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Von Werwölfen und Hexenkatzen. Tierverwandlungen in der europäischen Geschichte

Fachtagung der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit dem Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH) vom 01. bis 03. März 2001 in Stuttgart-Hohenheim

Tagungsbericht von Rita Voltmer

Tagungsleitung:

Dieter R. BAUER (Stuttgart)

Dr. Willem de BLECOURT (London)

Prof. Dr. Sönke LORENZ (Tübingen)

Prof. Dr. Gerd SCHWERHOFF (Dresden)

 

Vortrags-Übersicht:

Dr. Thomas BECK (Bonn), Tierverwandlungen in der 'Wehmütigen Klage' des Hermann Löher

Dr. Dries VANYSACKER (Leuven), Lykantropie und Tierverwandlungen in den nördlichen und südlichen Niederlanden (16. und 17. Jahrhundert)

Merili METSVAHI (Tartu), Hexenprozesse und Werwolfsagen in Estland und Livland
Hildegard GERLACH (Freiburg i.Br.), Katzenmenschen. Volkskundliche Anmerkungen zu einem typischen Hexentier

Prof. Dr. Wolfgang SCHILD (Bielefeld), Wissenschaftliche Argumente für und gegen Tierverwandlungen
Prof. Dr. Edward BEVER (New York), Hasen, Katzen und Vögel. Formen der Tierverwandlung im frühmodernen Württemberg

Willem de BLÉCOURT (London), Metamorphosen oder Metaphern? Sprachliche und körperliche Aspekte der Tierverwandlungen

Elmar M. LOREY (Bielefeld), Einführung zum Film 'Gratian, der rumänische Werwolf'

Dr. Manfred WILDE (Delitzsch), Werkstattbericht: Hexenverfolgungen in Kursachsen

PD Dr. Rainer BECK (Finning), Zauberei als Spiel. Die Freisinger Kinderhexenprozesse 1715-1723

Falk BRETSCHNEIDER (Paris/Dresden), Die "Annaberger Krankheit". Magie und Frühaufklärung in einer sächsischen Bergstadt

AKIH-Internes: Informationen - Anregungen - Planungen

 

Die zwischen dem 1. und 3. März 2001 in Stuttgart-Hohenheim veranstaltete und mit 51 Teilnehmern rege besuchte Tagung befaßte sich im Hauptteil mit dem Phänomen der Tierverwandlung, das in sieben Vorträgen und einer kurzen Einführung aus historischer, rechtshistorischer, ethnologischer, volkskundlicher und psychosozialer Perspektive beleuchtet wurde. Ein Werkstattbericht über neue Ergebnisse zu den kursächsischen Hexenverfolgungen sowie zwei Beiträge über späte Zauberei- bzw. Hexereiverfahren in Freising und Annaberg bildeten den zweiten Teil der Veranstaltung.

Nach einer kurzen Begrüßung der Teilnehmer gab Dieter R. Bauer Änderungen im Tagungsprogramm bekannt; der angekündigte Vortrag von Machteld Löwensteyn (Amsterdam) Meditationen über Metamorphosen. Probleme der künstlerischen Präsentation mußte entfallen. Stattdessen sollte im 2. Teil der Tagung Dr. Martin Wilde über die Hexenverfolgungen in Kursachsen berichten.
Der titelgebende Hauptteil der Tagung Von Werwölfen und Hexenkatzen. Tierverwandlungen in der europäischen Geschichte wurde von Dr. Willem Blécourt organisiert und geleitet. Nach seinen Ausführungen hatte Prof. Dr. Wolfgang Behringer die Beschäftigung mit diesem Thema angeregt. Schwierigkeiten seien bei der Zusammenstellung des Vortragsprogramms aufgetreten, da sich hauptsächlich nur männliche Forscher mit dem Werwolfthema befaßt hätten, einem Thema, das gemeinsam mit dem Hexenflug in den weiteren Kontext der Tierverwandlung zu stellen sei. Forschungen über andere Formen der Tierverwandlungen seien jedoch bibliographisch nur schwer zu fassen.

Im ersten Vortrag stellte Dr. Thomas BECK (Bonn) Tierverwandlungen in der 'wehmütigen Klage' des Hermann Löher vor. Die aus Münstereifel stammende Familie des Hermann Löher (* 1595) zog 1601 in das kurkölnische Rheinbach. Dort wurde sie wie andere Mitglieder der Führungsschicht in die 1631 ausbrechenden Hexenjagden involviert. 1636 gelang Löher die Flucht nach Amsterdam, wo er 40 Jahre später seine 'Wehmütige Klage' verfaßte und drucken ließ. In dieser Schrift äußerte sich Löher häufig zum Thema Tierverwandlungen und Werwölfe, die Kap. 21 und 23 beschäftigen sich ausschließlich damit. Löher negierte die Möglichkeit einer Tierverwandlung und bezeichnete sie als 'barer Unsinn', da in der Bibel darüber nichts zu finden sei. Löhers Ablehnung beruhte wohl z.T. auf Beobachtungen, die er als Rheinbacher Schöffe bei den dort geführten Hexenprozessen gemacht hatte. Dort hatte der verhörende Richter ungeständige Angeklagte wütend als Tierverwandler beschimpft und ihnen damit die später gestandenen Transformationen suggeriert. Allerdings bezog sich Löher - bis auf wenige Beispiele - weiter kaum auf seine Rheinbacher Erlebnisse. Vielmehr setzte er sich mit einschlägigen Erzählungen und Argumenten aus der dämonologischen Literatur (z.B. Institoris und Bodin) auseinander. Dabei gab Löher spöttisch kommentierend Auszüge aus Geständnissen angeblicher Tierverwandler wider: Männer sollen sich grundsätzlich mit Hilfe eines zauberischen Gürtels in Wölfe, Frauen dagegen mit Salben in Katzen, Eulen oder Kröten transformieren. Weibliche 'Wer'wölfe erwähnt Löher nur einmal anhand eines schweizerischen Beispiels. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede, die Löher zog, zeigen sich auch in den Untaten der angeblichen Tierverwandler: Während Werwölfe Vieh und Haustiere reißen, verschleppen die Hexenkatzen kleine Kinder. Dabei agieren Werwölfe niemals allein, sondern stets im Rudel und treffen sich - analog zu den Hexen - auf einem Sabbat. Alle diese Schilderungen hielt Löher für Hirngespinste, die gelehrte Dämonologen immer wieder voneinander abschrieben. Seine kritische Haltung wird besonders deutlich an der Schilderung eines Prozesses aus dem Jahre 1636, den der Hexenkommissar Dr. Johann Möden und der Schultheiß von Flerzheim gegen einen angeblichen Werwolf, den Hirten Jakob die Faust, in Rheinbach geführt hatten (Kap. 21). Laut Löher wollten die beiden Verfolger lediglich aus Ruhmsucht einen Werwolf überführen. Die genaue Analyse der 'Wehmütigen Klage' brachte Beck zu dem Fazit, daß Löher, der dem Werwolfglauben ablehnend gegenüberstand, als Vertreter des einfachen Volkes erst durch Rezeption des gelehrten Diskurses unter Juristen und Theologen in Berührung kam mit Lykantropievorstellungen. Auch die Absicht, Werwölfe gerichtlich zu verfolgen, ging nach Beck eher von den Hexenkommissaren als von der Bevölkerung aus. Damit könne das Phänomen der Tierverwandlung weniger als volksnahe Vorstellung, sondern eher als Ergebnis des gelehrten Diskurses gelten. Für diese Annahme spreche auch, daß nur wenige Prozesse den Vorwurf der Tierverwandlung aufgriffen, nur auf der Diskursebene sei eine breite Beschäftigung mit dieser Imagination festzustellen. Beck plädierte dafür, analog zum 'gelehrten Hexereibegriff' nun auch von einem 'gelehrten Werwolfbegriff' zu sprechen.

