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Gilad Margilit

Dresden und die Erinnerungspolitik der DDR

 

Von den Städten in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR war insbesondere Dresden durch den Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Das Dresdner Stadtzentrum wurde durch den Luftangriff der Alliierten in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 völlig zerstört. Infolge des Bombenhagels hatten nach verschidenen Schätzungen zwischen 25,000 bis 35.000 Menschen ihr Leben verloren - mehrheitlich Frauen, Kinder und ältere Menschen.

In der Zeit zwischen der Niederlage des NS-Regimes und dem Ausbruch des Kalten Krieges trugen die Gedenktage an den Luftangriff auf Dresden nahezu ausschliesslich lokalen Charakter. Die offizielle Erinnerungspolitik des kommunistischen Regimes in der sowjetischen Besatzungszone hatte die Behandlung der Bombardierung Dresdens und der anderer deutscher Städte in engem Zusammenhang mit der Frage nach der Schuld der Deutschen an der NS-Machtergreifung und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gestellt.

So publizierte die lokale Sächsische Volkszeitung am 13. Februar 1946 einen Beitrag des Dresdner Bürgermeisters Walter Weidauer, in dem es hieß: "Besonders schlimm sind Katastrophen, die vermeidbar gewesen wären. Aber nichts in der Geschichte unserer Stadt ist vergleichbar mit der Nacht vom 13. bis 14. Februar 1945. Zum Vermeidbaren kommt noch die Tatsache der bewusst von den faschistischen Verbrechern provozierten Zerstörung Dresdens." Und Weidauer schloss seinen Artikel mit einem Schuldvorwurf an das deutsche Volk: "Mit Schmerz und Trauer gedenken wir heute der Opfer. Mit doppeltem Schmerz, weil ihr Opfer sinnlos war, und - sprechen wir es offen aus - weil die politische Schwäche des deutschen Volks mit Schuld trägt an diesem Krieg, den wir hätten verhindern können, wenn wir dem Beispiel der Hundertausenden gefolgt wären, die Not und Tod auf sich nahmen, die in die Zuchthäuser und Konzentrationslager wanderten, weil sie gegen Hitler und den Krieg aktiv kämpften."

Erinnerungszeremonien anlaesslich des Gedenktages der Luftangriff auf Dresden während des Kalten Krieges

Der Ausbruch des Kalten Krieges hat zu wesentlichen Veränderungen in der Darstellung der Aktionen der Alliierten während des Zweiten Weltkrieges durch Moskau geführt. Das Narrativ des gemeinsamen Kampfes von Ost und West zum Sturz des nationalsozialistischen Regimes begann zu zerbröckeln. Es wurde im Osten durch das Narrativ des alleinigen Kampfes der Sowjetunion gegen den Nationalsozialismus ersetzt, wobei den anglo-amerikanischen Alliierten unterstellt wurde, sie hätten den NS-Staat in seinen Anfängen unterstützt. Der Wandel in der Position Moskaus zu den westlichen Alliierten hatte direkte Auswirkungen auf die Beurteilung der Bombardierung Dresdens in der sowjetischen Besatzungszone. 

Der Bombardierung Dresdens durch die westlichen Alliierten kam spätestens seit 1950 eine zentrale Rolle in dem Propagandakrieg zu, den die DDR gegen die Bundesrepublik Deutschland und deren Integration in das NATO-Bündnis führte. Inhaltlich entsprach die Funktionalisierung der Bombardierung Dresdens in der DDR der Interpretation, die das NS-Regime der Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten gegeben hatte. Geboten wurde eine nationalbezogene, deutsche Sichtweise des Krieges (und damit der NS-Vergangenheit). Der Kalte Krieg veranlasste die kommunistische Führung, einer Propagandalinie zu folgen, die ähnlich von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels im Hinblick auf die alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte während des Krieges eingenommen worden war, als er diese Bombardierungen mit dem vom NS-Regime geprägten Begriff als "Terrorangriffe" bezeichnete. 

