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Der Wechselbalg. Magie als konfessionelles Konstrukt (Abstract)

Katrin Moeller

Heft 4, 2012, Sp. 8-17

Rezeptionsgeschichte

<8> Symboliken, kulturelle Codes und Diskurse vergangener Epochen zu entziffern, gehört zu den spannenden Forschungsgebieten einer interdisziplinären Kulturwissenschaft, die Aufschluss über punktuelle und sich stetig wandelnde Sinnzuschreibungen oberflächlich fast "statisch" wirkender einheitlicher Topoi geben. Methodisch vielfältig, ja mitunter schon fast experimentell, sind in den letzten Jahrzehnten verstärkt entsprechende Ansätze fruchtbar gemacht worden. Dieser Verdienst ist nicht zuletzt Produkt einer angeregten interdisziplinären Arbeit. Versucht man sich allerdings anderen Fachdisziplinen zu nähern, ist es immer wieder frappant, dass mitunter ganz andere Diskurse die Fachdiskussion bestimmen bzw. wissenschaftliche Erkenntnisse und Thesen völlig unverbunden nebeneinander existieren. In ähnlicher Weise zerfasert, finden sich allerdings auch die verschiedenen Topoi und historischen Codes, die ihre Deutungen nicht unbedingt unmittelbar preis geben. Noch weniger wissen wir über das Eigenverständnis von Narrativen und die Wirkung von Symboliken. Anhand des Motivs des „Wechselbalgs“ und seiner Rezeptionsgeschichte möchte ich nicht nur auf den mit der Reformation dezidiert lutherischen geprägten Diskurs dieses Motivs deuten, sondern auch auf die Schwierigkeiten der wissenschaftlichen Erkenntnisbildung verweisen. Weitergehende Thesen und Zusammenfassungen zum Wissenstransfer im konfessionellen Konflikt können Sie anhand der Textpublikation (Literaturangabe unten) entnehmen.

Der Wechselbalg war und ist ein Mythos, der in verschiedenen Gestalten offenbar ganz verschiedene Kulturen bewegte. Die Angst vor dem Raub bzw. Verlust eines Kindes ist eine Urangst vieler Mitglieder der Gesellschaft, die uns auch heute in vielerlei Gestalt beschäftigt. Interessanterweise ist das Motiv des Wechselbalgs heute aber nicht allein häufig dem einstmals magischen Diskurs entwunden, zugleich ist die angstbesetzte Thematisierung des Motivs gewichen. Macht man sich heute auf die Suche nach Motiv des Wechselbalgs trifft man in der modernen Netzwelt auf ganze Heerscharen solcher Wesen: Man findet sie etwa als Zauberwesen in beliebten Sammelkartenspielen für Jugendliche und Erwachsene. In der amerikanischen Ferienserie „Star Trek“ treten Wechselbälge gar als Herrscher des Dominion im Gamma-Quadranten auf, da sie allen anderen Bewohnern des Universums über die sogenannte „Große Verbindung“ mental-übersinnlich überlegen sind. Die seit dem Erfolg von Harry Potter anhaltende Fantasy-Offensive auf dem Buchmarkt, hat uns zahlreiche neue literarische Verarbeitungen des Themas beschert. Nicht wenige Film- und Kunstprojekte haben sich des Themas ebenfalls angenommen.

<9> Sucht man allerdings nach Beispielen für Wechselbälge in frühneuzeitlichen Quellen und Literatur, gestaltet sich die Recherche weitaus schwieriger. Unser „ursprüngliches“ Wissen über den Wechselbalg stammt vielmehr aus den überaus zahlreichen Sammlungen zum Aberglauben bzw. zur Mythologie breiter Volksschichten im 18. und 19. Jahrhundert. Das große Problem dieser Forschungen – eine methodische Herausforderung der sich auch die Kulturgeschichte nicht immer gewachsen zeigt – basiert auf der intensiven aber leider kaum kritischen Sammelwut der damaligen Forschenden ohne einzelne rezeptive Stränge und Quellen differenziert zu betrachten. Inspiriert vom aufklärerischen Ideal der Erfassung des Weltwissens, galt jeder noch so weit über Zeit und Raum verstreute Beleg als ein wichtiger Beitrag – hier zur Thematik des Wechselbalgs. Als Quelle nutzte man vor allem die zahlreichen Sagen zum Kindstausch.