Die von Löher beschriebene geschlechtsspezifische Aufteilung der Tierverwandler in grundsätzlich männliche Werwölfe und weibliche Hexenkatzen (oder andere Tiere) wurde in der Diskussion in Frage gestellt. So gebe es eine Reihe von Prozeßakten, in denen Frauen die Werwolfverwandlung unterstellt werde. Allein in der Verfolgung in Burgund (1520-1570) seien 78% der vermeintlichen Werwölfe Frauen gewesen. Ein Jülicher Flugblatt aus dem Jahr 1591 berichtete sogar von 300 als Hexen hingerichteten Frauen, die sich in Werwölfe verwandelt hätten. Der Vorwurf des Kindermordes stehe aber in keinem ursächlichen Zusammenhang mit dem Werwolfsvorwurf gegen Frauen. Vielmehr unterstellte man auch den männlichen Werwölfen, Kinder getötet zu haben, wie z.B. dem 1589 in Köln hingerichteten Peter Stumpf. Nicht nur die Frage nach der geschlechtsspezifischen Kategorisierung der Tierverwandler stellte sich als heterogen heraus. Auch das zeitliche Aufkommen des Werwolfvorwurfes in Prozeßakten scheint regional sehr unterschiedlich verlaufen zu sein. Die Verbindungen zwischen verschiedenen Verfolgungsgebieten und die Beeinflußung durch einschlägige zeitgenössische Flugschriften und Traktate ist noch ungenügend erforscht.

Auch der nächste Vortrag beleuchtete das Werwolfphänomen aus historischer Sicht. Dr. Dries VANYSACKER (Leuven) befaßte sich mit Lykantropie und Tierverwandlungen in den nördlichen und südlichen Niederlanden (16. und 17. Jahrhundert). Nach einer kurzen Vorstellung der territorialen Gliederung seines Untersuchungsraumes stellte Vanysacker die elf Prozesse vor, die zwischen 1589 und 1661 in den südlichen Niederlanden aufzufinden sind und in denen der Werwolfvorwurf thematisiert wurde. Sechs der angeklagten Männer wurden hingerichtet, drei von ihnen unter der expliziten Anklage, sich in einen Werwolf verwandelt zu haben. Vanysacker sah einen direkten Zusammenhang zwischen diesen Verfahren und dem spektakulären Prozeß gegen Peter Stumpf, der 1589 in Köln als Werwolf hingerichtet worden war, dessen Geschichte in einem Flugblatt (auch in niederländischer Übersetzung) weite Verbreitung fand und auch von Delrio aufgegriffen und verarbeitet wurde. Allerdings betrachtete Delrio die Werwolfverwandlung als Scheintransformation, als teuflische Vorgaukelung. Immerhin war Delrios Traktat erfolgreicher als Institoris' Hexenhammer. In den südlichen Niederlanden gibt es Beispiele dafür, daß die inquirierenden Schöffen das Werwolfthema durch gezielte Befragung in die Geständnisse brachten. Demnach seien Werwölfe von ihren Eltern verfluchte Kinder von roter Hautfarbe, die sich jeden zweiten Tag verwandlen müßten, um Reisende zu überfallen. 1598 sind in Mechelen allerdings auch Freisprüche in Werwolf-Prozessen zu finden. Im Herzogtum Limburg gab es 1605 einen Prozeß gegen eine dreiköpfige Bande von angeblichen Werwölfen. Hier wurde auch der Vorwurf der Homosexualität erhoben. In einem anderen Fall gestand ein männlicher Angeklagte, sich mit Hilfe eines Gürtels aus Tierhaut, den ihm der Teufel geschenkt hätte, in einen Werwolf verwandeln zu können. In den nördlichen Niederlanden sind kaum Werwolfprozesse bekannt. Dort findet sich der Werwolfvorwurf hauptsächlich in Verleumdungs- und Injurienverfahren. Dabei ist die Diffamierung als Werwolf der als Zauberer gleichgestellt, blieb jedoch auf Männer bezogen. 1595 kam es allerdings in Arnhem zu einem Strafprozeß, bei dem ein Mann tatsächlich unter dem Werwolfvorwurf angeklagt und hingerichtet wird. Aus Holland sind keine Werwolfprozesse nachweisbar. Zwischen 1591 und 1595 geraten in Utrecht mehrere Verwandte von angeblichen Hexen in Verdacht. Dabei wurde eine ganze Familie unter dem Werwolfverdacht verhaftet. Besonders die Aussagen der Kinder, nach denen sie alle mit dem Teufel einen Pakt geschlossen und von ihm Gürtel zur Verwandlung geschenkt bekommen hätten, wirkten sich belastend aus. Auch hier verdächtigte man eine Frau, sich in eine Werwölfin transformieren zu können. Laut der Geständnisse verwandelte sich hier aber auch der Teufel in einen Werwolf. Der Prozeß endete mit zwei Hinrichtungen, einem Selbstmord, mehreren schweren Körperstrafen und Verbannungen. Neben der Lykantropie sind in den Niderlanden Katzenmetamorphosen, aber auch die Transformation in andere Tiere (Geißbock, Pferd, Hund, Schwein) bekannt.

