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Johann Philipp von Vorburg

 

(*Solothurn 15.8.1596 – †Frankfurt/Main 16.5.1660)

Mainzer Geheimer Rat und Amtmann, Reichsdeputierter im Fürstenkolleg.

Unterzeichner des Rheinbundvertrags für Mainz.

 

Johann Philipp Vorburg stammt aus einer seit dem 14. Jahrhundert in den Quellen nachweisbaren Familie, die sich ursprünglich Uli (Oulli, Ulin) nannte und in Vorbourg bei Delsberg (Delémont) im Schweizer Kanton Jura ansässig war. Seit dem 15. Jahrhundert standen Mitglieder dieses im 16. Jahrhundert geadelten Geschlechts als Ministerialen im Dienste der Baseler Bischöfe, bekleideten ansehnliche öffentliche Ämter und besaßen Pfründe bei den Stiften Moutier-Grandval (Münster-Granfelden) und Saint Ursanne (Sankt Ursitz).

Johann Philipp war der zweite Sohn des Rats und Miltenberger Statthalters Johann Konrad von Vorburg sowie dessen Frau Anna Ifflinger von Graneck zu Delsberg. Sein Bruder Wolfgang Sigismund war Kapitular, später Dekan zu St. Peter und Alexander in Aschaffenburg, der Zweitresidenz der Mainzer Erzbischöfe. Dort, in der weiteren Umgebung, lebten auch drei seiner Schwestern als Ordensfrauen.

Seine schulische Ausbildung erhielt Johann Philipp möglicherweise in Speyer und Mainz, wohin sein Vater berufen war. Zwischen 1612 und 1615 studierte er am Collegium Germanicum in Rom Philosophie und wurde während dieser Zeit (1613) in das Kollegiatsstift von Münster-Granfelden aufgenommen. Nach einer Studienreise durch Europa kehrte er 1617 zurück und begann sich intensiv mit historischen und rechtlichen Themen auseinander zu setzen. Ab 1621 stand er als Soldat in einem deutschen Regiment im Sold des französischen Königs. 1623 folgen Reisen nach Regensburg, wo er die Übertragung der pfälzischen Kur auf Maximilian von Bayern erlebte, und nach Mainz, wo ihm als Nachfolger seines verstorbenen Vaters die Stelle eines kurfürstlichen Rats angeboten wurde. Er lehnte das Angebot ab, weil er am 26. Juli 1623 zum Probst von Münster-Granfelden ernannt wurde. Als Probst wandte er sich in Delsberg wieder historischen Studien zu, bis er 1627 erneut nach Rom aufbrach.

Ab 1628 stand Vorburg dann als Rat im Dienst der Fürstbischöfe von Würzburg, wo er schon bald am früheren Stephanstor einen Hof erwarb. Sein Dienstherr war zunächst Philipp Adolf von Ehrenberg (Bf. 1623-1631), später Franz von Hatzfeld (Bf. 1631-1642) und schließlich Johann Philipp von Schönborn (Bf. 1642-1673). Letzteren kannte er nach einem Selbstzeugnis aus dem Jahr 1642 bereits aus seiner Schul- bzw. Studienzeit in Mainz und Würzburg: „…Ego credo me ipsum novisse a viginti et ultra annis, fuimus in studiis in eadem accademia, sed non in eadem classe Moguntia et Herbapoli.“ (Jürgensmeier S. 16.) Trotz seines Amtes als bischöflicher Rat in Würzburg übernahm er bis 1648 weiterhin diplomatische Aufträge von den Baseler Bischöfen. Als 1631 die Schweden Würzburg besetzten, ging Vorbug erneut nach Delsberg und kehrte 1635 in die fränkische Bischofsstadt zurück. Im gleichen Jahr erwarb er Besitz in Karlstadt. Gemeinsam mit dem Bamberger Dompropst Melchior Otto Voit von Salzburg, dem späteren Bischof von Bamberg, vermittelte er 1636 im Auftrag seines Dienstherren zwischen Wilhelm V. von Hessen-Kassel und dem Kaiser, um ersteren zur Annahme des Prager Friedens zu bewegen. Aus Dank für die geleisteten Dienste übertrug Bischof Franz von Hatzfeld am 31. Mai 1638 mit Zustimmung des Würzburger Domkapitels seinem Geheimen Rat und dessen minderjährigen Neffen Franz Johann Wolfgang die heimgefallenen Lehen des Johann Rüdt von Collenberg zu Bödigheim (vgl. Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein, Ni 25 Bü 2).

1640/41 nahm Vorburg am Regensburger Reichstag teil und 1643 wie auch 1645 an der Frankfurter Deputation. Vor allem bei letzterer konnte er als Würzburger Gesandter sein diplomatisches und politisches Geschick unter Beweis stellen. Ursprünglich sollte sich die Frankfurter Deputation lediglich mit Justizfragen beschäftigen, beriet aber auf Drängen der Stände dann auch über einen Friedensschluss. Dabei kam es von Seiten der Abgeordneten, unter denen sich Vorberg befand, zu heftiger Opposition gegen die kaiserliche Politik. Die Würzburger Seite beharrte dabei erfolgreich auf vollem Sitz- und Stimmrecht der Fürsten beim Friedenskongress, wenngleich es gemäß der Reichsverfassung dem Kaiser zustand, das Reich nach außen hin zu vertreten. In Frankfurt erwarb sich Vorburg auch den Ruf eines Vermittlers zwischen den Konfessionen. Weniger günstig verlief hingegen seine Münchner Mission im Frühjahr 1645, bei der er gemeinsam mit Bayern die Möglichkeiten eines Separatfriedens mit Frankreich sondierte, um eine drohende französisch-schwedische Invasion abzuwenden. Bei den Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück vertrat Vorburg neben seinem Dienstherrn Johann Philipp von Schönborn, der 1647 zum Erzbischof von Mainz gewählt worden war, auch den Basler Fürstbischof Beat Albrecht von Ramstein (Bf. 1646-1651) und nahm dort eine bedeutende Vermittlerrolle ein. Ferner wurden ihm in der Folgezeit vom Mainzer Erzbischof weitere wichtige Missionen anvertraut: So war er Gesandter auf dem Nürnberger Exekutionstag, verhandelte 1651/ 1652 in Frankfurt über den Abzug der noch verbliebenen Besatzungstruppen und nahm 1653/1654 als Mainzer Delegierter am Regensburger Reichstag teil. 1657/58 war er gemeinsam mit Johann Christian von Boineburg, mit dem ihn eine Freundschaft verband, in Frankfurt an den Verhandlungen zur Kaiserwahl und zum Rheinbund teil. So trägt das Vertragsinstrument vom 14. August 1658 auch seine Unterschrift. Noch 1660, dem Jahr seines Todes, nahm er als Abgeordneter beim Reichsdeputationstag teil.