Die SED übernahm darüber hinaus weitere Argumentationsmuster aus dem Reservoir der Goebbelschen Interpretationen, wenn sie die alliierten Westmächte als barbarisch und kulturfeindlich attackierte. Das kommunistische Regime schreckte dabei nicht vor einer Mobilisierung der negativen Gefühle zurück, die unter der deutschen Bevölkerung gegen die demokratischen Alliierten verbreitet waren. Auch das Gefühl des Opferseins, das sich in der deutschen Bevölkerung durch die Kriegsrealität zunehmend angestaut hatte und das vom NS-Regime seinerzeit natürlich gefördert worden war, wurde von der SED funktionalisiert, um im Kampf zwischen den Blöcken die öffentliche Meinung in Ost und West gegen eine Wiederaufrüstung der Bundesrepublik durch die Westmächte zu mobilisieren. Die Regierung der DDR versuchte, den Luftangriff auf Dresden aus dem bis zum Ausbruch des Kalten Krieges dominierenden Narrativ vom gerechten, heroischen Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland zu lösen und in den Kontext der Auseinandersetzungen des Kalten Krieges zu übertragen. Diese Veränderung des Narrativs verlieh den einstigen westlichen Verbündeten der Sowjetunion gegen den Faschismus das Bild verbrecherischer Gegner des deutschen Volkes und der Sowjetunion. Damit hatten zentrale Elemente des nationalsozialistischen Narrativs erneut Gültigkeit erlangt. Das Kriegsnarrativ der Alliierten, das diese als Befreiungskräfte in einem gerechten Vernichtungskampf gegen das nationalsozialistische Böse darstellte, aber war stark erschüttert worden.

Im neuen Diskurs des Kalten Krieges rückte die Perspektive der Schuld zunehmend an den Rand. Vielmehr wurde fortan betont, dass es in der Stadt keine militärischen Ziele gegeben und der Luftangriff keinerlei strategische Bedeutung gehabt habe. Die überregionalen, kommunistischen Medien innerhalb und außerhalb der sowjetischen Besatzungszone nahmen erst mit Ausbruch des Kalten Krieges journalistisch auf den Jahrestag der Bombardierung Dresdens Bezug. So widmete das Neue Deutschland 1949 dem vierten Jahrestag der Bombardierung Dresdens erstmals die Hälfte seiner Sonntagsbeilage. In diesem Zusammenhang wurde ein Beitrag Walter Weidauers, nun bereits Oberbürgermeister Dresdens, zur Katastrophe sowie Augenzeugenberichte Dresdner Bürger abgedruckt. Außerdem wurden fotografische Aufnahmen der Trümmer- und Leichenberge, die sich nach dem Luftangriff im Zentrum der Stadt aufgetürmt hatten, wiedergegeben. In seinem Beitrag bezog Walter Weidauer nun allerdings eine Position, die sich grundlegend von seinen Ausführungen zum ersten Jahrestag des Luftangriffs drei Jahre zuvor im Dresdner Organ der SED, der Sächsischen Volkszeitung, unterschied. Weidauer beschuldigte 1949 ausdrücklich die Vereinigten Staaten und Großbritannien der Bombardierung Dresdens ohne jegliche militärische Notwendigkeit. Die Bombardierung wurde diesmal allein als Verbrechen der alliierten Westmächte bezeichnet, für das sie, nicht die Nationalsozialisten, die ausschließliche Verantwortung trügen.

Am fünften Jahrestag der Bombardierung, also 1950, traf das Politbüro die Entscheidung, der Jahrestag könne effektiv zu einer breitangelegten, öffentlichen Kampagne gegen die "anglo-amerikanischen Kriegstreiber" funktionalisiert werden. Diese Kampagne sollte sich über ganz Sachsen erstrecken. Im Januar begann der Landesverband der SED in Sachsen mit den Vorbereitungen zur Gedenkveranstaltung zum fünften Jahrestag des Luftangriffs auf Dresden. Als Hauptredner der Kundgebung wollte der Landesverband den Leiter des Amtes für Information der DDR, Gerhart Eisler, einladen. Aus der Antwort Eislers an die sächsische SED-Führung nach dem Erhalt des offiziellen Kundgebungsprogramms lässt sich vermuten, dass Eisler anscheinend noch nicht über den erfolgten Wandel in der offiziellen Position zur Bombardierung Dresdens informiert worden war; denn er vertrat noch immer die alte Position, die dem Ausbruch des Kalten Krieges vorangegangen war. Unter Bezugnahme auf das offizielle Kundgebungsprogramm schrieb Eisler in seiner Antwort: "Man darf nicht vergessen, klarzumachen, dass die Hauptschuld der Vernichtung Dresdens doch das Hitlerregime trägt durch die Entfesselung des Krieges, [und] ferner auf die furchtbare Verwüstung anderer Länder durch die Hitlerbande hinzuweisen."

