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Redaktion: Katrin Moeller und Nikolas Schröder

Hexenverfolgung im Stift Verden und in den Herzogtümern Bremen/Verden

Joachim Woock

Heft 2, 2010, Sp. 79-95

Untersuchungsgebiet und Quellenlage

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Das Bistum (Diözese) Verden erstreckte sich bis ins 16. Jahrhundert im Osten bis zur Elbe (stromaufwärts bis Havelberg), wurde im Süden von den Diözesen Halberstadt, Hildesheim und Minden sowie im Norden durch die Diözese Bremen begrenzt. Bezogen auf die Hexenverfolgung werden aber hier nur die Stadt Verden und das Stift Verden (Amtsbezirke Verden, Rotenburg und Visselhövede) betrachtet, da die Verdener Bischöfe in diesem Gebiet die Landesherrschaft ausübten. Die Stadt Verden war geteilt in das "Süderende" (erst ab 1651 zur Stadt erhoben) und die Norderstadt. Die Gerichtsbarkeit im Südteil und Dombereich der Stadt hatte Bischof Philipp Sigismund (1586-1623) bereits 1593 an das Domkapitel abgetreten. [1] Die Norderstadt bekam ab 1330 die volle Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit. [2] Anfangs übten Bürgermeister bzw. Gerichtsvogt und Magistrat die Rechtsprechung aus, ab etwa 1600 war der nachweisbare Syndicus der Richter, der zusammen mit Bürgermeister und zwei ehrenamtlichen Senatoren das Gericht bildete. [3] Abschriften über Verdener Hexenprozesse vor 1617 findet man in Reichskammergerichtsprozessakten, da sich Norderstadt und Bischof Sigismund 1604 vor dem Reichskammergericht um die Kriminaljurisdiktion stritten. Grundsätzlich muss festgestellt werden, dass über Hexenprozesse in der Stadt Verden für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts recht ungesicherte, für die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts dagegen sehr genaue Nachrichten vorliegen. [4] Über Hexenprozesse im Stift Verden gibt nur ein Verfahren Auskunft (1664 in Rotenburg), in einem anderen, städtischen Prozess in Verden, war Bischof Eberhard 1585 als Ankläger beteiligt. [5]Schadenzauber, Hexentanz und Teufelsbuhlschaft (1517 - 1605)

Die ältesten Nachweise über Hexenverfolgungen stammen aus dem Jahre 1517. Ein Ehepaar wurde wegen Hexerei in der Verdener Büttelei inhaftiert, aber dann durch Bischof Christoph (1502-1558) begnadigt und freigelassen. [6] Weniger Glück hatte eine fremde Frau: "Ein Weibstück aus dem Stift Minden namens Ilsa, etwa 30 Jahr alt, ward anno 1517 am Sonnabend vor S. Catharinae virginis Tag wegen Zauberei und, dass sie unter anderen Todenköpfe gebraten, auf S. Caeciliae Abend verbrandt und hatte sie ihr eigen Maul zum Tode gebracht." [7] 1532 wurde Gesche Stoder "um Zauberei, dass sie mit dem Teufel gebuhlet und einige zu Tode gezaubert", verbrannt. Eine Woche später wurden vier Frauen, darunter eine "reiche Kramersche" vor das Gericht des Süderendes gestellt und später verbrannt. Eine Frau war bereits im Gefängnis umgekommen. Den Frauen war vorgeworfen worden, dass sie u. a. "um den Galgen getanzet, mit dem Teufel gebuhlet und Kinder ersäufet" hätten. [8] In einer anderen Quelle heißt es: "Die vier Weiber / hatten viel Wunders getrieben mit tanzen umb den Galgen / mit dem teufel zu buhlen / den Mägden die Kinder abzutreiben / und sonsten." [9] Im Jahre 1539 loderten wieder die Scheiterhaufen, zwei Frauen wurden getötet, "welche mit dem Teufel gebuhlet und Menschen und Vieh mit zauberischen Dingen ümbgebracht". [10] Eine besondere qualvolle Art dachte man sich für den Kuhhirten Johann Hende aus, der als Zauberer 1555 nach abgelegter Beichte mit dem Tode durch langsames Feuer ("Schmoken") bestraft wurde. [11] Kurz danach wurden zwei Frauen und eine Mutter, zusammen mit ihrer Tochter, lebendig verbrannt. Und 1561 fanden wieder zwei Männer den Feuertod. In den Jahren 1564 und 1565 wurden vier Frauen durch Folterungen zu Geständnissen gezwungen und "in ein Feuer geworfen". [12] Im Jahre 1567 ließ Bischof Eberhard von Holle (1566-1586), der im Stift die Reformation vorangetrieben hatte, [13] einen "Wicker" festnehmen und peinlich verhören. Sein Schicksal bleibt im Dunkeln. [14] Auffallend für die ersten 50 Jahre der Hexenverfolgung im Stift Verden ist, dass neben den Vorwürfen des Schadenzaubers bereits in dieser frühen Phase zusätzlich Vorwürfe eines typischen Hexerei-Prozesses, nämlich der Geschlechtsverkehr mit dem Teufel und der gemeinschaftliche Hexentanz (drei bis fünf beteiligte Frauen), erhoben wurden. Ab 1564 sind dann alle Kriterien eines Hexenprozesses nachweisbar.

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Die erste Stadtverweisung ist für das Jahr 1574 überliefert. Die verheiratete Beke Piper aus Wienbergen gestand unter der Folter, dass sie sich vom Teufel habe verführen lassen, gezaubert und andere Straftaten begangen hätte. Aus der überlieferten Urfehde geht hervor, dass sie auf Fürsprache vier männlicher Bürgen aber nur aus der Stadt und dem Stift Verden gewiesen wurde. [15] 1578 wurde auch Margarethe Moses aus der Stadt verbannt und zwei Jahre später erfolgte die letzte derartige Bestrafung einer angeklagten Hexe.

Im Jahr 1585 lässt sich für das Untersuchungsgebiet zum ersten Mal nachweisen, dass eine Frau, deren Mann eine hohe Stellung bekleidete, als Hexe verdächtigt wurde. Im Süderende waren mehrere Frauen, denen ein Hexentanz um Fastnacht vorgeworfen wurde, auf Anordnung des Domkapitels inhaftiert worden. Unter der Folter hatten sie die Ehefrau Anna Hoyer und Joachim von Mölln, die beide Bürger der Norderstadt waren, besagt. Daraufhin wurden auch diese von einem Scharfrichter, der extra vom Domkapitel aus Minden angefordert worden war, peinlich befragt und kurz darauf verbrannt. Der Bürgermeister und Rat der Norderstadt beschwerten sich darüber bei Bischof Eberhard. Bei der Vernehmung der beiden Angeklagten war u. a. auch die Ehefrau des Magisters Eilard von der Hude beschuldigt worden, am Hexensabbat teilgenommen zu haben. Trotz seines Einflusses und seiner Stellung als Syndicus des Domkapitels und bischöflicher Rat brachte dieser seine Frau sofort außerhalb der Stadt in Sicherheit. [16] Nach drei Jahren wandte er sich dann direkt an den Landesherrn mit der Bitte, beim Domkapitel zu intervenieren und seiner Frau Armgard gegen eine angebotene Kaution Verfolgungsfreiheit zu gewähren. Ein Jahr später hatte der neue Bischof Philipp Sigismund (seit 1586) dies auch durchgesetzt, und Frau von der Hude kehrte nach Verden zurück. [17] Interessant ist, dass Eilard von der Hude im Juni 1585 als Syndicus und Protokollführer für das Domkapitel an den Querelen um die Privilegien der Domherren gegenüber Bischof Eberhard von der Holle beteiligt gewesen war. Im Jahre 1587 wurde er dort entlassen und wechselte als Rechtsberater für Bischof Sigismund die Fronten. [18]

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Bischof Sigismund im Jurisdiktionsstreit mit der Norderstadt

In der Regierungszeit des Verdener Bischofs Sigismund (1586-1623) scheint es einen Rückgang der Hexenprozesse im Stift Verden gegeben zu haben. Ob dieser durch das Edikt des Erzbischofs Johann Friedrich von Bremen (1596-1634) beeinflusst wurde, welches dieser 1603 für sein Erzstift erließ, lässt sich schwer beurteilen. [19] Jedenfalls wurden in diesem Erlass Verhaftungen unverdächtiger Personen verboten, die von "bösen Weibern und verzweifelten Hexen" angezeigt worden waren. Bei Hexenprozessen sollte außerdem die Peinliche Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. aus dem Jahre 1532 sorgfältig beachtet und die Tortur nur bei triftigen Verdachtsgründen maßvoll angewandt werden. Die besonders in Norddeutschland übliche Wasserprobe wurde verboten. [20] Als Vorbilder des Edikts scheinen die Bücher der Ärzte Johann Weier aus Cleve und Johann Ewich aus Bremen gewesen zu sein, die sich z. B. gegen Folter und das "Hexenbad" richteten. [21]

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Bischof Sigismund stand ab 1604 mit der Norderstadt in einem mehrjährigen Kompetenzstreit um ihre Ausübung der peinlichen Gerichtsbarkeit, d. h. der auf Leibesstrafen erkennenden Strafjustiz, der vor dem Reichskammergericht geführt wurde. [22] Besonders Rechtswidrigkeiten der Stadt in früheren Hexenprozessen dienten dem Landesherrn zur Beweisführung. Der aus Speyer entsandte Kommissar konnte schließlich einen Vergleich aushandeln. [23] Der Magistrat musste erhebliche Abstriche akzeptieren, so wurde nun z. B. die Anwendung der Folter durch einen landesherrlichen Bediensteten kontrolliert. Beschwerden der Landesherren über widerrechtlich geführte Hexenprozesse waren nicht selten Bestandteil von Jurisdiktionsstreitigkeiten zwischen Städten und Territorium. Ob das Schreiben von Sigismund aus dem Jahre 1609, welches er im Rechtsstreit mit dem Rat der Norderstadt an das Domkapitel richtete, ein Beweis für seine humane Einstellung zu Hexenprozessen war, ist von daher schwer einzuschätzen, weil es genauso ein Beweis für die zielstrebige Ausdehnung seiner landesherrlichen Jurisdiktion auf die Stadt Verden sein könnte. [24]