Der Wechselbalg, dies stellten zahlreiche Sammler heraus, war ein von elbischen Wesen hervorgebrachtes ungestaltetes, lediglich schreiendes, hungriges, träges und unbewegliches Ding. Der Glaube an den Wechselbalg war damit ein Produkt des Wissenstransfers aus "uralten, heidnischen" [1] Zeiten. Eine begrenzte Anzahl von unterschiedlichen regionalen Narrativen verbinden sich mit dem Wechselbalg: Er ist garstig und freut sich über menschliches Unglück, er spricht nicht – obwohl er nicht stumm ist; er hat teilweise übermenschliche Kräfte. Er kann über verschiedene – "heidnische" – Techniken oder auch christliche Gebräuche zur Aufdeckung seiner Herkunft, zum Verschwinden oder auch zum erneuten Tausch gezwungen werden. Die Aufklärung bzw. das 19. Jahrhundert legte mit ihren zunehmend pädagogischen und medizinischen Erklärungsmustern nun neue Definitionen des „Wechselbalgs“ vor, indem sie etwa den Zusammenhang von Behinderung und Wechselbalg-Attributen herstellte.

Quellen der Frühen Neuzeit

<10> Schaut man nun genau auf die frühneuzeitlichen Stellen, bleibt man verwundert über die Dürftigkeit der im 15. und 16. Jahrhundert gemachten Aussagen zurück: Bereits das große Sammelwerk – der Hexenhammer – verwendet weder das Wort „Wechselbalg“, noch zeigt es sich sehr informiert. Kramer nennt zwar an einer Stelle das Synonym „wechselkinder“ sogar als als deutsches Lehnwort (ansonsten lateinisch: campsiones, campsores, cambiti, infantes supositi). Allerdings erfolgt diese Erwähnung nicht als eigener Schwerpunkt, sondern eher unvermutet unter der Fragestellung, welche geheimen Mittel es gegen die verborgenen Anfechtungen des Dämons gäbe [(II/2,8)]. [2] Die gesamt Passage liest sich wie ein reiner Propagandafeldzug, der lediglich dazu dient, die gerechte Verurteilung der Hexen zu legitimieren. Angeführt wird ein Sammelsurium oft vager Aussagen, die nur zum Teil durch die kirchlichen Autoritäten auch verbürgt sind. Betrachten wir die Arten des Wechselbalgs nach Kramer genauer: Er kennt:

1. Magere, schreiende und dafür immer hungrige Wesen, die mehr als vier Ammen auszerren würden (S. 593), auf deren Herkunft er aber überhaupt nicht eingeht.

2. Andere Wechselbälger dagegen sind das Werk von Dämonen und Inkubi. Sie sind nicht eigentlich deren Söhne, sondern des Menschen und des Mannes, dessen Samen (als Sukkubi oder indem sie die Männer in den Träumen beflecken) empfangen.

