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Thomas Lange

Hexenverfolgung als Unterrichtsthema

Ein regionalgeschichtlicher Stoff im Wandel von kulturgeschichtlicher Aufklärung zum ethnologischen Lernen

[Erstpublikation: GWU 46 (1995), S.402-420]

[402]Drei Überlegungen bestimmen meine Annäherung an das Thema "Hexenverfolgung im Unterricht": Erstens können mit diesem Thema Lernziele des historisch-politischen Lernens angestrebt werden, also aus vergangenem, uns heute fragwürdig oder "falsch" (ungerecht, willkürlich, unmenschlich) erscheinendem Handeln können Folgerungen für die Zukunft, d.h. für mögliches eigenes Handeln gezogen werden. Zweitens bietet es die Möglichkeit, sich im Unterricht bisher "vernachlässigten Fragen" zuzuwenden, also z. B. dem Alltag der nichtprivilegierten Bevölkerungsmehrheit, den Lebensbedingungen und -erfahrungen von Frauen sowie regional konkreten Geschichtsüberlieferungen, die auch an Einzelschicksalen exemplifiziert werden können, womit die Möglichkeit zu einem identifizierenden Lernen geschaffen ist.[1] Drittens kommt die Erfahrung hinzu, daß es ein Stoff ist, bei dem man mit Sicherheit auf aufmerksame Schüler/innen rechnen kann; allerdings auch mit einem solide verankerten Vorwissen, das von den pädagogischen Bemühungen nicht unbedingt verändert werden wird.

Man kann davon ausgehen, daß Geschichten von Hexenverfolgung zu den Stoffen gehören, die im Geschichtsbewußtsein der Schüler präsent sind, unabhängig davon, ob sie Gegenstand des Unterrichts waren oder (wie das wohl eher die Regel ist) nicht. Sie sind ein Thema, das die Jugendphantasie ähnlich beschäftigt wie Geschichten von Piraten oder Räubern, vergessenen Städten, verborgenen Schätzen, unterirdischen Gängen, unerklärten Kulturen, unerhörten Grausamkeiten. Diese Vergangenheit ist - im Gegensatz zu den Stoffen des Geschichtsunterrichts - geheimnisvoll, rätselhaft, spannend, sie fordert zum entdeckenden Lernen auf; auch existieren hier außerschulische (d.h. ohne Zwang und Leistungsdruck erworbene) Erklärungsangebote, die fester Teil jener geschichtlichen Vorkenntnisse sind, mit denen jeder Geschichtslehrer rechnen kann und auch muß, ob sie nun aus häuslicher oder (wie heutzutage häufiger) massenmedialer Überlieferung stammen.[2][403]

Anknüpfungspunkt für Hexengeschichten ist vielfach - vergleichbar den Landschaftssagen - die Bindung an vertraute Orte oder Gebäude (man denke an die zahllosen Hexentürme in deutschen Städten), durch die die Erzählungen dann stets auch eine sichtbare Beglaubigung gewinnen. Allerdings handelt es sich zugleich auch um Geschichtsgeschichten (V. Knigge) des trivialen Geschichtsbewußtseins, bei denen die Festigung von Geschichtsbedürfnissen im Vordergrund steht; die diesem Bedürfnis am ehesten entsprechende Interpretation trägt fast immer einen Sieg über die genaue und differenzierte Faktenvermittlung davon. Der historische Stoff wird durch gegenwartsgeprägte moralisierende Deutungsmuster wahrgenommen,[3] denn er dient vorrangig dazu, eine Stelle im Identitätskonzept des/der Geschichtsinteressierten auszufüllen.

Das heutige Vorwissen zum Thema "Hexenverfolgung" möchte ich mit einer Formulierung wiedergeben, die ich während einer Fernseh-Talkshow notierte: "Die Kirche ist seit Jahrhunderten gegen die Abtreibung, und deswegen sind im Mittelalter Millionen Frauen als Hexen hingerichtet worden." Dies wurde ebenso beiläufig wie selbstverständlich als (vermeintlich) historisches Argument von einer Politikerin in einer aktuellen Debatte um die neue päpstliche Enzyklika gebraucht.[4] Mir scheint hier klar und übersichtlich wiedergegeben, was man zu diesem Themenbereich als Inhalt des trivialen Geschichtsbewußtseins definieren könnte, wie es sich unverstellt in Alltagssituationen äußert. Hier sind alle die Halbwahrheiten hinein verpackt ("die Kirche"; "das Mittelalter"; "die Geburtenverhütung"; "Millionen Frauen"; zu den Fakten s. in diesem Heft den Beitrag von Gerd Schwerhoff), denen man heute immer wieder begegnet.

Die Dominanz dieses Verständnisses ist nicht unbedingt Ergebnis des Geschichtsunterrichts, aber hier zeigt sich, daß von den zwei Interpretationslinien der Hexenverfolgung sich seit einer Reihe von Jahren die "romantische" im allgemeinen Geschichtsbewußtsein durchgesetzt hat. Wolfgang Behringer hat zwei Grundzüge der Hexenforschung seit dem 19. Jahrhundert herausgestellt (und ihnen folgen auch die Darstellungen in den Schulbüchern). Da gibt es einerseits das romantische oder "Jacob-Grimm-Paradigma", andererseits das rationalistische oder "Soldan-Paradigma". Das "Soldan-Paradigma" ist benannt nach der zuerst 1843 erschienenen, später von Heinrich Heppe (1880) und Max Bauer (1912) neu bearbeiteten, in seiner Materialfülle bis heute grundlegenden "Geschichte der Hexenprozesse" von W. Soldan. Er und die späteren Bearbeiter vertreten das ideologische Erbe der Aufklärung und stellen Hexenprozesse als "Untaten einer irregeleiteten Obrigkeit" dar.[5] Hexenverfolgung ist danach ein "Wahn", eine "Seuche", ein "Aberglauben", der nur[404] mit Durchsetzung der Vernunft im menschlichen Handeln aus der Welt geschafft werden kann.[6] Das "Jacob-Grimm-Paradigma" bemühte sich dagegen um eine Rechtfertigung der Verurteilten: Grimm fand "in den Akten der Hexenprozesse Spuren einer vorchristlichen, einheimischen - 'germanischen' - Mythologie". Damit legte er (in seiner "Deutschen Mythologie", 1835) den Grund zu einer "nationalen" Deutung der Hexenverfolgung: sie sei Verdrängung einer autochthonen, eigenständigen "germanischen" Kultur.[7] Außerdem tauchen bei ihm auch erstmals jene weisen Frauen auf, die dann von dem französischen Historiker Jules Michelet zum romantischen Geschichtsbild der "Hexe" schlechthin (1862) ausgemalt wurden. In diesem Paradigma wird nicht die Vernunft, sondern sozusagen die "Unvernunft" ins Zentrum gerückt: die überlieferten Heilgifte, die heidnischen Tänze, der "Wahnsinn der Liebe", mit einem Wort: "die Natur selbst macht sie [=diese Frauen] zu Hexen".[8]

I. "Sieh dir im nächsten Museum Folterwerkzeuge an!" - Hexenverfolgung als Stoff der Kulturgeschichte in Schulbüchern bis 1945

Hexenverfolgungen werden in Geschichtsbüchern des Kaiserreichs oder der Weimarer Republik durchaus erwähnt, wenn auch eher am Rande. Die Autoren folgen dabei einhellig dem "Soldan-Paradigma": "Die Geschichte der Rechtspflege zeigt uns den Fortschritt der menschlichen Denkreife. Der Kampf gegen Spuk und Aberglauben gehört zu den volkserzieherischen Aufgaben des Volkslehrers", heißt es in einem "Methodischen Handbuch zur deutschen Volks- und Kulturgeschichte" von 1920. Der aufklärerische Optimismus betonte gerade in den Lehrerbildungswerken die Wichtigkeit der Schule, die auf diese Weise dann auch den Schülern wohl deutlich werden sollte: "Das Schulwesen . . . war völlig zerstört. Die Folge davon war eine schreckliche Unwissenheit, durch die Aberglaube jeder Art gefördert wurde."[9] Dabei fällt auf, daß an den Obrigkeiten der Vergangenheit ohne Scheu Unrecht und Willkür aufklärerisch getadelt werden: "Das menschliche Gefühl wendet sich mit Abscheu von diesen Bestien von Richtern hinweg." Auch während der wilhelminischen Zeit war Kritik an den Fürsten möglich: "Zuerst beschuldigte man nur Frauen, besonders alte. Bald machten die Richter daraus eine Erwerbsquelle, die Fürsten hinderten sie nicht; denn das Vermögen der Verurteilten fiel teils dem Richter, teils dem Landesherren zu."[10][405]

Bei der Einordnung in die politische Geschichte wurden die Hexenverfolgungen klassifiziert als: Verirrung, Absturz, wüster Aberglaube, vor allem aber als "die grausigste Wirkung des Dreißigjährigen Krieges" erklärt.[11] Möglicherweise ist dies der Versuch einer Schuldprojektion nach außen, auch wenn etwa formuliert wurde, daß der Hexenglaube als "böser Traum und Alpdruck auf unserm armen Volke" lastete. Im ganzen überwog aber sicher der volksaufklärerische Impetus, wie in dem 1925 von dem hessischen Volksschullehrer Georg Weigand herausgegebenen heimatkundlichen Geschichtsbuch, wo die heute wieder geforderte Anknüpfung an Bekanntes und das räumlich Nahe dominiert. Seine Arbeitsaufgaben für Schüler zielen nicht nur auf deren regionale Geschichte, sondern auch auf eine Reflexion vertrauten, ortsüblichen Verhaltens. Sie lauten z.B.:

"Kennst du Hexentürme? Sieh dir im nächsten Museum Folterwerkzeuge an! Welche Gespenstergeschichten erzählt man sich bei euch? Wie sucht man bei euch, vielleicht unbewußt, die bösen Geister abzuhalten? Welcher Brauch und welche Redensarten erinnern bei euch noch an Hexen?"[12]