Der erste Sammelprozess von 1606

        Der erste Sammelprozess fand im Jahre 1606 in der Norderstadt statt. Alke Bottsack, die bereits seit Jahren öffentlich als eine Zauberin ausgeschrien worden war, wurde vom Pastor Krüger im Beichtstuhl wegen ihres unchristlichen Lebenswandels abgemahnt. Als der Pastor kurz darauf erkrankte, schrieb er das ihren Hexenkünsten zu. Ihre letzte Begegnung endete in einer Schlägerei. Alke Bottsack wurde ins Gefängnis geworfen, und ein Gutachten bei der Juristenfakultät in Helmstedt eingeholt. [25] Der Folterung wurde zugestimmt, und Alke gab im April an, mit über 20 namentlich genannten Frauen (darunter die "Suckerbäckersche im gasthauße" [26] und Wobbeke Twitemeyer) auf dem St. Nicolai Friedhof getanzt zu haben. [27] Aus den Folterprotokollen lässt sich herauslesen, dass sie keinen fairen Prozess hatte. Auch wurde sie, als sie am Tag nach der Folter das ihr verlesene "Geständnis" widerrief ("Negat, habe eß auß schmertz und Pein gesagt"), am nächsten Tag wieder gefoltert. Danach widerrief sie nicht mehr. Einen Tag später wurde Wobbeke Twitemeyer gefoltert. Sie denunzierte weitere drei Frauen. Sie verstarb im Oktober, vermutlich während einer weiteren Folter. Trotzdem wurde auf dem Markt ein "hochnotpeinliches Halsgericht" abgehalten, bei dem "Beklagte ist citirtt - ist dott erschienen". Danach wurde ihr Leichnam verbrannt. Bereits im Mai waren Alke Bottsack und die Suckerbäckersche bei lebendigem Leibe verbrannt worden. [28] Aus einem Gutachten der Juristenfakultät in Helmstedt geht hervor, dass auch im November sieben Frauen in dem vom Rat der Norderstadt geführten Verfahren angeklagt, viele andere Frauen aber geflüchtet waren. Die Fakultät erklärte den Prozess für nichtig und ordnete die sofortige Freilassung aller inhaftierten Frauen an. Weil das Gericht sich nur mit diversen Denunziationen und der Wasserprobe begnügt hatte, ohne für jede einzelne Angeklagte Zeugenaussagen über deren Leumund einzuholen. Die Fakultät entschied: "wann die indicia nicht volkomlich erwiesen und gleichwoll aus der Marter die Missethat bekannt wurde, daß darauf niemand zu verurtheilen sei." [29]

Der Hexenprozess von 1617/18

        Im Jahre 1617 spielte sich im Süderende ein vom Domkapitel geführter Sammelprozess ab, der weit über die Grenzen des Stifts hinaus großes Aufsehen hervorrief, weil wieder Mitglieder der städtischen Elite darin verwickelt waren. [30] Dieser Prozess ist sehr gut dokumentiert, da die beschuldigte Patrizierfamilie sich mit einer Druckschrift wehrte, worauf das Domkapitel eine Art Verteidigungsschrift drucken ließ. [31] Bischof Sigismund reagierte daraufhin mit einem ebenfalls gedruckten Mandat.

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Im Januar 1616 hatte sich Margarethe Sievers, die 15-jährige Tochter des Steinhauers und Bürgers der Süderstadt, so gebärdet, "als wäre sie vom Teufel leibhaftig besessen." Vermutlich hatte das Mädchen epileptische Anfälle. Ihre verstorbene Mutter und deren Bruder sollen früher "in solche Melancholie gerathen [sein], daß man hat auf sie achten müssen". [32] Die Pastoren ließen sie wiederholt vor den Altar führen, wo sie in Gegenwart der Gemeinde mit ihr beteten, und einen Lehrer mit seinen Schülern geistliche Psalmen singen ließen. Zunächst trat wohl eine Besserung ein, doch im August lief sie fort. Ihr Vater und ihre Stiefmutter meinten, der Teufel habe sie geholt. Im September zeigten sie das Verschwinden ihrer Tochter beim Domkapitel an und gaben zu Protokoll, dass Margarethe schon vor Jahren – auf Anstiften etlicher Hexen mit dem Teufel einen Pakt geschlossen, und einige Male erneuert hätte. Im Januar 1617 wurde sie im Fürstentum Lüneburg aufgegriffen und von ihrer Stiefmutter zurück nach Verden gebracht. Sie wurde verhaftet, und in einem peinlichen Verhör behauptete sie, dass sie vom Teufel durch die Luft hinweg geführt worden sei, bei Hamburg über die Elbe und dann sogar übers Meer nach Spanien, wo sie Pomeranzenäpfel von den Bäumen gegessen habe. [33] Sie bestätigte auch die Anschuldigungen ihrer Eltern, die diese nach ihrem Verschwinden dem Domkapitel angezeigt hatten. [34] Der Arzt Godtfriedt Vögelern untersuchte sie; und ein von sechs Pastoren der Stadt gefordertes Zeugnis über die Aussagen des Mädchens schloss mit den Worten: "achten wirs nach vnser einfalt vnd meynung für ein Zauberwerck." [35] Das Domkapitel war nun davon überzeugt, genug Beweise gegen sie zu haben. Auch der Leumund von Margarethe scheint nicht der beste gewesen zu sein, wird sie doch beschrieben als ein "Mägdlein von jugend auf übel erzogen vnd zustehlen vnd andern vntugenden sich gewehnet." [36] Die Akten wurden am 30. Januar 1617 der juristischen Fakultät der Universität Helmstedt mit der Bitte vorgelegt, auch die theologische und medizinische Fakultät zu Rate zu ziehen und die Meinungen dann zu vergleichen. [37] In einem Gutachten vom 10. Februar kamen die Juristen zu dem Urteil, dass Margarethe wegen ihrer Jugend "mit dem Schwerdt vom Leben zum Tode zurichten / folgends aber deroselben Cörper / anderen zum abschewlichen exempel / mit fewer zuverbrennen sei". [38] Dennoch zeigte das Domkapitel Bedenken, das Mädchen sofort hinrichten zu lassen. In den Verhören vom 31. Januar und 13. Februar 1617 hatte Margarethe eine Frau Namens Anna Schwerdtfeger beschuldigt, ihrem zehnjährigen unehelichen Sohn und einem anderen siebenjährigen Jungen das Zaubern gelehrt zu haben. Diese konnte noch rechtzeitig flüchten, aber drei weitere von ihr denunzierte Frauen wurden verhaftet und der Wasserprobe unterzogen, die sie nicht bestanden. Offensichtlich war der Verdener Scharfrichter mit den Folterungen überfordert, denn das Domkapitel wandte sich mit einem Schreiben an den Braunschweig-Lüneburgischen Kanzler in Celle mit der Bitte, dass der Scharfrichter "zu Winsen an der Luhe zu examinirung etlicher eingezogenen Hexen gefolget werden mögte." [39] Dessen Folterungen hatten zum Ergebnis, dass Mettke Ottenberg, Hibbel Brenner und Margarethe von Ahlden anschließend tot im Gefängnis aufgefunden wurden. Die drei als "Gutachter" hinzugezogenen Barbiere konstatierten, dass der Teufel den Frauen den Hals gebrochen haben musste. Das Domkapitel legte Wert darauf festzustellen, dass die Frauen vor der Tortur verstorben wären. [40] Eine der drei Frauen hatte zusätzlich Adelheit Oheman angezeigt. [41] Die Aktenstelle, in der über ihren Tod berichtet wird, lautete zunächst: "Und wie der Meister sie auff die Volter bracht, und torquirt werden solte ist sie todt geblieben - das der Hals hin und her sich bewegen lassen und Ihr abgebrochen geweßen." Dieser Text ist dann durch Zufügungen geändert worden: "Und wie der Meister seine Instrumenta herfür gelanget / vnd Sie auff die Volter bracht, als sie torquiret werden solte ist Sie ante torturam wie sie außgezogen todt geblieben...". Dadurch sollte betont werden, dass der Tod wirklich vor der Folterung erfolgt sei. Es bleibt anzuzweifeln, ob sie wirklich schon beim gewaltsamen Entkleiden verstarb. [42] Auf Grund dieser vier merkwürdigen Todesfälle befürchtete man, dass der Teufel auch Margarethe Sievers im Gefängnis nachstellen und sie töten könnte. [43] Deshalb wurde sie aus dem Gefängnis "zu errettunge ihrer Seelenheyl und fähligkeit" entlassen und in ihrem Elternhaus an eine Kette angeschlossen, "woselbst sie viel consultirt wurde und Rath ertheilte". [44] Das Aufsehen, das um sie gemacht wurde, schien sie fast zu genießen. Das Domkapitel verbot schließlich jeglichen Kontakt zu ihr: "vnd ernstlich geborten daß niemand gespräche mit ihr halten solle / vnd dahero mit vnserm wissen vnd willen Sie über allerhandt sachen vnd insonderheit die Zaubery betreffent / alß ein Oraculum Delphicum nicht consuliret, vielweniger ihren Eltern Brentewein dabey zuverkauffen eingereumet worden." [45] In den vorangegangenen Verhören hatte Margarethe Sievers auch einige adelige Personen, darunter die Witwe Anna des Domdechanten Frese und deren Tochter der Zauberei beschuldigt. Das Domkapitel hielt diese Anklagen für hinlänglich begründet, um sie in die für Margarethe entworfene Urgicht aufzunehmen. Als dann am 21. März, gemäß des Helmstedter Gutachtens, das 16-jährige Mädchen im Peinlichen Halsgericht zum Tode verurteilt wurde, kam es zu einem Zwischenfall. Denn in der verlesenen Urgicht, der gekürzten Fassung des Geständnisses, fehlten die Namen der denunzierten Patrizierfamilie. Daraufhin rief Margarethe – offenbar erbost darüber, dass man diesen vornehmen Personen nicht auch schon den Prozess gemacht hatte – die Namen laut in die Menge.

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Dieser neue Prozess muss dann großes Aufsehen erregt haben. Das juristische Gutachten von Theodor Reinking [46] aus dem Jahre 1621 ist mehrmals nachgedruckt worden, und Johann Diefenbach erwähnt den Verdener Prozess als Musterbeispiel, ohne allerdings den Namen der Stadt zu kennen. [47] Anhand des in lateinischer Sprache abgefassten Gutachtens von Reinking, der die Protokolle direkt eingesehen haben muss, wird der Fall etwas klarer. Nach der Aussage von Margarethe sollten Anna Frese [48] und ihre Tochter Maria der Schwester von Bischof Sigismund einen goldenen Löffel abgezaubert, ihn bei einem Teufelsmahl benutzt und später für 40 oder 50 Taler verkauft haben. [49] Das Essbesteck war aber tatsächlich gestohlen worden. [50] Und der Dieb, der den Löffel an einen Goldschmied in Bremen verkauft hatte, konnte überführt werden. [51] Er gestand die Tat, und durch ein Urteil der juristischen Fakultät der Universität Marburg wurde er mit Ruten geschlagen und inhaftiert. [52] Das Domkapitel geriet nun in arge Erklärungsnöte, denn dadurch waren die Behauptungen des Mädchens als Lüge entlarvt. Die Familie Frese reagierte dann auch sofort auf die vom Domkapitel verbreiteten Anschuldigungen. Einer der Söhne wandte sich mit Bitte um Rat und Beistand an seinen Onkel, den Domdechanten von Marschalk in Bremen. [53] Die Gebrüder Frese ließen eine Druckschrift in der Stadt und im Stift Verden, aber auch in benachbarten Städten und Territorien – z. B. in Celle – veröffentlichen. [54] Daraufhin veranlasste das Domkapitel Anfang 1618 den Druck der Widerlegungsschrift "Apologia", in der bestritten wurde, das Verfahren unrechtmäßig geführt zu haben. Im Anhang werden der Schriftwechsel des Domkapitels mit der juristischen Fakultät in Helmstedt sowie die Protokolle des Notars Statius Kleffmann über die Todesursachen der unter der Folter verstorbenen vier Frauen wörtlich wiedergegeben. Ein weiteres dort publiziertes Gutachten der Wittenberger Juristen rechtfertigte das Vorgehen des Domkapitels und erklärte, dass das Gericht von den beschuldigten adeligen Personen nicht wegen "iniuriarum" [55] belangt werden könnte. Aber die Familie Frese hielt an ihren Beschuldigungen fest. Die vier ältesten Söhne [56] und der Anwalt ihrer Schwester Marie Magdalena [57] überzeugten im April 1618 Bischof Sigismund, dass Hexenprozesse mit größter Vorsicht durchgeführt werden müssten. [58] Daraufhin erließ Sigismund eine gedruckte Direktive mit der Aufforderung: "Drum verlangt der Anwalt, daß Alle, die hiervon sprächen oder schuldigen, zum Beweise aufgefordert oder zum ewigen Stillschweigen verurtheilt würden. – Deshalb ladet mit diesem gedruckten Mandat Philipp Sigismund jeden also Sprechenden vor sich zum 9. September 1618 auf die Kanzlei in Verden." [59] Dieses Machtwort des Landesherrn hatte zur Folge, dass das Domkapitel es nicht länger wagte, die Familie Frese zu beschuldigen. Und das, obwohl gegen beide Frauen die gleiche Beschuldigung durch eine geständige Hexe vorlag, was bei den anderen vier Angeklagten zur Folterung geführt hatte. Wie schon im Jahre 1585, so gelang es auch jetzt dem Gericht nicht, Frauen aus der städtischen Elite als Zauberinnen zu verurteilen. Frauen der verschiedenen sozialen Schichten waren hier also nicht gleichermaßen von den Hexenverfolgungen betroffen. Das zeigt sich auch in einem dritten großen Prozess von 1647-1649, wo u. a. ratsfähige Personen angeklagt worden waren, die durch den Einfluss dieser Familien wieder frei kamen. [60]

