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Templerprozess

Anke Napp

25. März 2011

Präjudizierende Verfahren mit häresiologischem Anklagemuster. Kein Vorläufer der Hexenprozesse!

1. Kirchenrechtliche Grundlagen

Der Orden der Templer entstand 1118 / 1119 im Königreich Jerusalem und widmete sich primär der Verteidigung der christlichen Stätten und dem Schutz der Pilger. Mit der Bestätigung der Regel 1129 auf dem Konzil von Troyes wurden die Templer ein anerkannter Orden. Die 1139 mit der Bulle „Omne datum optimum“ gewährte Exemtion und damit alleinige Unterstellung unter den Papst legte die Grundlage für die Entfaltung und Wirksamkeit des Ordens in den folgenden Jahrzehnten – aber auch für die Konkurrenzsituation zu anderen geistlichen und weltlichen Mächten Der Verlust der Kreuzfahrerstaaten Ende des 13. Jahrhunderts beendete das Wirken der Templer im Nahen Osten.

Der Prozess gegen die Templer begann mit dem Arrestationsbefehl König Philipps (14.9.1307) und gliederte sich in fünf einzelne Verfahren. Als Anstoß des ersten Verfahrens nennt Philipp IV. eine „infama publica", der französische Inquisitor Guillaume Imbert in seinem Schreiben (22.9.1307) eine „vehemens suspicio". Die Infamie war gezielt generiert worden, mit der Unterstützung von aus dem Orden ausgeschlossenen Mitgliedern. Mit der Erklärung der Infamie war seit der Dekretale „Qualiter et quando" Innozenz’ III. von 1206 ein ausreichender Grund für eine Verfahrenseröffnung gegeben. Die „vehemens suspicio", der dringende Tatverdacht der Häresie, versetzte den/die Angeklagten automatisch in den Stand der Exkommunikation, was im Falle der Templer ebenfalls in Kraft trat. Die angewandte Vorgehensweise entspricht der „summaria cognitio", einer verkürzten Verfahrensform, deren Elemente von Papst Bonifatius VIII. approbiert und mit der Dekretale „Saepe contingit“ von Papst Clemens V. 1308 endgültig festgesetzt wurden. Der Templerprozess bewegte sich diesbezüglich im Rahmen des kanonischen Rechts. Rechtswidrig allerdings war, dass nicht die Kirche, sondern der weltliche Arm, in diesem Fall der französische König, das erste Verfahren gegen eine exemte Körperschaft einleitete.

2. Chronologie der einzelnen Verfahren

Das erste Verfahren (13.10.-19.10.1307) fand auf Frankreich beschränkt sofort nach der Verhaftung der Ordensbrüder vor den Beamten des französischen Königs statt, auf der Grundlage der Anweisungen, die Philipp IV. in seinem Arrestationsbefehl gegeben hatte. Das zweite Verfahren (19.10.1307 - Anf. 1308) führte die französische Inquisition durch, mit dem einzigen Ziel, die bereits abgelegten Geständnisse zu bestätigen. Nachdem Papst Clemens zu Beginn des Jahres 1308 die französische Inquisition suspendiert hatte, fand das dritte Verfahren gegen die Templer vor einer vom Papst ernannten Kardinalskommission beziehungsweise vor Clemens selbst in Poitiers statt (28.6. - 1.7.1308). Hierfür wurde eine ausgewählte Zahl von geständigen Templern vorgeführt. Das vierte Verfahren wurde im Anschluss an die Ergebnisse von Poitiers mit der Bulle „Subit Assidue" (5.7.1308) in der gesamten christlichen Welt eingeleitet. Es sollte von Erzbischöfen, Bischöfen und beigeordneten Inquisitoren in ihrem jeweiligen Gerichtsbezirk gegen die dort befindlichen Mitglieder des Ordens geführt werden. Das fünfte und letzte Verfahren fand zeitgleich mit den Provinzialkommissionen vor der sogenannten Generalkommission in Paris statt (12.11.1309 - 26.5.1311) und widmete sich dem Orden als Ganzes, um zu ergründen, in wie weit die vorgeworfenen Vergehen Teil von dessen Struktur selbst waren.