Das unterschiedliche Vorkommen von Werwolfprozessen in den südlichen und nördlichen Niederlanden wurde in der Diskussion mit naturräumlichen Gegebenheiten und daraus resultierenden bestimmten Wirtschaftsformen erklärt. Sand und Moor würden eine Grenze schaffen, jenseits der es im Westen keine Werwolfprozesse mehr gebe (mit einer Ausnahme). Ausdrücklich wurde außerdem die offensichtliche Verbindung zwischen dem Werwolfvorwurf und moralischen Verfehlungen betont, die besonders in den Prozeßakten zu finden sei und auf eine mögliche Funktionalisierung des Vorwurfs verweise. Der Werwolf repräsentiere demnach eine aggressive Sexualität.

Die Ethnologin und Sagenforscherin Merili METSVAHI (Tartu) berichtete anschließend über Hexenprozesse und Werwolfsagen in Estland und Livland. Über die Hexenprozesse in Estland und Livland des 16. Jahrhunderts ist nur mehr wenig erhalten, hier findet sich kein Werwolfvorwurf. In den nachweisbaren 150 Hexereiverfahren des 17. Jahrhunderts lassen sich dagegen 18 angebliche Werwölfe nachweisen. Auffallend ist, daß mehr Frauen als Männer mit dem Lykantropievorwurf belegt wurden. Im Gegensatz zu den Gerichtsakten bietet das Folklorematerial und die Werwolfsagen weitaus reichhaltigere Hinweise auf den weitverbreiteten Werwolfglauben. Dazu finden sich rund 1.400 Texte, die im 19. und 20. Jahrhundert aufgezeichnet wurden. Verwandt sind der estnische, litauische und russische Werwolfglaube. Als Motive treten in den Erzählungen zum einen die durch eine Hexe oder einen Zauberer hervorgerufene Verwandlung als auch die Selbstverwandlung eines Menschen in einen Werwolf auf. Übereinstimmungen zwischen dem Prozeß- und dem Folklorematerial lassen sich finden: Demnach jagen die Werwölfe im Rudel gemeinsam und reißen Vieh, dessen Fleisch sie allerdings nicht roh verzehren, sondern es mit Hilfe von gestohlenen Kesseln und Spießen braten und kochen. Hier wird der sich im Werwolf als typischem Grenzgänger (borderliner) grundsätzlich manifestierende Gegensatz zwischen Wildnis / Natur (rohes Fleisch) und Zivilisation / Kultur (Feuer, gebratenes Fleisch) deutlich, überschneiden und verflechten sich die beiden Sphären doch in seiner Person. Neben dem Motiv des Feuers erlangt auch das Motiv des Brotbackens bzw. des Brotes eine besondere Bedeutung. In einigen Erzählungen werden Frauen während des Brotbackens vom Werwolffluch getroffen, müssen sich verwandeln und mit dem Wolfsrudel laufen. Anderen Sagen zufolge können Werwölfe, die von einer Hexe oder einem Zauberer verwandelt worden sind, durch den Genuß eines Stücks Brots, gereicht von der Spitze eines Messers, erlöst werden. Besonderes Interesse verdient der 1691 gegen den lettischen Bauern Thieß bei Riga angestrengte Prozeß. Darin gestand Thieß freiwillig ein Werwolf zu sein, der gemeinsam mit anderen 'guten' Werwölfen jährlich vor Weihnachten in die Hölle hinabsteigen müsse, um dort den Hexen die gestohlenen Kornsamen wieder abzujagen; denn nur dann könne im folgenden Jahr eine gute Ernte eingebracht werden. In sein Geständnis nahm Thieß offensichtlich Motive aus der mündlichen Erzähltradition auf, auch hier verzehrten die Werwölfe nur zuvor gebratenes Fleisch. Außerdem ergeben sich Ähnlichkeiten mit noch praktizierten Hochzeitsbräuchen, in denen die Braut als Wolf bezeichnet und dreimal mit Brot von der Spitze eines Messers gefüttert wird.

In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, Brot sei wahrscheinlich als Symbol für die Hostie und die Einnahme der Eucharistie zu interpretieren. Auch andere Hinweise deuteten darauf, daß es zwei Typen von Werwölfen gebe, 1. den durch Hexerei Verfluchten und 2. den Selbstverwandler. Die menschliche Seele bliebe bei der Verwandlung erhalten und könne erlöst werden. Offensichtlich tritt das Motiv der Erlösung besonders in baltischen Werwolfsagen auf. Außerdem wurde auf regional unterschiedliche Vorstellungen darüber, was Werwölfe mit dem Fleisch der gerissenen Tiere anstellten, hingewiesen. So berichtet der Hexenkommissar Heinrich von Schultheiß, daß Werwölfe das roh gefressene Fleisch wegen Unverträglichkeit wieder auskotzen müßten. Im Sauerland und in den naussauischen Grafschaften glaubte man dagegen, Werwölfe trügen das Fleisch nach Hause, wo sie es in Menschengestalt verzehrten. Neben der Vorstellung von einem dämonischen Werwolf existierte - laut der Aussagen des Bauern Thieß - auch die mittlerweile verlorengegangene Vorstellung von einem positiven Werwolf, die im Zusammenhang mit Fruchtbarkeitsbräuchen stehe. Verwiesen wurde auf ähnliche Imaginationen bei den Geständnissen der Benandanti und auf den sog. 'Kornwolf'.

