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Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [05.04.2011]

Andreas C. Hofmann

Universitäten

 

Die Universitäten des 19. Jahrhunderts galten als „oberste Stufe der Unterrichtsanstalten, die sich von anderen Schulen durch die freiere Stellung der Schüler und die wissenschaftliche Haltung des Unterrichts“ (Brockhaus, 14. Aufl. 1894-96) unterschieden. In den Staaten des Deutschen Bundes existierten 23 Universitäten, wobei die preußische Universität Königsberg sich im nicht bundeszugehörigen Ostpreußen befand. Da der Name Universität sich auf die Gesamtheit der Wissenschaften bezieht, sind an einer Universität alle Fakultäten vertreten. Daher sind von ihnen die zahlreichen weiteren Polytechnischen und sonstigen Hochschulen, die Akademien sowie die Lyzeen zu unterscheiden. Die Zahl der Universitäten in der Zeit zwischen Wiener Kongreß und der Revolution von 1848/49 war konstant.

„Konservative ‚Restauration‘ und liberale Gegenkräfte“ (H.-U. Wehler) – in diesem Spannungsfeld der Epoche spielten die Universitäten eine zentrale Rolle. Da ein nennenswerter Teil der Professoren und Studenten nicht zuletzt vor dem Hintergrund der nationalen Begeisterung der Befreiungskriege nationale und liberale Ziele verfolgte, bildeten die Universitäten als nationale Brückenköpfe hierfür ein ideales Forum. Professoren nutzten die Lehrkanzel, um – wie es 1819 das Universitätsgesetz der Karlsbader Beschlüsse bezeichnen sollte – ihren ‚verderblichen‘ Einfluß auf die Jugend auszuüben; Studenten begannen sich in Burschenschaften zu organisieren, welche im Gegensatz zu den Corps und Landsmannschaften eine gezielte Politisierung der Studentenschaft auf ihrer Agenda hatten.

Es ist unbestritten, dass die ‚Studentenfeier‘ auf der Wartburg (1817), die Gründung der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft (1818) sowie die nationalliberale Agitation vieler Professoren für die restaurativen Kräfte im Deutschen Bund mit dem österreichischen Außenminister Metternich an ihrer Spitze nicht zuletzt vor dem Hintergrund der süddeutschen Verfassungsgebungen eine Bedrohung darstellten. Der Mord des Studenten Karl Ludwig Sand an dem russischen Staatsrat August von Kotzebue im März 1819 stellte somit nur das „argumentum ad hominem“ (Metternich) dar, um von Bundes wegen eine „Frontalattacke“ (H.-U. Wehler) gegen die Opposition des Dritten Deutschlands und die nationalliberale Bewegung zu starten. Diese Frontalattacke mündete 1819 bekanntermaßen in die Karlsbader Beschlüsse, welche mit dem Universitätsgesetz die Einsetzung „landesherrlicher Bevollmächtigter“ an jeder Universität vorsahen, deren Aufgabe die Überwachung der Studierenden sowie der Hochschullehrer gleichermaßen sein sollte. Wegen politischer Agitation ihres Amtes enthobene Professoren bzw. der Universität verwiesene Studierende, durften an keiner anderen Universität im Deutschen Bund aufgenommen werden. Dies kam einem faktischen Berufs- bzw. Studienverbot gleich!

Die Forschung bezeichnete den Deutschen Bund nicht zuletzt deswegen als „Instrument der Reaktion“ (Th. Nipperdey), „Inkarnation der Illiberalität und Unterdrückung“ (H.-U. Wehler) oder gar als „Polizeistaat[]“ (E. R. Huber). So gingen auch landesherrliche Bevollmächtigte wie der 1832 an der Universität München eingesetzte Regierungsrat Anton von Braunmühl als „schlimmste[] Studentenschinder aller Zeiten“ (H. v. Hopfen) in die studentische Geschichtsschreibung ein. Er konnte politisch verdächtige Studenten zu Strafprüfungen zitieren, deren wiederholtes Nicht-Bestehen die Verweisung von der Universität nach sich zog. Die Immatrikulation unterlag auf seine Initiative hin seit 1832 seiner verstärkten Aufsicht, welche durch die 60 Artikel des Jahres 1834 sowie die damit verbundene Einführung von Immatrikulationskommissionen noch verschärft wurde.

