Anwendungsfelder

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Geschichte - Computer - Neue Medien: Standardanwendungen

 

Anwendungsfelder des Computers in den Geschichtswissenschaften

 

1. Der Computer als Werkzeug und als Methode

Der Computer ist zunächst ein Werkzeug, das effizienteres Arbeiten ermöglichen soll. Der Computer hat dann aber auch Auswirkungen auf die Art und Weise, in der man arbeitet. Er verändert die Arbeitsweisen, die Erkenntnismöglichkeiten und die Fragestellungen. Er hat damit erheblichen Einfluss auf die angewandten Methoden. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass der Computer nicht nur Rechenmaschine ist, sondern - Stichwort "Neue Medien" - auch ein Kommunikations- und Publikationsmedium. Es lassen sich vielfältige Anwendungsfelder skizzieren, in denen der Computer zunächst als Werkzeug eingesetzt wird, dann aber auch zu methodischen Veränderungen in diesen Bereichen führt.

2. Schreiben

Dem Thema "Schreiben mit dem Computer" ist ein eigener Tutoriums-Teil "Textverarbeitung" gewidmet. Solange es um die Herstellung eines auszudruckenden Textes geht, hat der Computer hier den Charakter eines reinen Werkzeugs. Veränderungen in methodischer Hinsicht treten vor allem dann ein, wenn für ein anderes Zielmedium geschrieben wird, das dann andere Textstrukturen und Inhalte begünstigt. Streng genommen hat aber bereits der Einsatz von Textverarbeitungsprogrammen Rückwirkungen auf das Schreiben, weil er den Schreibprozess verändert und - im Vergleich zu anderen Schreibtechnologien - die Verwendung bestimmter typographischer Ausdrucksmittel fördert oder hemmt.

3. Präsentieren

Der Computer unterstützt auf vielfältige Weise die Visualisierung von Daten und Zusammenhängen in unterschiedlichen Bereichen. Der visuellen Unterstützung von Vorträgen und Referaten ist ein gesonderter Abschnitt zu "Präsentationssoftware" gewidmet. Auf den ersten Blick scheint solche Software nur die Erstellung herkömmlicher Folien zu simulieren. Es ist aber offensichtlich, dass sich durch die Erleichterung dieser Arbeit und die vielfältigen neuen Möglichkeiten - wie z.B. die leichte Einbindung von Bildmaterial, die Erstellung von Skizzen und Diagrammen oder die Animation von Folien - die Anwendung, die Strukturen und die Inhalte dieser Medien verändern.

4. Publizieren

Auch in den Geschichtswissenschaften gewinnen Online-Publikationen zunehmend an Bedeutung. Wie weit diese nur einfach gedruckte Publikationsformen nachahmen oder sich zu methodisch eigenständigen und neuartigen Medien entwickeln, wäre für die verschiedenen Publikationsformen gesondert zu diskutieren. Zu nennen sind hier (jeweils mit Beispielen)

Online-Zeitschriften

Zeitenblicke Ausg. 1ff. (2002ff.), http://www.zeitenblicke.de
Concilium medii aevi. Zeitschrift für Geschichte, Kunst und Kultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit Bd. 1ff. (1998ff.), http://cma.gbv.de/

Wikis und Blogs

Wiki(Book): Entstehungsgeschichte der Hutterer
Blog: archivalia

Rezensionsorgane

Sehepunkte. Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaften Ausg. 1ff. (2001ff.), http://www.sehepunkte.de
H-Soz-u-Kult (Rezensionsteil) / Druckfassung: Historische Literatur [HistLit.] Bd. 1ff. (2003ff.), http://edoc.hu-berlin.de/e_histlit

Fachportale

historicum.net
Clio-online

Kommentierte Linksammlungen

Virtual Library Geschichte
Clio-online Web-Verzeichnis

Digitale Bibliotheken

Digitalisierte Monumenta Germaniae Historica

 

5. Kommunizieren

In der wissenschaftlichen Kommunikation sind durch Mailing- und Diskussionslisten neue Plattformen mit unterschiedlichen Charakeristika entstanden. Zu den wichtigsten deutschsprachigen Listen gehört "H-Soz-u-Kult" (Humanities Sozial- und Kulturgeschichte). Diese hat sich aber im wesentlichen zu einer Annoncierungs- und Rezensionsliste entwickelt. "Mediaevistik", eine Liste zum deutschen Mittelalter, wird dagegen oft für spezielle Sachfragen verwendet. Es existieren darüber hinaus zahlreiche spezialisierte Listen, die aber oft nur ein geringes Mail-Aufkommen haben. Einen exemplarischen Überblick geben die zahlreichen Listen von H-Net.