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Auffällig am Mandat von Bischof Sigismund ist, dass es sich in den gleichen Gedankengängen – oft unter wörtlicher Anlehnung – wie das Edikt von Erzbischof Johann Friedrich von Bremen aus dem Jahre 1603 bewegte. Der Schluss des Mandats erinnert an das Ultimatum eines Richters bei einem Prozess im Jahre 1607 in Altluneberg. Auch dort meldete sich kein Denunziant mehr. [61] Dass sich Sigismund für die Familie Frese so einsetzte, könnte auch daran gelegen haben, dass ein Sohn Anna Freses sein Kammerherr war. Einige Briefe von Sigismund an ihn sind überliefert, sie bezeugen u. a. die enge Freundschaft der beiden: "Besonders lieber getreuer, wir sind gelückig undt woll hier angelangedt, [...] haben auch deiner lieben haußfrauhe eine tohne broyhan angesteldt, die dieselbe hier übersenden wollen, hoffen, sie wird sich denselben wol schmecken lassen, und wen sie darvon verdrinckedt, dorbey meiner gedenken. [...] Wollst sie auch meinerhalben freundlich in den arm nehmen undt küssen. Undt sindt dich undt den deinen mit allen gnaden gewogen undt darfst an mich nicht zweifeln, was wir dich nicht verhalten könen und dich Godt befelen. Philipp Sigismund. Rodenburg, den 2. dec. Anno 1616." [62] Der Bischof wurde 1620 auch Pate für Philipp Sigismund, den erstgeborenen Sohn von Johann Frese. [63]

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Bischof Sigismund stand nicht nur im Jurisdiktionsstreit mit der Norderstadt (1604-1612), sondern auch mit dem Süderende, der Bischofsstadt. Als 1609 der Verdener Domherr Clüver in Verdacht geriet, Überfälle auf reisende Kaufleute angestiftet zu haben, wurde er vom Domkapitel nach nur kurzer Haft und mit geringen Beschränkungen entlassen. Sigismund schrieb daraufhin empört an das Kapitel, dass, wenn es sich um eine Person geringeren Standes gehandelt hätte, es wohl die Jurisdiktion mit aller Autorität eingesetzt und gegen sein Verlangen auf Gnade große Bedenken gehabt hätte. Im Jahre 1615 kam es zu einem zweiten Zusammenstoß. Sigismund verkaufte ohne Einwilligung des Domkapitels einen frei gewordenen Domherrenhof. Als sich das Kapitel wehrte, ließ er 1616 alle Einkünfte der Domherren sperren und erklärte, dies würde so lange andauern, bis sie sich zum Gehorsam bequemen würden. Das Kapitel führte den Streit durch seinen Syndicus Caspar Huberinus, der auch in den Hexenprozessen von 1606 und 1617/18 als Ankläger auftrat. [64] Sigismund lockte Huberinus unter einem Vorwand nach Syke und ließ ihn dort verhaften. Das Domkapitel wandte sich nun an das Reichskammergericht zu Speyer, das entschied, dass Sigismund die Einkünfte der Domherren freigeben und den Gefangenen entlassen musste. Erst 1617 kam es zum Frieden mit dem Bischof; das Domkapitel übergab ihm 2.000 Taler und Neujahrsglückwünsche. [65] Johann Frese gegenüber blieb er aber sehr skeptisch: "Eß ist mir das biden und danksagung des dum capitelß zu Verden ganz fremdt vorgekommen [...] ob es von herzen gangen ist, mach der libe gott wißen." [66] Festzuhalten bleibt, dass es Sigismund als Landesfürsten gelang – aus welchen Motiven auch immer –, die drei Hexenprozesse von 1585, 1606 und 1617/18 entgegen dem Wunsch der beiden Stadtgerichte einzustellen. Sein im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel regierender, hochgebildeter Bruder Heinrich Julius († 1613) dagegen ließ die Scheiterhaufen brennen. [67]

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An dieser Stelle soll noch einmal auf das Gutachten von Theodor Reinking von 1621 eingegangen werden, das besonders auf die Stellung der beschuldigten vornehmen Frauen und auf das Verhalten von Margarethe Sievers eingeht. [68] Reinking postuliert, dass "man einen Menschen, wer immer es auch sein mag, solange als unbescholten und gut einschätzen [muss], bis durch ganz klare Beweise mit aller Deutlichkeit das Gegenteil aufgezeigt wird." Dann aber hebt er auf die Eliten ab: "Und das gilt um vieles mehr bei edlen oder von einem ehrbaren Geschlecht herkommenden Personen, für die mehr als für das gemeine Volk die Tugend und die Ehrenhaftigkeit angenommen wird. [...] Weswegen auch gelten mag, dass man den Vornehmen ein größeres Vertrauen zugesteht als dem gemeinen Volk. [...] Und daher müssen, wenn man gegen einen Vornehmen prozessiert, die Indizien schlagkräftiger gehalten werden als gegen einen vom Volke. Dies tritt um vieles mehr in unserem besonderen Fall mit der verwitweten Frau hervor, sie überragt nicht nur durch den vornehmen Stand ihrer Großväter und des ehrwürdigen und des sehr edlen Gatten, sondern sie war anderen auch ein leuchtendes Vorbild durch ihre einzigartige Frömmigkeit und Sittenstrenge." [69] Danach geht er auf den Charakter von Margarethe Sievers, genauer gesagt, auf das für ihn typisch Weibliche ein, wobei eine Verwandtschaft zur Frauenfeindlichkeit des Hexenhammers nicht zu überhören ist. "Sie war erstens ein Mädchen oder richtiger von weiblicher Komplexität, das bedeutet: schwach, wankelmütig, betrügerisch, geschwätzig, verdorben, dass ebenso die alten wie die heutigen Interpreten der Human- und Rechtswissenschaft es überall laut ausrufen. Deswegen ist nach dem Canonischen Recht bei Verbrechen eine Frau normalerweise in Bezug auf die Wahrheit unglaubwürdig. [...] Bis zu der Zeit minderjährig, allerdings 17 Jahre alt, bei diesem Alter für alle feststeht, dass die Meinungsbildung schwach und unstet, vielen Trugschlüssen unterworfen und der Heimtücke von vielen Menschen ausgesetzt ist. Und deshalb darf nach dem ausdrücklichen Willen des Rechts einer, der weniger als 20 Jahre alt ist, bei einer Untersuchung in Kriminal- und Strafsachen nicht in den Zeugenstand gerufen werden, und demnach ist er als Zeuge auch nicht geeignet." [70]

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Reinking verweist auf einen bisher nicht bekannten Tatbestand, der aus den von ihm eingesehenen Protokollen hervorgeht. Am 23. Januar 1617 wurde Margarethe, nachdem ihr Vater und ihre Stiefmutter sie zuvor denunziert hatten, vernommen. Die Familie Frese erwähnte sie aber zu diesem Zeitpunkt nicht, auch nicht während der Befragungen am 24. und 27. Januar. Aus dem Protokoll vom 31. Januar geht hervor, dass der Vater die Witwe Frese und ihre Tochter beim Domkapitel denunzierte, unter dem Hinweis, er hätte es von seiner Tochter erfahren, die in seinem Haus angekettet war. Als der Richter Margarethe "sozusagen durch Suggestion, von oben herab" befragte, bekräftigte sie die Aussage ihres Vaters und gab an, die beiden Frauen gehörten mit zur Teufelskompanie. Am 13. Februar behauptete sie dann, diese beiden hätten auch den goldenen Löffel gestohlen. [71] Es gab gute Gründe, warum der "Steinhawer" Hans Sievers nicht gut auf Anna Frese zu sprechen war. Sie soll seine Bemühungen bei der Errichtung eines Grabmals für seine zuvor gestorbene Ehefrau nicht unterstützt haben. Und sie soll außerdem den Auftrag zum Anfertigen einer Gedenktafel für ihren verstorbenen Mann Dietrich nicht an Sievers, sondern an einen anderen Steinmetz vergeben haben. [72] Der Hexenprozess von 1647-1649 und das Reskript der Königin Christina

        Während des 30-jährigen Krieges haben im Stift Verden keine größeren Hexenverfolgungen stattgefunden. Nach der Besetzung des Stifts durch schwedische Truppen im Februar 1645 kehrten ruhigere Verhältnisse ein, die aber ab 1647 durch einen Hexenprozess gestört wurden, der alle vorangegangenen Sammelprozesse in den Schatten stellte. Triebfeder war der Magister Heinrich Rimphof, der seit 1638 erster Prediger am Dom und seit 1642 zugleich Superintendent war. Er wurde 1599 in Wiedensahl bei Loccum als Sohn des gräflich-hoyaischen Hofpredigers und späteren Pastors zu Wiedensahl, Johann Rimphof, geboren, [73] hatte 1622 die Pfarrstelle seines verstorbenen Vaters übernommen und blieb dort bis 1638 tätig. [74] In den Hexenprozessen von Wiedensahl war bereits sein Vater als Seelsorger beschuldigter Frauen tätig gewesen. Er selber war in seinen Amtsjahren an den Hexenprozessen in Wiedensahl und Loccum von 1628/29, 1631, 1634 und 1638 beteiligt, bevor er dann nach Verden ging. [75] Und von 1651 bis zu seinem Tode im Jahre 1655 war er sogar königlich schwedischer Konsistorialrat für die Herzogtümer Bremen und Verden. [76] In seiner 1636 in Rinteln gedruckten Sammlung von Predigten [77] klagte er, dass es solches unreinen und mit dem Teufel buhlenden und gotteslästerlichen Geschmeißes, solcher Hexen und Hexenmeister, nur zu viele gäbe, und dass selbst kleine Kinder von fünf Jahren schon dieser schwarzen Kunst huldigten. "Denn ihr, meine Geliebten, ihr wisset selbst, wie solch Unkraut bei uns hat mächtig überhand genommen und so sehr, dass man fast nicht weiß, wo man vor dem Geschmeiß sicher. [...] Ihr Geschlecht ist so hochgewachsen, dass man´s nicht kann noch will ausrotten." [78]