Im staatsorientierten Geschichtsunterricht der ersten deutschen Republik war allerdings "der kulturgeschichtliche Stoff [. . .] in unmittelbare Beziehung zur Staatengeschichte zu setzen", wie es in den Richtlinien der preußischen Unterrichtsverwaltung aus den 20er Jahren hieß. Der Staat galt in diesen Lehrplänen gut hegelisch als "das machtvollste Kulturgebilde",[13] die Lernziele des Geschichtsunterrichts waren vorrangig: Ehrfurcht, Bereitschaft zu Dienst und Sich-Einordnen in Volksgemeinschaft, Vaterland und Staat. Diese Dominanz der Staatengeschichte - die in Lehrplänen und Geschichtsbüchern ja bis heute weiterwirkt - wurde in den zwanziger Jahren noch gefördert durch das Selbstverständnis der Geschichtslehrer als Praktikern der Geschichtswissenschaft.[14] Die dominierende historiographische Richtung aber konzentrierte sich auf die "staatsorientierte kleindeutsch-preußische Geschichtsschreibung" des Historismus, in der von Droysen bis Meinecke kulturgeschichtliche Themen wie die Hexenprozesse - nach einem Wort des ersten Ordinarius für Bayerische Landesgeschichte und Verfassers einer "Geschichte der Hexenprozesse in Bayern", Sigmund Riezler - nur als "häßliche Warze" im politischen Geschichtsverlauf verstanden werden konnten. Die Hexengeschichte erfuhr erst zum Ende des Jahrhunderts ihren historiographischen Ritterschlag durch Rezensionen in der "Historischen Zeitschrift".[15]

Spezifische Frauengeschichte findet sich selten in einem Geschichtsbuch der Weimarer Zeit. Ein Kapitel über "Frauenarbeit und Frauenleben" interpretiert Hexenprozesse als "Frauenelend im 30jährigen Kriege". Noch ist das allerdings keine feministische Interpretation. Die "vermeintlichen Hexen" werden als Opfer "stumpfen Aberglaubens" ver-[406]standen, als weitere Beweise für "die Verarmung des Volkes".[16] Einen neuen Akzent setzt dann der völkische Feminismus nach 1933. Hier wird das "Jacob-Grimm-Paradigma" auf die rassistische Spitze getrieben:

"Neben den Ketzergerichten begann der Hexenwahn um sich zu greifen. Wenn das Geschäft schlecht ging, wenn die Kuh krank wurde, dann war sicher eine Hexe daran schuld. Wer irgendeinen Menschen haßte, der zeigte seinen Feind als Hexe oder Hexenmeister an. Dann wurden die Angeschuldigten in den Turm geworfen und entsetzlich gefoltert, so daß man es gar nicht erzählen kann, bis sie vor Qual und Schmerz mit zerbrochenen Gliedern alles zugaben, was man wollte. Es gibt wohl keinen Ort in Deutschland, in dem nicht die Scheiterhaufen geloht hätten. Viele Hunderttausende deutscher Mütter sind auf diese Weise im Zeichen des Christentums scheußlich zu Tode gemartert worden."[17]

Hexenverfolgung als kirchlich inspirierte Frauenverfolgung: eine überraschende Kontinuität von NS-Ideologie zum gegenwärtigen feministischen mainstream. Die These von den Hexenverfolgungen als Frauenverfolgungen und die Theorie von der Kirchenverschwörung werden mit phantastischen Zahlenangaben (die ganz den NS-typischen übertrumpfenden Superlativismen entsprechen) etwa bei Mathilde Ludendorff in ihrer Schrift über "Christliche Grausamkeit an Deutschen Frauen" zusammengespannt ("Verbrennungen von 9 Millionen Hexen"). Der Zusammenhang dieses "völkischen Feminismus", in dem bei Alfred Rosenberg auch die Hexen als "weise Frauen" auftauchen, mit heutigen feministischen Thesen harrt noch der Aufklärung.[18]

II. "Die Hexen kommen wieder" - Austreibung und Wiederkehr des Hexenthemas in deutschen Geschichtsbüchern nach 1945

In den Anfangsjahren der Bundesrepublik hatte in den Schulgeschichtsbüchern zwar die politische Geschichte traditioneller Art "absoluten Vorrang", doch wurde auch an die kulturgeschichtliche Orientierung der Weimarer Zeit angeknüpft.[19] Auch beim Thema Hexenverfolgung wurde die Weimarer Linie fortgeführt, also die Volksschullehrerpolemik gegen den Aberglauben wieder aufgenommen. So heißt es in einem Buch vom Anfang der fünfziger Jahre zum Thema "Volksreligiosität in Deutschland": "Der alte Hexenglaube wurde gewissermaßen kirchlich sanktioniert," und damit wurde die Verantwortung wieder der Kirche zu-, von den Menschen und der Gesellschaft weggeschoben. In einem Geschichtsbuch des sehr produktiven Hans Ebeling wird "Hexerei" als "Aberglaube" mit dem "kirchlichen Wahn" der Reliquienverehrung verglichen.[20] Ein Ansatz zur sozialpsychologischen Betrachtung liegt darin, daß beide Bücher im Zusammenhang mit Hexen- auch über Judenverfolgungen sprechen - eine Verbindung, die in den zwanziger Jahren nie hergestellt wur-[407]de. Die massenpsychologischen Ansichten, die hierbei formuliert werden, sind allerdings sehr eigentümlich. Denn da heißt es: "Judenverfolgungen . . . steigerten die seelische Erregung" oder: "Auf dem Scheiterhaufen brannten die Hexen und Ketzer. Geißlerumzüge, Verfolgungen der Juden und Ungläubigen erregten das Land". Es sind also die Juden- bzw. Hexenverfolgungen die Ursache von Erregung oder Massenhysterie, nicht aber die Verfolgungen die Konsequenz einer - psychologisch, sozial - zu erklärenden psychischen Ausnahmesituation. Psychologische Erklärungen sind offenbar nicht die Stärke dieser Geschichtsschreibung. Kurz und bündig schließt Ebeling diese Ausführungen: "Es war eine dunkle, verworrene Zeit." Es ist die Frage, ob hier Ausweichen oder Hilflosigkeit bei Autoren vorliegt, die Zeugen der Massenpsychosen vom gelenkten Volkszorn bis zur jubelnden Untergangshysterie des totalen Kriegs wenige Jahre zuvor gewesen sind.

Charakteristisch ist der Unterschied zu anderen Autoren, die mit innerer oder auch - als Emigranten - äußerer Distanz zur NS-Diktatur gestanden hatten. Sie sahen da genauer. In seinem 1948 erschienen Werk "Die große Wende. Das apokalyptische Saeculum und Luther" stellte Will-Erich Peuckert, Begründer der "Arbeitervolkskunde", den psychologischen Zusammenhang zwischen Hexen- und Judenverfolgung eindeutig und plausibel her: "die Angst, die alles vom Regelfall Abweichende erregt", fördert die Suche nach Schuldigen, ebenso wie "Fremdheit" in einer krisenhaften Wende-Situation als "Feindschaft" erscheint. Auch Hermann Broch formulierte im amerikanischen Exil in immer neuen Anläufen eine "Massenwahntheorie", in der er den Rassenhaß als "Teufelsglauben" interpretierte, Hexen- und Judenverfolgungen sogar als Rückfälle in heidnische Bräuche von Menschenopfern. Weniger mythologisch als soziologisch sah dies der politische Emigrant Kurt Baschwitz, der sich schon in den zwanziger Jahren mit Kriegspropaganda und Massenwahn beschäftigt hatte. Er schrieb in den fünfziger Jahren ein bis in die Gegenwart viel gelesenes Buch über "Hexen und Hexenprozesse". Darin trat er gegen die vereinfachende Gleichsetzung von Aberglaube und Massenwahn ein. Er definierte Massenwahn (im Gegensatz zum Aberglauben) als Rückfall hinter eine bereits erreichte geistige und moralische Stufe. Vor allem aber kehrte er die bisherige vereinfachende Schuldzuschreibung um. Nicht mehr "die Torheit der Massen", sondern die verhängnisvolle "führende Rolle der denkgeschulten Köpfe" oder "verbrecherischer Demagogen" sah er als verantwortlich an. Hierin lag ebenso eine - freilich unausgesprochene - politische Anspielung auf die jüngste Vergangenheit wie in seiner optimistischen Ermutigung, auf "gesunden Menschenverstand" auch der Massen zu hoffen, und zwar eher als sich vor den Manipulatoren der Masseninstinkte zu fürchten. Sein Buch schließt mit der Mahnung, daß allein unabhängige Gerichte, Gedankenfreiheit und Menschenwürde zur "Verhütung von Massenwahn" beitragen könnten.[21] Was Baschwitz da an modernen, sozialpsychologischen Ansichten aus den zwanziger Jahren in die fünfziger transferierte, fand freilich selbst in den sechziger und siebziger Jahren noch kein Echo im Schulbuch, das blieb den achtzigern vorbehalten (in denen teilweise allerdings das Feindbild "Kirche" durch das nicht weniger einseitige "Männer" ersetzt wird).