Die Volkskundlerin Hildegard Gerlach (Freiburg i. Br.) befaßte sich mit Katzenmenschen. Volkskundliche Anmerkungen zu einem typischen Hexentier. Anhand von drei Beispielen aus Briefen, Tagebüchern und Autobiographien des 19. Jahrhunderts verwies Gerlach auf die typische Nutzung der Hauskatze bei der Bekämpfung von Mäuse- und Rattenplagen. Diese Verwendung läßt sich bereits in Märchenmotiven des 12. Jahrhunderts finden. Doch existierte zu dieser Zeit auch schon die abergläubische Furcht vor den angeblich magisch-dämonischen Fähigkeiten der Katze. Diesen Vorurteilen nachspürend spannte Gerlach den Bogen von der kultischen Verehrung ägyptischer Katzengottheiten, die zum Schutz des Getreides, der Fruchtbarkeit, der Geburt und der Schriftrollen angebetet wurden, über vergleichbare Kulte in Indien, China und Persien bis hin zur Domestizierung der Katzen in Mitteleuropa im 2.-5. Jahrhundert nach Christus. Seit der Christianisierung sei jedoch allmählich aus dem heiligen Katzentier ein abergläubisch gefürchtetes Hexentier geworden. Sie galt als Personifizierung der Sünde, immer wieder abgebildet bei der Darstellung von Fegefeuer und Hölle. Schon bei der Katharer- und Templerverfolgung habe man den Ketzern unterstellt, auf ihren geheimen schwarzen Messen und Sabbaten einem Katzenidol das Homagium zu leisten. Auch in der dämonologischen Literatur und zeitgenösischen Darstellungen wird die Katze als Teufels- und Hexentier dargestellt (Molitor, Guazzo, Grien). Diese Diabolisierung basiert zu einem guten Teil auf den natürlichen, magisch gedeuteten Eigenschaften der Katze, die ihr auch von außereuropäischen Völkern (Japan) zugesprochen werden. Dazu gehören auch ihre paranormalen und telepathischen PSI-Fähigkeiten. So könne sie vor Erdbeben warnen und Todesfälle vorausahnen. Von der traditionellen Medizin würden der Katze überdies besondere Heilungsfähigkeiten zugesprochen. Aufschlußreich seien englische Hexereiverfahren des 16. und 17. Jahrhunderts, in denen ältere Frauen gemeinsam mit ihren Katzen angeklagt worden waren. Den Katzen wurde dabei unterstellt sog. familiars, tierische Hausgeister bzw. Kobolde zu sein, die von ihrer Herrin über eine dritte Brustwarze gesäugt würden. Auch glaubte man, Katzen könnten Unwetter herbeizaubern, Kühe töten oder Geld beschaffen. Gemeinsam mit Tausenden von Frauen seien in den frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen deshalb auch viele unschuldige Haustiere hingerichtet worden. Die in dieser Zeit herausgebildeten Vorurteile gegen Katzen fanden Eingang in die populäre Kultur des 20. Jahrhunderts.
In der Diskussion wurde darauf verwiesen, daß man noch heute im Dachgestühl von Abbruchhäusern Katzenkadaver finden könne, die als Bauopfer eingemauert worden seien.

Der Rechtshistoriker Prof. Dr. Wolfgang Schild (Bielefeld) behandelte Wissenschaftliche Argumente für und gegen Tierverwandlungen. Anknüpfend an das Grimmsche Märchen vom gestiefelten Kater und an die Verwandlungsszene des Alberich aus Wagners Rheingold stellte Schild die grundlegende Frage, wie die Verwandlung eines Menschen in ein Tier und seine Rückverwandlung im wissenschaftlichen Diskurs der Logik, Theologie, Philosophie und Jurisprudenz beschrieben und erklärt worden sei. Danach könnte kein Mensch sich aus eigener Kraft in ein Tier verwandeln, er benötige dafür die Hilfe Gottes, der Engel oder des Teufels. Theologisch war ein solcher Artenübersprung grundsätzlich denkbar, verstieß jedoch gegen die göttliche Ordnung und den Schöpfungsplan. So lehnte Augustinus die Tierverwandlung ab und - gestützt auf Beispiele aus der antiken Mythologie - glaubte er darin nur Sinnestäuschungen und teuflische Vorgaukelungen zu sehen. Die angeblichen Metamorphosen hätten nichts mit Dämonenkunst, sondern mit der menschlichen Einbildungskraft zu tun. Auch Institoris lehnte in Anlehnung an den Canon Episopi, Augustinus und Thomas von Aquin die Tierverwandlung ab. Die von Gott geschaffene Seele und der menschliche Geist seien für den Teufel nicht erreichbar, nur auf den Körper könne er Einfluß nehmen. So entnehme der Böse dem Gedächtnis Bilder von Tieren, führe sie innen an den Augen vorbei und täusche so Tierverwandlungen vor. Jedoch glaubte Institoris, daß der Teufel eine solche Täuschung nur dann vollbringen könne, wenn er zuvor mit dem Menschen einen Pakt geschlossen hatte. Allerdings war der dazu notwendige böse Wille des Menschen strafwürdig. Auch Caspar Peucer, Schwiegersohn von Melanchthon, befaßte sich mit dem Problem der Tierverwandlung. Unter anderem vertrat er die Vorstellung, die Seele könne den Körper verlassen und in Tiergestalt am Sabbat teilnehmen. Schon Marie de France tradierte das Motiv, daß eine menschliche Seele in einen Tierkörper gebannt oder ein Mensch bei unveränderter Seele in ein Tier verwandelt werden könne. Jean Bodin, der den antiken Erzählungen über Transformationen und den Geständissen angeblicher Werwölfe und Hexen tatsächlich glaubte, wandte sich gegen die Vorstellungen von Augustinus. Er hielt die Tierverwandlung für Realität. Voraussetzung dafür blieb der Paktschluß mit dem Teufel, der seinem Adepten ein bestimmtes Mittel (Gürtel, Hemd) zur Verfügung stellte, mit dessen Hilfe er sich dann in ein Tier transformieren konnte. Bodin vertrat allerdings auch die Ansicht, daß nur der Körper von der Metamorphose betroffen wurde; Seele / Geist blieben unverändert menschlich. Auch strafrechtlich bedeutsam wurde die zunehmende Betonung des bösen Willen, der sich vom Körper separieren und einen eigenen Leib schaffen konnte. Schild zog das Fazit, daß an der theologisch-philosophischen Einstellung gegenüber der Tierverwandlung ein sich veränderndes Verhältnis gegenüber der Verbindung von Leib, Körper und Seele festzustellen sei. Während Augustinus Seele / Geist noch leibgebunden dachte, habe sich seit den Katharern und seit der Reformation die Seele immer mehr verselbständigt, der freie Wille (und damit auch der zu strafende böse Wille) sei bedeutsamer geworden. Hatte Augustinus noch an einen gnädigen Gott geglaubt, der nur das Gute und Vernünftige zuließ, sei man in der Frühen Neuzeit zunehmend von einem rächenden Gott überzeugt gewesen, der wegen der menschlichen Sündhaftigkeit alles zulasse, selbst die grenzüberschreitenden Tiermetamorphosen. Der Vortrag schloß mit einem Verweis auf die moderne Medizin und Gentechnologie, die es mittlerweile erlaube, die Grenzen zwischen Mensch und Tier endgültig zu verwischen.

In der Diskussion wurde noch einmal betont, daß der Wille zum Bösen konstitutiv für die Tierverwandlung sei. Der Werwolf sei kein Zauberer, auch reiche sein Wille allein nicht aus, sondern er benötige ein entsprechendes teuflisches Verwandlungsmittel, das er erst nach dem Paktschluß erhalte. Angesprochen wurde auch das Problem der Tierseele und inwiefern sie der menschlichen Seele gleichgesetzt sei. Den wichtigsten Unterschied sah man in dem nicht vorhandenen freien Willen der Tiere. Tierprozesse seien keine Strafprozesse im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr Reinigungsrituale.