3. Geben sich die Dämonen selbst als Kinder aus und verbünden sich zudem mit den verräterischen Ammen.

Bereits bei der Frage, ob Inkubus und Sukkubus gemeinsam Nachkommen erschaffen könnten, bleibt der Gang der Diskussion sehr vage und fast abenteuerlich. Nicht zuletzt stellt sich Kramer hier hinter die Aussagen des Thomas von Aquin, der letztlich resümierte, dass die Produkte des Beischlafs "non sit filius daemonis, sed ilius hominis cujus est semen acceptum". Fest steht auch für Heinrich Kramer, dass der Teufel selbst zeugungsunfähig sei. Nur über den Samenraub gelingt es ihm, Nachkommen zu emulieren. Wie allerdings der gestohlene Samen haltbar transportiert werden kann, darauf konnte auch Kramer keine überzeugende Antwort geben. Andere Autoren des 15. Jahrhunderts zeigen sich überaus skeptisch, ob der Samenraub überhaupt gelingen könne, da dem Teufel die dazu notwendige menschliche Wärme fehle. Johannes Hartlieb hatte in seinem Buch aller verbotener Künste explizit von der Krankheit "bolismus oder apetitus caninus" gesprochen, die allein mit "artzney" zu lindern sei, da "alle speis gät ungedäwt durch den leibe" führe und nicht zur Ernährung des Kindes beitrug. [3] Hartlieb fasst in seinem Kapitel zu den "Wächselkinden" zusammen "das ich geschriben funden hab, doch in kainer bewärten geschrifft". Er bezieht sein Wissen über die Wechselkinder daher aus dem Hörensagen besonders von Männern(!). Das Motiv des Kindstausch ist bei ihm ein rein christliches: Da die Eltern ihre Kinder zu sehr lieben, vergessen Sie darüber die Liebe zu Gott. Der Kindstausch erfolgt also durch göttlichen Willen zur Erzwingung eines besseren Glaubens. Einen ähnlichen Tenor hatten auch andere mittelalterlichen Autoren etwa Jaques de Vitry, Wilhelm von Auvergne und Nikolaus Magni von Jauer angeschlagen. Der Wechselbalg nahm hier Funktionen zur Einschärfung christlicher Glaubensprämissen ein. Anklänge an heidnische oder vorchristliche Praktiken, wie sie in den Sammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts immer wieder in Rekurs auf das "uralte" Herkommen solcher Bräuche gemacht werden, finden sich dagegen nicht. Bisher bekannte Bildmotive zum Wechselbalg machen sich an den Heiligenlegenden um Stephanus und Laurentius fest. Der Kindertausch erfolgte auch in diesen beiden Heiligenlegenden allein zu dem Zweck, eine versprochene, aber nicht erfüllte Konversion zum Christentum anzumahnen.

<11> Dass die närrische Liebe zu den Kindern der Liebe zu Gott entgegensteht, weiß auch Heinrich Kramer. Er ergänzt jedoch den dämonischen Ehebuch, den abergläubische Frauen begehen. Ihre Schuld wird von Gott letztlich dadurch gesühnt, dass ihnen schließlich die teuflische Frucht des Ehebruchs untergeschoben wird. Kramer begnügt sich hier nicht nur mit der Rolle des Kompilators, sondern auch er benutzt die spätmittelalterlichen innerkirchlich-sittlichen Reformanstrengungen Anstrengung zu einer Ergänzung des Themas. Gleichzeitig erfüllt der Ehebruch den Tatbestand einer strafbaren Handlung und kam seinem Anliegen einer strafrechtlichen Verfolgung der Hexen entgegen.

Akteur des Kindstauschs ist in den Heiligenlegen ausschließlich der Teufel. Die späteren Heiligen gelangten als Pflegekinder jeweils in menschliche Familien, auch wenn Stephanus zeitweilig von einer Hirschkuh gestillt wurde. Festhalten darf man an dieser Stelle, dass Heinrich Kramer den Glauben an den Wechselbalg zwar über die bis dahin in der Literatur bekannte Motivik polemisch ausweitete, viele im 19. Jahrhundert „klassische“ Elemente des Glaubens an den Wechselbalg fehlen hier allerdings. Explizit betrifft dies die Verkümmerung aller menschlicher Fähigkeiten (Sprache, logisches Denken, Laufen), das Aussehen des Balgs und seine garstigen Verhaltensweisen. Auch die typischen volksmagischen Abwehrtechniken und das "Überführen" der Wechselkinder durch scheinbar sinnlose Tätigkeiten bzw. den Altersvers des Wechselbalgs wie sie später in den Sagen zu finden sind, gibt Kramer in seiner sonst enzyklopädischen Sammlung nicht wieder. Üblich ist etwa das Brauen von Bier oder Kochen von Speisen in einer Eierschale. Der stumme Balg wird durch das närrische Ritual parodiert und zum Sprechen veranlasst. (Eck bin so olt as Böhmerwold).