Vom Ende der fünfziger Jahre bis zur Mitte der achtziger Jahre verschwinden die Hexen - nach meiner nicht vollständigen, aber wohl repräsentativen Durchsicht - aus[408] den Geschichtsbüchern.[22] Wirtschafts-, Sozial- und Strukturgeschichte drängen Ideen- und Geistesgeschichte zurück. Auch wurden die freimütigen und deutlichen Wertungen (zu denen gerade das Hexenthema ja immer wieder herausgefordert hatte) mit der neuen Generation von Arbeitsbüchern durch sachliche Information zur Vorbereitung eines unabhängigen Schülerurteils ersetzt.[23] Die Berücksichtigung von Alltags- und Frauengeschichte zielte vorrangig auf die Verdeutlichung von Arbeits- und Herrschaftsstrukturen. Einsam steht in den 60er Jahren der Abdruck des berühmten Briefes des verhafteten Bamberger Bürgermeisters Junius, der in einer Quellensammlung des Goldmann-Taschenbuchverlages, aber eben keines Schulbuchverlages erschien.[24] Auch das epochemachende und sehr weit verbreitete Werk "Fragen an die Geschichte" von Heinz-Dieter Schmidt enthält, bei aller Betonung der Sozialgeschichte in den Quellen, zu diesem Thema nichts. Allerdings finden sich hier erstmals exemplarische Einbeziehungen regionaler Historie außerhalb der preußischen Geschichte und immerhin schon 1977 eine Seite über "Frauenemanzipation".[25]

Der Geschichtsunterricht der DDR zeigt eine ähnliche, allerdings noch rigidere Entwicklung beim Unterdrücken des Hexenthemas. In den Lehrplänen taucht ein einziges Mal (1959 für die Klasse 7) überhaupt der Begriff "Hexe" auf. Im Zusammenhang mit dem Thema "Kampf um ein wissenschaftliches Weltbild" (Kopernikus, Galilei, Bruno) werden "die erfolglosen Versuche zur Unterdrückung dieses Weltbildes (Inquisition, Hexenprozesse)" erwähnt. Ab 1967 verschwinden auch hier die Hexen aus den Büchern. In der Klasse 6 ist jetzt nur noch von der Ketzerbewegung als "Protest der Volksmassen gegen den kirchlichen Dogmenzwang" die Rede, die Opfer sind "viele unschuldige Menschen". Dabei wird - ein anderes Extrem - von Frauen als Opfern überhaupt nicht geredet, wie generell in der schulischen Geschichtsdarstellung der DDR Frauen faktisch keine Rolle spielten.[26]

Seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre erreicht der Schlachtruf der feministischen neuen Hexenbewegung: "Die Hexen kommen wieder!" auch die Schulbuchma-[409]cher/innen.[27] Die Hexen werden wieder zum Geschichtsunterricht zugelassen, so weit man das aus den Büchern erschließen kann. Den Hintergrund der schulischen Darstellung bildet ein "feministischer Dechiffrierungsprozeß der Geschichte der Frau"[28]; nach Kategorien der Geschichtsdidaktik ist er als "triviales Geschichtsbewußtsein" oder neutraler: Alltagsbewußtsein von Geschichte (R. Schörken) zu definieren. Was damit gemeint ist, fasse ich nach Formulierungen aus einem Massenmedium, diesmal dem Radio, so zusammen: Hexen waren "weise Frauen", meist auch "Hebammen", die "im Mittelalter uralte heidnische Bräuche kultivierten"; sie bildeten dabei eine "Gemeinschaft", die "autonom die Fruchtbarkeit regulierte". Ihr Wissen gaben sie "unentgeltlich" weiter, erzielten große "Heilerfolge" und zwar ohne Schmerzen. Dies wurde von studierten Männern (Juristen, Theologen, Medizinern) aus Konkurrenz und Geldgier unterdrückt; das Mittel dazu waren die Hexenprozesse. Eindeutig ist: "Diese Hexenbilder entstanden als Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses heutiger Frauen", sind Projektionen "durch heutige Erfahrungen mit Auseinandersetzungen um §218, der Konkurrenz zwischen alternativen Heilmethoden und Schulmedizin [. . .] Erfahrungen mit gesellschaftlicher Diskriminierung von Frauen."[29]

Schulische Materialien zum Hexenthema[30] erschienen häufiger seit 1987, also zum 500. Jahr der Erstausgabe des "Hexenhammers", als gerade eine umfangreiche Ausstellung in Saarbrücken[31] das Thema mit viel Anschauung und wissenschaftlich abgesichert an ein großes Publikum gebracht hatte. Sie war wohl wiederum ihrerseits auch Reaktion auf die Behandlung des Hexenthemas unter dem Gesichtspunkt des "Grimm-Michelet-Paradigmas", d.h. also der Interpretation der Hexenverfolgung als Frauenverfolgung, wie sie 1979 in einer Ausstellung des Hamburger Völkerkundemuseums popularisiert wurde, deren Katalog in den folgenden Jahren immer wieder als Zitat- und Quellenlieferant genutzt wurde.[32] Unbestreitbar war es das Interesse an Frauengeschichte, durch das die Hexen wieder in die Schul-[410]bücher hineingeholt wurden. Programmatisch und zugleich apodiktisch heißt es 1982 in Annette Kuhns Sammelband "Frauen in der Geschichte", daß "Hexenverfolgung im wesentlichen Frauengeschichte" ist, nämlich ein Teil der Geschichte der Verdrängung der Frauen aus Produktion und Öffentlichkeit. Die Darstellung in diesem Materialband kombiniert die frauengeschichtliche Sichtweise mit dem rationalistischen Paradigma der Hexengeschichte, das dann lautete: "Hebammen, selbstbewußte und alte erfahrene Frauen" werden von der Männergesellschaft zu Feinden erklärt und in der politisch-sozialen und religiösen Krise des 16./17. Jahrhunderts als Symbol von "Widerstand und Kritik" verfolgt und erbarmungslos vernichtet.[33] Bis in die 90er Jahre gehen Unterrichtsvorschläge aus von den Stichworten "Frauenbild" und "Naturheilkunde"[34], sie integrieren die Hexenverfolgungen als "eine Gefährdung für Frauen und z.T. Männer" in das Kapitel "Die Frau in der Renaissance"[35] oder fordern, daß "unbedingt festgehalten werden" sollte, daß die "männlichen Verfolger" gesellschaftliche Krisensituationen "durch einen radikalisierten Kampf gerade gegen Frauen bewältigen" wollten.[36] Manchmal scheint es, als rette sich in diese Vorstellungen mit klarem Feindbild die gute alte "Priestertrugstheorie" des Aufklärungsphilosophen Helvetius, der Sündenfurcht, Tugendhaftigkeit und Ketzerei allein aus dem Bestreben des Klerus nach Macht und Reichtum erklärt. Auf konfessioneller Ebene wurde dies als eine Art "Kirchenkampf zwischen protestantischen und katholischen Hexenforschern des 19. Jahrhunderts (etwa zwischen Soldan-Heppe und Johannes Diefenbach) ausgetragen.[37]

Das traditionelle "Soldan-Paradigma" der Hexeninterpretation mit seiner aufklärerischen Wendung gegen Aberglauben könnte allerdings auf neue Weise aktuell werden. Es gibt heute eine nicht geringe Bereitschaft bei Jugendlichen, dämonologisches Denken zu akzeptieren. Nicht umsonst beziehen manche Vorschläge für Unterrichtseinheiten zum "Hexen-Thema" das Vorverständnis der Schüler bzw. ihre Kenntnis vom Hexenglauben mit in ihre Planung ein.[38] Das Interesse an Esoterik und Sekten ist weit verbreitet, ohne daß gleich spektakuläre Satanskinder und Gewalt- und Mordfälle daraus werden müßten. Faszination durch "satanische" Irrationalismen ist Mode bei vielen Jugendlichen, die in ihrer Freizeit etwa z.B. den Okkult-Rock von Heavy-Metal-Bands hören. Das ist natürlich weitgehend[411] spielerisch, wie auch ähnliche Erwachsenen-Unternehmungen.[39] Es ist aber auch auf der anderen Seite zu konstatieren, daß ein nicht geringer Teil von Jugendlichen nicht nur keine Kenntnis von elementaren Lehren der jeweiligen christlichen Konfession mehr hat (was den Unterricht über Themen wie Reformation oder auch Hexenverfolgung erheblich erschwert), sondern sich auch ausdrücklich vom Christentum distanziert. Eine von mir spontan, d.h. ohne statistische Absicherung und Evaluierung unternommene Umfrage bei Oberstufenschülern zeigt, daß 19% sich vom Christentum abwenden oder ohne Bekenntnis aufgewachsen sind (lt. einer SPIEGEL-Umfrage von 1994 glauben sogar 45% nicht mehr an Gott); daß 25% (unter denen Mädchen überwiegen) an Hexen glauben, worunter auch Heiler oder Wahrsager verstanden werden; daß 16% einschlägige Erfahrungen gemacht zu haben angeben.[40]

Natürlich kann man sich dabei beruhigen, daß hier eben der Nachwuchs zu jenen (sogar) 30-40% der Bundesbürger heranwächst, die Zauberei oder jemandem etwas Anhexen für möglich halten.[41] Andererseits kann die Zunahme des Interesses an Irrationalem bei Jugendlichen auch als Indiz und Spiegel sozialer Erfahrungen ernstgenommen werden. Ich denke da an Thesen des Soziologen Ulrich Beck, der von einer "Wiederkehr der Ungewißheit", einer "Gegenmoderne" spricht.[42] Wie immer die Ursachen dieser neuen Irrationalität zu bestimmen sind, Tatsache ist, daß sie zunehmen, je mehr die alten Gewißheiten vom Arbeitsleben bis zur Politik, von der Medizin bis zum Klima versagen. Die Untersuchung von Hexenprozeß-Akten kann immerhin dabei helfen zu verstehen, daß der Zwang, sich etwas erklären zu wollen, dem Menschen in der Vergangenheit gegenüber unerklärlichen und bedrohlichen Phänomen (Krankheit, Tod, Krieg) folgten, dazu führen kann, aus Schuldigen Opfer zu machen; man kann verstehen, daß Angst ein Motiv für Ausgrenzung und Gewalt sein kann.[43]

III. Hexen und andere Minderheiten - vom politischen zum ethnologischen Lernen

In den Lernzielen unterscheiden sich die heutigen Unterrichtseinheiten über Hexenverfolgung erheblich von den früheren; heute heißen die Zielvorstellungen "kritische Hinterfragung" des Wahns bzw. Einstellungsveränderung bei Schülern "im Sinn von mehr Toleranz".[44] Unterrichtsvorschläge, die auf diese Weise einem abgewandelten "Soldan-Paradigma" folgen, haben die eindeutige Mehrheit in den Schulbüchern. Nur manchmal taucht noch das geradlinig- aufklärerische Stichwort "Aberglaube"[45] auf, oder es ist, mo-[412]dernisiert, von "engstirniger Ideologie" die Rede[46]. Vor allem aber dominiert die sozialkundliche Zielsetzung, "vor Folter, Fremdenhaß und Frauenverachtung zu warnen"[47], was sich besonders in der Rubrizierung des Hexenthemas unter den Oberbegriff "Umgang mit Minderheiten" ausdrückt.[48] Allerdings ergeben sich erhebliche methodische und begriffliche Schwierigkeiten, wenn man diesen Begriff zu sehr ausweitet. Denn wie man es auch wenden will: gegenüber Juden, Amish, Indios, Grün-Alternativen, Bahais, Sikhs, Deutschen im Nachkriegs-Schlesien[49] und anderen in diesen Büchern als Beispiel genannten Gruppen von Ausgegrenzten sind Menschen, die der Hexerei beschuldigt werden, nun einmal nicht als Gruppe mit erkennbaren Merkmalen oder gar als "klassische Fremdgruppe"[50] zu definieren. Zwar sind die Motive von gesellschaftlicher Ausgrenzung wie die Mechanismen der Zuschreibung von Fremdheits-Merkmalen gleichartig, und sie können für die Schüler durchsichtig gemacht werden; auch kann und sollte sich aus ihnen die Aufforderung ergeben, eigenes Verhalten in bezug auf Toleranz zu überprüfen. Doch führt nichts daran vorbei, daß es sich hier eben nicht um "Fremde" im eigentlichen Sinn des Wortes handelt, wenn auch um einen Prozeß des "Fremdmachens".

