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Gerhard E. Sollbach

Der große Abschied

Die erweiterte Kinderlandverschickung (KLV)

 


Abb. 1: Abfahrt von Kinder in die KLV

Die erstmals im Zweiten Weltkrieg durchgeführte Massen-Evakuierung von Kindern und anderen Zivilpersonen aus den (Groß-)Städten ist eine eigentümliche Erscheinung des modernen, durch den Einsatz der Luftwaffe in großem Umfang geprägten modernen Kriegs. Anders als nämlich noch im ersten Weltkrieg, als sich das eigentliche Kriegsgeschehen auf eine mehr oder weniger breite Frontlinie beschränkte, wurde im Zweiten Weltkrieg die Zivilbevölkerung in einem bisher nie dagewesenen Ausmaß von den Kampfhandlungen direkt betroffen. Das traf vor allem für das Deutschen Reich zu, gegen das die Alliierten einen zunehmend verheerender wirkenden strategischen Luftkrieg führten.

Zu den seinerzeit im Deutschen Reich ergriffenen zivilen Luftschutzmaßnahmen gehörte auch die durch einen „Führerbefehl“ Hitlers vom 27. September 1940 angeordnete „Landverschickung“ der Kinder und Jugendlichen aus den luftkriegsgefährdeten (Groß-)Städten. Sie erhielt die offizielle ebenso verniedlichende wie verschleiernde Bezeichnung „Erweiterte Kinderlandverschickung“, kurz KLV genannt. Die laut dem „Führerbefehl“ auf der Basis der Freiwilligkeit durchzuführende Aktion sollte sich bis Kriegsende mit schätzungsweise über 2 bis zu 6 Millionen verschickten Kindern, Jugendlichen und Müttern mit Kleinkindern - genaue Zahlen existieren nicht - zur bisher größten Binnenwanderung der Geschichte ausweiten.

Drei Gruppen und zwei Phasen

Bei den von der KLV erfassten Personen unterschied man von Anfang an drei Gruppen: 1. Mütter mit Kleinkindern, die vornehmlich auf dem Land bei Familien Unterkunft fanden; 2. Kinder bis zu zehn Jahren die ausschließlich in sog. Pflegefamilien gegeben wurden und die Schule am Aufnahmeort besuchten; und 3. Jugendliche ab zehn Jahren bis zum jeweiligen Schulabschluss, die möglichst klassen- oder schulweise verschickt und grundsätzlich in (geschlossenen) KLV-Lager untergebracht und dort auch von den mitverschickten Lehrkräften ihrer Heimatschule bzw. ihres Heimatortes unterrichtet werden sollten.

Für den Transport aller drei KLV-Gruppen sowie außerdem für die Unterbringung der vorschulpflichtigen Kinder und der Kinder der ersten vier Schuljahre in den Pflegefamilien war die NS-Volkswohlfahrt zuständig; um die Unterbringung der Kinder vom fünften Schuljahr an kümmerte sich dagegen die Hitler-Jugend.

Die KLV-Aktion im Zweiten Weltkrieg weist jedoch zwei zu unterscheidende Phasen auf. In der ersten, von Anfang 1941 bis zum Frühjahr/Sommer 1943 reichende Phase, erfolgte die Teilnahme an der KLV nicht nur in der Theorie, sondern weitgehend auch in der Praxis auf Grund freiwilliger Meldung. Das änderte sich in der zweiten Phase ab dem Frühjahr/Sommer 1943, als man in großem Umfang in besonders luftkriegsgefährdeten Städten sämtliche allgemeinbildenden Schulen schloss und im Rahmen der KLV in „luftkriegssichere“ Aufnahme-Gaue evakuierte. Die Freiwilligkeit der Teilnahme an der KLV war in den betroffenen Städten nunmehr aber weitgehend theoretischer Natur. 

Abgesehen von dem ausgeübten vielfältigen direkten und indirekten massiven Druck durch Behörden und Parteidienststellen hatten die Eltern auch kaum eine echte Wahl. Wer keine Möglichkeit besaß, seine Kinder auswärts bei Verwandten oder Bekannten in einer nicht luftkriegsgefährdeten Gegend unterzubringen, musste sie, wenn er sich nicht des Verstoßes gegen die nach wie vor bestehende gesetzliche Schulpflicht schuldig machen oder seinen Kindern die Fortsetzung ihrer Schulbildung verwehren wollte, zwangsläufig mit ihrer Schule in die KLV fahren lassen. Man sprach daher in der Bevölkerung seinerzeit sarkastisch auch von der „freiwilligen Zwangsverschickung“ bzw. von der „Kinderlandverschleppung“.

Andererseits hat aber vor allem in der Anfangszeit die intensive KLV-Werbung, die insbesondere den Erholungs- und Urlaubscharakter der Maßnahme herausstellte, viele Eltern trotz grundsätzlicher Bedenken bewogen, ihre Kinder mitzuschicken. Immerhin wurde den Kindern auf diese Weise ein (kostenloser) Aufenthalt in landschaftlich schönen Gegenden ermöglicht, bei denen es sich vielfach sogar um ausgesprochene Urlaubsgebiete und nicht selten sogar um bekannte Kur- und Erholungsorte handelte, was ansonsten für die meisten Familien außerhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten lag.