Dem Berliner Regierungsbevollmächtigten Schulz attestiert die Universitätsgeschichtsschreibung des frühen 20. Jahrhunderts, eine derartige „Querulantennatur“ (M. Lenz), daß er in Auseinandersetzungen mit der Universität jegliches Maß überschritten haben soll. Die Mittel der Regierungsbevollmächtigten waren zahlreich: So verstand es sich beispielsweise von selbst, dass sie an den Sitzungen der Universitätsgremien teilnehmen und deren Zusammentreten erzwingen konnten. Aber auch ihrer Pflicht zur Überwachung der Professoren kamen einige Regierungsbevollmächtigte penibel genau nach. So bediente sich der Bonner Universitätskurator Rehfues fragwürdiger Methoden, indem er sich die Vorlesungsmanuskripte unbedarfter Studierender besorgte, weil er nur dort auf verfängliche Informationen über die Professoren hoffen konnte. Der Münchener Ministerialkommissär Braunmühl fertigte sogar Listen mit politischen Bewertungen an.

Doch nicht an allen Universitäten waren die Regierungsbevollmächtigten ‚tollwütige‘ Demagogenverfolger – ein Bild, wie es das Klischee teils bis heute weitertrug. So war das Universitätsgesetz in Bayern nach dem Regierungsantritt König Ludwigs I. im Jahre 1826 an den drei Landesuniversitäten bis zu Beginn der 1830er Jahre faktisch außer Kraft gesetzt. An der Universität Rostock wurde der Regierungsbevollmächtigte aufgrund seiner stets obwaltenden Milde mit einer Ehrenpromotion bedacht und an der Universität Jena setzte sich Kurator von Ziegesar sogar für eine Duldung studentischer Verbindungen ein. Manche Regierungsbevollmächtigte konnten sich allerdings überhaupt keiner gefestigter Positionen an der Universität erfreuen: Der Göttinger Regierungsbevollmächtigte Laffert spielte wohl eine derart untergeordnete Rolle im Universitätsgeschehen, dass Jacob Grimm ihn offen als „Null“ bezeichnen konnte (E. Gundelach).

Fernab von ihrer Beaufsichtigung durch die unter einzelstaatlicher Autonomie eingesetzten Regierungsbevollmächtigten sowie den Untersuchungen durch die Bundesüberwachungsbehörden beschäftigte sich der Deutsche Bund mit den Universitäten nur am Rande im Rahmen von Prozessen der Vereinheitlichung der Ferienzeiten, der Immatrikulationsgebühren sowie der Reisebestimmungen. Bemerkenswert ist die Vernetzung der Universitäten und universitätspolizeilichen Behörden untereinander, welche unter einer transstaatlichen Betrachtungsweise neue Perspektiven auf die Geschichte von Restauration und Vormärz deutlich werden lässt. Im Jahre 1848 beschloss noch der Bundestag, sämtliche Karlsbader Beschlüsse und die darauf fußenden weiteren Ausnahmegesetze aufzuheben, was die Universitäten allerdings nicht aus der staatlichen Aufsicht entließ.

Literatur:

Bezold, Friedrich v.: Geschichte der rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität von der Gründung bis zum Jahr 1870. Bonn 1920.

Brümmer, Manfred: Staat kontra Universität. Die Universität Halle-Wittenberg und die Karlsbader Beschlüsse 1819-1848. Weimar 1991.

Engelhorn, Werner: Die Universität Würzburg 1803-1848. Ein Beitrag zur Verfassungs- und Institutionengeschichte (=Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Würzburg Bd. 7). Neustadt a. d. Aisch 1987.

Gerber, Hans: Der Wandel der Rechtsgestalt der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg im Breisgau seit dem Ende der vorderösterreichischen Zeit. Entwicklungsgeschichtlicher Abriß [Bd. 1]. Freiburg im Breisgau [1957].