An Beispielen, die in den letzten Jahren aus meiner Tätigkeit als Archivpädagoge am Hessischen Staatsarchiv Darmstadt entstanden sind, will ich versuchen, Ansätze vorzustellen, dieses politische Lernen von einer neuen Seite aus anzugehen. Unter dem Titel "'möchten verbrennet werden'. Ausgrenzung und Gewalt gegen Ketzer, Juden, Hexen auch in der hessischen Geschichte" hat das Hessische Staatsarchiv Darmstadt in Zusammenarbeit mit den anderen hessischen Staatsarchiven Marburg und Wiesbaden 1994 eine Wanderausstellung erarbeitet, die zunächst dem aufklärerischen Paradigma verpflichtet ist:

"Das Thema der Ausstellung wurde von aktuellen Ereignissen angeregt: einer sprunghaften Zunahme von Gewalttaten seit 1992 in der Bundesrepublik, die sich vor allem gegen Menschen richten, die als ,andere' wahrgenommen werden: an erster Stelle Ausländer, aber auch Behinderte und Obdachlose, d.h. kranke und arme Menschen. [. . .] 1994 schien auch der Antisemitismus in schlimmster Form wieder aufzuleben: erstmals seit dem Dritten Reich brannte wieder eine Synagoge in Deutschland. Alle diese Nachrichten klingen so, als ob fünfzig Jahre Vergangenheitsbewältigung und Geschichtsunterricht vergebens gewesen seien: die Lehren der Geschichte werden vergessen oder - schlimmer noch - ignoriert, ja, eine überwunden geglaubte Vergangenheit scheint wiederaufzuleben.

[. . .] Aber nicht als Wiederkehr des Gleichen sollen die Phänomene von Ausgrenzung und Gewalt hier verstanden werden, sondern als Bloßlegung gleichartiger Situationen in der Vergangenheit. An psychologisch und sozial vergleichbaren und zugleich überschaubaren Konstellationen soll der Blick auf die Gegenwart geschärft werden. Die Ausstellung versucht, Linien von ,Ausgrenzung und Gewalt' in die Geschichte zurückzuverfolgen, sie will gleichsam ethnographisch Verhaltensmuster in der Vergangenheit studieren, um aus der zeitlichen Distanz einen verfremdenden und erhellenden Blick auf die Gegenwart zu richten. Inwiefern sind Aus- oder Abgrenzungen von Menschengruppen Ursache oder zumindest Anlaß von Gewaltausübung geworden? In welchen Situationen, unter welchen Bedingungen solch sozialer Grenzziehung entstand Gewalt? Gegen wen hat sie sich gerichtet, wer hat sie ausgeübt? Neben[413] den scheinbar eindeutigen Gruppen der Ketzer, Juden, Hexen werden ja auch Kranke, Arme, Bettler, "Zigeuner" aus der Gesellschaft ausgeschlossen als Sünder, Heilandsmörder, Brunnenvergifter, Gotteslästerer, Unholde, Giftmischer, Teufelsbuhlerinnen, boshafte Müßiggänger, verdächtiges Gesindel, Minderwertige, Gemeinschaftsunfähige und wie die Bezeichnungen alle lauten.

Natürlich ist ,Ausgrenzung' nicht die einzige Ursache von Gewalt, noch führt jede Form der Grenzziehung zu physischer Gewaltanwendung. Aber mit Blick auf die Gegenwart wird der Versuch gewagt, am Beispiel der hessischen Geschichte zu untersuchen, wann und wie Gewalt durch Ausgrenzung hervorgebracht worden ist, um daraus zu lernen, wie eine durch Menschen ausgeübte und gesteuerte Gewalt möglicherweise zu vermeiden ist."[51]

Wir haben versucht, begriffliche Unschärfen dadurch zu umgehen, daß wir nachvollziehbare Interessen und Funktionen sowie historische Mechanismen von Ausgrenzung dargestellt haben. In der "Sündenbock-Funktion" liegen die Ähnlichkeiten zwischen der Behandlung von Juden und Hexen auf der Hand. So haben wir die Pestpogrome gegen Juden im 14. Jahrhundert mit den Bittschriften von Untertanen im 17. Jahrhundert, wegen der Sünden der Menschen doch Zauberinnen verbrennen zu dürfen (aus Dieburg, Hanau, Büdingen, Herborn, also katholischen und protestantischen Territorien) konterkariert. Wir haben andererseits gezeigt, daß im Umgang mit Kranken und Armen teilweise eine rückschreitende Verhaltensänderung evident ist, die zwischen dem Mittelalter mit seinen beschützenden "Gutleuthöfen" und der "entzauberten", rationalen Neuzeit mit Ausmerzung der "Gemeinschaftsunfähigen" stattfand; ebenso hat aber auch - jedenfalls periodenweise - die Toleranz gegenüber Ketzern oder Glaubensflüchtlingen zugenommen. In unserer Sicht erscheint die Hexenverfolgung als modernes Phänomen, nicht nur, weil ihr Höhepunkt im 17. Jahrhundert liegt:

"Man kann die Hexenverfolgung als das erste ,moderne' System gesellschaftlicher Ausgrenzung beschreiben. Sie wirkt geradezu wie eine Vorwegnahme moderner Totalitarismen, fast schon kafkaesk, in Gesellschaften, in denen jeder zum Opfer, fast jede Alltagshandlung zum Indiz einer strafbaren Tat werden kann, so wie auch jeder aufgefordert ist, Denunziant zu sein. "Abweichung" ist das Schlüsselwort für das Stigma, mit dem jedes Handeln versehen werden kann. Gerhard Schormann hat die Mechanismen von Sündenbockfunktion und Verschwörungstheorie bei den Hexenverfolgungen in Bezug zu den Verfolgungen der Juden gesetzt. Beide sind ja auch in der Hinsicht vergleichbar - und das ist auch mit den historischen Parallelen gemeint, auf die diese Ausstellung abzielt - daß Institutionen des Staates wie die Mehrheit der Untertanen und Bürger in Feindbild und Verfolgungsabsicht einig waren. Ohne das schreckliche Zusammenwirken beider sind diese historischen Phänomene nicht zu erklären. Aber auch egoistisches Wegsehen wie opportunistisches Mitmachen sind damals - wie heute - Leitmotive des menschlichen Alltagsverhaltens gewesen."[52]

Diese Interpretation hatte es allerdings schwer, sich gegen das zitierte triviale Geschichtsbewußtsein der Besucher/innen zu behaupten. Sowohl bei Ausstellungseröffnungen wie bei Führungen mit Gruppen von Erwachsenen wie von Jugendlichen hatte ich vielfach Gelegenheit, dieses Vorwissen als feste Größe bei Ausstellungsbesuchern nahezu jeden Alters, Geschlechts und Bildungsgrades verankert zu sehen. Bei 16- wie 60jährigen Besucher/innen, von Schüler/innen über Kolleg/innen bis zur Landtagsabgeordneten, wurde unsere Ausstellung gemäß dem "weise Frauen - böse Männer"-Klischee wahrgenommen, obwohl sie[414] deutliche Belege gegen solch vorgefaßte Urteile enthält. Gerade die Hartnäckigkeit dieses Alltagsbewußtseins von einem historischen Phänomen zeigt m.E. aber, daß die Konzepte reiner Aufklärung, des politischen Lernens allein nicht mehr greifen.

Ich möchte einen Ansatz zu "ethnologischem Lernen" vorschlagen und versuchen, ihn an Beispielen aus der Darmstädter Ausstellung wie einer Mappe mit Archivdokumenten für den Unterricht zu verdeutlichen.[53] Ich schließe mich dabei begrifflich der "ethnologischen Wende" der Geschichtswissenschaft[54] an, dem Paradigmenwechsel, den die Hexenforschung (wie auch die Geschichtsschreibung überhaupt) unter dem Einfluß der Historischen Anthropologie vorgenommen hat. Hier zeigt sich nun auch die besondere Bedeutung von regionalgeschichtlichem Material für einen so angelegten Geschichtsunterricht. Im Gegensatz zum exemplarischen Lernen dient beim ethnologischen das vorgefundene Ereignis nicht als austauschbares Beispiel, sondern will in seiner Individualität ernst genommen werden. Methodisch würde man versuchen, so weit als möglich "hineinzutauchen", also sich als "teilnehmender Beobachter" einerseits hineinzubegeben in die fremde Welt der Vergangenheit, andererseits eine reflektierte "dichte Beschreibung" von ihr zu liefern.[55]