Anlässlich der Kundgebung gab die Nationale Front des demokratischen Deutschlands ein Informationsblatt heraus, das Fotografien der zerstörten Stadt und einer Reihe von Leichen der Opfer der Bombardierung sowie Aufnahmen enthielt, die die Wiedererrichtung der Stadt und ihrer Bauwerke durch das kommunistische Regime illustrieren sollten. Neben den Fotografien fand sich ein längerer Text, der fortan für die Funktionalisierung typisch sein sollte, den das Propagandawesen der DDR und seine Vertreter in Westdeutschland von dem deutschen Leid machen sollten: "... denn als Dresden das Opfer anglo-amerikanischer Vernichtungswaffen wurde, war der Krieg bereits entschieden. Warum also musste Dresden sterben? Dresden wurde in einen Trümmerhaufen verwandelt, weil die Imperialisten der USA wussten, dass ... die Stadt in die sowjetische Besatzungszone fallen würde. So wurde Dresden ein Opfer der Antisowjethetze."

Auch wenn in diesen Formulierungen eine ausdrücklich gegen die Westmächte gerichtete Propagandalinie eingeschlagen werden sollte, waren sich die Organisatoren der Kundgebung doch sehr wohl des Sprengstoffs bewusst, der in der Verknüpfung dieser Art von Propaganda mit der ehrenvollen Erinnerung an die Opfer lag. Man war daher auch entschlossen, den Akzent bei der Behandlung dieses Themas auf die Zukunft und die Jugend, nicht aber unbedingt auf die Vergangenheit zu setzen.

Am 13. Februar 1950, dem fünften Jahrestag des Luftangriffs auf Dresden, fand in der Stadt die zentrale Kundgebung wie geplant unter hoher Beteiligung der Bevölkerung statt. Gerhart Eisler hielt seine Rede, aus der deutlich wurde, dass auch er noch rechtzeitig auf die neue Propagandalinie umgeschwenkt war. Eisler führte aus, die Amerikaner und Briten hätten beschlossen, in den letzten Kriegstagen eine Region zu bombardieren, die unter die Besatzung der Roten Armee fallen sollte, um die Befreiung und den Wiederaufbau zu verhindern. Seit 1950 kam es alljährlich zu Massenkundgebungen für den Frieden und zu Gedenkveranstaltungen an den Luftangriff.Auch in der überregionalen Medien der DDR wurde über diese Kundgebungen berichtet.

Im Januar 1955 gab der Nationalrat der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands politische Richtlinien für den zehnten Jahrestag des Luftangriffs auf Dresden heraus. Diese Richtlinien, die „nicht zur Veröffentlichung, sondern nur zur Auswertung bestimmt sind, gehen gleichzeitig an die verantwortlichen Freunde in Dresden, an Presse und Funk und an die Bezirkssekretariate der Nationalen Front.“ In diesem Papier heißt es: "Die Zerstörung Dresdens war ein Glied in dem großen Verbrechen gegen die Menschheit, das von den deutschen Militaristen und Imperialisten 1939 mit dem kriegerischen Überfall auf Polen und der Zerstörung Warschaus eingeleitet wurde."

Die Verfasser dieser Richtlinien setzten die Amerikaner mit den Nationalsozialisten moralisch gleich und wiesen darauf hin, dass die Bombardierung der Stadt nach dem Zusammenbruch der deutschen Ostfront "völlig unsinnig" gewesen sei. Sie verglichen den Luftangriff auf Dresden mit dem zerstörerischen Wüten der SS angesichts des Vordringens der Roten Armee, ein Vorgehen, dessen alleiniges Ziel es gewesen sei, "in den von der unaufhaltsam vorwärtsschreitenden sowjetischen Armee befreiten Gebieten ein Trümmerfeld zu schaffen und dadurch das Leben unerträglich zu gestalten." Die Erinnerung an die Zerstörung Dresdens und anderer deutscher Städte zusammen mit dem Hinweis auf das Leiden der Zivilbevölkerung sollte eben diese Bevölkerung für die Gefahren des Kalten Krieges sensibilisieren, der in jenen Jahren eskalierte, als die Pariser Verträge zum Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO durch den Bundestag in Bonn ratifiziert werden sollten. In den erwähnten Richtlinien heißt es dazu: "Die Pariser Verträge, die Adenauer im Bonner Bundestag durchpeitschen will, bedeuten die Wiederbewaffnung der Mörder von Warschau und Coventry, von Stalingrad und Rotterdam, von Lidice und Oradour und ihr Bündnis mit den Mördern von Dresden und Hamburg, Berlin und Mannheim, Hiroshima und Phoengjang." In dieser Konstellation wurde die amerikanische Kriegsführung mit der verbrecherischen Kriegsmaschine des NS-Regimes gleichgesetzt. Darüber hinaus wurde die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des "Dritten Reiches" dargestellt.