Gundelach, Ernst. Die Verfassung der Göttinger Universität in drei Jahrhunderten (=Göttinger rechtswissenschaftliche Studien Bd. 16). Göttingen 1955.

Hofmann, Andreas C.: Bayerische Universitätspolitik zwischen Eigenweg und Bundestreue. Die außerordentliche Ministerialkommission an der Universität Landshut-München 1819-1848. Magisterarbeit [masch.] München 2006.

Hofmann, Andreas C.: Deutsche Bundespolitik im Vormärz (1815 bis 1848). Der Umgang mit den Universitäten zwischen Zentralismus, ›Transstaatlichkeit‹ und »Eigenstaatlichkeitsideologien« (Dissertationsprojekt).

Hofmann, Andreas C.: Lehre und Studium unter staatlicher Aufsicht. Die Universität Landshut nach den Karlsbader Beschlüssen (1819 bis 1825/26), in: Dom-Spiegel. Mitteilungsblatt der Freunde des Dom-Gymnasiums Freising e.V. Jg. 15 (2007), S. 37-40, langzeitarch. bei Open-Acess LMU, http://epub.ub.uni-muenchen.de/11516.

Hofmann, Andreas C.: Studium, Universität und Staat in Bayern 1825-1848. Eine Skizze der Universitätspolitik Ludwigs I., ursprgl. publ. in: http://www.aventinus.geschichte.uni-muenchen.de, neu publ. als: aventinus bavarica Nr. 2 (Sommer 2006), http://www.aventinus-online.de/no_cache/persistent/artikel/7760.

Hofmann, Andreas C.: Suprastaatlichkeit, Interstaatlichkeit und Transstaatlichkeit. Ein Drei-Ebenen-Modell zur Beschreibung zwischenstaatlicher Beziehungen im Deutschen Bund, in: Melanie Hühn u.a. (Hrsg.): Transkulturalität, Transnationalität, Transstaatlichkeit, Translokalität. Theoretische und empirische Begriffsbestimmungen. Münster u.a. 2010, S. 133ff.

Hofmann, Andreas C.: Warum die LMU München (keine) 20 Fakultäten hat. Zur Ausdifferenzierung des Wissens an der Ludovico-Maximilianea im Spiegel der Geschichte ihrer Fakultäten, in: aventinus bavarica Nr. 15 [29.05.2010], http://www.aventinus-online.de/no_cache/persistent/artikel/7838.

Hopfen, Hans v.: Zur Geschichte des Corps Franconia zu München, in: Akademische Monatshefte. Organ der deutschen Corpsstudenten 6 (1889), S. 121-133.

Kossack, Heinz: Die gesellschaftliche Stellung der Berliner Universität im Spiegel der Wirksamkeit der außerordentlichen Regierungsbevollmächtigten in den Jahren 1819-1848. 2 Bde. Phil. Diss. [masch.] Leipzig 1977.

Lenz, Max: Geschichte der königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Bd. 2.1: Ministerium Altenstein. Halle a. d. Saale 1910.

Oelschlägel, Thomas: Hochschulpolitik in Württemberg 1819-1825. Die Auswirkungen der Karlsbader Beschlüsse auf die Universität Tübingen (=Contubernium. Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte Bd. 43). Sigmaringen 1995.

Toll, Heinz-Joachim: Akademische Gerichtsbarkeit und akademische Freiheit: Die sog. "Demagogenverfolgung“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819 (=Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins Bd. 73). Wachholtz 1979.

Vollert, M[ax]: Geschichte der Kuratel der Universität Jena. Nach den Kuratorialakten bearbeitet, in: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde N.F. 23 (1918), S. 1-54

Wandt, Bernhard: Kanzler, Vizekanzler und Regierungsbevollmächtigte der Universität Rostock 1419-1870. Ein Beitrag zur Universitätsgeschichte. Phil. Diss. [masch.] Rostock 1969.

Empfohlene Zitierweise

Hofmann, Andreas C.: Universitäten. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848, hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7z4p/

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Erstellt: 04.04.2011

Zuletzt geändert: 08.04.2011


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