Die Erforschung der Hexenverfolgung in diesem Sinne geht sowohl der "Bedeutung magischer Riten und Vorstellungen für den Alltag und die Funktionsweise frühneuzeitlicher Gesellschaften" nach, wie sie auch Hexereibeschuldigung und -verfolgung aus sozialen Konfliktsituationen zu verstehen sucht. Hexenverfolgung wird als "Indikator für den inneren Zustand einer Gesellschaft" untersucht. Regionalstudien übernehmen hier "die Rolle der Feldforschung in der Ethnologie"[56]. Regionalgeschichtlich kommen übersichtliche Gesellschaften (Dörfer, Städte) mit ihrer politischen und juristischen Struktur, und damit auch verschiedene Sozialschichten und ihre Beziehungen in den Blick. Es werden konkrete "Fälle" vorgestellt, die bei aller Ähnlichkeit auch so viele Verschiedenheiten aufweisen, daß eine (vereinfachende und falsche) "monokausale Erklärung [. ..] nicht möglich" ist.[57] Solch[415] eine "Expedition", eine "Feldforschung" in Gestalt einer Mikrogeschichte[58] läßt die Personen von Tätern wie Opfern plastisch werden. Geschichte kann so als Rekonstruktion einer nicht widerspruchsfreien Vergangenheit erfahren werden, die Schüler können historische Situationen eigenständig bewerten lernen. Das begünstigt Multiperspektivität und Perspektivenwechsel in der Darstellung, ermöglicht also eine Annäherung an das wichtige Ziel eines reflektierten Geschichtsbewußtseins. Im Sinne von Alfred Grosser wäre das eine "Ethik des Gedächtnisses, der engagierten Erinnerung". Dies setzt voraus, daß man "Abstand zu den eigenen Zugehörigkeitsgruppen zu gewinnen" sucht.[59]

Bei der Darmstädter Ausstellung lag ein Akzent auf der Herausarbeitung der Tatsache, daß das Verlangen nach Hexenverfolgung "von unten", vom Volk eben ausging. Von da aus wäre eine historische Aufschlüsselung der Funktionen, die solche Verfolgungshandlungen innerhalb einer gegebenen Gesellschaft haben, zu versuchen. Das die Hexen betreffende Material der Ausstellung war so arrangiert, daß die verschiedenen Personengruppen - Opfer, Nachbarn, Richter, Landesherren - an konkreten Individuen vorgestellt wurden. Für die jugendlichen Ausstellungsbesucher wurde ein Fragebogen erarbeitet, der sie gezielt zu den (transkribierten) Quellen führte, die auf die dort gestellten Fragen Antwort gaben. Die Hinrichtungsgründe (das "Wettermachen" der Apollonia Sturm, der soziale Neid auf Gertrud Steubing, der zaubernde Mörder Hermann Veix), die Motive für Denunziationen ("Unholde" verbrennen, um im dreißigjährigen Krieg Elend von Schaafheim abzuwenden; die Hinrichtungen in Dieburg, die das benachbarte Babenhausen beunruhigen; das "Gerücht", das in Büdingen schon 20 Jahre umging), die fast ausweglose Justizmaschinerie (die durch Folter den Schneider Caspar Ruß zum erlogenen Geständnis gezwungen hatte), aber auch rechtswidriges Treiben korrupter Richter ("schlimmer als die Dürcken" in Lindheim) kamen in den Blick. Darüber hinaus wurde das theologische und juristische "Delikt Zauberei" wie auch das Verhalten gegenüber Kranken, Bettlern, "Zigeunern", Juden vergleichend erfragt. Die Diskussionen im Anschluß an solch einen Ausstellungsdurchgang zeigten, daß die sozialpsychologischen Mechanismen von Ausgrenzungsverhalten - und damit die Grundidee der Ausstellung - überzeugend verständlich gemacht werden konnten.

Allerdings fehlt bei einem Ausstellungsbesuch meist Zeit wie Ruhe, sich mit dem ethnologisch verfremdeten Blick auch in Einzelschicksale zu versenken. Das kann eher im Unterricht mit Material geschehen, das einzelne Fälle ausführlicher dokumentiert. Einem Briefwechsel zwischen Georg I. von Hessen-Darmstadt und Wilhelm IV. von Hessen-Kassel über die Fälle von zwei jugendlichen Zauberei-Verdächtigen im Jahre 1582 liegen die "Urgichten" (Geständnisse) eines 11jährigen Jungen und eines 16jährigen Mädchens bei.[60] Daraus läßt sich die Realität des Teufelsglaubens wie das soziale Umfeld der offensichtlich der Unterschicht zuzurechnenden Kinder ebenso erkennen, wie aus den gelehrten Kommentaren der Landgrafen der ungeheure Unterschied hervorgeht, der die christlich-humanistisch gebildete Oberschicht von dem heidnisch-christlichen magischen Glauben der Untertanen trennt. Der 11jährige Junge prahlt geradezu mit seinem Kontakt zum Teufel, der ihm Essen, Trinken und Kleidung fürs ganze Leben versprochen hätte; der Junge selbst hat gerade "desselben Tags, als seine Mutter [als Hexe] verbrannt worden, gegen Abend[416] Brot gebettlet". Das Mädchen dagegen "gesteht", nach Androhung von Prügel und der direkten Beschuldigung durch eine andere (wahrscheinlich auch als Hexe verurteilte) Frau, daß sie an einem Hexensabbat teilgenommen habe, und alles, was zu einem Teufelsbündnis dazugehört, getan habe. Ihre Äußerung zu der Anschuldigerin: "Oh Lenhardin, das nehmt auf euer Pfand", deutet allerdings auf ein klares Bewußtsein von der Schwere und wohl auch Ausweglosigkeit der Beschuldigung. Hexentanz, Teufelsbündnis und -buhlschaft entsprechen den gängigen Vorstellungen; daß im Hintergrund eine soziale Tragödie steht, offenbart sich daran, daß das Mädchen, wie eine Untersuchung durch Hebammen ergibt, schon Geschlechtsverkehr hatte, doch auf Befragen als "Schuldigen" immer nur den "Beltzebock" nennt. Die Landgrafen und ihre Räte erwägen lange und umständlich das (in der zeitgenössischen Literatur ausgebreitete) theologische Für und Wider, wobei der Kasseler Wilhelm IV. sich aus "herrschaftstechnischen" Erwägungen ganz pragmatisch gegen das Hexenverbrennen ausspricht:

"Viel mehr aber hat eine jede Obrigkeit in acht zu nehmen, das sie durch diese Händel nicht zu Unglauben und superstition Ursache und Anleitung geben [wird]. Dann der gemeine Pöbel ist ohnedies und von Natur zu superstitionen geneiget. Wann man dann unter sie läßt kommen, daß der Teufel durch solche Leute so viel kann ausrichten, so fallen sie dahin mit Haufen, und hört der Glaube bei ihnen gar auf, und was ihnen oder ihrem Vieh geschieht, das schreiben sie dann alles der Zauberei zu, und dadurch wird des Bezichtigens, Gefangennehmens, Richtens und Brennens kein Ende."

Landgraf Georg I. dagegen entscheidet "zur Saturierung unseres Gewissens und Abschaffung des Bösen", weil nämlich die Beschuldigten "Gott ab- und dem Teufel zugeschworen", daß "dem andern jungen Volk ein schwer Exempel statuiert werden möchte", d.h., daß die beiden Jugendlichen hingerichtet werden.[61] Es soll also ein abschreckendes Beispiel gegeben werden. Das Ineinander von politischer und theologischer Motivation läßt sich hieran ebenso erkennen wie die kulturellen Differenzen zwischen Ober- und Unterschicht. Wenn man etwa die strengen Moralgebote in der gleichzeitigen hessischen Kirchenordnung betrachtet, in der Zauberei, Vollsaufen, heidnische Üppigkeiten und Sonntags-Tänze verboten werden, regelmäßiger Schulbesuch aber vorgeschrieben wird, dann ist das ein Beleg für die frühneuzeitliche Sozialdisziplinierung (s. Anlage 1). Die von den Jugendlichen gegebenen (aus Phantasie und Überlieferung stammenden) Schilderungen "satanischer" Ausschweifungen genügten, zusammen mit dem (gezwungenermaßen) zugegebenen Abfall von der Religion, um den moralischen Rigorismus des Landesherren zum "Durchgreifen" zu motivieren.[62] (Im übrigen läßt sich gerade dieser Fall sehr schlüssig zur Widerlegung der populären "weise Frauen - böse Männer" These verwenden.)

Identifikatorische oder spielerisch-kreative Formen des Lernens lassen sich mit anderen Materialien erproben. Als Beispiel mag ein Verhörprotokoll dienen, das - nach dem für Hexereifälle im Kurfürstentum Mainz vorgeschriebenen Fragenkatalog vervollständigt - eine Situation unter der Folter in all ihrer Ausweglosigkeit nachvollziehbar macht (s. Anlage 2). Damit wird eine - extreme - Konfliktsituation nacherlebbar, die Ausgangspunkt von Diskussionen über Verhalten in solchen Konflikten werden kann.[63] Mit Hilfe von anderen Quellen (z.B. einer Scharfrichter-Rechnung, aus der der weite Kreis der sonstigen Beteiligten an solchen Prozessen hervorgeht, s. Anlage 3), kann den Schülern Material für[417] ein "Dokumentarspiel" geliefert werden, in dem sie Raum zu erfinderischer Gestaltung in selbstverfaßten Dialogen und gespielten Szenen haben. Dabei können sie auch eine für die Opferrolle prädestinierende Außenseiterposition erfinden. Beispielsweise war das in einer 9. Gymnasialklasse eine zu gebildete Magd - "sie soll lesen und schreiben können, auch noch als Frau" - , die von den Mädchen als Außenseiterin gezeichnet wurde ("zu gebildet"). Daß sich hier Identitätsprobleme Heranwachsender ausdrücken, scheint offensichtlich.[64] [418]

Ethnologisches Lernen hat das Ziel, Geschichtsunterricht an einem menschlichen Maß zu orientieren. Menschliches Handeln und seine Bedingungen und Folgen, die Verantwortung des einzelnen sollten dabei deutlich werden. Es ist ein Versuch, im Geschichtsbewußtsein die Individualität der historischen Menschen wie die der Lernenden miteinander in eine reflektierte Beziehung zu setzen.

Anlage 1: Hessische Kirchenordnung von 1574, Titel und Textauszug (Seite 417)


Abb. 1


Abb. 2

 

Anlage 2: Verhörprotokoll aus Dieburg vom 26. Juni 1627 (Seiten 418/19)

[418]

1.

Keller [von Cellerarius, Verwaltungsbeamter] Bohnn: Wie die verhaftete Person heiße?

1.