Neben seiner diplomatischen Tätigkeit betrieb Vorburg weiterhin intensiv rechtswissenschaftliche und historische Studien. 1640 publizierte er bei Nicolaus Bencardus in Frankfurt seine 729 Seiten umfassende „Encyclopædia Juris Publici, privatique, Civilis, Criminalis, Fevdalis, præsertim ad præsentem S. Rom. Imperij Statum directi, & multis quæstionibus ex Iure Canonico aucti […]“. Es handelt sich dabei um eine Art Sachindex zu der 188 Werke umfassenden Basler Disputationensammlung, deren Inhalt überwiegend – wie Vorburg sich entschuldigte – von häretischen Autoren stammt und in sieben Bänden zwischen 1614 und 1626 veröffentlicht wurde. Beeindruckend ist auch seine unvollendete monumentale Historia Romano-Germanica, von der 12 Bände zwischen 1645 und 1660 bei verschiedenen Verlegern in Frankfurt (Weiß, Spörlin, Kempfer, Kuchenbecker, Polich), Würzburg (Bencard) und Hannover (Aubry) erschienen. Vergeblich setzte sich Johann Christian von Boineburg bei Hermann Conring (1606-1681) und Johann Heinrich Boecler (1611-1672) für die Fortsetzung des Werks ein, das wegen Vorburgs Tod nur bis zum Jahr 877 gediehen war.

Vorburg, der über eine Bibliothek mit einer Vielzahl von Lokalgeschichten einzelner Territorien und Städte sowie genealogischen Werken und biographischen Schriften zu einzelnen Persönlichkeiten verfügte, war ein überaus gelehrter Mann, der offenbar wenig Berührungsängste kannte, auch nicht in Hinblick auf sogenannte häretische Meinungen. Das belegten seine Beschäftigung mit den Baseler Disputationen ebenso wie seine Bemühungen um Aussöhnung der Konfessionen. Als Rat Johann Philipps von Schönborn vertrat der geschickte Diplomat über weite Strecken eine antikaiserliche Politik, die allerdings weniger gegen den Kaiser als Repräsentant des Reiches gerichtet waren, als vielmehr gegen die habsburgischen Großmachtinteressen, für die Wien bereit war, die Reichsinteressen hinten an zu stellen und den Frieden aufs Spiel zu setzen.

Verfasser: Peter Seelmann 

 

Literatur:

Jöcher, Christian Gottlieb: Allgemeines GelehrtenLexikon, Bd. 4, Leipzig 1751, Sp. 1709-1710.

Schenk, Adolf: Vorbourg, in: Historisches-Biographisches Lexikon der Schweiz, Bd. 7, Hg.: Allgemeine Geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz unter der Leitung von Heinrich Türler (gest.), Victor Attinger (gest.) und Marcel Godet, Neuenburg 1934, S. 299.

Stadtarchiv Mainz, Nachlass Gottfried Schnarrenberger (Zugang 1963): Genealogische Daten zu Beamtenfamilien aus Kurmainz und benachtbarten Territorien, Bd. 10., S. 10. [nicht publiziert]

Dietz, Heinrich: Johann Philipp von Vorburg als Schrittmacher würzburgischer Friedenspolitik, in: Die Mainlande 20 (1969).

Jürgensmeier, Friedhelm: Johann Philipp von Schönborn (1605-1673) und die römische Kurie. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte des 17. Jahrhundert, (= Quellen und Abhandlungen zur Mittelrheinischen Kirchengeschichte 28) Mainz 1977, S. 16.

Kundert, Werner: Zur Forschungsarbeit an alten juristischen Dissertationen: Basler Disputationen des usus modernus über die laesio enormis, in: Aspekte europäischer Rechtsgeschichte. Festgabe für Helmut Coing zum 70. Geburtstag, Hg.: Bergfeld, Christoph u.a. (= Jus commune – Sonderhefte 17), Frankfurt 1982.

Weiß, Dieter J. (Bearb.): Die Bischofsreihe von 1522 bis 1693, (= Germania sacra ; N.F., 38,1: Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz), Berlin 2000.

Paasch, Kathrin: Die Bibliothek des Johann Christian von Boineburg (1622-1672) Ein Beitrag zur Bibliotheksgeschichte des Polyhistorismus (Diss. Berlin 2003), Berlin 2005.

Empfohlene Zitierweise

Peter Seelmann: Johann Philipp von Vorburg. Aus: Der Erste Rheinbund (1658), in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7z79/

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Erstellt: 30.07.2008

Zuletzt geändert: 27.08.2008


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