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Als dann Rimphof nach Verden ging, vermutete er natürlich auch dort überall Hexen. Doch erst nach acht Jahren, im Oktober 1646, konnte er einen Hexenprozess in Gang bringen. Die neunjährige Anna Garbers erzählte ihm, ihr sei mit sieben Jahren durch ihre Großmutter Wobbeke Warneke die Zauberkunst gelehrt worden. Rimphof brachte aus dem Mädchen eine umfangreiche Hexengeschichte heraus, die er in seinem dicken duodez-Bändchen, dem "Drachenkönig", ausführlich nacherzählte. [79] Er zeigte die Großmutter beim Domkapitel der Hexerei an und veranlasste im Januar 1647 zunächst ihren Beichtvater, und dann den Rat der Stadt Verden, sie zu verhören. [80] Die Großmutter kam vor das peinliche Halsgericht des Domkapitels und verstarb während der zweiten Folterung am 27. März 1647. Sie hatte aber bereits acht Frauen aus dem Süderende genannt und das reichte aus, um im Jurisdiktionsbezirk des Domkapitels wie auch später in dem des Magistrats der Norderstadt Hexenprozesse auszulösen. Die Frauen wurden gefoltert und besagten nun fünf Personen aus Honoratiorenfamilien der Stadt, die alle eng miteinander verwandt waren: die Witwe Engel Wehland des ehemaligen Bürgermeisters [81] mit ihrer Tochter Catharine Wolpmann, Ehefrau des amtierenden Bürgermeisters, [82] den verwitweten Ratsherr Franz Panning, [83] Bruder der Witwe Wehland, seine verheiratete Tochter Hilke (Hille) und Dibbeke, die Frau des Ratsherrn Johann Wulff. [84] Engel Wehland und ihre Nichte Hilke Badenhop standen unter der Jurisdiktion des Domkapitels, die anderen unter der des Magistrats der Norderstadt. [85]

        <89>
Von den acht verhafteten Frauen aus der Süderstadt konnte Margarethe Vöge zunächst fliehen. Aber sie wurde in Bremen ausfindig gemacht ("vndt soll anitzo in dero vorstadt für dem Osterthor bey einem Meürman gar nahe bey dem Roten hirsch sich aufhalten"), und das Domkapitel beantragte beim Rat der Stadt ihre Auslieferung unter dem Hinweis "weilen nun billig das eine Obrigkeit der anderen die handt bietet." [86] Sie wurde tatsächlich im Mai 1647 nach Verden überstellt und dort gefoltert. Ihr weiteres Schicksal, wie auch das der Elisabeth Bietenteufels, ist nicht bekannt. Da aber beide Geständnisse ablegten, wurden sie vermutlich hingerichtet. Drei weitere Frauen starben unter der Folter, und drei wurden verbrannt. Diese letzten Frauen fanden noch die Kraft, auf dem Weg zum Richtplatz Flüche auszustoßen und die an sie gerichteten Trostreden zu verschmähen. Eine von ihnen, Anne Simpar, rief in die Menge, dass ihre durch Tortur erpressten Aussagen unwahr wären. Der Magistrat der Norderstadt hatte im Juli 1647 Gesche Nordende verhaftet und die juristische Fakultät von Rinteln hatte sie für schuldig befunden und das Todesurteil empfohlen. 20 Tage später wurde, bei ihrem öffentlichen Halsgericht, ihre Urgicht verlesen. Auch die Beschuldigung gegen Catharina Wolpmann war darin, aber ohne Namensnennung. Gesche Nordende rief daraufhin, es möge den Reichen das gleiche widerfahren, was ihr geschähe. [87]

        Der Magistrat der Norderstadt war vom Domkapitel über die Anschuldigungen gegen die Patrizierfamilien informiert worden. Die Bürgerschaft verlangte, dass der Magistrat ohne Ansehen der Person richten und seine Reichen ebenso streng bestrafen solle wie das Domkapitel seine Armen. [88] So wurden am 6. Juli 1647 Franz Panning und seine Nichte Catharina Wolpmann [89] verhaftet. Dibbeke Wulff konnte noch rechtzeitig fliehen. [90] Die beiden Inhaftierten wurden streng behandelt. Familienangehörige durften nur im Beisein von Magistratspersonen mit ihnen sprechen, und Verteidiger wurden nicht zugelassen. Wie vor 30 Jahren die Freses, so setzten die betroffenen Familien Wolpmann und Panning alle Hebel in Bewegung, um ihre Verwandten zu retten. Zunächst beantragten sie ihre Freilassung gegen Kaution und ließen sich mehrere Gutachten von Dr. jur. Simon Gograven ausstellen, dem erzbischöflich bremischen und bischöflich verdischen Vizekanzler, in denen eine Haftentlassung gegen Kaution befürwortet wurde. [91] Die Vertreter der provisorischen schwedischen Regierung für Bremen-Verden, die Regierungs- und Kanzleiräte Alhardus Meyer und Hinrich Salmuth, hatten bereits am 29. Juli von Verden aus General von Königsmarck über die Hexenprozesse unterrichtet. Auch das Domkapitel und der Magistrat hatten sich an den General gewandt. Daraufhin wurde der schwedische Legat Johann Adler Salvius, der zu den Friedensverhandlungen in Osnabrück abgeordnet worden war, mit dem Fall betraut. Er gab den Auftrag an seinen Assistenzrat Alexander Eschen weiter. An ihn schrieb also das Domkapitel. Und in seinem Antwortschreiben vom 26. August riet er dem Gericht, in dem Prozess größte Vorsicht walten zu lassen. [92] Da sich der Magistrat durch die Gutachten von Dr. Gograven nicht beeindrucken ließ, beschwerte sich Ende August der Sohn von Panning bei "Ihrer Maj. zu Schweden des Stifts Verden verordneter Regierung." Doch konnte dies den Beginn der Untersuchung nicht aufhalten, zumal Gutachten mehrerer juristischer Fakultäten die Beweise für hinreichend zur Eröffnung eines Prozesses hielten. [93] Mitte September erhielten das Domkapitel und der Magistrat aber ein Schreiben von Eschen, das ihnen empfahl, die beiden Häftlinge gegen eine Kaution aus der Haft zu entlassen und ihnen eine Verteidigung zu ermöglichen. [94]

        <90>
Zu dieser Zeit erschien in Bremen ein Buch, das besonders in Verden großes Aufsehen erregte. Verfasser war Johann Seifert, ein schwedischer Feldprediger, der während seines Aufenthalts in Bremen von den beiden Hexenprozessen in der Süder- und Norderstadt erfahren hatte. Er beschloss, energisch dagegen vorzugehen. Er übersetzte als erster die 1631 in Rinteln anonym gedruckte "Cautio Criminalis" - etwa bis zur Hälfte des Originals - ins Deutsche [95] und ließ sein Werk am 7. September 1647 in Bremen drucken. [96] Die "Cautio Criminalis", von Friedrich von Spee in Latein geschrieben, kritisierte die Hexenprozesse in Deutschland. Seiferts Bearbeitung ging soweit, dass er die wichtigsten Stellen seines Buches, besonders die, die auf die Verdener Hexenrichter zutrafen, mit "NB" [97] kennzeichnete und dazu seine Kommentare abgab. Seifert lieferte also nicht eigentlich eine Übersetzung, sondern eine auf den Zweck der Wirksamkeit hin gearbeitete Inhaltsangabe. Die von ihm gewählten Ausdrücke sind oft derber als im Urtext. [98]

        <91>
Der streitbare Lutheraner Johann Seifert (Seyffart) war in Ulm geboren, hatte die Lateinschule besucht und von seinem Rektor das Zeugnis eines sehr guten Kopfes erhalten. Er war musisch begabt, und entsprechend erzürnt, als er die Stelle eines Kantors am Gymnasium nicht erhielt. Er ging zum Militär, danach auf Universitäten, u. a. auch in Amsterdam. Zurück in Ulm, geriet er mit den Stadtgeistlichen so in Streit, dass er der Stadt verwiesen wurde. Ähnliches wiederholte sich kurze Zeit später in Tübingen, worauf er auch diese Stadt verlassen musste. Im Jahr 1647 war er schließlich schwedischer Feldprediger in Bremen. Später, um 1649 hielt er sich in Straßburg auf, wo er sich in die Streitigkeiten zwischen Salmasius [99] und Milton mischte. "Nun schwärmte er in Deutschland, Frankreich und anderen Orten herum, war zu Paris Prediger der Lutherischen Officiere [100] und 1694 lebte er zu Bremen. Wo er starb, und was er ferner für Schicksale hatte, ist unbekannt. Nach dem Zeugnis mehrerer damals lebender Gelehrten war er ein sehr unruhiger Kopf, und durch sein unvorsichtiges Urtheilen über Personen, so wie durch sein bitteres Schmähen ward er an vielen Orten vertrieben." [101]

        Dieser Seifert empfahl sein Werk nachdrücklich der Obrigkeit zur Lektüre, insbesondere "Der Königl. Mayst. zu Schweden / etc. Hoch-wolbestalten Generalen vnd Gouverneurn dero Ertz- vnd Stifter Bremen vnd Vöhrden: wie auch Obristen zu Roß vnd Fuß / etc." und dem Feldmarschall Graf "Hans Christoff von Königsmarck / meinem gnädigen Herrn." [102] Er wusste, dass er sich mit diesem Buch falschen Verdächtigungen aussetzten würde, aber sein Gewissen und seine Pflicht ließen ihm keine Ruhe: "Eß mag mir feind sein wer will / so muß ichs leiden / vnd Gott für ihn bitten: Vnterdessen muß ich doch meins Ampts vnnd Gewissens nicht vergessen." [103]