Prof. Dr. Edward BEVER (New York) sprach anschließend aus historisch-psychosozialer Sicht über Hasen, Katzen und Vögel. Formen der Tierverwandlung im frühmodernen Württemberg. Seiner Ansicht nach habe die sozialanthropologisch-postmodern geprägte Forschung zu Hexerei und Zauberei zwar viele Erkenntnisse gebracht, gleichzeitig aber auch alternative Perspektiven verstellt. Dem entgegen wollte Bever besonders die Mikrogeschichte und die Naturwissenschaften (Physik, Biologie) mit den althergebrachten Kultur- und Sozialwissenschaften verbinden, um die Frage zu klären, was in Fällen von Hexereibeschuldigungen denn nun tatsächlich (oder am wahrscheinlichsten) passiert sei. Dazu analysierte Bever drei Fälle aus dem frühneuzeitlichen Württemberg. So erzählte 1606 ein Mann in seiner Anklage, zwei Hexen in Gestalt von schwarzen Vögel hätten ihn zu Boden stürzen lassen. Mehrere Erklärungen für dieses Phänomen seien nach Bever möglich: 1. der Mann log; 2. er gab nur seinen subjektiven Eindruck wieder, tatsächlich sei nichts geschehen und 3. seine Erzählung beruhte auf Wahrheit. Bever plädierte dafür, die Erzählung als grundsätzlich wahr anzusehen. Zwar basiere sie wohl nicht auf paranormalen, aber schon auf in der modernen Medizin als Ergebnis visueller Konstruktionen und Perzeptionsprozesse erkannten Vorgängen, bei denen sich Wahrnehmungen mit Erwartungen, Erinnerungen und Erfahrungen mischen. Der Mann habe demnach also tatsächlich schwarze Vögel mit den Gesichtern seiner beiden verdächtigen Nachbarinnen gesehen. Auch Bevers zweites Beispiel zielte in diese Richtung. Hier wurde ein Haushalt ständig von einem heimlichen Dieb heimgesucht. Ein zur Wache abgestellter Nachbar wollte eine Katze mit Menschenfüßen beobachtet haben, die sich in die Stube schlich. Auch diese Erzählung wurde von Bever als Resultat eines Perzeptionsprozesses angesehen. Im dritten Beispiel aus dem Jahr 1716 behaupteten zwei Schwestern in ihrem Geständnis, sie hätten sich in Hasen verwandelt, um die Geiß einer Nachbarin zu stehlen und zu töten. Nach Bevers Interpretation handelte es sich bei den Schwestern tatsächlich um Viehdiebe; andere Parallelfälle wurden aufgeführt, in denen sich Wilderer mit Hilfe von Tierhäuten als 'Werwölfe' verkleidet hätten. Außerdem vermutete der Referent, es könne sich auch tatsächlich um einen Identitätentausch gehandelt haben: Die Schwestern seien möglicherweise davon überzeugt gewesen, zeitweise eine tierische Identität annehmen zu können. In seiner Zusammenfassung betonte Bever u.a., daß Verwandlungsvorwürfe in Gerichtsakten grundsätzlich ernstgenommen und die Möglichkeit eingeräumt werden sollte, daß sie sich auf als Realität wahrgenommene Vorkommnisse beziehen. Hexerei sei nicht nur als indirektes, sondern als direktes Mittel der Konfliktaustragung eingesetzt worden. Bei der Erforschung von Grenzphänomenen sollte man damit rechnen, tatsächlich auch auf Grenzphänomene zu stoßen.

Bevers Mut zur extremen Provokation wurde in der Diskussion hervorgehoben. Trotzdem gab es kritische Stimmen, die unter Bezug auf die Forschungen von Roper und Walz seinen Interpretationsansatz als nicht innovativ beurteilten. Zudem sei es problematisch, anhand von nur drei Beispielfällen auf die psychische Befindlichkeit des frühneuzeitlichen Menschen zurückschließen zu wollen und mit modernen Erkenntnissen der Wahrnehmungspsychologie zu argumentieren. Paranormale Erklärungsansätze wurden generell abgelehnt, jedoch hingewiesen auf das in der psychiatrischen Praxis bekannte Krankheitsbild der sog. Terianthropen (Menschen, die glauben, eine tierische Identität zu besitzen). Erinnert wurde auch an den Aachener Historikertag, der sich mit dem Phänomen historischer Wahrnehmung, Erinnerung, Gedächtnis und subjektiver Realität auseinandergesetzt hat. Immerhin eröffne die psychologisch-psychiatrische Betrachtung der Hexereivorwürfe und -geständnisse neue Interpretationsdimensionen.