6. Recherchieren

Der Computer, genauer: das Internet, erlaubt ganz neue Recherchemöglichkeiten. Die erweiterte bibliographische Recherche wird weiter unten angesprochen. Hinzu kommen jetzt aber auch die besseren Zugriffsmöglichkeiten auf Materialien in Archiven und Museen. Und schließlich können die wachsenden Online-Ressourcen ganz anders durchsucht werden können als gedruckte Inhalte. Die Recherche wird mit den neuen Medien aber nicht nur vereinfacht und verbreitert. Es ergibt sich auch die Notwendigkeit einer neuen "Quellenkritik digitaler Ressourcen". Die Mechanismen der Filterung und Bewertung, die für die traditionellen Medien entwickelt worden und uns heute so selbstverständlich sind, dass wir sie uns kaum noch als eine mediale Rezeptionsmethodik bewusst machen, müssen nun ergänzt werden um Auswahl- und Bewertungsverfahren für digitale Informationen.

7. Speichern und Verwalten

Der Computer hat das Erbe des Zettelkastens angetreten. Es gilt heute, umfangreichere, komplexere und heterogenere Informationen zu verwalten. Dies gelingt ab einer bestimmten Schwelle nur noch mit elektronischer Informationsverwaltung. Gerade systematische Forschungsansätze, die es mit umfangreichem Quellenmaterial oder großen Datenmengen zu tun haben, erfordern den Einsatz von Datenbanken. Diese bieten andererseits aber auch neue Auswertungsmöglichkeiten und erlauben neue Fragestellungen, sind also nicht ohne Einfluss auf die Methoden der Forschung. Zu den Datenbanken siehe einen eigenen Tutoriums-Teil.

8. Bibliographieren

Die Literaturrecherche geht heute weit über einfache Bibliothekskataloge und gedruckte Fachbibliographien hinaus. Die Verbundkataloge lassen sich über ein gemeinsames Dach, den Karlsruher virtuellen Katalog, durchsuchen. Aber auch der Zugriff auf unselbständige Titel wie Sammelbandbeiträge und Zeitschriftenaufsätze ist durch fachspezifische elektronische Kataloge wie die „Historische Bibliographie“ oder (für das Mittelalter) den OPAC der Regesta Imperii deutlich vereinfacht worden. Mit dem Projekt chronicon der Bayerischen Staatsbibliothek gibt es inzwischen auch ein Portal, dass vor allem bibliographische (aber auch andere) Informationen für die Geschichtswissenschaften unter einer Oberfläche systematisch durchsuchbar macht. Ein umfassender Reader der Universitätsbibliothek Freiburg zum Gebrauch elektronischer Hilfsmittel zur Informationsbeschaffung steht ebenfalls online zur Verfügung. Werden umfangreiche Literaturdaten in eigenen Bibliographien gesammelt, dann legt dies die Benutzung von spezialisierten Literaturdatenbanken nahe. Dazu gibt es einen gesonderten Teil in diesem Tutorial.

9. Lehren und Lernen

eLearning macht auch vor den Geschichtswissenschaften nicht halt. Hier scheint es aber noch deutlich weniger weit entwickelt und verbreitet zu sein, als in anderen Fächern. Das mag teilweise daran liegen, dass hier weniger abfragbares Faktenwissen als vielmehr strukturelles Wissen und Methodenkompetenz eine Rolle spielen. Auf die Rückwirkungen des Werkzeugs Computer / Internet auf die Lehrinhalte und Lehrmethoden wären beispielhafte Tutorials und Lehrgänge wie "Geschichte online" oder "ad fontes" ebenso zu untersuchen wie virtualisierte Lehrveranstaltungen wie z.B. das "ZHSF-Methodenseminar".