3. Die Anklagepunkte

Bis zum dritten Verfahren blieben die Punkte des Arrestationsbefehls Basis der Untersuchungen. Für die Provinzialkommissionen wurde auf Grundlage bisher erfolgter Geständnisse ein detaillierter Katalog von 86 Punkten erstellt, der im Verhör abgearbeitet wurde. Die Generalkommission arbeitete ihrer Zielsetzung gemäß mit einer Erweiterung von 127 Punkten. Das Prinzip erste Anklagen -> Geständnisse -> zweite Anklagen entwickelte eine Eigendynamik, die unterstützt vom verfahrenstechnischen Vorgehen die Präjudizierung bedingte. Bei der Auswertung der Zeugenaussagen muss deshalb erstens in Rechnung gestellt werden, dass in sämtlichen Verfahren mit Suggestivfragen gearbeitet wurde, die den Templern vorgelesen wurden. Zweitens muss unterschieden werden zwischen Aussagen aus den Verfahren vor der Aufstellung des detaillierten Fragenkatalogs von 1308 und Angaben, die danach erfolgten und eben diese Angaben als Vorbild nutzten.

Die im Arrestationsbefehl enthaltenen Anklagepunkte nennen die angeblich während der Profess erfolgende dreimalige Verleugnung Christi, eine dreimalige Bespeiung des Kruzifix (ter abnegant ac ter in faciem spuunt ejus), einen dreifachen Kuss (in posteriori parte spine dorsi primo, secundo in umbilico et demum in ore) und die Verpflichtung zu homosexuellen Handlungen. Unspezifisch heißt es überdies, die Templer hätten "Gott verlassen und Dämonen angebetet". In den Verhörinstruktionen, die König Philipp IV. seinem Verhaftungsbefehl beifügte, wird das vermeintliche Idol bereits genauer beschrieben: Es handele sich um einen Götzen in Kopfform, welcher auf den Provinzialkapiteln des Ordens angebetet werde. Im Fragenkatalog von 1308 findet man nun neben weiteren Details, die der Klassifizierung der vermuteten Häresie dienen sollten, verschiedene Varianten für die Verleugnung, die Profanation des Kreuzes und, vor allem, die verschiedensten Beschreibungen des angeblichen Idols: Dieses sei ein schwarzer Kopf; ein weißer Kopf; dann wieder ein Götze mit drei Gesichtern; einer mit vier Füßen; eine antike Statuette. In vereinzelten Aussagen wurden dem Idol magische Kräfte unterlegt (das Schaffen von Reichtümern und die Gewährung der Fruchtbarkeit des Landes), weshalb auch diese Punkte Eingang in den Katalog von 1308 fanden.

4. Wurzeln der Anklagepunkte

Das Anklagebündel Glaubensabfall-Idolatrie-Unsittlichkeit hatte bereits eine lange Tradition, als es gegen die Templer aufgeboten wurde. Eines der frühesten Beispiele bietet ein ägyptischer Papyrus aus byzantinischer Zeit (um 565/573), der sich mit Personen befasst, die offensichtlich den Versuch machten, die alten heidnischen Kulte wieder einzuführen (P. Cair. Masp. I 67004). Es findet sich des Weiteren im „Discursus Casmasii" aus dem 10. Jahrhundert, der sich gegen die Bogomilen richtete.