Das Wechselbalgmotiv in der Polemik der Reformation

<12> Sehr viel prägnanter und pointierter dagegen sind die Aussagen Luthers zum Wechselbalg, der zwei wichtige Exempel in den gelehrten Diskurs vom Wechselbalg einbrachte. In den Tischreden (TR V, WA 5207) berichtet Luther seinen Angriff auf ein etwa zwölfjähriges vermeintliches Dessauer Wechselkindes, welches:

"seine Augen und alle Sinne hatte, daß man meinete, es wäre ein recht Kind. Dasselbige thät nichts, denn da es nur fraß und zwar so viel als irgends vier Bauern oder Drescher. Es fraß, schiß und seichte, und wenn mans angriff, so schrie es. Wenns ubel im Hause zuging, daß Schaden geschah, so lachete es und war fröhlich; gings aber wol zu, so weinete es. Diese zwo Tugend hatte es an sich." [4]

Luther erhob gegenüber den Fürsten von Anhalt die drastische Forderung solche Kreaturen kompromisslos zu töten. Als der Herrscher dies versagte, empfahl Luther ein regelmäßiges Gebet, damit "Gott den Teufel wegnehme". Nachdem nun täglich in Dessau ein Vaterunser zu diesem Zweck gesprochen wurde, starb das Kind innerhalb eines Jahres.

Es ist frappierend, die wissenschaftliche Auseinandersetzung um diese Forderung bis in die jüngsten Abhandlungen in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zu verfolgen. Während in der Theologie Luthers Magieglaube eher randständig thematisiert wurde, in der Hexenforschung der konfessionelle Diskurs von der These des gleichen Hexenbildes in allen Konfessionen präsent ist, dauert in der Heil- und Rehabilitationspädagogik bis heute mitunter eine Art Mini-Kulturkampf um die geisteswissenschaftliche Bedeutung und Auslegung dieser Worte an. Besonders seit den 1960er und 1670er Jahren galt Luther aufgrund dieser Äußerung als ideeller Autor des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms, [5] nachdem seine Aussagen bereits während der NS-Zeit zur Legitimierung für den Mord an Behinderten diente. In den 1960er Jahren ließ die Evangelische Kirche gar Gutachten zur Rolle Luthers für die Euthanasie anfertigen. Dagegen fanden und finden sich Verteidiger Luthers, die herausstellten, dass die beiden Äußerungen in den Tischreden lediglich als Marginalien und Kuriosita abzutun bzw. seine eigentliche Intention nicht auf die Vernichtung aller Behindertengruppen zielten. [6] Es mutet fast paradox an, das ausgerechnet das Standardwerk zum Wechselbalg von Gisela Piaschewski – gedruckt im Jahr 1935 in Breslau – Luthers Aussagen hier sorgfältiger und vor allem historisch reflektierter [7] in den zeitlichen Kontext einordnen kann.

<13> Was die meisten wissenschaftlichen Analysen in ihren Argumentationen außer Acht lassen: Luther propagiert natürlich nicht die Tötung von Behinderten, Luther propagiert die Tötung eines Dämons! Denn laut seiner Ansicht, handelte es sich dabei lediglich um eine "massa carnis sine anima" – also ein seelenloses Stück Fleisch. Luther leitet diesen Gedanken aus der Besessenheit ab. Der Teufel besitzt die Fähigkeit Menschen so Verstand ja Leib und Seele haben, so zu verwandeln, dass

"wenn er sie leiblich besitzt, daß sie weder hören noch etwas fühlen, er machet sie stumm, taub, blind. Da ist denn der Teufel in solchen Wechselbälgen als ihre Seele".