        Einen erbitterten Kritiker fand die Übersetzung von Seifert in Heinrich Rimphof. Bereits am 21. Oktober 1647, sechs Wochen nach Seiferts "Gewissensbuch", brachte Rimhof seine 566 Seiten lange Gegendarstellung in Rinteln heraus, den "Drachenkönig". Er widmete sein Buch ebenfalls einem einflussreichen Vertreter Schwedens, dem Grafen Johann Ochsenstirn, dem bevollmächtigten Legaten bei den Friedensverhandlungen in Osnabrück. Er hoffte, dass dieser sich ebenso für die gerichtliche Verfolgung der Hexen einsetzen würde wie sein Vater Axel Ochsenstirn, der am 23. Dezember 1630 in einem öffentlichen Mandat an den königlichen Statthalter des Stifts Osnabrück gefordert hatte, dass dort die Hexen ebenso bestraft werden sollten, wie es im ganzen Deutschen Reich Rechtens sei. [104] Rimphof fühlte sich durch die Widmung von Seifert und der Titulierung eines Mannes: "NB. Ein gutes, einfältiges Dorff-Pfäfflein saß bey der tortur..." [105], persönlich beleidigt: "vnd meinet damit das Ministerium allhie." [106] Der erste Teil des Buches ist voll von Hexenkünsten, Teufelserscheinungen und Fallschilderungen aus Loccum, Wiedensahl, Minden und Verden. [107] Im zweiten Teil ruft er in aufgeblasenem Stil Gottes Zorn über Seifert herab, wutschnaubend und beschwörend. Im letzten Kapitel bringt Rimphof einen kritischen Vergleich der "Cautio" mit der Bearbeitung von Seifert. Er wollte nachweisen, dass Seiferts Zusätze und Änderungen absichtlich die Richter und Prediger in Verden in Verruf bringen sollten. [108] Besonders empörte er sich über die vielen "NB.", die "auff den jetzigen Verdischen Proces appliciret [...] gleichsahm mit Fingern zeiget." [109] Seifert war sogar persönlich in Verden anlässlich der jährlichen "Domweihe": "Hät er einen scrupulum gehabt / so war er ja zu Verden etliche Tage / vnd lieff / wie ein toller Hund / in vieler Hexen Patrioten Häuser / ist auch hie in öffentlicher Predigt gewesen / ist mir auch auff der Gassen begegnet / warumb hat er nit dem Zauber-Kinde einen Nahmen gegeben / vnd das Ministerium allhie zu reden gestellet? [...] vnd hat sich nach der Schleicher vnd Rosenkreutzer Art / in aller eyl auß dem Staub gemacht." [110] Das Buch ist ein überzeugendes Beispiel dafür, wie stark der Hexenwahn noch zur Zeit des Westfälischen Friedens in protestantischen Gebieten verankert war. Es ist allerdings auch das einzige Werk, das ausführlich die "Cautio" angriff, wenngleich ohne Erfolg. [111]

        <92>
Womöglich haben sich die schwedischen Behörden von Seiferts Buch beeinflussen lassen. Am 21. September 1647 befahlen jedenfalls die schwedischen Räte Meyer und Salmuth in Verden dem Domkapitel und dem Magistrat der Norderstadt, Franz Panning und Catharina Wolpmann sofort gegen Kaution freizulassen – unter Androhung einer Geldstrafe von 1.000 Goldgulden. Was folgte, war ein reger Briefwechsel von Domkapitel und Magistrat mit dem General von Königsmarck und dem Assistenzrat Eschen. Als die Verdener weiterhin zögerten, gab Eschen das Verfahren an die provisorische Regierung in Stade ab, die nun trotz heftiger Proteste eine Untersuchungskommission einsetzte. Die schwedische Verwaltung begann einen massiven Angriff auf die städtische Gerichtshoheit, indem sie die Herausgabe aller Hexenprozessakten verlangte. Doch erst nach der Androhung einer erneuten Geldstrafe von 1.000 Gulden händigte der Magistrat die Untersuchungsakten aus, die der juristischen Fakultät der Universität Rinteln vorgelegt wurden. Diese stellte in einem Gutachten vom 5. August 1648 fest, dass der Prozess aus Mangel an Indizien gegenstandslos, und die Kommission daher berechtigt sei, die Angelegenheit zu untersuchen. [112] Aber der Magistrat gab nicht so schnell auf. Ein juristisches Gutachten der Universität Helmstedt bestätigte die Gesetzlichkeit des Verfahrens. Nun fühlte sich der Magistrat im Recht und bat in einem Memorial vom 30. November 1648 direkt an Königin Christina von Schweden darum, die Kommission aufzulösen. Die Königin ließ sich von der Kommission Bericht erstatten und befahl in ihrem bekannten Reskript an den Rat der Norderstadt vom 16. Februar 1649. "Weil gleichwohl diese [...] processen allerhandt gefährlichkeiten vndt schädlich Consequentien mit sich führen, vndt aus denen an andere ohrten fürgelauffenen Exempeln mehr alß genugsahm kundtbahr vndt an tage ißt, das man sich [...] in einen inextricablen Labyrinth gesezet, also vndt damit dergleichen Unheil an Euren ohrt verhütet werden, vndt nicht weiter umb sich greiffen möge, daß Ihr [...] alle fernere Inquisition vndt process in diesen Hexen Unwesen einstellet." [113] Der Magistrat sollte die Gefangenen entlassen, aber ihnen wurde verboten, wegen der erlittenen Haft Klage gegen die Stadt zu führen. Mit dieser Verordnung gingen Verden und die schwedische Königin in die Geschichtsschreibung ein, stellte diese Verfügung doch das zweitfrüheste Verbot von Hexenverfolgungen in Deutschland durch eine Landesregierung dar. [114]

        <93>
Im Mai 1649 brachten Harm Wolpmann, Franz Panning und ein Sohn der Witwe Wehland bei der schwedischen Regierung ein Gesuch ein, vom Rat zu Verden wieder in alle Ämter eingesetzt zu werden, weil im Hexenprozess "nulliter verfahren" sei. Sie schrieben, dass das Hexenunwesen sich in den letzten zwei Jahren in Verden sehr vermehrt hätte, wo sich die Richter nach 1647 nicht als "judices", sondern als "inimici" und "executores" gebärdeten, "daß man bei solchen unrichtigen procedurn verplieben were, die halbe Statt wol unschuldig hingerichtet sein mugte." [115] Der Magistrat wollte das Verbot durch Christina nicht akzeptieren. Als er noch einmal im Mai 1649 in Stockholm um eine andere Entscheidung bat, wurde in einer Resolution vom 18. September 1649 zwar die Fortsetzung des Prozesses erlaubt, aber nur unter der Bedingung, dass die Regierung während des Verfahrens einen Beisitzer im Magistrat ernennen könne. Der Rat befürchtete nun schwerwiegende Eingriffe in das Jurisdiktionsrecht der Stadt und hielt es dann doch für besser, den Prozess einschlafen zu lassen. Nach 20 Monaten Haft wurden Franz Panning und Catharina Wolpmann gegen eine Kaution zu je 500 Talern entlassen. Die Kosten für diesen Prozess, die sich exakt auf 940 Taler, neun Grote und 2½ Pfennig beliefen, waren damit abgedeckt. [116]

        Als der Magistrat herausfand, dass sich Dibbeke Wulff in Bremen aufhielt, stellte er einen Auslieferungsantrag an die Stadt. Doch diesmal, ein Jahr nach der Auslieferung von Margarethe Vöge, lehnte der Rat der Stadt Bremen ab. Nachdem im Februar 1649 das Verbot durch Königin Christina ausgesprochen worden war, wollte auch Johann Wulff seine Frau endlich nach Verden zurückholen. Bei der Regierung in Stade erreichte er, dass sie dem Magistrat im April unter Androhung einer Geldstrafe von 100 Gulden befahl, Dibbeke Wulff nach ihrer Rückkehr nicht zu belangen. Dadurch beruhigt, kehrte sie zu ihrer Familie zurück. Doch der Magistrat hatte ein Gutachten bei der Universität Helmstedt bestellt, ob sie verhaftet und gefoltert werden könne. Die Antwort vom 7. Januar 1650 fiel zwar für eine Verhaftung aus, doch für den Vollzug der Tortur wurde nicht votiert. Daraufhin ließ der Magistrat Dibbeke Wulff eine Woche später verhaften und verhören. Ihr Ehemann protestierte, und auf Grund des Druckes der Regierung in Stade blieb Dibekke Wulff ab 1651 unbehelligt. [117]

        <94>
Das Reskript der Königin Christina wird mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Übersetzung und Popularisierung der "Cautio Criminalis" zurückzuführen sein. Die Passage, dass man sich in ein unentwirrbares "Labyrinth" begebe, stammt augenscheinlich aus Seiferts "Gewissensbuch", worin z. T. sogar dieselben Ausdrücke verwandt wurden: "wo man nicht in tausendfältigen labyrinth sich verstürtzen soll." [118] Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass die betroffenen "vornehmen" Familien konkrete Maßnahmen zur Rettung ihrer Verwandten einleiteten. Da waren nicht nur die vorhandenen finanziellen Mittel, sondern auch die Beziehungen zur schwedischen Verwaltung in Stade und zu Hans Christopher von Königsmarck von Bedeutung. [119] Auch Verbindungen zur Rintelner Juristenfakultät scheint es gegeben zu haben. Die Frage, inwieweit dieser Hexenprozess eine Verfolgungsdynamik bezüglich innerstädtischer Auseinandersetzungen entwickelte, z. B. dem Machtkampf zwischen Krämern und Handwerkern im Magistrat diente, muss noch beantwortet werden.

Die letzten Hexenverfolgungen in den Herzogtümern Bremen/Verden

        Der Wert des Reskripts von Königin Christina, das sich auf den speziellen Prozess von 1649 in Verden bezog, im Tenor aber die Hexenprozesse allgemein ablehnte, ist unbestritten. Trotzdem kann man aus dem Wortlaut kein allgemeines Verbot der Hexenprozesse in den deutschen Besitzungen der schwedischen Krone herauslesen. Die schwedischen Behörden waren ja sogar bereit, den Prozess fortzusetzen, allerdings unter der Bedingung, einen Beisitzer zu stellen. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass schon erheblich früher Bischof Sigismund bei drei Hexenprozessen in Verden (1586, 1609, 1618) massiv eingegriffen hatte. Über die Hexenprozesse, die nach der Verordnung Christinas noch in den schwedischen Herzogtümern stattfanden, ist bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet worden. [120] Deshalb soll hier nur kurz eine Zusammenfassung vorgestellt werden. Von 1655-1659 führte der Pastor von St. Andreas, Warner Oporinus, in Verden einen Hexenprozess gegen Catharina und ihren Mann Hermann Wolpmann. Catharina war erst sechs Jahre zuvor der Hexerei beschuldigt und gegen Kaution freigelassen worden. Ihr Mann war Bürgermeister seit 1643, gab aber 1659, mit der Beendigung des Prozesses, sein Amt ab. Akten zu diesem Prozess sind nicht mehr vorhanden. Im Jahre 1653 wurde eine alte Frau im Kehdinger Land der Hexerei beschuldigt und ein Jahr lang inhaftiert. Verwandte stellten mit dem Hinweis auf das Verbot von 1649 den Antrag, die Sache an die Justizkanzlei in Stade zu verweisen. Der Ausgang des Prozesses ist ebenfalls nicht bekannt. In Westeresch bei Scheeßel wurden 1664 ein 17-jähriges Mädchen und ihre Mutter der Hexerei verdächtigt. Die Mutter erhängte sich und die Tochter gestand unter der Folter. Die Witwe von Hans Christoph von Königsmarck verhinderte die Hinrichtung nicht, sondern "begnadigte" das Mädchen zum Schwerte, d. h. sie wurde zuerst geköpft und dann verbrannt. 1665 wurden in Rotenburg drei Frauen der Hexerei beschuldigt. Alle drei bestanden die Wasserprobe nicht. Zwei Monate später wurde eine von ihnen lebendig verbrannt. Das Schicksal der beiden anderen Frauen ist unbekannt. Ein Mann aus Schwalingen bei Tewel behauptete 1668, Margarethe von Fintel sei eine Hexe. Diese wehrte sich aber mit einer Beleidigungsklage. Da der Denunziant keine Beweise liefern konnte, endete der Prozess nach fast drei Jahren mit seiner Verurteilung. Das Rotenburger Gericht bestrafte ihn mit ewiger Verweisung. Im gleichen Jahr wurden in Otterndorf, in der Nähe von Cuxhaven, eine Frau und ihr Sohn zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie eine Frau fälschlich der Hexerei bezichtigt hatten. Im Jahre 1673 beschuldigte sich ein junges Mädchen selbst und andere Frauen der Hexerei. Das Gutachten der Universität Kiel erklärte die Aussagen des Mädchens für gelogen. Sie wurde mit Ruten gezüchtigt und verwiesen. Doch auch noch 1677 erließ das königliche Konsistorium an den Rat der Stadt Stade den Befehl, "die Pauckersche, weil sie der Hexerei beschuldigt" einfangen zu lassen. Als 1683 in Verden ein Töpfer eine alte Frau aus dem Armenhaus beschuldigte, seinen Sohn krank gezaubert zu haben und sie zu ihrer Entlastung die Wasserprobe forderte, bat der Magistrat die juristische Fakultät der Universität in Jena um ein Gutachten. Der "Schöppenstuhl Jena" kam zu dem Urteil, dass der Forderung der beschuldigten Frau nicht nachgegeben werden sollte, da die Wasserprobe zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als probate Hexenprobe angesehen wurde. Trotzdem trauten die Juristen ihr das Zaubern zu. Nachbarn und Verwandte sollten ihren Lebenswandel beobachten, und die Geistlichen sollten befragt werden, wie sie sich zum Christentum verhalten würde. Sollte sich ihre Unschuld herausstellen, sollte der Denunziant ihr eine christliche Ehrenerklärung abgeben. Es scheint keine weiteren Anschuldigungen gegeben zu haben, denn Ilse Einstmann lebte noch 14 Jahre.