Aber auch unter den Anklagen, die (ebenfalls unter der Regie König Philipps IV.) gegen Papst Bonifatius VIII. erhoben wurden, taucht dieses Dreigespann auf. Vor allem aber sind die gegen die Templer erhobenen Vorwürfe fester Bestandteil der antijüdischen und antiislamischen Polemik. Häretiker und Andersgläubige – so nahm man im Allgemeinen an – huldigten Dämonen. Da sie nicht den Christus der katholischen Kirche verehrten, blieb getreu der Ansicht des Heiligen Augustinus („Alles ist Idolatrie, was ohne Glauben an Christus getan wird") in der zeitgenössischen Logik nur diese Möglichkeit offen. In der polemischen Auseinandersetzung mit dem Islam, dem Judentum, antiken heidnischen Religionen und zeitgenössischen Häresien war daher die Anbetung diverser Dämonen in Form von Idolen ein fester Bestandteil, der sich sowohl in der Theologie als auch in der Profankunst und in der Ikonographie wieder findet. Auch die Bezeichnung „Baphomet“ stammt aus der antiislamischen Propaganda.

So behauptete bereits der Kreuzfahrer Anselm de Ribaumont in einem Brief, den er 1098 aus Antiochia an den Erzbischof von Reims schrieb, dass die Sarazenen einen gewissen „Baphometh“ verehrten. Fulcher von Chartres (1127) berichtet von einem muslimischen Götzenbild im Felsendom. Die provenzalische Vita des Heiligen Honoratus (1300) nennt Apoll, Jupiter und Ischtar unter den „muslimischen Idolen“, aber auch einen „Bafum“ und warnt den Heiligen, deren Irrlehren anheimzufallen. In der gesamten Kreuzzugsepik können etwa 30 Idole gezählt werden, denen man zum Teil auch Wundertätigkeit zusprach. Bildlich in Szene gesetzt wurden diese Götzenbilder als antikisierende Statuen oder als Tiere, in Anlehnung an die alttestamentliche Erzählung vom Goldenen Kalb, das wiederum sein Vorbild im antiken ägyptischen Serapiskult hat. Dass hier die Wurzel des „vierfüßigen Idols“ der Templeranklagepunkte zu sehen ist, machen Aussagen aus dem Englischen Verfahren deutlich, in dem das angebliche Götzenbild als „vitulus“ (dt.: Kalb) bezeichnet wird (Napp, 2010, S. 80f). Auf der Herford-Weltkarte ist dargestellt, wie die Juden ein tierartiges Idol anbeten. Die beigefügte Bezeichnung „Mahum" (=Mohammed) macht deutlich, wen dieses Götzenbild darstellen sollte. In zahlreichen Exemplaren der „Bible Moralisée" aus dem 13. Jahrhundert wird sowohl die Idolatrie der alttestamentlichen Hebräer, als auch der Glaubensabfall zeitgenössischer Häretiker durch eine Katze auf einem Altar symbolisiert. Eine Assoziation, die auf die Deduktion „Katharer“ vom lateinischen „cattus“ hinweist. Die Hingabe an den Götzendienst, an die Teufelsanbetung, wird hierbei in vielen Fällen mit einem Analkuss symbolisiert. Dieser wiederum verweist auf das Feld unsittlicher Praktiken als direkte Folge des Teufelsbundes, unter die nicht nur Homosexualität, sondern jedwede sexuelle Betätigung außerhalb der von der Kirche Sanktionierten innerhalb der Ehe fiel. Katzen anzubeten war ein Vorwurf, der durch den Inquisitor Konrad von Marburg (um 1180/90 - 1233) auch gegen die (fiktive) Sekte der Luziferianer erhoben wurde. Die dem templerischen Kopfidol vereinzelt unterlegten magischen Kräfte lassen sich auf Versatzstücke aus dem mediterranen antiken Sagenschatz (Medusenhaupt) zurückführen, die z. B. von Walter Map („De Nugis Curialium“, 1181-1193) und in seinem Gefolge weiteren englischen Autoren kolportiert wurden. Eine weitere Wurzel könnten alte keltische Sagenbestandteile (Haupt des Bran) sein, von denen Elemente wiederum in mittelalterliche Gralslegenden Eingang fanden.