Daher handelt es sich nicht wirklich um ein Homicidum. Explizit wird dies in einer anderen Schilderung des gleichen Falls (WA TR 2529b) nach der Luther zunächst einmal klar verneint, dass Hexen und Teufel Nachkommen zeugen könnten. [8] Stattdessen wird die Szene ausgeschmückt, in der das garstige Wesen des Wechselbalgs noch stärkere Betonung findet, somit seine dämonischen Eigenschaften. In der Fassung von WA 3676 lässt sich schließlich ablesen, das der seltene Nachwuchs aus solchen Verbindungen nur als teuflische Wesen betrachtet werden können. Gleiches nimmt Luther für die Nixen an. Hier verkehrt Luther das Gedankengerüst der katholischen Kirchenväter, die dem Teufel keinerlei Zeugungsfähigkeit attestierten vollständig.

<14> Dass sich Luther bei seinen Äußerungen in den Tischreden nicht nur zu einem singulären Ausrutscher hatte hinreißen lassen, zeigt die – auch bildlich überlieferte – Verarbeitung des Themas in ganz anderen Zusammenhängen. Etwa zeitgleich mit den Tischreden entstand die Schrift: "Wider das Papsttum zu Rom, vom Teuffel gestifft", deren Inhalt einen der schärfsten polemisierenden Angriffe auf das Papsttum überhaupt repräsentiert und vor dem Hintergrund der schwindenden physischen Kräfte Luthers und der weiterhin ungeklärten Stellung der Konfessionen im Reich zu interpretieren ist. Um 1545 entstand in der Werkstatt Cranachs eine Bilderserie, zu der Luther eigene Texte verfasste. Sie gipfeln in einer radikalen Verunglimpfung und Dämonisierung des katholischen Kirchenwesens, die in ihrem Ausmaß selbst unter Lutheranern nicht nur auf Zustimmung stießen. Auf einer der Abbildungen zum Werk [9] (hier aus einem Druck von 1609) sieht man links, wie der Papst und einige Kardinäle als Teufelsdreck und "Ausgeburten" des Teufels entstehen. Auf der rechten Seite versorgen die drei Furien – von Luther als Sinnbild der Gegenwelt gewählt – den Papst. Dieses von Luther propagierte Motiv der Teufelsgeburt fand in der Reformation vielfache Verbreitung. [10] Bereits 1523 erschien eine Flugblattserie mit Darstellung der Aftergeburt der Mönche, um die Herkunft der Mönche zu erklären, deren Motive wohl auch das Lutherische Flugblatt inspirierten. Auf einem weiteren Holzschnitt von Johannes Villicus von 1551 ist zu sehen, wie der Teufel die Mönche zunächst gebiert. Ein zweiter Teufel zerstampft diese Angehörigen des geistlichen Standes in einem riesigen Mörser. Aus der daraus gewonnenen Masse wird schließlich der Papst als Antichrist geformt. [11] Auch er ist nur eine "massa carna" ohne Seele und damit ein teuflisches Wesen. Diese Bilder zeigen ebenso wie die Ausführungen von Luther, das die Worte zum Wechselbalg in keiner Weise auf "behinderte Menschen" abzielten oder Luther, wie gerade vor kurzem umfänglich argumentiert wurde, aufgrund seiner eigenen Vaterschaft im Alter mildere Bewertungen entwickelte. [12] Die Ausführungen richten sich gegen das Papsttum und die Anfechtungen des Teufels, die der Papst letztlich repräsentiert. Der Papst gerät hier zum „dämonischen Wechselbalg“. Daher kann er in der Konsequenz dieses Wissens auch wie ein Wechselbalg beseitigt werden: Luther lässt den Papst am Galgen enden, eine unfassbare Provokation, die letztlich die Dramatik der fundamentalistischen Auslegung von Religion unterstreicht. Im Kontext dieser Argumentation wird es letztlich verständlich, warum Luther ganz konsequent von der Existenz von Teufelsgeburten ausgeht. Wolfgang Harms hat in seiner Analyse der frühneuzeitlichen Flugblätter die kompromisslose, agonale Streitkultur der konfessionellen Auseinandersetzung skizziert, die gerade in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und nach dem Tod des charismatischen Führers der Reformation an Schärfe gewann, nicht verlor. Weitere Beispiele ließen sich nicht nur entlang der Teufelsvorstellungen, sondern auch mantischer Praktiken entwickeln.