        <95>
Doch 1735 schien sich die Aufgeklärtheit der Verantwortlichen wieder zu vernebeln. Damals verfügten die Königlich Großbritannischen zur Churfürstlichen Braunschweig-Lüneburgischen Regierung verordneten geheimen Räte in Hannover auf einen Bericht des Geheimrats von Münchhausen zu Stade, dass Margarethe Gooß, ein der Hexerei beschuldigte Mädchen, in ein Zuchthaus gebracht, zu strenger Arbeit angehalten und im Christentum unterrichtet werden sollte. Die Stadt Otterndorf übernahm dafür die Kosten.

        Aus den erhalten gebliebenen Akten und Veröffentlichungen geht hervor, dass zwischen 1517 und 1683 im Stift Verden insgesamt 112 Frauen, acht Männer und sieben Personen ohne Geschlechtsangabe ("N.N.") angeklagt wurden, hauptsächlich in den beiden Stadtteilen Verdens. 63 Frauen, vier Männer und vier unbekannte Personen wurden hingerichtet oder starben bereits unter der Folter. Die Schicksale der übrigen Opfer konnte nicht aufgeklärt werden. Inwieweit die Hexenverfolgung auf dem Land eine Rolle spielte, kann für den Raum Verden nicht endgültig beantwortet werden. Die Protokolle des Gogerichts Achim von 1600-1630, also aus der "Hochzeit" der Stadtverdener Prozesse, enthalten keine Verhandlungen über Hexereivorwürfe. [121] Der Vergleich mit Bremen zeigt, dass dort, nach den erhalten gebliebenen Akten, erheblich weniger Personen verfolgt wurden. Zwischen 1503 und 1751 wurden insgesamt 65 Personen wegen Hexerei angeklagt (40 Frauen und 22 Männer). Davon wurden 32 Angeklagte wieder freigelassen, vier waren im Gefängnis verstorben, 20 wurden hingerichtet und neun andere erhielten andere Strafen. [122]

Anmerkungen

  • [1]

    Vgl. Matthias Nistal: Verdens evangelische Bischöfe als Landesfürsten bis 1648, in: Bernd Kappelhoff / Thomas Vogtherr (Hg.): Immunität und Landesherrschaft. Beiträge zur Geschichte des Bistums Verden, Stade 2002, S. 175-194, hier S. 187.

  • [2]

    Das Verdener Stadtrecht (Civitatis Verdensis Statuta) von 1582 (diese Fassung galt bis 1852!) führt unter dem Statutum 151 auf: "Touerer end Vorreder schall me brenenn. So welck Christenmann offte wiff, de vnlouich is, offte mit touerie oder mit vorgifftnus ummegeit, vnd mitt der verschenn daet begrepenn wertt, denn schall me bernenn. Also schall me ock doenn einen Vörreder." Vgl. Stadtarchiv Verden: A XIII 1,2.

  • [3]

    Vgl. Karl Nerger: Verfassung und Verwaltung der Stadt Verden (Aller) von den Anfängen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts (1866), Verden 1981, S. 69, 75.

  • [4]

    Einige Akten gingen noch im Zweiten Weltkrieg im Hauptstaatsarchiv Hannover verloren, z. B. ein Konvolut von 30 cm Stärke (vom Verdener Magistrat geführte Hexenprozesse von 1605-1649).

  • [5]

    Vgl. Gerhard Schormann: Hexenprozesse in Nordwestdeutschland, Hildesheim 1977, S. 72 f.

  • [6]

    Vgl. Christoph G. Pfannkuche: Die aeltere Geschichte des vormaligen Bisthumes Verden, Verden 1830, S. 305.

  • [7]

    Wolters: Aus der Chronik eines Verdener Domküsters (1508-1539), in: Stader Archiv (Neue Folge) 32, 1942, S. 35-45, hier S. 38.

  • [8]

    Ebd., S. 42 f.

  • [9]

    Cyriaco Spangenberg: Chronicon, oder Lebens-Beschreibung und Thaten aller Bischöffe des Stiffts Verden, Hamburg o. J. (1720), S. 170. Dies ist der einzige überlieferte Fall, der auf Abtreibung hinweist.

  • [10]

    Wolters: Chronik, (wie Anm. ), S. 44 f.

  • [11]

    Vgl. Pfannkuche: Geschichte, (wie Anm. ), S. 305.

  • [12]

    Vgl. Nds. Staatsarchiv Stade: Rep. 27 V, Nr. 880, Bd. I, Bl. 329-332v.

  • [13]

    Das Jahr 1570 wird als Durchbruch der Reformation im Stift Verden angesehen. Vgl. Nistal: Bischöfe, (wie Anm. ), S. 182.

  • [14]

    Vgl. Otto Voigt: Das Hexenunwesen in Verden, in: Robert Kienzle (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 1982, Verden 1981, S. 187-196, hier S. 187.

  • [15]

    Vgl. Nds. Staatsarchiv Stade: Rep. 27 V, Nr. 880, Bd. I, Bl. 246v.-248r. Die erste Seite der Urfehde ist abgedruckt bei Joachim Woock: "Ick, Beke Pipers von winbergen, Bekhenne...". Hexenverfolgung im Bistum Verden, in: Praxis Geschichte 4, 1991, S. 38-43, hier S. 40.

  • [16]

    Eilard von der Hude (1541-1606) bekleidete von 1574-1587 das Amt des Syndicus des Domkapitels und war von 1598-1610 Dechant des Andreasstiftes. Er verfasste eine Verdener Bischofschronik bis 1566. Vgl. Enno Heyken: Chroniken der Bischöfe von Verden aus dem 16. Jahrhundert, Hildesheim 1983, S. 2, 4. Verheiratet war er mit Armgard, geb. Meier († 1601). Vgl. Wolfgang Billig: Zur Genealogie derer von der Hude im ehemaligen Bistum und Fürstentum Verden, in: Norddeutsche Familienkunde in Verbindung mit der Zeitschrift für Niederdeutsche Familienkunde 4, 1989, S. 617-638, hier S. 629, 633.

  • [17]

    Vgl. Nds. Staatsarchiv Stade: Rep. 27 V 880, Bd. 1; Rep. 8 Fach 21, Nr. 9. Vgl. auch Voigt: Hexenunwesen, (wie Anm. ), S. 188 und Gerhard Schormann: Städtische Gesellschaft und Hexenprozess, in: Cord Meckseper (Hg.): Stadt im Wandel. Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutschland 1150-1650, Stuttgart / Bad Cannstatt 1985, S. 175-186, hier S. 182.

  • [18]

    Vgl. Billig: Genealogie, (wie Anm. ), S. 626.

  • [19]

    Vgl. Dietrich Mahnke: Das Hexenunwesen in Verden und sein Ende, Stader Archiv, Neue Folge 13, 1923, S. 3; Erich Weise: Das "Edikt in Zauberei-Sachen" von 1603 und seine Anwendung durch den Richter Lüder Bicker zu Altluneberg, in: Stader Jahrbuch ("Stader Archiv"), Neue Folge 40, 1950, S. 35-64; Voigt: Hexenunwesen, (wie Anm. ), S. 188.

  • [20]

    Vgl. Johann Phil. Cassel: Erzbischof Johan Friederichs Edict vom Proceß in Zauberei Sachen im Erzstift Bremen. A. 1603, in: Bremensia, Bd. II, Bremen 1767, S. 705-719. Es handelt sich dabei um einen unvollständigen Vorentwurf. Der endgültige Entwurf ist abgedruckt bei Weise: Edikt, (wie Anm. ), S. 35-64.

  • [21]

    Vgl. Johann Weier: De praestigiis daemonum [über die Blendwerke der bösen Geister], Basel 1563 und Johann Ewich: De sagarum (quas vulgo veneficas appellant) natura, arte, viribus et faetis...Censura aequa et moderata [Unparteiische und besonnene Prüfung der Natur, Kunst, Kräfte und Taten der Hexen (gewöhnlich Zauberinnen genannt)], Bremen 1584.

  • [22]

    Eilard von der Hude trat im Reichskammergerichtsprozess am 05.07.1605 als Zeuge auf. Vgl. Billig: Genealogie, (wie Anm. ), S. 626.

  • [23]

    Vgl. Heyken: Chroniken, (wie Anm. ), S. 55 und Nds. Staatsarchiv Stade: Rep. 27 V 880 (Reichskammergerichts-Verfahren der Stadt gegen den Bischof von 1605. Dazu Vergleiche beider Parteien von 1608-1612).

  • [24]

    Vgl. Voigt: Hexenunwesen, S. 188 und Schormann: Gesellschaft, (wie Anm. ), S. 180.

  • [25]

    Vgl. Pfannkuche: Geschichte, (wie Anm. ), S. 306.

  • [26]

    "gasthauße" = wo arme, alte, unvermögende Leute verpflegt werden. Vgl. Eberhard Tiling: Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuches (Neudruck der Ausgabe von 1767-1869), Osnabrück 1975, S. 490.