Dr. Willem BLÉCOURT (London) hielt den letzten Vortrag zum Thema Tierverwandlungen und beschäftigte sich mit Metamorphosen oder Metaphern? Sprachliche und körperliche Aspekte der Tierverwandlungen. Dabei betonte er, Sprache sei das wichtigste Kommunikationsmittel und verweise auf Erfahrungen und Dinge. Dabei werde Sprache als Metapher gebraucht oder materialistisch eingesetzt. Diese Feststellungen seien bezüglich des Phänomens der Tierverwandlung von besonderer Bedeutung. Als Quelle benutzte Blécourt die von Volkskundlern im 20. Jahrhundert gesammelten Texte ('Sagen') zu Tierverwandlungen, deren Erzählstoff sich auf das Ende des 19. Jahrhunderts bezieht, ergänzt durch Zeitungsberichte aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Vorstellungen und Ideen, welche hinter den Erzählungen von Tierverwandlungen standen, sollten analysiert werden, um auf diese Weise die Verwandlungen selbst verständlicher zu machen. Vier stichwortartige Kategorien von Gründen für Metamorphosen wurden von Blécourt benannt: 1. Ort: Die Vorstellung von der Verwandlung ist an einen bestimmten Ort und eine zeitliche Verschiebung gebunden, d.h. wo zuvor ein Tier gesichtet wurde, befindet sich später ein Mensch (oder umgekehrt). An diesen Kontext gebunden sind Erzählungen von Frauen, die sich in Zauberhasen verwandeln können. 2. Der zweite Leib: Während der Mensch schläft oder bewußtlos ist, verwandelt sich sein Wille in ein Tier (oder wird von einer Hexe verwandelt), entschlüpft dem Mund und geht in Tiergestalt um. In dieser Gestalt erlittene Wunden kennzeichnen später den Körper des Menschen. In diesem Kontext findet sich zumeist die Tierverwandlung in eine Maus. 3. Metaphern: Ehebrecherinnen oder sexuell aktive Frauen werden in Pferde verwandelt oder transformieren sich in Katzen. Die sexuelle Bedeutung dieser metaphorischen Tierverwandlungen ist evident. 'Katze' ist darüber hinaus im Niederländischen als Schimpfwort ein Synonym für 'Hure'. In Erzählungen über solche Tierverwandlungen versuchen Männer, die für sie beunruhigende weibliche Sexualität zu kontrollieren. 4. Vermummung: Unter dieser Kategorie subsumierte Blécourt Werwolferzählungen, wobei der Werwolf als Metapher für alle unerlaubten Formen männlicher Sexualität (Vergewaltigung, Sodomie, Bestialität) verstanden wird. Außerdem wurde 'werwolfen' als Aktivität verstanden, man ging 'werwolfen'. Einige Texte scheinen zu belegen, daß Männer sich Felle umhängten, um Menschen, vor allen Dingen Frauen, sexuell zu erschrecken. Die sprachliche Vermummung ('werwolfen' als Metapher) verweist damit auf eine materielle Vermummung. Sich als Werwolf 'zu vermummen' ließ einen Identitätenwechsel zu und erlaubte es, sich restriktionsfrei sexuell aggressiv zu benehmen. Zum Abschluß betonte Blécourt noch einmal, jede Tierverwandlung innerhalb ihrer Textualität zu betrachten und nicht alle Tierarten nach demselben Muster zu interpretieren. Die vier Verwandlungskategorien ordnete er überdies zwei Diskursen zu, dem Zaubereidiskurs und einem sexuellen Diskurs, die sich in der Vergangenheit mehr als heute überschnitten hätten.
Die Unterschiede zwischen den Tierverwandlungsvorstellungen in Hexereiverfahren und in den volkskundlichen Texten des 19./20. Jahrhunderts hob man in der Diskussion hervor. Oftmals hätten reale Fälle von Wolfsbissen oder die Tötung von Kindern durch wilde Tiere zu Werwolfprozessen geführt. Zwischen der (literarischen) Erzähltradition und den Rechtsverfahren müsse getrennt werden.

Im Anschluß faßte Dietmar NIX seine Eindrücke des Tagungsabschnittes kurz unter sozialgeschichtlichen (das Motiv der Tierverwandlung als Einbildung, Erklärung, Bewältigung und Ausrede), theologischen und kulturgeschichtlichen (Tierverwandlung im Kontext der breiten literarischen Überlieferung von antiken Berichten bis zur modernen Literatur; Tiere als familiars und Hausgeister; Metamorphosen als Indikatoren für das Verhältnis zwischen Mensch und Tier; die Auswirkungen auf den Glauben an Tierverwandlungen durch Austausch zwischen Volkskultur und Dämonologie; die Tiertransformation in schwankhaften Erzählungen des 19. Jahrhunderts) Aspekten zusammen.

In seiner Gesamtbeurteilung betonte Prof. Dr. Sönke LORENZ, daß der Wissens- und Forschungsstand über die Verbreitung des Werwolfglaubens und der Werwolfprozesse, von Tierverwandlungen im allgemeinen und ihre Behandlung in der dämonologischen Literatur im besonderen noch unvollständig sei. Außerdem sei das Phänomen des Schamanismus in den Vorträgen nicht behandelt worden. Deshalb schlug er vor, die übernächste große Weingartentagung solle sich - organisiert von Dr. Willem Blécourt und Prof. Dr. Wolfgang Schild - erneut und vertiefend mit diesem Thema auseinandersetzen.

Zum Abschluß wurde der 1995 von Thomas Ciulei gedrehte, preisgekrönte Dokumentarfilm Gratian, der rumänische Werwolf gezeigt. Elmar M. LOREY gab eine kurze Einführung zu Entstehung und Inhalt: Außerhalb des Karpatendorfes Izbuc lebt der inzwischen über 70jährige Gratian Florea, Sohn eines Popen, in einer Hütte ohne Gas, Strom und Wasser. Die Dorfbewohner halten ihn fast alle für einen Werwolf, verflucht seit seiner Geburt, den man mit Gaben günstig stimmen muß, damit er das Vieh in Ruhe läßt. Man glaubt außerdem, er könne mit den Toten reden. Gratian lebt von der Angst der Dorfbewohner, er bettelt nicht, sondern bestellt die Gaben. In Interviews kommen Gratian, der Pope des Ortes und einige Dorfbewohner zu Wort. Wie in einer Zeitreise versetzt der Film die Zuschauer in eine Welt, die an die Vorstellungswelt des 17. Jahrhunderts und an manche der im 19. und 20. Jahrhundert aufgezeichneten Sagenstoffe erinnert.

Im zweiten Teil der Tagung, die der Präsentation neuer Ergebnisse in der Hexenforschung reserviert war, stellte Dr. Manfred WILDE (Delitzsch) in einem Werkstattbericht sein großes Forschungsvorhaben über die Hexenverfolgungen in Kursachsen (1407-1720) vor. Damit soll sich endlich ein noch weißer Fleck der regionalen Hexenforschung im Gebiet des Deutschen Reiches schließen; immerhin habe das protestantische Kursachsen durch die Rechtsgutachten des Leipziger Schöffenstuhls und durch den Erlaß der Kursächsischen Konstitutionen überregionalen Einfluß genommen. Der Name des berühmten Strafrechtlers Benedict Carpzov bleibt außerdem untrennbar mit den kursächsischen Verfolgungen verbunden. Erinnert wurde auch an die frühen Rechtssetzungen bezüglich Zauberei und Volksmagie im Sachsenspiegel. Ausführlich ging Wilde auf Anliegen, Quellenlage, Struktur und statistische Ergebnisse seiner Arbeit ein. Ziel sei es u.a., alle archivalisch nachweisbaren Zauberei- und Hexereiverfahren innerhalb der kursäschsischen Ämter, Herrschaften und Rittergüter zu erfassen. Die Aufarbeitung der Quellen stellte besondere Anforderungen, da ein Teil der Bestände 1815 nach Berlin, nach Magdeburg und nach Dresden verlegt worden waren. Darüber hinaus waren die Bestände von 30 Staats-, Kommunal- und Kirchenarchiven im Bereich des heutigen Freistaates zu durchsuchen. Neben den eigentlichen Straf- und Injurienprozeßakten mußten die Gutachten der Spruchbehörden in Leipzig, Wittenberg und Jena herangezogen werden. Während von den ca. 550-600 anzunehmenden Spruchbüchern des Leipziger Schöffenstuhls nur mehr 10 erhalten sind und auch der Jenaer Bestand lediglich unvollständig vorliegt, sind die Gutachten der Wittenberger Juristenfakultät vollständig erhalten. Außerdem wurden Ämter- und Stadtrechnungen, Begräbnisprotokolle und Beichtverzeichnisse aus den evangelischen Kirchenbüchern sowie die Polizeyordnungen der Jahre 1612 und 1660 benutzt. Die einschlägigen Visitationsakten liegen fast vollständig vor. In einer kurzen statistischen Übersicht gab Wilde an, daß von den geschätzten 8-900 Verfahren insgesamt 550 archivalisch eindeutig nachzuweisen sind. Damit kann die Hexenverfolgung in Kursachsen mit derjenigen im Herzogtum Bayern verglichen werden. Nur 50 % aller Verfahren endeten mit einer Hinrichtung, Hexen- und Zaubereianklagen machen damit 5-7% aller Strafprozesse aus. Insgesamt gehörte Kursachsen nicht zu den verfolgungsintensiven Gebieten.