Gisela Piaschewski und jüngst Goddey/Stainton [13] haben fast minutiös nachgezeichnet, wie sich der Mythos vom Wechselbalg seit der Reformation rasanter als Exempel des Magischen in der Dämonologie verbreitete. Die von Luther angeführten Exempel tauchen mit Variationen in fast allen einschlägigen Abhandlungen auf, da Luther sowohl bei den Protestanten als auch den Katholiken überkonfessionell als Autorität der Dämonologie zählte. Der Wechselbalg erhält nun seine neuen von Luther zugeschriebenen Eigenschaften, seine Gestalt wandelt sich immer mehr von einer eher undefinierten, variablen „Fabelgestalt“ zur Teufelsfrucht bzw. zum Teufel selbst. Sehr plastisch weist Piaschewski die Verfremdungen des Themas auch in den Sagenmotiven nach.

Hexenglauben und Wechselbalg

<15> Es wäre eine ganz eigene Untersuchung wert, ob sich der Glaube an den Wechselbalg durch die Propagandierung des Teufels im Zentrum der Reformation, also im mitteldeutschen Raum, veränderte. Immerhin lässt sich hier eine deutliche Diskrepanz aufmachen. Während die einschlägigen Sagen zum Wechselbalg aus diesem Raum den Glauben des Wechselbalges vor allem mit der Verbindung zwischen Mensch und Nixe/ assoziierten den Luther in seinen Tischreden ebenfalls prominent anführt, ist aus den zahlreichen Hexenprozessen in Nordthüringen der Glaube an die "Bösen Dinger" bekannt. [14] Die Früchte von Teufel und Hexe – bezeichnete man als Elben. Sie traten in Gestalt von unansehnlichen Würmern auf und verübten sozusagen als Handlanger des Teufels den Schadenszauber. Auch aus dem Harz sind entsprechende Vorstellungen bekannt. Damit unterscheidet sich die Situation grundlegend von Vorstellungen etwa im Mecklenburgischen wo der Wechselbalg auch in den Hexenverhören klassischerweise durch die Unterirdischen (Zwerge), als einer Imagnination von Elementargeistern, gebracht wurde. Erst im Verlauf der Hexenverfolgung, besonders durch den verstärkten Kulturkontakt während des Dreißigjährigen Krieges entstanden neue Variationen. Nun kam es vermehrt zur Geburt von leblosen Teufelsfrüchten bzw. zum Auftauchen von Ungezifferplagen, ohne das die "bösen Dinger" vollständige Adaption fanden. Interessanterweise dienten die "bösen Dinger" in Nordthüringen als eine der wichtigsten Ingredienzen zum Brauen eines Schadenzaubertranks. In Norddeutschland stand an dieser Stelle eine Substanz, die unspezifisch als Teufelsdreck Bezeichnung fand und vielleicht doch ganz ähnliche Analogien besaß.

Neukonstruktion des Wechselbalgmotivs

Motivgeschichtlich verlagert die Forschung des 19. Jahrhunderts den Akt des Kindertauschs pointiert in die Weihnachtszeit, besser gesagt in die sogenannten "Zwölften" oder Raunächte. Sie bezeichnen meist die Zeit zwischen – regional variierend – dem Ende des Kirchenjahres (Advent) oder Thomasnacht (Wintersonnenwende) meist jedoch Christi Geburt/Weihnachten und Epiphanie (6. Januar). Neben den beiden die Zeitspanne begrenzenden hohen kirchlichen Feiertagen betont vor allem der Jahreswechsel mit vielfältigen mantischen Funktionszuschreibungen den rituellen Charakter dieser Zeit. Die Raunächte wurden aufgrund ihrer fehlenden Passfähigkeit zum christlichen Kalenderjahr regelmäßig als vorchristlicher Mythos gedeutet und besonders im 19. Jahrhundert mit dem Hexenglauben enger verknüpft.