Elternwiderstand

Doch ist die (Erweiterte) Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg bis Kriegsende aber eine bei der Bevölkerung insgesamt unpopuläre Maßnahme gewesen. Während die Evakuierung von Kleinkindern mit ihren Müttern und auch diejenige der bis zu zehn Jahren alten Kinder aus den luftkriegsbedrohten Städten noch weitgehend als sinnvoll hingenommen wurde, gab es einen zum Teil sehr starken Widerstand der Eltern gegen die Lagerverschickung der größeren Kinder und insbesondere gegen die (Zwangs-)Verschickung im Rahmen der allgemeinen Schulverlegung. 

Dieser Elternwiderstand hatte verschieden Gründe: weltanschauliche Abneigung gegen Maßnahmen des NS-Regimes insgesamt sowie Befürchtungen wegen einer a- bzw. antireligiösen Erziehung, Sorge um die ordnungsgemäße Fortführung des Schulunterrichts bzw. der Schulausbildung und nichts zuletzt die enge gefühlsmäßige Bindung vor allem der mit ihren Kindern allein gelassenen Mütter, deren Ehemänner zu dieser Zeit meistens ja eingezogen waren. 

Wie die Vorgänge z. B. in verschiedenen Ruhrgebietsstädten bezeugen, ist es offenbar nirgendwo gelungen, alle Schulkinder aus einer geräumten Stadt herauszubekommen. In Bochum z. B., immerhin die Gauhauptstadt des NS-Gaus Westfalen-Süd, sind nach der Durchführung der Schulevakuierung im Sommer 1943 und trotz massiven Drucks der Behörden und auch ungeachtet der Tatsache, dass nach der Schulverlegung in den betreffenden Städten auf Grund eines Erlasses des Reichserziehungsministers kein Schulunterricht mehr stattfand, rd. 6.000 Schulkinder bis zum Kriegsende von ihren Eltern zu Hause behalten worden.

KLV-Erfahrung

Andererseits sind durch die KLV aber auch Hunderttausende von Kindern und Jugendlichen aus den von immer häufigeren Luftalarmen und immer schwereren Bombenangriffen heimgesuchten deutschen Städten herausgebracht und in den zugewiesenen vielfach ländlichen Aufnahmegebieten zumeist bis Kriegsende vor größeren pyhsischen und psychischen Schäden und nicht zuletzt vor dem Bombentod bewahrt worden. Allerdings gab es in der KLV auch das Heimweh- und das Bettnässerproblem, Unterbringungs- und Versorgungsmängel, lieblose Aufnahme in der „Pflegefamilie“, brutale Behandlung und Vernachlässigung durch Lehrpersonen sowie Schikanen der HJ-Lagermannschaftsführer bzw. BDM-Lagermädelführerinnen. 

Doch Einzel-Erlebnisse dürfen nicht verallgemeinert werden, zumal generalisierende Aussagen über die Lagerwirklichkeit und KLV-Erfahrung insgesamt nur mit großem Vorbehalt gemacht werden können. Es gab in den KLV-Lagern nämlich alles: Lehrpersonen, die üble indoktrinierende Nazis waren, ebenso wie väterlich- bzw. mütterlich besorgte unpolitische Lehrer und Lehrerinnen, tyrannische Lagermannschaftsführer bzw. Lagermädelführerinnen ebenso wie solche, die sich kameradschaftlich den ihnen unterstellten Jungen und Mädchen gegenüber verhielten, ein von Brutalisierung und roher Gewalt beherrschtes Gruppenleben ebenso wie ein solches, in dem Kameradschaft und menschliches Verständnis herrschten. Viele der damals Verschickten haben unter Berücksichtigung der seinerzeit herrschenden Umstände nach ihrem eigenen Bekunden doch überwiegend positive Erfahrungen gemacht. 

Eine ganz entscheidende Rolle hat dabei auch das - von Ausnahmen abgesehen - pädagogisch verantwortungsvolle Handeln der Lehrpersonen in den KLV-Lagern gespielt. Diesen Lehrerinnen und Lehrern ist es vor allem zu verdanken, dass insbesondere auch die vom Regime beabsichtigte totale NS-ideologische Vereinnahmung der Kinder in der KLV nicht verwirklicht wurde. Denn die Schutzabsicht und die Schutzwirkung der KLV rückte erst im Verlauf des Kriegs und als Folge des immer verheerender werdenden strategischen Luftkriegs der Alliierten gegen das Deutsche Reich in den Vordergrund. Doch darf man bei einer Beurteilung der KLV-Aktion im Zweiten Weltkrieg auch nicht übersehen, dass der Krieg, vor dessen Auswirkungen das Regime die Kinder zu schützen suchte, von ihm selbst entfesselt worden war.

Literatur

Gerhard Kock: „Der Führer sorgt für unsere Kinder...“ Die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg. Paderborn u. a. 1997

Martin Rüther (Hg.): Zu Hause könnten sie es nicht schöner haben. Kinderlandverschickung aus Köln und Umgebung 1941-1945. Köln 2000

Gerhard E. Sollbach: Flucht vor Bomben. Kinderlandverschickung aus dem östlichen Ruhrgebiet im 2. Weltkrieg. Hagen 2002

 

Kontakt: gerhard-e.sollbach(at)udo.edu

 

Empfohlene Zitierweise

Sollbach, Gerhard E.: Der große Abschied. Die erweiterte Kinderlandverschickung (KLV), in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ioz12e/

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Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.03.2006


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