Anna Padt (in der Niederschrift durch den Stadtschreiber Gerlach): Sagt, heiße Anna.

2.

Bohnn: Wie alt sie sei?

2.

Anna: Wisse es nit, wie alt sie sei.

3.

Bohnn: Wie hoch ihr Vermögen sei?

3.

Anna: Sie habe Haus und Hof, ungefähr 8 Morgen Ackerland, 3 Wiesen und einige geringe Schulden. Ernährt sich sonst von ihrem Hafner [Töpfer] Handwerk; man werde Handschriften und was vorhanden sei, finden; wisse nit, was es sei.

4.

Bohnn: Zu welcher Religion sie sich bekenne, von welchen Eltern sie stamme, wo sie geboren, getauft, aufgewachsen sei?

4.

Anna: Sei katholischer Religion, hier getauft, ihr Vater habe Hans Wintzig, und ihre Mutter, die aus der Dreieich gekommen, habe Magdalena geheißen, und sei vor Jahren hier auch dieses Lasters halber justifiziert [hingerichtet] worden.

5.

Bohnn: Von wem sie aus der heiligen Taufe gehoben worden?

5.

Anna: Martin Stoffels allhier justifizierte Frau habe sie aus der heiligen Taufe gehoben.

9.

Bohnn: Weil die Verhaftete von verschiedenen, teils hingerichteten, teils noch lebenden Personen als Mitschuldige angegeben worden: ob sie das Laster der Hexerei geständig sei?

9.

Anna: Wollte zuerst nicht gestehen, daß sie eine Zauberin sei. Sagt, es möge ihre Angeberin viel über sie gesagt haben, das hätte sie alles vom Hörensagen. - Als ihr nun die anderen Geständnisse vorgehalten wurden, hat sie kläglich angefangen zu heulen und laut zu rufen; sagt, Gott im Himmel sollte es erbarmen, daß sie also fälschlich beschuldigt sei, es müßte den anderen Angeklagten durch die Pein in den Mund gekommen sein; sie sei bei keinen hexischen Versammlungen gewesen, Jesus Christus solle ihr Zeuge sein, und sie hat mit kläglichen Gebärden alles steif wieder geleugnet.

10.

Bohnn: Als sie auf ihrem Verneinen beharrt, hat man den Scharfrichter berufen und ihr die Peinlichen Instrumente vorzeigen lassen.

10.

Anna: Hat darauf geschrieen, sie wolle sich ans Kreuz schlagen lassen, das müsse Jesus erbarmen, daß sie also fälschlich belangt worden sei; sie wisse nichts; die Herren sollte ihre Seele bedenken. - Darauf hat man den Scharfrichter sie [mit den Folterinstrumenten] angreifen lassen und am rechten Schenkel ungefähr eines Vater Unsers lang beschrauben lassen. Darüber hat sie stets gerufen, die lieben Engel sollten ihr zu Hilfe kommen; bald darauf: sie wolle alles sagen. -Also hat der Meister wieder aufgeschraubt und sie hat folgendes bekannt:

[419]

11.

Bohnn: Wie und durch wen, auch wann und an welchem Ort, durch welche Mittel und in wessen Beisein sie zu diesem Laster verführt worden sei.

11.

Anna: Sie sei durch ihre justifizierte Mutter verführt worden; die hatte gesagt, sie wolle ihr einen Mann geben. Sie wisse nicht, wie alt sie damals gewesen sei; das sei im Haus, in der Stube zur Sommerszeit gewesen, und außer ihrer Mutter niemand dabei.

12.

Bohnn: In welcher Gestalt und Kleidung der böse Geist ihr zum ersten Mal erschienen sei.

12.

Anna: Als die Mutter mit ihr von "Männer geben" geredet, sei er in die Stube gegangen wie Schatten, dann in Mannsgestalt mit grauen Kleidern, hab einen schwarzen Hut mit einer roten Feder ufgehabt.

17.

Bohnn: Ob sie hierauf und nach empfangenem Geschenk mit dem Buhlgeist teuflische Vermischungen gepflogen, wie oft und welcher Ort es geschehen.

17.

Anna: Er hab mit ihr buhliert in der Stuben ein Mal oder vier, hätte die Natur ganz kalt und sie hätte also den Betrug herausgefunden.

18.

Bohnn: Ob und an welchem Ort, auch zu welcher Zeit und welcher Stunde sie von ihrem Buhlgeist wiederum von neuem getauft worden.

18.

Anna: Als er nach etlichen Tagen wiedergekommen und seine Wollust mit ihr getrieben, hätte sie ungefähr um zwei Uhr nachts aus ihrer Mutter Haus, bei dem Debeltsgraben, auf einem weißen Bengel (so in ihrem Haus bei des Knechts Kammer hinterm Schornstein stehe, und auf welchem er vorn und sie hinten gesessen) auf eine Dornenhecke geführt, in des Teufels Namen getauft und hernach wieder auf diesem Stecken nach Hause geführt.

 

N.B. Dieser weiße Bengel hat sich beim Nachsuchen nicht auffinden lassen.

 

19.

Bohnn: Was sie bei ihrer Taufe geredet habe, ob sie dabei nicht Gott und seinen Heiligen ab- und dem bösen Geist zugeschworen habe.

19.

Anna: Habe nichts geredet, sei traurig gewesen. -Bei diesen Punkten hat sie sehr nach Ausflüchten gesucht, ist mit dem Krebs [Beinzwinge] abermals ein Vater Unser lang beschraubt worden; worauf sie extra torturam [nach der Folter] bekannte, daß sie bei dieser Taufe dem allmächtigen Gott abgesagt habe.

20.

Bohnn: Ob sie nach empfangener Taufe mit dem Buhlgeist eine besondere teuflische Hochzeit gehalten, zu welcher Zeit und an welchem Ort es geschehen.

20.

Anna: Ungefähr 14 Tage, drei oder vier Wochen um die Pfingsten, sei nachts um 12 Uhr auf dem Eichwasen [eine Wiese] ihre teuflische Hochzeit gehalten worden.

21.

Bohnn: Wer Brautführer, Koch, Magd, Schenk, Pfeiffer und Leuchter gewesen. Was sonst für Gäste und Gesellschaft bei ihrer Hochzeit gewesen.

21.

Anna: Als sie hierüber nun abermals nit herausgewollt, ist sie ferners auf vorige Manier beschraubt worden; darauf sie nach getanem Besinnen extra torturam bekannt, sie habe zwei Brautführer gehabt, nämlich den lahmen Best, Best Haunen genannt, und Simmel Mattheßen. Die justifizierte Spengel Anna sei Köchin gewesen. Hans Ofensteins Frau habe die Kränze ausgeteilt. Der lahme Best habe geleuchtet.

 

Anlage 3: Scharfrichter-Rechnung aus Darmstadt vom Juli 1588 (Seite 420)


Abb. 3

Fußnoten

[1] Grundlage dieses Textes war ein Vortrag vor der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt, gehalten in Butzbach am 5.11.1994. - Vgl. Gerold Niemetz (Hrsg.): Vernachlässigte Fragen der Geschichtsdidaktik. Hannover: Metzler Schulbuchverlag 1992. - Zur regionalgeschichtlichen Archivpädagogik vgl. Thomas Lange (Hrsg.): Geschichte - selbst erforschen. Schülerarbeit im Archiv. Weinheim und Basel 1993.

[2] Die Untersuchung von Jürgen Mirow: Geschichtswissen durch Geschichtsunterricht? Historische Kenntnisse und ihr Erwerb innerhalb und außerhalb der Schule (In: Bodo von Borries / Hans-Jürgen Pandel / Jörn Rüsen (Hrsg.): Geschichtsbewußtsein empirisch. Pfaffenweiler 1991, S. 53-93) orientiert sich wie der herkömmliche Geschichtsunterricht vorwiegend an Politikernamen, Staatsformen u. dergl. (S. 66 f.). Mirow räumt ein, daß mit seinem Zugriff die Wirkung des Fernsehens - und das ist nach alltäglicher Unterrichtserfahrung ("Neulich hab ich einen Film gesehen ..." beginnen viele Äußerungen von Schülern) das wirkungsmächtigste Medium - "nicht erfaßbar" ist (S. 72). - Das empirische Geschichtsbewußtsein auf der hier gemeinten "vorpolitischen", weitgehend von Erzählungen (also Romanen, Filmen) geprägten Ebene wird in diesen empirischen Untersuchungen unter den Kategorien "politisches", "ökonomisch-soziales" oder "moralisches Bewußtsein" eher am Rande erfaßt, wie bei Hans-Jürgen Pandel: Geschichtlichkeit und Gesellschaftlichkeit im Geschichtsbewußtsein. In: Borries u.a., Geschichtsbewußtsein, S. 1-52; hier: S. 15ff.

[3] Vgl. Volkhard Knigge: "Triviales" Geschichtsbewußtsein und verstehender Geschichtsunterricht. Pfaffenweiler 1988, S. 30 ff.; auch: Thomas Jauer: Eingangsbedingungen des Geschichtsunterrichts: Der Ertrag empirischer Forschung. In: GWU 10/1994, S. 638-643.

[4] Es war die Bundestagsabgeordnete Christa Nickels (Bündnis 90/Die Grünen) in einer Talkshow des ZDF am 30.3.1995.

[5] Wolfgang Behringer: Zur Geschichte der Hexenforschung. In: Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten. Ausstellung des Badischen Landesmuseums in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Tübingen, in Karlsruhe 1994. Katalog, Aufsatzband. Red.: Jürgen Michael Schmidt, Karlsruhe 1994, S. 93-146, hier: S. 106.

[6] Soldan-Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. Bearb. von Max Bauer. Neuausg.: Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1976, Bd. l, S. 407, 419.

[7] Behringer: Zur Geschichte (wie Anm. 5), S. 103.

[8] Jules Michelet: Die Hexe. Berlin 1975, S. 5, 72.