<16> Dennoch fragt sich, warum gerade der Wechselbalg in den Raunächten bevorzugt in die Wiegen der Menschen gelegt worden sein soll, gehen doch alle Quellen des 16. Jahrhunderts davon aus, dass eine besondere Gefährdung für die ungetauften Kinder in den Zeiten des Kindbettes bestand. [15] Gelegentlich findet man auch einen Hinweis auf die christliche Überformung des Wechselbalg-Glaubens. Eine Geburt am Weihnachtsabend wurde daher als Unglücksprognose für ein Kind diagnostiziert.

<17> Auffällig bleibt die zeitliche Platzierung jedoch neben der Verkehrung Christi Geburt in Hinblick auf das "festum puerorum" bzw. den Tag der unschuldigen Kinder am 28. Dezember (Knabenmord in Betlehem), der hier als Hintergrund für die Imagination des Wechselbalgs viel eher Geltung beanspruchen könnte. Die Nikolausverehrung als Schutzpatron der Kinder, bereits vor der Reformation häufiger auf den 28. Dezember verlagert, bot mit mehreren Legenden spezifische Anknüpfungspunkte. Markant verkehrt sich das Abstinenzwunder des Nikolaus, der als Säugling an den beiden Fastentagen der Woche die Muttermilch nur einmal am Tag zu sich nahm [16], beim unstillbaren Wechselbalg, zu einer wahren Fressorgie vor der die hilflosen Eltern kapitulieren mussten und die stillende Mütter in den Tod treiben konnte. Überdies ließ sich der Wechselbalg stets tragen und sprach nicht, da er ja außer „scheissen, fressen und schreyen“ [17] nichts lernte. Nikolaus dagegen stand beim Wannenwunder kaum ein paar Tage alt kerzengerade aufrecht und zeigte sich früh hochgebildet. [18] Damit folgt der Wechselbalg-Topos auffällig der Invertierung des Heiligen, wie sich dies auch für den Hexentopos überaus symbolhaft ausmachen lässt. Zum festen Bestandteil der Heiligenlegende des Nikolaus gehörte überdies die Vertreibung und Auseinandersetzung von bzw. mit Diana, aus der im Mittelalter mehr und mehr des „Teufels Mutter“ erwuchs. Ebenso berichtet die Legende vom Schutzpatron der Kinder mehrfach die Errettung und Heimführung von Kindern. Prägnant zum Wechselbalg-Motiv passend ist die Adeodatus-Geschichte, der durch ein Wunder des Nikolaus geborene Junge wurde am Nikolaustag von den Arabern nach Babylonien verschleppt, genau ein Jahr später jedoch durch einen wundersamen Wirbelwind wieder zu den tugendsamen Eltern zurückgebracht. [19]

Wie sich hier ganz unterschiedliche Erzählstränge und Narrative in der protestantischen Polemik miteinander zu einem neuen "historischen" Wissen verbinden, welches schließlich die Sagenwelt des 19. Jahrhundert strukturiert, darüber gibt die Textfassung des Beitrages näheren Aufschluss. Der Text wird demnächst veröffentlicht im Sammelband: Wissenstransfer - Interdisziplinäre Zugänge zur Vermittlung von Magie- und Zauberei-Imaginationen, hg. v. Heinz Sieburg, Rita Voltmer, Britta Weimann, Trier 2013 (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen).

Anmerkungen

  • [1]

    Zur Aufwertung historischen Wissens mit Konnotationen des "Heidentums" oder mystischen Aspekten im 19. Jahrhundert vor allem: Felix Wiedemann, Rassenmutter und Rebellin. Hexenbilder in Romantik, völkischer Bewegung, Neuheidentum und Feminismus, Würzburg 2007, bes. Kap. 1 und 2.

  • [2]

    Wolfgang Behringer, Günther Jerouschek und Werner Tschacher (Hg.), Heinrich Kramer (Institoris). Der Hexenhammer. Malleus Maleficarum. Neu aus dem Lateinischen übertragen, München 42004, S. 593.

  • [3]

    Johannes Hartlieb, Buch aller verbotenen Kunst, Pal. germ. 478, Augsburg 1465, S. 76r.