Am zehnten Jahrestag des Luftangriffs auf Dresden kam es in der Stadt zu einer Massenkundgebung gegen das erneute Aufflackern der Kriegsgefahr, an der nahezu eine viertel Million Einwohner Dresdens teilnahmen. In seiner Rede griff der Dresdner Oberbürgermeister Walter Weidauer die Richtlinien des Nationalrates der Nationalen Front auf. Er definierte den Luftangriff der Alliierten auf die Stadt als ein Kriegsverbrechen und forderte von Bundeskanzler Konrad Adenauer, kein Bündnis "mit den Henkern von Dresden" einzugehen. In den Anweisungen für die Gedenkveranstaltung des Jahres 1955 im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen wurde dem Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer gestattet, den Satz "Die SS-Mörder von Sachsenhausen und die amerikanischen Luftgangster, die Mörder von Dresden und Berlin, Hand in Hand" in die Veranstaltung einzubringen.

Derartige grobe Gleichsetzungen zwischen den Amerikanern und den Nationalsozialisten finden sich in späteren Jahren nicht mehr in der kommunistischen Propaganda. Die Hauptargumente gegen den Luftangriff der alliierten Westmächte auf Dresden änderten sich jedoch nicht. Die Beurteilung der Bombardements deutscher Städte durch die westlichen Alliierten als verbrecherisches Vorgehen für die offizielle Historiographie der DDR bis zu ihrem Ende charakteristisch.

Auf dem 1951 im Dresdner Heidefriedhof eingerichteten Ehrenhain für die Opfer faschistischer Gewahltherrschaft und die Bombenopfer wurde 1964 zusätzlich ein Rondell von 14 Sandsteinstelen angelegt, die an die Opfer der Konzentrationslager und die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte erinnern sollten. Auf sieben der Stelen stehen die Namen der Konzentrationslager Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Ravensbrück, Sachsenhausen und Theresienstadt. Auf den anderen sieben sind die Namen der zerstörten Städte Coventry, Dresden, Leningrad, Lidice, Oradour, Rotterdam und Warschau zu lesen. Durch dieses Rondell kommt die Gleichsetzung des Schicksals der Opfer des Faschismus in den NS-Konzentrationslagern mit dem Schicksal der genannten Städte eindrücklich visuell zum Ausdruck.

Die Beschreibung konspirativer "imperialistischer Gruppen" in Amerika und England stand in gewisser Affinität zu der antisemitischen NS-Darstellung des Krieges als Konspiration "jüdischer Finanzkreise" im Westen gegen Deutschland. Sicherlich wird es von vielen Bürgern der DDR, die im "Dritten Reich" aufgewachsen waren, auch so verstanden worden sein. Weite Kreise der deutschen Öffentlichkeit waren während der zwölf Jahre des "Dritten Reiches" gegen die NS-Indoktrination nicht immun geblieben. Die kommunistische Propagandalinie konnte hier nun als Bestätigung und Legitimation des NS-Kriegsnarrativs verstanden werden.

Literatur

Margalit, Gilad: Der Luftangriff auf Dresden. Seine Bedeutung für die Erinnerungspolitik der DDR und für die Herauskristallisierung einer historischen Kriegserinnerung im Westen, in: Susanne Düwell und Mathias Schmidt (Hrsg.): Narrative der Shoah. Repräsentationen der Vergangenheit in Historiographie, Kunst und Politik, Paderborn u.a. 2002, S. 189-207.

Naumann, Klaus: Der Krieg als Text. Das Jahr 1945 im kulturellen Gedächtnis der Presse, Hamburg 1998.

 

Kontakt: margalit(at)research.haifa.ac.il

 

Empfohlene Zitierweise

Margalit, Gilad: Dresden und die Erinnerungspolitik der DDR, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ioz127/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.03.2006


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