Auch die Profanation des Kreuzes war Teil der antiislamischen bzw. antihäretischen Propaganda, anders als die Idolatrie allerdings nicht immer unfundiert. Der Kreuzzugschronist Fidenzo von Padua (Provinzialvikar der Franziskaner im Heiligen Land 1266 - 1291), der sich durchaus nüchtern mit dem Koran und dem Glauben der Muslime auseinandersetzte, berichtete, wie gefangene Christen gezwungen wurden, aufs Kreuz zu spucken („Ipsi sic agebant, quod pueri qui fuerant Christiani, spuebant super cruces Domini et ymagines Domini nostri Jhesu Christi“). Aber auch den Ketzergruppen der Paulikianer, Bogomilen und Petrobrusianer wurde Kreuzschändung vorgeworfen.

Homosexuelle Vergewaltigungen waren ebenfalls Teil der Kreuzzugspropaganda. Noch vor dem Ersten Kreuzzug zirkulierte ein angeblicher Brief des Grafen von Flandern, der berichtet, wie die „Sarazenen Bischöfe durch die Sünde der Sodomie verhöhnten“. Für Fidenzo von Padua ist die „Sünde der Sodomie“ Grund genug, gegen die Sarazenen vorzugehen, „selbst wenn es sonst keinen anderen gäbe“. Nicht nur ideologisch-theologische Konsequenzen aus einem vorgeblichen Pakt mit den Dämonen spielte bei der Übernahme dieses Vorwurfs in die antiislamische Propaganda eine Rolle, sondern auch tatsächliche kulturelle Divergenzen, mit denen die Europäer in islamischen Ländern konfrontiert wurden. Noch im 16. Jahrhundert berichten Reisende im türkisch beherrschten Ägypten voller Horror von entsprechenden Lustbarkeiten mit Knaben.

Eine vergleichende Untersuchung der Protokolle der Templerprozesse zeigt unstrittig, dass die scheinbare Konformität bestimmter Aussagengruppen einerseits stets auf einen bestimmten lokalen oder zeitlichen Bereich begrenzt ist, und andererseits auf der Verhörführung und dem verfahrenstechnischen Vorgehen beruht. Ein Nachweis angeblich existierender Missbräuche im Templerorden kann mit Hilfe der Prozessunterlagen nicht erbracht werden. Die Suche nach möglichen theologischen Hintergründen spezieller Templerischer Glaubensauffassungen erübrigt sich damit.

4. Der historisch nachweisbare Hergang der Profess im Templerorden

Der entsprechende Abschnitt in der Ordensregel und Angaben in den Prozessprotokollen jenseits der Aussagen zu den Anklagepunkten geben Zeugnis darüber, wie eine Profess tatsächlich ablief. Im Gegensatz zu den Antworten auf die Anklagepunkte, deren große Bandbreite ja eben untersucht wurde, weisen alle übrigen Darlegungen eine große Einheitlichkeit auf.

Nach diesen Quellen lief die Profess wie folgt ab: Zunächst bat der Anwärter um die Gemeinschaft des Ordens mit der Formel "Brot und Wasser". Anschließend stellte der Komtur des Hauses (oder ein auf der Durchreise befindlicher höherer Würdenträger) den im Kapitel versammelten Mitbrüdern die Frage, ob sie ein Hindernis wüssten, was gegen die Aufnahme des Anwärters spräche. Wurde diese Frage verneint, ließ man den Anwärter in eine Kammer nahe dem Kapitelsaal kommen, wo man ihm den harten Alltag des künftigen Ordenslebens darlegte. Blieb jener bei seinem Vorhaben, wurde er in den Kapitelsaal zurück geführt. Es folgte die zweite Bitte um Aufnahme, und dann die Verpflichtung des Kandidaten, "Diener und Sklave des Hauses" zu werden. Nach einer weiteren Ermahnung durch den Komtur, dass man nicht Reichtum und Wohlleben im Orden suchen dürfe, sondern Armut und Buße, sprachen alle versammelten Brüder ein Gebet. Dann übergab der Kaplan dem Anwärter ein offenes Evangeliar für den feierlichen Eid. Die jenem dann gestellten Fragen lauteten: ob er nicht verheiratet sei, nicht Mitglied eines anderen Ordens, keine Klerikerweihen erhalten habe, nicht verschuldet sei, gesund und persönlich frei. Handelte es sich um einen zukünftigen Ritterbruder, fügte man die Frage hinzu, ob er Sohn eines Ritters aus legaler Ehe sei. Es folgte die Profess mit den üblichen drei monastischen Gelübden: Gehorsam, Keuschheit und Armut.Außerdem verpflichtete sich der Neuaufgenommene die guten Sitten und Gebräuche des Hauses zu bewahren, sowie sein Leben in den militärischen Dienst des Heiligen Landes zu stellen. Nach der Gelübdeleistung erhielt der neue Mitbruder den Ordensmantel. Der Kuss auf den Mund, wie es bei der weltlichen Belehnung der Brauch war, beschloss die Zeremonie.