[9] Max Reiniger: Der Geschichtsunterricht. Methodisches Handbuch zur deutschen Volks- und Kulturgeschichte, 1. Teil: Von der deutschen Urzeit bis zum Anbruch der Neuzeit. Langensalza 1920, S. 214. - Heinze-Rosenburg: Die Geschichte für Lehrerbildungsanstalten, 2. Teil: Deutsche Geschichte bis 1648. Hannover 1916, S. 243 f. - Ähnlich Friedrich Neubauer: Lehrbuch der Geschichte für höhere Lehranstalten, IV. Teil: Deutsche Geschichte bis zum westfälischen Frieden. Halle a. S. 1901, S. 128 ("fanatischer Aberglaube"); Hans Philipp/Richard Neumann: Bausteine für den Geschichtsunterricht. Ein Arbeits- und Tatsachenbuch. Bd. II: Das Mittelalter und der Übergang zur Neuen Zeit. Leipzig 1925, S. 255 - Vgl. Joachim Rohlfes: Politik in Geschichtsbüchern. In: Franz Pöggeler (Hrsg.): Politik im Schulbuch. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 1985, S. 235-265; die elitär-kulturkritischen Töne bzw. die "Verklärung vorindustrieller Lebensformen" wie auch des einfachen Bauernlebens, die R. in den Geschichtsbüchern der Weimarer Republik feststellt, ignorieren den ländlichen "Aberglauben".

[10] Reiniger (wie Anm. 9), S. 214; Heinze-Rosenburg (wie Anm. 9), S. 244.

[11] Heinze-Rosenburg (wie Anm. 9), S. 244 - Siegfried Kawerau (Hrsg.): Synoptische Tabellen für den geschichtlichen Arbeitsunterricht vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart. Berlin u. Leipzig 1921, S.8.

[12] Heinrich Eidmann / Georg Weigand: Am Heimatquell. Geschichtsbilder, Aufgaben und eine Zeittafel. Frankfurt 1925, S. 75-77.

[13] Hans Richert: Richtlinien für einen Lehrplan der Deutschen Oberschule und der Aufbauschulen, Berlin 1924, S. 65; und Hans Richert: Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen Preußens, 8. Auflage Berlin 1931 (zuerst 1924), S. 167.

[14] Vgl. Jochen Huhn: Geschichtsdidaktik in der Weimarer Republik. In: Paul Leidinger u. a. (Hrsg.): Geschichtsunterricht und Geschichtsdidaktik vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Festschrift des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands zum 75jährigen Bestehen. Stuttgart: Ernst Klett 1988, S. 79-98, hier S. 91, 82.

[15] Behringer (wie Anm. 5), S. 104 f., 112, 109.

[16] Ulrich Haacke / Benno Schneider: Geschichtsbuch für die deutsche Jugend. Mittelschulausgabe, Fünftes Heft (Klasse I). Leipzig: Quelle und Meyer 1928, S. 43.

[17] Volk und Führer. Deutsche Geschichte für Schulen. Hrsg. von Dietrich Klagges. Ausgabe für Volksschulen, Klasse 6, 7 u. 8. "So ward das Reich". In Verbindung mit Dietrich Klagge und Fritz Stoll bearb. von Heinrich Blume. Frankfurt/M.: Diesterweg 1943, S. 59.

[18] Behringer: Zur Geschichte (wie Anm. 5), hier: S. 118; zur Inflation der Zahlensuperlative im Dritten Reich vgl.: Victor Klemperer: "LTI". Die unbewältigte Sprache (1946). München 1969, S. 220.

[19] Joachim Rohlfes: Geschichtsunterricht und Geschichtsdidaktik von den 50er bis zu 80er Jahren. In: Leidinger: Festschrift (wie Anm. 14), S. 154-170; hier: S. 156.

[20] Grundzüge der Geschichte (Kurzgefaßte Einheitsausgabe VI), "Vom Hochmittelalter bis zum Zeitalter des Absolutismus. (Bearb.: Hans-Georg Fernis). Frankfurt: Verlag Moritz Diesterweg 1958 (4. Aufl.), S. 156. - Hans Ebeling: Deutsche Geschichte. Braunschweig: Georg Westermann 1956, S. 93.

[21] Will-Erich Peuckert: Die große Wende (1948). Nachdruck: Darmstadt 1966, 1. Bd., S. 121 ff., 142 f. - Zu Peuckert s.a. Behringer: Zur Geschichte (wie Anm. 5), S. 119 f. - Kurt Baschwitz: Hexen und Hexenprozesse. Die Geschichte eines Massenwahns und seiner Bekämpfung. München 1963, S. 472. - Hermann Broch: Massenwahntheorie (1939-43). Frankfurt/M. 1979, S. 390.

[22] Ich habe folgende Bücher durchgesehen: Verlag Schöningh-Schrödel: "Zeiten und Menschen", Ausgabe Sek. II 1970, 1979, 1985, Sek. I 1984; - Verlag Ernst Klett: "Geschichte für die Mittelstufe" 1970; "Grundriß der Geschichte" (Sek. II), 1984; "Geschichte und Geschehen 11", 1990; - Verlag Moritz Diesterweg: "Unsere Geschichte" (Sek. I), 1987; "Geschichtliche Quellenhefte", 1972; - Verlag Hirschgraben: "Fragen an die Geschichte" (Sek. I), 1975; "Dauer und Wandel" (Sek. II), 1985 u. 1990; - Verlag Buchner: Buchners Kolleg Geschichte "Von der attischen Demokratie bis zum aufgeklärten Absolutismus" (Sek. II) 1990; - Verschiedene Ausgaben von Hans Ebeling "Reise in die Vergangenheit" (Verlag Georg Westermann, o.J.)

[23] Rohlfes: Geschichtsunterricht (wie Anm. 19), S. 163 f.

[24] Lesewerke zur Geschichte Bd. 4. Hrsg. von Karl-Heinz Neubig. München: Goldmann TB 1815, o. J., S. 177-183

[25] Heinz-Dieter Schmidt: "Fragen an die Geschichte". Bd. 2, (Mittelalter und Neuzeit, 1975) enthält Kapitel zum Territorialstaat an den Beispielen Württemberg, Münster und Bayern (S. 142 ff.) - Kap. "Frauenemanzipation" in Bd. 3 (Absolutismus bis 1. Weltkrieg, 1977), S. 199. Schmidt hat auch - so weit ich sehe - das erste "Lokalmodell zur Zeitgeschichte", nämlich "Die nationalsozialistische Machtergreifung in einer Kreisstadt" vorgelegt, das in einem Schulbuchverlag erschienen ist (Hirschgraben 1981), Er baut da aus, was in Bd. 4 seiner "Fragen" am Beispiel Reutlingen 1979 zu lesen war.

[26] Auskunft über die DDR-Geschichtsbücher erteilten mir freundlicherweise Ulrich Wiegmann und Christiane Griese vom Deutschen Institut für Internationale pädagogische Forschung, Zweigstelle Berlin (4.11.1994; 30.3.1995). Vgl. Lehrplan Geschichte, Klasse 7, Berlin 1959, S. 14; Lehrplan Geschichte Klasse 6, Berlin 1966/67, S. 67; Unterrichtshilfen Geschichte Klasse 6, Berlin 1967, S. 210. Im Lehrbuch Geschichte Klasse 6, Berlin 1967, S. 151 wird die Gedankenkontrolle durch die "grausame Inquisition" dargestellt.

[27] Judith Jannberg (= Gerlinde Adia Schilcher), zit. bei: Dieter R. Bauer: Die Gegenwart der Hexen. Ein Überblick. In: Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten (wie Anm. 5), S. 161-171; hier: S. 167. - Zit. auch in: Richard van Dülmen (Hrsg.): Hexenwelten. Magie und Imagination vom 16.-20. Jahrhundert. (1987). Fischer TB 1993, S. 432. - Vgl. auch Schock, Hexen heute (wie Anm. 28).

[28] Inge Schock: Hexen heute. Traditioneller Aberglaube und aktuelle Hexenwelle, in: Hexen und Hexenverfolgungen im deutschen Südwesten, Aufsatzband, (wie Anm. 5) S. 282-305; hier: S. 285; vgl. auch die Abt. "Feministische Hexenbezüge" im Katalog der Karlsruher Ausstellung (wie Anm. 5), Bd. 2, S. 250f.

[29] Das "triviale" Bild: Anke Neuzerling: Satansbräute und weise Frauen. Auf den Spuren der Hexen. Hessischer Rundfunk, 2. Programm, 27.3.1995. - Seine Erklärung und Widerlegung: Ingrid Ahrendt-Schulte: Weise Frauen - böse Weiber. Die Geschichte der Hexen in der Frühen Neuzeit. Freiburg 1994, S. 8 f.

[30] Erste Hinweise gaben: Werner Brankmann: Hexenbild und Hexenverfolgung. In: Geschichtsdidaktik 1981/2, S. 175-193. - Journal für Geschichte September 1983, Themenheft: Hexen und Hexenprozesse. - Ausführlich dann: Geschichte: betrifft uns, Heft 3/1987: Hexenwahn in der frühen Neuzeit. - Harm Mögenburg/ Uta Schwarz: Hexen und Ketzer. Der Umgang mit Minderheiten vom Mittelalter bis heute. Frankfurt: Verlag Moritz Diesterweg 1987. Bernhard Böttge: Die Hexen sind wieder da. In: Forum Religion 1988/1, S. 2-15.

[31] Der Katalog der Saarbrücker Ausstellung liegt mittlerweile als Taschenbuch vor, s. Richard van Dülmen, Hexenwelten (wie Anm. 27).

[32] Thomas Hauschild u. a. (Hrsg.): Hexen. Katalog zur Wanderausstellung "Hexen" aus dem Hamburgischen Museum für Völkerkunde. Berlin 1986. - Zur differenzierten Auseinandersetzung mit dieser Position vgl. Dagmar Unverhau: Frauenbewegung und historische Hexenverfolgung. In: Andreas Blauert (Hrsg.): Ketzer, Zauberer, Hexen. Die Anfänge der europäischen Hexenverfolgung. Frankfurt/M. 1990, S. 241-283.