10. Quantifizieren

Staitistische, quantifizierende Verfahren, wie sie z.B. in den empirischen Sozialwissenschaften zum selbstverständlichen methodischen Rüstzeug gehören, lassen sich auch in vielen Bereichen der Geschichtswissenschaft einsetzen. Der Gebrauch des Computers ist dabei zum Einsatz von Datenbanken oder Statistikprogrammen unverzichtbar. Die "Verweissammlung Historical Computing / Quantifizierung [Archivversion]" von Thomas Rahlf ist zwar nicht mehr ganz aktuell, bietet aber immer noch den besten Ausgangspunkt für diesen Bereich. Weiterhin wären hier auch die Angebote des Kölner Zentrums für historische Sozialforschung zu konsultieren (Zeitschrift HSR, Kurse, Online-Datenbanken etc.). Einen ganz kurzen Einblick in den Bereich der Statistik gibt ein gesonderter Teil dieses Tutorials.

11. Qualifizieren

Die sogenannte "qualitative Forschung" verwendet ebenfalls Methoden der empirischen Sozialwissenschaften (siehe hierzu z.B. das"Portal für qualitative Sozialforschung" oder die Zeitschrift "Forum Qualitative Sozialforschung"). Der Einsatz des Computers zu systematischen Analysen im nicht-numerischen Bereich ist in den Geschichtswissenschaften bislang aber noch kaum etabliert.

12. Kartieren

Geschichte hat fast immer auch eine geographische Dimension. Die Verbindung geographischer Informationen mit chronologischen Abläufen liegt nahe, erfordert aber den Einsatz komplexer Technologien. Hier sind dann sogenannte GIS-Systeme gefragt: Geographische Informationsysteme. Mit deren Einsatz beschäftigt sich z.B. das Rostocker "Institut für Multimedia und Datenverarbeitung in den Geisteswissenschaften". In Darmstadt läuft im Sommersemester 2005 ein Projekt "GIS in der Geschichtswissenschaft" an.

13. Edieren

Editionen - also kritische Ausgaben historischer Dokumente - sind oft komplexe und langwierige Unternehmen an deren Ende bis vor kurzer Zeit immer das gedruckte Buch stand. Der Computer wurde hier seit einigen Jahrzehnten zunächst als Werkzeug eingesetzt, um Daten zu verwalten, zu ordnen und um die Erstellung von Texten und Apparaten zu unterstützen. Durch die neuen Publikationsformen wie Internet oder CD-Rom liegt die Entwicklung "digitaler Editionsformen" nahe, die nicht nur ein anderes Aussehen haben, sondern auch andere Strukturen und andere Inhalte. Sie erfordern deshalb auch ein neue Methodologie. Die Entwicklung ist hier stark interdisziplinär geprägt, weil sich die gleichen Probleme für viele Fächer stellen. Eine methodische Vorreiterrolle kommt dabei den Philologien und Literaturwissenschaften zu.

14. Programmieren

Spezielle Probleme erfordern spezielle Lösungen. Quellen und Daten in den Geschichtswissenschaften sind häufig nicht mit den methodischen Ansätzen und technischen Lösungen aus anderen Bereichen adäquat zu bearbeiten. International gibt es deshalb den Bereich des "Humanities Computing" (manchmal auch "Humanities Computer Sciences"), der sich mit fortgeschrittenen speziellen technischen Lösungen beschäftigt und die methodischen Implikationen der neuen Technologien auslotet. In Deutschland gibt es wenige, sehr verschiedene institutionelle Ansätze, die technische Kompetenz auch eher auf dem Selbstverständnis einer "historischen Fachinformatik" entwickeln wollen. Neben dem Lehrstuhl für "historisch-kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung" an der Universität zu Köln ist hier z.B. auch die Personenliste "Netzwerk Historische Fachinformatik" zu erwähnen.

15. Simulieren

Die Simulation und experimentelle oder spielerische Entwicklung historischer Szenarien kann nicht nur didaktisch von großem Wert sein, sondern möglicherweise auch zu tieferen wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Bedingungen und Entwicklungsoptionen geschichtlicher Ereignisse verhelfen. Da solche Ansätze aber höchst aufwändig sind und erhebliche technische und methodische Kompetenzen verlangen werden sie bislang noch fast gar nicht in einem wissenschaftlichen Rahmen verfolgt. Auch hier sind aber Nachbardisziplinen inzwischen weiter: in der amerikanischen Literaturwissenschaft gibt es Ansätze für einen Bereich des "critical gaming": Die Umsetzung z.B. von literarischen Texten in Simulationen und Spielen soll dabei neue Formen der wissenschaftlichen Auseinandersetzng mit diesen Texten ermöglichen (siehe z.B. die "SpecLab Projects [Archivversion]").

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Erstellt: 29.03.2006

Zuletzt geändert: 10.06.2010


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