5. Ergebnisse des Prozesses

Mit der Bulle Vox in excelso (22.3.1312) hob Papst Clemens V. per richterlicher Verfügung den Templerorden auf, ohne ein endgültiges Urteil gefällt zu haben. Die Bulle „Ad providendam“ vom Mai desselben Jahres sprach beinahe alle Güter des Templerordens den Johannitern zu. Das Verfahren gegen den Meister und die anderen in Frankreich inhaftierten Würdenträger wurde im Dezember 1312 einer Kardinalskommission übertragen. Sie fällte am 18.3.1314 ihr Urteil, das auf lebenslänglichen Kerker lautete.

6. Der Templerprozess im Vergleich mit den Hexenprozessen

Ab dem 13. Jahrhundert wurde Hexerei als häretische Sekte klassifiziert und in den entsprechenden Kontext (Abfall vom Glauben – Dämonenbündnis – Unsittliche Handlungen) gestellt. Damit war sie ebenso wie Häresie zu einem Majestätsverbrechen erklärt, das von der weltlichen Gerichtsbarkeit verfolgt werden konnte (Treige, 1990, S. 283).

Die gegen Hexen erhobenen Vorwürfe weisen einige Berührungspunkte mit den Anklagen gegen die Templer auf. Das Konstrukt eines Paktes mit antichristlichen, teuflischen Mächten zum Beispiel, aber auch Elemente der Durchführung des Paktes (z. B. die Profanierung des Kreuzes oder unsittliche Handlungen), finden sich in beiden Anklagebündeln. Zwei zentrale Punkte allerdings unterscheiden die Vorwürfe gegen Hexen von den Anklagen gegen die Templer: der Vorwurf des Schadenszaubers und die vorrangige Projektion auf das weibliche Geschlecht.

So wurde den Templern zwar der „Verrat der Christen im Heiligen Land“ vorgeworfen, doch eine Herbeiführung des Unheils durch Zauberei wurde nicht impliziert. Lediglich Stolz, Habgier und Indifferenz unterstellte man als Auslöser, kein globales Malefizium. Die in isolierten Aussagen aus dem Prozess auftauchenden „magischen Fähigkeiten“ des angeblichen Idols sind als „weiße Magie“ zu klassifizieren: Sie schafften Reichtümer und Fruchtbarkeit des Landes für den sie verehrenden Orden als Gesamtheit. Ein inhärenter und immanenter Nutzen des Teufelspaktes für seine Akteure wird im Falle der Templer aber nur andeutungsweise verfolgt. Der Dämonenpakt der Templer ist in erster Linie Ausdruck des Glaubensabfalls, der Depravitas (wie auch im Falle der Moslems und Juden) und als solcher sich selbst genügend, und nicht Grundlage folgender magischer Handlungen.

Genau wie bei den Verfahren gegen die Templer (und andere häretischen Gruppen) setzte die Anwendungen der speziellen kanonischen Richtlinien des summarischen Prozesses und der Einsatz der Folter eine Eigendynamik in Gang, dem das Opfer nicht mehr zu entrinnen vermochte. Während sich der Automatismus im Fall der Templer jedoch auf eine von vornherein fest umrissene Gruppe erstreckte, führte er bei den Hexenverfolgungen zu einer immer weiter ausgreifenden Weltverschwörungstheorie.