[33] Brigitte Rauer: Hexenwahn - Frauenverfolgung zu Beginn der Neuzeit. Ein Beitrag zur Frauengeschichte im Unterricht. In: Annette Kühn u. a. (Hrsg.): Frauen in der Geschichte, Bd. 2, Düsseldorf 1982, S. 97-123. S. auch die Übersicht über die didaktische Literatur zu diesem Thema bei: Souml;nke Lorenz/H.C. Erik Midelfort: Hexen und Hexenprozesse, ein historischer Überblick, in: Praxis Geschichte, H. 4/1991: Hexen, S. 4-12; hier: S. 12.

[34] Geschichte: betrifft uns (wie Anm. 30), 2. u. 3. Unterrichtsphase. - Verfolgung von Frauen als Hexen. Überarbeitete Neuausgabe: Verlag an der Ruhr 1995. Ab Klasse 6 (Karteien für die Freiarbeit) Aus Stichworten einer Anzeige (Geschichte lernen, H. 44/1995: "Ausrottung heilkundiger Frauen . . . Sexualfeindlichkeit . . . gewaltsame Verdrängung heidnischer Bräuche").

[35] Epochen und Strukturen. Grundzüge einer Universalgeschichte für die Oberstufe. Hrsg. von Immanuel Geiss, Rolf Ballof und Renate Fricke-Finkelnburg, Bd. 1. Frankfurt: Verlag Moritz Diesterweg 1994, S. 299 f.

[36] Helmut Brackert/Hannelore Christ: Die Hexen. Zur Frage ihrer Aktualität für den Literaturunterricht. In: Der Deutschunterricht H. 2/1992, S. 69-84; hier S. 79.

[37] Claude Adrien Helvétius: Vom Menschen (1772). Neuausg. deutsch: Frankfurt 1972, S. 158 (2. Abschnitt, 21. Kap.). - Vgl. bei Bebringer: Zur Geschichte (wie Anm. 5), S. 107f.

[38] Mögenburg/Schwarz (wie Anm. 30) setzen das an den Anfang, S. 48; Birgit Schmidt: Hexenprozesse im 16. und 17. Jahrhundert. Eine regionalgeschichtlich orientierte Untersuchung in der Jahrgangsstufe 12. In: Geschichte, Politik und ihre Didaktik, H. 3/4 1989, S. 251-268 stellt es an den Schluß der Unterrichtsreihe.

[39] Der Rummel um die Satanskinder. In: DIE ZEIT Nr. 8, 18.2.1994. - Vgl. DER SPIEGEL Nr. 52/1986: Den Teufel an die Wand gemalt, bes. S. 154 f. - Vgl. Gerrit Ulmke: Zum Teufel mit dem Teufel. Die Gefahren des Okkultismus und Satanismus. FAZ 8.4. 1989 (Zeitung in der Schule), S. 31 - Vgl. Bericht über den Yggdrasil-Kreis in Frankfurter Rundschau, 29.4.1993.

[40] Die Befragung wurde an der Bert-Brecht-Schule Darmstadt unter 83 Oberstufenschülern der Jahrgangsstufen 11-13 (Kurse in Geschichte und Religion) vom 1.-4.11.1994 durchgeführt. - Die von Emnid durchgeführte SPIEGEL-Umfrage in: Spiegel 38/1994, S. 65-90; hier: S. 90.

[41] Vgl. Bauer, Gegenwart der Hexen (wie Anm. 27), S. 164.

[42] Ulrich Beck: Die Erfindung des Politischen. Frankfurt 1993, S. 45, 100.

[43] Vgl. Jean Delumeau: Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts. (1978) Reinbek 1985, S. 74 ff.

[44] Geschichte: betrifft uns (wie Anm. 30), S. l bzw. Mögenburg/Schwarz (wie Anm. 30), S. 86.

[45] Wege durch die Geschichte - Geschichte 11, Ausgabe Gymnasium Bayern. Berlin: Cornelsen Verlag 1992, S. 216.

[46] Harald Parigger: Ich sterbe als rechter Märtyrer. Der Brief des Bamberger Bürgermeisters Johannes Junius aus dem Hexengefängnis vom 24. Juli 1628 (Bausteine für die Unterrichtspraxis). In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht H. 1/1990, S. 17-32; hier: S. 32.

[47] Bodo von Borries: Erzählte Hexenverfolgung. Über legitime und praktikable Medien für die 5. bis 8. Klasse. In: Geschichte lernen, H. 2/1988, S. 27-49; hier: S. 41.

[48] Vgl. Mögenburg/Schwarz: Hexen und Ketzer (wie Anm. 30); als didaktische Zielvorstellung findet sich der "Umgang mit Minderheiten" auch in mehreren Unterrichtsvorschlägen des Hexen-Themenheftes von Praxis Geschichte (4/1991, wie Anm. 33), z.B. S. 14, 19.

[49] Alle bei Mögenburg/Schwarz (wie Anm. 30) vor allem S. 42 ff. als diskriminierte Gruppen genannt.

[50] Mögenburg/Schwarz (wie Anm. 30), S. 5.

[51] Die von den drei Hessischen Staatsarchiven, unter Federführung des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt, erarbeitete Ausstellung wurde zum Hessentag am 4. Juni 1994 in Groß-Gerau eröffnet und seitdem in vielen hessischen Orten gezeigt. Katalog: Eckhart G. Franz/Thomas Lange: "möchten verbrennet werden". Ausgrenzung und Gewalt gegen Ketzer, Juden, Hexen . . . auch in der hessischen Geschichte. 1994. Hier S. 3 f.

[52] ebd.; vgl. Gerhard Schormann: Der Krieg gegen die Hexen. Göttingen 1991, S. 15 ff.

[53] Thomas Lange (zus. mit Jürgen Rainer Wolf): ". . . die Zauberinnen mögen verbrennet werden." Hexenverfolgungen in Darmstadt und Umgebung am Beginn der Neuzeit. Dokumente 1574-1628. (= Geschichte im Archiv. Darmstädter Archivdokumente für den Geschichtsunterricht 3). Darmstadt: Hessisches Staatsarchiv 1993.

[54] Wolf Lepenies: Für eine Politik der Mentalitäten. Über das Zeitalter der Revisionen und neuen Identitätsfindungen. In: Frankfurter Rundschau, 22.10.1994 (Rede zur Eröffnung des 40. Deutschen Historikertages in Leipzig, September 1994).

[55] Grundsätzlich: Gert Zang: Die unaufhaltsame Annäherung an das Einzelne. Reflexionen über den theoretischen und praktischen Nutzen der Regional- und Alltagsgeschichte. Konstanz 1985. - Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt/M. 1987 (stw 696) - Hans Medick: "Missionare im Ruderboot?" Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte. In: Alf Lüdtke: Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen. Frankfurt/New York 1989, S. 48-84. - Ansätze aus dem Bereich archivpädagogischen Lernens in verschiedenen Beiträgen bei Lange, Geschichte - selbst erforschen (wie Anm. 1).

[56] Behringer: Zur Geschichte (wie Anm. 5), S. 124 f. - Vgl. auch Rainer Walz: Der Hexen wahn im Alltag. Der Umgang mit verdächtigen Frauen. In: GWU 3/1992, S. 157-168. - Musterhaft - und spannend - hat das Wolfgang Behringer durchgeführt: Chonrad Stoeckhlin und die Nachtschar. Eine Geschichte aus der frühen Neuzeit. München (Sammlung Piper) 1994.

[57] Regionalgeschichtlich gehen auch viele Beiträge in dem Themenheft "Hexen" von Praxis Geschichte (wie Anm. 33) vor (Fälle aus Esslingen, Nördlingen, Verden, Thüringen); vgl. außerdem: Schmidt: Hexenprozesse (wie Anm. 38), bei der Büdingen im Zentrum steht. - Ralf Flagmeier: Hexenprozesse in der frühen Neuzeit. In: Geschichte lernen H. 22/1991, S. 52-59 (Buren bei Paderborn). - Vgl. Klaus Bergmann: Multiperspektivität. In: ders./Annette Kuhn/Jörn Rüsen/Gerhard Schneider (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik Düsseldorf 1985, S. 271-274.

[58] vgl. Behringer: Zur Geschichte (wie Anm. 5), S. 126 f.

[59] Alfred Grosser: Verbrechen und Erinnerung. Der Genozid im Gedächtnis der Völker. München: dtv 1993, S. 264 ff.

[60] Lange/ Wolf (wie Anm. 53), Dok. 1 b-g. - Eine vollständige, kommentierte Edition liegt jetzt vor: Thomas Lange/Jürgen Rainer Wolf: Hexenverfolgung in Hessen-Darmstadt zur Zeit Georgs I. Mit einer Edition des Briefwechsel zwischen Landgraf Georg I. und Wilhelm IV. über Hexereifälle im Jahre 1582. In: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde N. F., 52/1994, S. 139-198.

[61] Alle Zitate aus Dok. 1 b, c, d, g bei Lange /Wolf: Hexenverfolgungen (wie Anm. 53).

[62] Bei Lange/Wolf: Hexenverfolgungen (wie Anm. 53), Dok. 2 a.

[63] Bei Lange/Wolf: Hexenverfolgungen (wie Anm. 53), Dok. 5 a. - Zur Rolle solcher Konfliktsituationen vgl. den Begriff der "choiceless choices" aus dem US-amerikanischen Konzept von "Facing History and Ourselves - Holocaust and Human Behavior". Resource Book, Brookline, Massachussetts 1994, S. 351 ff.

[64] Ich danke für die Überlassung der Schülermaterialien meiner Kollegin Sabina Mogareh-Abed, die ein derartiges Projekt im Rahmen ihres zweiten Staatsexamens durchführte: Antisemitismus und Eugenik. Von der Ideologie zur Menschenvernichtung. Eine Unterrichtseinheit in Klasse 10 (Pädagogische Prüfungsarbeit am Studienseminar Darmstadt für das Lehramt an Gymnasien), August 1993. Das engagierte Spiel der Schüler wurde auch in einer Video-Aufzeichnung dieser Hexen-Sequenz deutlich.

 

Empfohlene Zitierweise

Lange, Thomas: Hexenverfolgung als Unterrichtsthema. Ein regionalgeschichtlicher Stoff im Wandel von kulturgeschichtlicher Aufklärung zum ethnologischen Lernen, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zyv/

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Erstellt: 17.01.2006

Zuletzt geändert: 19.05.2006


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