  • [27]

    Die Verdener Hexen waren der weiten Reise nach dem Blocksberg enthoben. In den Folterprotokollen werden als Hexentanzplatz auch die "Blumenwiese" an der Aller genannt. Bei Verden lag "dat Duuelstad (die Teufelsstätte), dat gelegen Iß twuschen der Robeken Mohlen und der Mohlen tho Parnhaßle". Vgl. Stadtarchiv Verden, G XXI 3,1 (Fach 71): Kaufbrief von 1409. Parenhassel kommt um 1500 im Ortsverzeichnis der Vogtei Verden noch vor. "Düvelstadt" war eine Wildnis bei Borstel, urkundlich als zwischen zwei Mühlen gelegen erwähnt, die am Unterlauf des Gobachs getrieben wurden. Heute kennt man das Gelände als "Hexenmoor" im Dreieck von Borstel-Eitze-Weitzmühlen. Vgl. Carl Meyer: Alt-Verden, Verden 1917, S. 37 f.

  • [28]

    Stadtarchiv Verden: A XV 3,2.

  • [29]

    Schormann: Hexenprozesse, (wie Anm. ), S. 73.

  • [30]

    Vgl. Pfannkuche: Geschichte, (wie Anm. ), S. 309.

  • [31]

    Vgl. Apologia vnd kurze / jedoch gründliche vnd nothwendige Widerlegung vnd Verantwortung / sampt ahngehengeter protestation vnd oblation / auch vnterschiedlichen beygefügten documenten Eines Ehrwürdigen ThumbCapittuls des Hohen Stiffts Verden / Wieder Die außgesprengte / vnerfindtliche bezichtigung / Ob solte mit deme wieder die Justificirte Margareten Sievers vnd andere Hexen verübten process nichtig: vnd vnverantwortlich procediret vnd verfahren sein. Gedruckt im Jahr / M.DC.XVIII. Die Apologie umfasst 39 Seiten und ist in dem Sammelband T 570. 40 Helmst (33) abgedruckt (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel). Teildruck der Apologie bei Rotermund: Actenmäßige Darstellung eines merkwürdigen Hexenprocesses, in: E. Spangenberg (Hg.): Neues vaterländisches Archiv oder Beiträge zur allgemeinen Kenntnis des Königreichs Hannover, Bd. 5, H. I, Lüneburg 1824, S. 291-306.

  • [32]

    Mandat von Bischof Sigismund, abgedruckt bei Wilhelm Havemann: Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg, Göttingen 1857, S. 62, Anm. 1 und bei R. Eckart (Hg.): Aus dem alten Niedersachsen, Bremen 1907, S. 74-76.

  • [33]

    Vgl. Mahnke: Hexenunwesen, (wie Anm. ), S. 4.

  • [34]

    Vgl. Pfannkuche: Geschichte, (wie Anm. ), S. 309.

  • [35]

    Apologia, (wie Anm. ), S. 25.

  • [36]

    Ebd., S. 12.

  • [37]

    Vgl. ebd., S. 27.

  • [38]

    Ebd., S. 28.

  • [39]

    Nds. Hauptstaatsarchiv Hannover: Celle Br. 33 Nr. 107 (alt: Celle Br. 33 VIII Nr. 23).

  • [40]

    Vgl. Apologia, (wie Anm. ), S. 14, 21 f, 30.

  • [41]

    Ihre verstorbene Mutter war 1589 der Zauberei verdächtigt worden und ein Gutachten der Rostocker Juristenfakultät eingeholt worden. Vgl. Apologia, (wie Anm. ), S. 31.

  • [42]

    Vgl. ebd., S. 37, Nds. Staatsarchiv Stade: Rep. 8, Fach 21, Nr. 9 und Bundesarchiv, Außenstelle Frankfurt: FSg. 2/1-F, Microfilm-Kopien der Hexenkartothek (Himmler), Microfilmspule 2801-2885, Microfilm-Nr. 2815, Karte S. 52 zum Hexen-Blatt Verden: Ohemann, Adelheid.

  • [43]

    Die Leichen der Frauen wurden unter dem Galgen des Domkapitels vor dem Neuen Tor verscharrt.

  • [44]

    Havemann: Geschichte, (wie Anm. ), S. 62.

  • [45]

    Apologia, (wie Anm. ), S. 14 f.

  • [46]

    Theodor Reinking: responsum juris, in ardua et gravi quadam causa, concernente processum qvendam, contra sagam, nvlliter Institutum, et inde exortam diffamationem. ... [Rechtsbescheid in einem schwierigen und schweren Fall, betreffend einen gewissen Prozess gegen eine Hexe, der in keiner Weise angesetzt wurde, und die daraus entstandene Diffamierung. Wo gewisse Fragen über nächtliche Zusammenkünfte von Hexen, Tänze, über den Missbrauch der frommen Schätze ihnen, über Umwandlungen bei Personen in andere Lebewesen, über Bekenntnisse, Behauptungen und Denunzierungen genau geprüft werden und Untersuchungen des ganzen Kriminalprozesses vorgetragen werden, über angeknüpfte andere gewisse auf den gegenwärtigen speziellen Fall sich erstreckende Fragen, die sorgfältig behandelt sind. Gewidmet zu Gießen von JC im gewissen Jahr 1621], Marburg 1630. Reinking (1590-1646) war Professor an der juristischen Fakultät der Universität Gießen. Vgl. Gerhard Schormann: Aus der Frühzeit der Rintelner Juristenfakultät, Bückeburg 1977, S. 35.

  • [47]

    Vgl. Johann Diefenbach: Der Hexenwahn vor und nach der Glaubensspaltung in Deutschland, Mainz 1886, S. 163.

  • [48]

    Margarethe hatte die beiden Frauen im Februar 1617 besagt und deren Namen im März öffentlich genannt. Anna Frese verstarb dann drei Monate später! Vgl. Die Maus. Gesellschaft für Familienforschung e. V., Bremen. Familiengeschichtliche Sammlungen: Die Fresen auf dem Rittergut Sudweyhe mit Wassermühle, S. 3.

  • [49]

    Vgl. Reinking: Responsum, (wie Anm. ), S. 42.

  • [50]

    Vgl. Apologia, (wie Anm. ), S. 17.

  • [51]

    Vgl. Pfannkuche: Geschichte, (wie Anm. ), S. 311.

  • [52]

    Vgl. Reinking: Responsum, (wie Anm. ), S. 42.

  • [53]

    Vgl. Nds. Staatsarchiv Stade: Rep. 5b, Fach 131, Nr. 10a (alt: Celle Br. 105b, Fach 131, Nr. 10a).

  • [54]

    Vgl. Nds. Hauptstaatsarchiv Hannover: Celle Br. 33 Nr. 108 (alt: Celle Br. 33 VIII Nr. 24): Ein Mandat so die Gebrüder die Friesen in der Stadt Zelle und sonsten anderswo ansoslagen laßen betr: wegen des von dem Thumb Capittel zu Verden verübten Hexen-Processes. 1618.

  • [55]

    Apologia, (wie Anm. ), S. 39. Injurien = Beleidigung.

  • [56]

    Vgl. Havemann: Geschichte, (wie Anm. ), S. 62. Es handelte sich um die Söhne Othrabe (*1578, † 1677, Burgmann zu Nienburg), Johann (* ca. 1583 † vor 1629, bischöfl. verdenscher Kammerjunker), Otto Asche (*1587, †1641, Canonicus, ab 1638 Domdecan zu Bremen) und Philipp Adolf (* ca. 1590). Vgl. Die Maus: Frese, (wie Anm. ), S. 3 f.

  • [57]

    In den Akten wird sie Maria genannt. Sie wurde 1580 geboren, war seit 1602 verheiratet und starb 1646. Vgl. Die Maus, (wie Anm. ), S. 3.

  • [58]

    Der Anwalt der Familie Frese soll später, 1649, bei dem letzten großen Sammelprozess in Verden, als Mitglied der Rintelner Juristenfakultät durch ein Rechtsgutachten entscheidend an der Einstellung des Verdener Prozesses durch Königin Christina mitgewirkt haben. Vgl. Pfannkuche: Geschichte, (wie Anm. ), S. 311. Der Name wird nicht genannt, doch kommt eigentlich nur Franz Gießenbier (1571-1649) in Betracht. Vgl. Schormann: Hexenprozesse, (wie Anm. ), S. 32, 72.

  • [59]

    Havemann: Geschichte, (wie Anm. ), S. 62.

  • [60]

    Vgl. Schormann: Gesellschaft, (wie Anm. ), S. 182.

  • [61]

    Vgl. Weise: Edikt, (wie Anm. ), S. 51.

  • [62]

    Zit. nach Marie Tielemann: Jugend und Erziehung des Herzogs Philipp Sigismund zu Braunschweig und Lüneburg, späteren Bischofs von Verden und Osnabrück, in: Braunschweigisches Jahrbuch 49, 1968, S. 105-120, hier S. 120. Die Briefe (1616-1623) von Sigismund an Frese befinden sich im Nds. Staatsarchiv Aurich, Dep. 41 B, Nr. 119 (alt: Dep. 41 III 84). Die 30 Briefe aus den Jahren 1617-1618 wurden noch nicht nach Hinweisen auf die Hexerei-Beschuldigungen durchgesehen.

  • [63]

    Vgl. Die Maus: Frese, (wie Anm. ), S. 4. Sigismund "begnadigte" Johann 1617 und 1621 mit Lehen in Ahausen, Dreye, Lahausen und Sudweyhe. Vgl. Gemeindearchiv Weyhe, Weihe I, 2c.

  • [64]

    Vgl. Stadtarchiv Verden, A XV 3,2 und Apologia, (wie Anm. ), S. 34.

  • [65]

    Vgl. Marie Tielemann: Philipp Sigismund (1568-1623) Herzog von Braunschweig-Lüneburg, postulierter Bischof von Verden und Osnabrück. Sein Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unduldsamkeit, in: Rotenburger Schriften 33, 1970, S. 23-40, hier S. 26; f. Vgl. auch Marie Tielemann: Philipp Sigismund, Fürstbischof von Osnabrück und Verden, in seiner kulturellen Wirksamkeit (1586-1623), in: Osnabrücker Mitteilungen 78, 1971, S. 81-94, hier S. 93.

  • [66]

    Zit. nach Tielemann: Herzog, (wie Anm. ), S. 27.

  • [67]

    Vgl. Tielemann: Jugend, (wie Anm. ), S. 119.

  • [68]

    Das auf Lateinisch abgefasste Gutachten, mit einigen deutschen und französischen Einschüben, wurde nie auf Deutsch gedruckt. Die deutsche Übersetzung wurde von Manfred Trimpop, Luttum, vorgenommen.

  • [69]

    Reinking: Responsum, (wie Anm. ), S. 186 f.

  • [70]

    Ebd., S. 35 f.

  • [71]

    Vgl. ebd. S. 42, 44 f.

  • [72]

    Vgl. ebd., S. 44, 46. Dietrich Frese verstarb im Jahre 1606. Vgl. Die Maus: Genealogie, (wie Anm. ), S. 3.

  • [73]

    Vgl. Johann Heinrich Pratje: Altes und Neues aus den Herzogthümern Bremen und Verden, Bd. 5, Stade 1772, S. 40.

  • [74]

    Vgl. A. Hahn: Geschichte des im Stiftsbezirke Lokkum gelegenen Fleckens Wiedensahl, Hannover 1898, S. 51 und Philipp Meyer: Die Pastoren der Landeskirchen Hannover, Göttingen 1941-1943, S. 504.