Wenn auch die Hexenverfolgung zum Teil auf tatsächlich noch vorhandene Versatzstücke einer magischen Volkskultur oder kriminelle Handlungen zurückgriff, so war doch eine Hexensekte mit dem Ziel des Kampfes gegen Kirche und Christentum genauso ein Konstrukt wie die Häresie des Templerordens. Für die Hauptanklagepunkte Glaubensabfall-Idolatrie-Unsittlichkeit als Doktrin des Ordens (natürlich gab es im Laufe der Geschichte der Templer einzelne Ordensmitglieder, die desertierten, zum Islam konvertierten oder sich homosexuell betätigten, wie auch in anderen Ordensgemeinschaften) sind keine historischen Grundlagen nachweisbar. Mit der Infamierung des Ordens wurden die kanonischen und häresietheologischen Vorgaben zur Konstruktion und Verfolgung einer Häresie, die beispielsweise im Falle der Luziferianer auch genutzt wurden, ausgereizt und gezielt instrumentalisiert, um eine exemte Körperschaft von den traditionellen rechtlichen Möglichkeiten abzuschneiden. Das zeigt sich nicht nur an der zu zahlreichen Gelegenheiten unterbundenen - obwohl von kirchlichen Autoritäten geforderten - Verteidigungsmöglichkeit der Beklagten, sondern auch an der den gesamten Prozess begleitenden Publizistik (Lavocat, 1888, S. 166) und der Verknüpfung der Templerangelegenheit mit einem möglichen Prozess gegen Papst Bonifatius VIII. ,Clemens‘ V. Amtsvorgänger. Ohne dass den Beklagten dies klar wurde, war mit der Infamierung und der Erlangung der ersten Geständnisse der gesamte Prozess im Grunde entschieden.

Literatur

Malcolm Barber, The trial of the Templars, Cambridge 1978.

Michael Camille, The gothic idol. Ideology and Image-making in Medieval Art, Cambridge 1989.

Bernd-Ulrich Hergemöller, Vox de Templo. Die Verketzerung der Tempelherren, in: Bernd-Ulrich Hergemöller, Krötenkuss und Schwarzer Kater. Ketzerei, Götzendienst und Unzucht in der inquisitorischen Phantasie des 13. Jahrhunderts, Warendorf 1996, S. 353-405.

Anke Krüger, Schuld oder Präjudizierung. Die Protokolle des Templerprozesses im Textvergleich, in: Historisches Jahrbuch 117, 1997, S. 340-377.

M. Lavocat, Le procès des frères et de l’ordre du Temple, Paris 1888. [Digitale Ausgabe bei Gallica] http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k204264p/f140.pagination

Georges Lizerand, Le dossier de l'affaire des Templiers, Paris 1923.

Ewald Müller, Das Konzil von Vienne 1311-1312 (Vorreformatorische Forschungen XII), Münster 1934.

Anke Napp, Templermythen - und was dahinter steckt, München 2010.

Tilmann Schmidt, Der Bonifaz-Prozess. Verfahren der Papstanklage in der Zeit Bonifaz‘ VIII. und Clemens‘ V. (Forschungen zur kirchlichen Rechtsgesschichte 19), Köln-Wien 1989.

Gerd Treige, Hexen – Opfer theologischer Konstruktion und sozialer Alltagskonflikte, in: Bernd-Ulrich hergemöller, Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, Warendorf 1990, S. 277-315.

Anne Wolff, How Many Miles to Babylon?: Travels and Adventures to Egypt and Beyond, from 1300 to 1640, Liverpool 2003.

 

 

Empfohlene Zitierweise

Napp, Anke: Templerprozess. Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zug/

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Erstellt: 07.03.2011

Zuletzt geändert: 16.06.2011


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