vorhaben des Reichsluftfahrtministeriums an sich, sondern nur gegen die Form von dessen Verwirklichung. Die kriegsbedingte Notwendigkeit der Heranziehung von Schülern als Personalersatz für die Luftwaffe wurde von niemandem in Frage gestellt.

Einsatz in den Flak-Batterien

Görings Antrag ist dann auch, allerdings mit gewissen Abstrichen und Einschränkungen, stattgegeben worden. Letztere betrafen vor allem den Ausschluss eines Kampfeinsatzes der Luftwaffenhelfer im Frontbereich sowie die Beschränkung ihres Tätigkeitsbereichs auf den Dienst in Flak-Batterien. Außerdem wurde die Erteilung eines Schulunterrichts für die Luftwaffenhelfer festgeschrieben.


Abb. 4: Luftwaffenhelfer an einem 12,8-cm Flakgeschütz in Dortmund, Sommer 1944; Archiv G. E. Sollbach

Auf der Rechtsgrundlage dieser „Anordnung“ sind ab dem 15. Februar 1943, dem ersten Heranziehungstermin, bis Kriegsende Schüler der Jahrgänge 1926 bis 1928 der Ober- und Mittelschulen sowie ab Ende 1944 auch der Berufsschulen in den Flak-Batterien zunächst in der Nähe ihres Heimatortes, später aber auch in weiter entfernten Gegenden eingesetzt worden. Vor Ort erhielten sie neben der militärischen Ausbildung einen - allerdings eingeschränkten - Schulunterricht. Doch auch dieser Schulunterricht, so lange er überhaupt erteilt wurde, erwies sich insgesamt als wenig nutzbringend, da einerseits der militärische Dienst stets Vorrang hatte und zum anderen die Jungen in Folge der häufigen und stundenlangen nächtlichen Einsätze am Tag vielfach zu müde waren, um dem Unterricht aufmerksam folgen zu können.

 

Die durch die nationalsozialistische Erziehung und Propaganda zum Teil hochmotivierten und verblendeten sowie nach Anerkennung als vollwertige Soldaten strebenden jugendlichen Geschützbedienungen haben sich häufig mit Begeisterung und Aufbietung aller ihrer geistigen und körperlichen Kräfte der ihnen zugewiesenen Aufgabe angenommen. Doch auch ihr Einsatz, der manchem von ihnen das Leben kostete, vermochte die Zerstörung der deutschen Städte nicht aufzuhalten.

Literatur und Quellen

Hans-Dietrich Nicolaisen: Der Einsatz der Luftwaffen- und Marinehelfer im Zweiten Weltkrieg. Büsum 1981

Ludwig Schätz: Schüler-Soldaten. Die Geschichte der Luftwaffenhelfer im Zweiten Weltkrieg. 2., erw. Aufl. Darmstadt 1974

Ludger Tewes: Jugend im Krieg - von Luftwaffenhelfern und Soldaten 1939-1945. Essen 1989

Reichsgesetzblatt I: 1935, S. 609-614; 1938, S. 1441f.; 1939, S. 709-712, S. 1645-1662

Bundesarchiv Berlin: Akte R 4901/12955 Bl. 166a-169a, 366a, 514a-516a

 

Kontakt: gerhard-e.sollbach(at)udo.edu

 

Empfohlene Zitierweise

Sollbach, Gerhard E.: 'Schüler-Soldaten'. Der Einsatz von Luftwaffenhelfern, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ioz12j/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.03.2006


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