  • [75]

    Zwischen 1628 und 1638 wurden ca. 40 Frauen im Raum Loccum hingerichtet. Vgl. Horst Hirschler: Der einsame Kampf der Gese Köllars. Hexenprozesse im Stiftsbezirk Loccum, in: Helmut Strecker (Hg.): Wiedensahl früher und heute, Stolzenau 1975, S. 89-113, hier: 89-96.

  • [76]

    Vgl. Pratje: Altes, (wie Anm. ), S. 40. Er war verheiratet und hatte fünf Kinder.

  • [77]

    Wermuthcranz. Enthält eine Sammlung von Krieges-Pest-Theurungs-Reformations- und Contributions-Predigten, Rinteln 1636.

  • [78]

    Zit. nach Hahn: Geschichte, (wie Anm. ), S. 72.

  • [79]

    Heinricum Rimphof: Drachen-König / das ist: Warhafftige / Deutliche / Christliche / vnd hochnothwendige Beschreybunge / deß grawsamen / hochvermaledeyten Hexen- vnd ZauberTeuffels / welcher durch Gottes sonderbahre direction, Schickunge vnd Gnade / an diesem Ort bald fürm Jahr / durch ein neunjähriges Mägdelein / wieder aller Menschen Gedancken manifestirt / vnd gantz wunderbarlich ans Liecht gebracht. Zu Salvir: vnd Rettunge vieler Christlicher / vnschuldiger / frommer Hertzen dieses Orts / auch zur Warnunge aller Hexen Patronen, Adhaerenten, Vorfechteren vnd leichtfertigen Calumnianten. Sampt einem Appendice wider Johan Seiferten von Ulm / der Zeit Schwedischen gewesenen Feldprediger. Auß hoher noth öffentlich in den Druck gegeben / Durch Heinricum Rimphof, Dompredigern vnd Superintendenten des Stiffts Verden. Rinteln 1647, S. 36-51. Auf den Seiten 75, 87, 98, 123, 140, 143, 145 und 146 geht er auf die Prozesse in Wiedensahl und Loccum ein.

  • [80]

    Ebd., S. 50.

  • [81]

    Woldeke Wehland war Bürgermeister von 1626-1628. Vgl. Nerger: Verfassung, (wie Anm. ), Nr. 59.

  • [82]

    Hermann Wolpmann war Bürgermeister von 1641-1653. Vgl. ebd.

  • [83]

    Der Vater von Franz Panning (*1592) war Heinrich Panning, Ratsherr in Walsrode. Ob eine Verwandtschaft zu Frantz Panning, dem Verdener Bürgermeister (1608-1623), bestand, konnte nicht geklärt werden. Vgl. ebd.

  • [84]

    In den Akten auch die Schreibweise Wulf, Wulffes, Wolf(f). Die Mutter von Dibbeke, Gesche Harnacke, soll bereits vor 26 Jahren als Hexe berüchtigt gewesen sein. Vgl. Pfannkuche: Geschichte, (wie Anm. ), S. 314.

  • [85]

    Vgl. Pfannkuche: Geschichte, S. 313. Die Akten des Domkapitels sind, im Gegensatz zu denen des Magistrats, nicht mehr vorhanden. Die Schicksale von Engel Wehland und Hilke Badenhop sind daher nicht überliefert. Sicher ist, dass Hilke überlebt hat: sie wurde am 19.04.1708 mit 84 Jahren beerdigt. Vgl. Kirchenbucharchiv der Domgemeinde Verden, Kirchenbuch Dom, Jg. 1708.

  • [86]

    Staatsarchiv Bremen: D 17 a 4.

  • [87]

    Vgl. Pfannkuche: Geschichte, (wie Anm. ), S. 313-318.

  • [88]

    Vgl. Mahnke: Hexenunwesen, (wie Anm. ), S. 11.

  • [89]

    Catharina Wolpmann (*1603) heiratete 1620 und hatte sechs Kinder. Vgl. Pfannkuche: Geschichte, (wie Anm. ), S. 318 f.

  • [90]

    Sie floh über Bremen und Delmenhorst nach Esens (Ostfriesland), 1648 lebte sie in Bremen. Vgl. Nds. Staatsarchiv Stade: Rep. 8, Fach 21, Nr. 9, Bl. 57.

  • [91]

    Vgl. Nds. Staatsarchiv Stade: Rep. 8, Fach 21, Nr. 21a (alt: Celle Br. 108a, Fach 21, Nr. 21a).

  • [92]

    Vgl. Voigt: Hexenunwesen, (wie Anm. ), S. 192.

  • [93]

    Vgl. Mahnke: Hexenunwesen, (wie Anm. ), S. 11.

  • [94]

    Vgl. Voigt: Hexenunwesen, (wie Anm. ), S. 193.

  • [95]

    Vgl. Hugo Zwetsloot: Friedrich Spee und die Hexenprozesse. Die Stellung und Bedeutung der Cautio Criminalis in der Geschichte der Hexenverfolgungen, Trier 1954, S. 287. 1649 erschien von Hermann Schmidt die erste vollständige deutsche Übersetzung.

  • [96]

    Johan Sejferten: Gewissens-Buch: Von Processen Gegen die Hexen. An Hohe Obrigkeiten in Teudtschlandt auß nothtringenden motiven geschrieben. Insonderheit Den Rähten vnd Beicht-Väteren der Fürsten / den Inqisitoren, Brandt-Meisteren / Richteren / Advocaten: Beicht-Väteren der Armen Beklagten vnd Gefangenen: Predigeren auch anderen Leuten sehr nützlich vnd nothwendig zu lesen. Anfang Ohne Nahmen in Lateinischer Spraach Außgangen / Jetzo In die Teudtsche Ubergesetzet / Durch Johan Sejferten von Ulm / derzeit Schwedischen Feld-Prediger, Bremen 1647.

  • [97]

    NB = notabene. Zu beachten.

  • [98]

    Vgl. Mahnke: Hexenunwesen, (wie Anm. ), S. 13.

  • [99]

    Claudius Salmasius (frz. Philologe) wurde wegen seiner Stellungnahme für die Stuarts in England von John Milton (engl. Dichter) angegriffen.

  • [100]

    Als er in Paris war, reagierte Seifert auf die Veröffentlichungen von Hugo Grotius (Antichristo, Via Pacis), der mit den Katholiken sympathisierte, 1643 mit der Druckschrift "Classicum belli sacri adversus H. Grotium Papistam". Das Traktat wurde noch 1729 in Halle nachgedruckt. Vgl. Fortgesetzte Sammlung Von Alten und Neuen Theologischen Sachen, Zur geheiligten Übung ertheilet Von Einigen Dienern des Göttlichen Wortes. Vierdter Beytrag, Leipzig 1731, S. 626.

  • [101]

    Albrecht Weyermann: Nachrichten von Gelehrten, Künstlern und anderen merkwürdigen Personen aus Ulm, Ulm 1798, S. 482, f. Vgl. auch C. G. Jöcher / Rotermund (Hg.): Allgemeines Gelehrten-Lexikon II, Leipzig, Gleditsch 1750, S. 485.

  • [102]

    Seifert: Gewissensbuch, (wie Anm. ), Vorrede S. (1).

  • [103]

    Ebd., Vorrede S. (3 f).

  • [104]

    Vgl. Rimphof: Drachenkönig, (wie Anm. ), S. 27 f (Widmung).

  • [105]

    Seifert: Gewissensbuch, (wie Anm. ), S. 90.

  • [106]

    Rimphof: Drachenkönig, (wie Anm. ), S. 442.

  • [107]

    Er geht sogar auf Anna Sievers (1617) ein. Vgl. ebd., S. 72.

  • [108]

    Vgl. ebd., S. 468-530.

  • [109]

    Ebd., S. 466.

  • [110]

    Ebd., S. 414, f. Vgl. auch S. 56.

  • [111]

    Vgl. Zwetsloot: Spee, (wie Anm. ), S. 288.

  • [112]

    Angesichts der vorausgegangenen und noch folgenden harten Spruchpraxis dieser Fakultät erstaunt diese Entscheidung. Zu diesem Zeitpunkt saß aber der ehemalige Anwalt der Familie Frese aus dem Hexenprozess von 1617/18, Franz Gießenbier, in der Fakultät, der als Verfasser des Gutachtens angesehen werden muss. Vgl. Mahnke: Hexenunwesen, (wie Anm. ), S. 23 und Schormann: Gesellschaft, (wie Anm. ), S. 183 f und Schormann: Hexenprozesse, (wie Anm. ), S. 32 f.

  • [113]

    Nds. Staatsarchiv Stade: Rep. 5 a, Fach 338, Nr. 2 b. Drucknachweise bei Mahnke: Hexenunwesen, S. 24. Vgl. auch Wolfgang Behringer (Hg.): Hexen und Hexenprozesse, München 1995, S. 397 f.

  • [114]

    Als erster Regent verbot 1642 der Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn die Prozesse in Würzburg und 1647 als Mainzer Kurfürst im gesamten Erzbistum. Vgl. Wilhelm Soldan: Geschichte der Hexenprozesse, Stuttgart, Tübingen 1843, S. 428.

  • [115]

    Staatsarchiv Bremen: D 17 a 4.

  • [116]

    Vgl. Stadtarchiv Verden, Rechnungsbuch von 1649 (D XXII 1,29).

  • [117]

    Vgl. Nds. Staatsarchiv Stade: Rep. 8, Fach 21, Nr. 9, Bl. 57, 63-69 und Mahnke: Hexenunwesen, (wie Anm. ), S. 24 f.

  • [118]

    Seifert: Gewissensbuch, (wie Anm. ), S. 15. Im Original von 1631 ist bei v. Spee an dieser Stelle etwas anderes ausgedrückt.

  • [119]

    Vgl. Klaus-Richard Böhme: Hans Christopher von Königsmarcks Testament, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 41/42, 1969/70, S. 134-155.

  • [120]

    Vgl. Joachim Woock: "... so sie angeregten Lasters verdechtig machet ...". Die letzten Hexenverfolgungen in den schwedischen Herzogtümern Bremen und Verden, in: Landkreis Verden (Hg.): Heimatkalender für den Landkreis Verden 2001, Verden 2000, S. 252-278. Erschienen auch in: www.historicum.net/themen/hexenforschung/etexte/verden.html. Die folgenden Ausführungen sind diesem Artikel entnommen.

  • [121]

    Vgl. Margarete Wolters (Hg.): Protokolle des Gogerichts Achim von 1600-1630, Textband, Hamburg 1995.

  • [122]

    Vgl. Herbert Schwarzwälder: Die Geschichte des Zauber- und Hexenglaubens in Bremen, Teil 1, in: Bremisches Jahrbuch 46, 1959, S. 225.

Empfohlene Zitierweise

Woock, Joachim: Hexenverfolgung im Stift Verden und in den Herzogtümern Bremen/Verden. In: @KIH-eSkript. Interdisziplinäre Hexenforschung online 2, 2010, Sp. 79-95: Regionale Hexenverfolgungen, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zlw/

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Erstellt: 12.05.2011

Zuletzt geändert: 10.04.2012


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