Die Diskussion betonte, welchen wichtigen Beitrag das kurz vor dem Abschluß stehende Forschungsvorhaben für die flächendeckende Erfassung der Hexenprozesse im Gebiet des Deutschen Reiches leisten wird, zumal die kursächsischen Ereignisse (besonders die Schriften Carpzovs und die Rechtsgutachten des Leipziger Schöffenstuhls) bis nach Bayern ausstrahlten. Auf Nachfrage machte Wilde deutlich, daß auch in Kursachsen die Hexenjagden nicht kontinuierlich verliefern, sondern es zwischen 1570-1595 und 1656-1661 zu Höhepunkten in der Verfolgungstätigkeit kam. Insgesamt seien in 90 % aller Fälle Mechanismen der sozialen Nutzung (z.B. Erbschaftsstreitigkeiten) und das gesamte Spektrum von Schuldzuweisungen (z.B. ausgelöst durch Krankheiten) in den Hexereibeschuldigungen festzustellen.

Mit späten Zaubereiprozessen befaßte sich PD Dr. Rainer BECK (Finning) in seinem Vortrag über Zauberei als Spiel. Die Freisinger Kinderhexenprozesse 1715-1723. Es handelt sich dabei um zwei große, in der Residenzstadt Freising geführte Prozesse, in deren Verlauf 28 Kinder und Jugendliche verhaftet und angeklagt wurden. Die Verfahren endeten mit 16 Hinrichtungen. Vorwiegend stammten sie aus dem Milieu vagierender Betteljungen; bei Ausweitung der Verfahren wurden auch Stadtkinder z.T. aus dem randständigen Milieu, z.T. aber auch aus Bürgerkreisen verhaftet. Im wesentlichen warf man den Jugendlichen Teufelspakt, Hostienfrevel, Wettermachen und das Herbeizaubern einer Mäuseplage vor. Überliefert sind 900 Akten mit 25 Verhöre (jeweils 250 Fragen). Der besondere Naturalismus der oft freiwillig, geradezu geschwätzig und flüssig abgelegten Geständnisse (unterbrochen von Revokationen), zog schon die inquirierenden Richter in den Bann. Auch hier stellt sich die Frage, was wirklich innerhalb dieser Jugendbande geschehen ist. Laut Becks Interpretation können die nuancenlosen Erzählungen der Betteljungen entweder nur reine Fiktion sein oder aber sich auf tatsächlich Geschehenes beziehen. Er stellte die These auf, daß in den Geständnissen wirklich stattgefundene Spielhandlungen der Jugendlichen transportiert und wiedergegeben worden sind. Unter Benutzung von Spieltheorien über verschiedene Spielgattungen (Regelspiel; spontanes Spiel; Illusions-, Phantasie- und Substitutionsspiel) analysierte Beck die Geständnisse und arbeitete heraus, daß sich hinter Mäusezauber, Teufelspakt, Hostienfrevel und Wettermachen tatsächlich Spiele verbergen können, welche die Jugen inszeniert und erfahren hätten. Die Theorie stützte ein Hinweis aus einen autobiographischen Roman, in dem ein von Jungen tatsächlich durchgeführter Hostienfrevel (das Stechen mit einem Messer in eine gestohlene Hostie) erwähnt wurde. Bei dem angeblichen Teufelspakt könne es sich um einen Initiationsritus handeln, mit dem jüngere Kinder in die Bande aufgenommen wurden. Auch das Wettermachen kann als ein Spiel interpretiert wurden, mit dem die Jugendlichen einem Abenteuerspiel gleich tatsächlich das Zusammentreiben von Wolken und das Heraufbeschwören eines Unwetters, das ein ihnen verhaßtes Dorf treffen sollte, simulierten. Wie im Spiel üblich verwischten sich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, entstand eine gespielte Wirklichkeit. Dabei setzten sich die älteren Jugendlichen und Anführer der Bande gern in Szene, amüsierten sich auf Kosten der Jüngeren und provozierten bei den Naiven die Imagination einer Hexensekte. Diese Selbstinszenierung konnten sie vor Gericht nicht mehr loswerden. Allerdings bezeichneten die Kinder in den Verhören niemals ihre Taten als reine Spielhandlungen, um sie auf diese Weise zu entschuldigen. Diese Verteidigungsstrategie hätte auch wenig genutzt, denn entscheidend blieb die aus den Geständnissen hervortretende Bosheit der Kinder; ihr böser Wille hätte selbst unter der Annahme eines Zauberspiels bestraft werden müssen.

Auf Ähnlichkeiten zwischen dem Freisinger Prozeß und den Salzburger Zauberer-Jackl-Verfahren wurde in der Diskussion hingewiesen. Dort waren ebenfalls vagierende Betteljungen involviert, denen tatsächlich durchgeführte Hostienfrevel nachzuweisen sind. Problematisiert wurde der Begriff des Spiels und die Heranziehung von Spielkategorien, um Zaubereigeständisse zu deuten: In der Frühen Neuzeit gäbe es nicht die Vorstellung eines 'unschuldigen' Spiels. Diese Bezeichnung entstamme der Pädagogik der 1970er/1980er Jahre. Beck verwies darauf, daß Spiel als 'dirty play' immer gewalttätig, häßlich und aggressiv sein könne. Darüber hinaus wurde die Frage aufgeworfen, ob es sich bei den Prozessen nicht vielmehr um Fälle von Jugendkriminalität handele. Immerhin seien die Quellen ausschließlich unter juristischen Gesichtspunkten zusammengestellte Gerichtsprotokolle, die einer bestimmten kontextgebundenen Intention folgten. Beck wies daraufhin, daß es sich bei der gerichtlichen Untersuchung des Falles nicht um die Abfolge von General- und Spezialinquisition handele, sondern daß zu Beginn das Verfahren noch völlig offenstand und die Richter lediglich diffusen Vorwürfen gegen eine Bande vagierender Bettelkinder nachgegangen seien.