  • [4]

    Oskar Brenner (Hg.), D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Abt. 2, Bd. 5, Tischreden 1531-1546, Weimar 1919, WA 5207.

  • [5]

    Ernst Wolf, Das Problem der Euthanasie im Spiegel evangelischer Ethik, in: Zeit und Geschichte. Dankesgabe an Rudolf Bultmann zum 80. Geburtstag, hrsg. Von Erich Dinkler, Tübingen 1964, S. 685-702; Max Kirmsse, Der Schwachsinnige und seine Stellung im Kulturleben der Vergangenheit und der Gegenwart, in: Zeitschrift für die Behandlung Schwachsinniger 42, 1922, S. 81-88; 103-111, hier S. 88. Einen Überblick zur Diskussion: Dietfried Gewalt, Sonderpädagogische Anthropologie und Luther, in: Lutherjahrbuch 41, 1974, S. 103-113, hier S. 103f.

  • [6]

    Paul Bosshard, Der Taubstumme, Zürich 1953 [Neudruck Neuburgweier 1972], S. 46; Dietfried Gewalt, Taube und Stumme in der Sicht Martin Luthers, Göttingen 1970, S. 93-100; Erich Klinger, Luther und der deutsche Volksaberglaube, Berlin 1912, S. 58-61.

  • [7]

    Gisela Piaschweski, Der Wechselbalg. Ein Beitrag zum Aberglauben der nordeuropäischen Völker, Breslau 1935.

  • [8]

    Brenner 1919, (wie Anm. 4), S. 505, WA 2529b.

  • [9]

    Wolfgang Harms (Hg.), Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts, Bd. 2: Historica, München 1980, S. 159.

  • [10]

    Harms 1980, (wie Anm. 9), S. 154.

  • [11]

    Ebd. S. .

  • [12]

    M. Miles, Martin Luther and Childhood Disability in 16th Century Germany: What did he write? What did he say, in: Journal of Religion, Disability & Health 5 (4), 2001, [http://www.independentliving.org/docs7/miles2005b.html], S. 5-36.

  • [13]

    Chris F. Goddey und Tim Stainton, Intellectual Disability and the Myth oft he Cangeling Myth, in: Journal of the History of the Beahavioral Sciences 37, 2001, 3, S. 223-240 [http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/jhbs.1032/pdf].

  • [14]

    Ronald Füssel, Von Elben und 'Bösen Dingern' – Ein Beitrag zu den Hexenverfolgungen im nördlichen Thüringen. In: @KIH-eSkript. Interdisziplinäre Hexenforschung online 2, 2010, Sp. 32-55: Regionale Hexenverfolgungen, in: historicum.net, [https://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/8432/].

  • [15]

    Erasmus Francisci, Der Höllische Proteus, oder Tausendkünstige Versteller […]. Nürnberg 1690, Kap. 89 [http://www.zeno.org/nid/2000478524X] (10.04.2011). Der Kielkropff – oder Wechselbalg, 938-980; Johannes Praetorius, Anthropodemus plutonicus. Das ist eine neue Welt-beschreibung [...] , Bd. 1-2. Magdeburg 1666/67, Kap. 10 [http://www.zeno.org/nid/20005493226] (10.04.2011); Walter Bachmann, Das unselige Erbe des Christentums. Die Wechselbälge. Zur Geschichte der Heilpädagogik. Gießen 1985.

  • [16]

    Werner Mezger, Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk. Zur Entstehung, Entwicklung und Veränderung der Brauchformen um einen populären Heiligen, Ostfildern 1993, S. 77.

  • [17]

    Praetorius 1666/67, (wie Anm. 15), S. 421.

  • [18]

    Mezger 1993, (wie Anm.16), S. 74.

  • [19]

    Ebd.

Empfohlene Zitierweise

Moeller, Katrin: Der Wechselbalg. Magie als konfessionelles Konstrukt (Abstract). In: @KIH-eSkript. Interdisziplinäre Hexenforschung online 4, 2012, Heft 1, Sp. 8-17, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zmb/

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Erstellt: 17.12.2012

Zuletzt geändert: 19.12.2012


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