Der letzte Vortrag der Tagung führte noch einmal nach Kursachsen. Falk BRETSCHNEIDER (Paris/Dresden) berichtete über Die "Annaberger Krankheit". Magie und Frühaufklärung in einer sächsischen Bergstadt. In den Jahren 1712/1713 zur Zeit wirtschaftlicher Krisen und eines Bevölkerungsrückgangs brach in Annaberg eine Krankheit aus, von der über 20 Personen, darunter vor allem Kinder, Jugendliche und Frauen, erfaßt wurden. Sie erbrachen Nadeln und andere Gegenstände, wurden von Bauchschmerzen, Zitteranfällen und konvulsivischen Zuckungen geplagt sowie von unheimlichen Visionen, die ihre Motive offensichtlich aus dem erzgebirgischen Sagenschatz entlehnten, heimgesucht. Besonders eine junge Spitzenklöpplerin, Eva Henninger, erlitt über Jahre hinweg - und regelmässig zur Zeit des Jahrmarkts - immer neue Anfälle. Unter anderem mußte sie von einem Hufeisen entbunden werden. Laut ihrer Anschuldigungen hatte Hexerei die Krankheit hervorgerufen. Ganz Annaberg wurde angesichts dessen in einen kollektiven, panischen Erregungszustand versetzt. Tatsächlich verhaftete man einige der Hexerei verdächtige Personen, von denen zwei im Gefängnis starben. Die übrigen mußten 1714 aufgrund eines Urteils des Leipziger Schöffenstuhls freigelassen werden. Trotzdem gingen die Hexereigerüchte weiter, unterstützt von dem Hospitalsarzt, der weiterhin Erkrankte aufnahm, behandelte und an eine dämonische Krankheitsursache glaubte. Ärzte, Ratsherren, Pfarrer und Juristen bezogen in der entstehenden intensiven öffentlichen Debatte über die 'Annaberger Krankheit' Stellung zum Phänomen des Aberglaubens, der Magie und der Hexerei. Bretschneider zeigte, wie die Krankheit im Laufe des Diskurses mit wandelnden Deutungsmustern erst als magischen Ursprungs anerkannt, dann als Aberglauben kritisiert und schließlich rational-cartesianisch erklärt wurde. Dabei handelte es sich nicht um eine von der kognitiven und sozialen Ebene losgelöste Diskussion. Die Ergebnisse gewannen stadtpolizeiliche Relevanz und wurden mit konkreten Handlungsanweisungen verknüpft. Die Unruhe stiftenden volksmagischen und abergläubischen Gerüchte in der Bevölkerung Annabergs sollten unterdrückt, der öffentliche Raum beruhigt werden. Eine zuerst nicht sehr erfolgreiche kollektive Disziplinierung wurde vom Annaberger Stadtrat angestrebt, in dem man ein allgemeines Redeverbot über die Hexereigerüchte erließ. Doch besaßen die magischen Deutungen in der Bevökerung großen Rückhalt und die durchaus rational eingestellte Obrigkeit verfügte nicht über die nötigen Durchsetzungsmethoden. Erst durch den regulierenden Einfluß der Landesregierung wurde die Lage beruhigt. Dabei half 1718 die Entlarvung und Verurteilung der Henninger als Betrügerin und die Drohung, jeder weitere Erkrankte würde ins Zuchthaus verbracht. Bretschneider zog eine direkte Verbindung zwischen neuen Ordnungsvorstellungen auf territorialpolitischer Ebene (Verurteilung des Müßiggangs als Quelle aller Unordnung, Gründung von Zucht- und Armenhäusern, Vertreibung von Vagierenden) und dem Ende der 'Annaberger Krankheit'. Der mentale Ausschluß von Aberglauben und die Kriminalisierung von sozialer Devianz arbeiteten dabei Hand in Hand.

Mutterkornvergiftung als Anlaß für die Annaberger Krankheit wurde in der Diskussion ausgeschlossen. Die publizistische Verbreitung des Falles sei regional beschränkt geblieben, auch Chroniken hätten nur am Rande von den Vorgängen berichtet. Möglicherweise habe der Betrug der Henninger so lange unentdeckt bleiben können, weil in dieser Zeit Frauen von männlichen Ärzten noch nicht gründlich untersucht werden durften. Erst die rüden Methoden der landesherrlichen Kommissare entdeckten deshalb die Manipulationen. Betont wurden noch einmal die Parallelen zwischen dem Diskurs um die 'Annaberger Krankheit' und dem Zuchthausdiskurs.

Zum Abschluß der Tagung machten Dieter R. BAUER und Prof. Dr. Sönke LORENZ auf die nächsten Veranstaltungen und Buchpublikationen aufmerksam. Als Tagungen wurden angekündigt:

20.-22. September 2001: Tagung in Ravensburg zum 'Hexenhammer' des Institoris und seinem Wirken in Württemberg (Organisatoren: Prof. Dr. Wolfgang Behringer und Stadtarchivar Dr. Schmauder);

28. Februar - 02. März 2002: Tagung in Stuttgart-Hohenheim, als thematischer Schwerpunkt sollen die Auswirkungen des Via-Media-Gedankens und des erasmianischen Gedankenguts auf die Verfolgungen in den Rheinlanden, den Herzogtümern Kleve-Jülich-Berg und den Niederlanden untersucht werden (Organisatoren: Dr. Thomas Beck und Dr. Hans de Waardt);

Oktober / November 2003: Tagung in Weingarten zum Thema "Staatsbildung und Hexenprozeß" (Organisatoren: Dr. Johannes Dillinger und Dr. Jürgen-Michael Schmidt).

2005: Tagung in Weingarten zum Thema "Werwölfe, Tierverwandlungen und Alltagsmagie" (Organisatoren: Dr. Willem Blécourt und Prof. Dr. Wolfgang Schild).

 

Empfohlene Zitierweise

Voltmer, Rita: Von Werwölfen und Hexenkatzen. Tierverwandlungen in der europäischen Geschichte. Fachtagung der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit dem Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH) vom 01. bis 03. März 2001 in Stuttgart-Hohenheim, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zxs/

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Erstellt: 20.01.2006

Zuletzt geändert: 20.01.2006


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