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Hexenverfolgung in der Grafschaft (Fürstentum) Fürstenberg

Kazuo Muta

20. November 2007

Die in Südwestdeutschland im heutigen Bundesland Baden-Württemberg gelegenen gräflich-fürstenbergischen Territorien umfassten im 16. und 17. Jahrhundert die Landgrafschaft Baar, die Herrschaft Kinzigtal, die Landgrafschaft Heiligenberg, die Landgrafschaft Stühlingen und die Herrschaft Meßkirch. Das Land, das durch häufige Erbteilungen auf mehrere Linien verteilt war, wurde stark dezentralisiert verwaltet. Zumeist in kaiserlichen Diensten stehend, residierten die Grafen nicht dauernd in ihren Territorien, sondern überließen sie weitgehend ihren Oberamtleuten. Häufige Herrscherwechsel, Vormundschaften für minderjährige Grafen sowie Wechsel in der territorialen Zugehörigkeit der einzelnen Landesteile zu den verschiedenen Linien des Hauses Fürstenberg behinderten eine geregelte Verwaltung zusätzlich. Konfessionell bemühten sich die Grafen zwar um einen einheitlichen katholischen Glauben in ihrem Territorium, aber die Praxis war milde. 1664 wurde die Linie Heiligenberg, 1716 das ganze Haus in den Reichsfürstenstand erhoben.

1. Quellenlage

Die Akten aller Behörden und fürstenbergischen Ämter sind im fürstlich-fürstenbergischen Archiv in Donaueschingen gelagert. Der größte Teil der Quellen zu den Kriminalsachen in der Abteilung „Criminalia“ wurde jedoch im 19. Jahrhundert vernichtet. Das Hofgericht, das spätestens in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden war, war außer bei Gnadenangelegenheiten für Strafsachen nicht zuständig. Kein Protokoll für Malefizsachen ist damit letztlich in den Beständen der zentralen Behörden überliefert. In der Abteilung „Jurisdictionalia“ gibt es nur noch die Akten zu einem Prozess im Jahr 1606. Das „Blutbuch“, in dem derjenige eingetragen wurde, der zu einer peinlichen Strafe verurteilt worden war, aber durch Fürbitte zu einer Geldstrafe begnadigt wurde, ist lediglich für das 15. Jahrhundert erhalten und enthält keinen Hexenprozess. Demgegenüber stehen der Hexenforschung Rechnungen zur Verfügung, in denen das konfiszierte Vermögen verzeichnet ist.

Auch aus anderen Archiven ist bislang nicht viel Material bekannt, das die Donaueschinger Verluste wenigstens etwas ausgleichen könnte: Im Generallandesarchiv Karlsruhe ist nur ein einzelner Fall in Neudingen aus dem Jahr 1682 zu finden. Im Universitätsarchiv Tübingen sind zwei Gutachten zu fürstenbergischen Hexenprozessen überliefert (1676 Meßkirch, 1682 Neudingen). An gedruckten Quellen gibt es eine zweibändige Quellensammlung für 1510 bis 1617 aus dem 19. Jahrhundert (Baumann), in der vereinzelte Berichte über Hexenprozesse zu finden sind.

Angesichts einer so schlechten Quellenlage ist es nicht möglich, die Hexenverfolgung in den fürstenbergischen Territorien insgesamt zu rekonstruieren. Exakte Opferzahlen sind nicht feststellbar. Für die Ämter Hüfingen sowie Löffingen in der Baar sind allerdings beträchtliche Aktenbestände vorhanden. Die Möglichkeit, die Vorgänge der fürstenbergischen Hexenverfolgung einigermaßen sinnvoll zu beschreiben, beschränkt sich weitgehend auf diese beiden Ämter. Und selbst diese Überlieferung hat ihre Grenzen, denn die Vernehmungen wurden anhand von Interrogatoria durchgeführt. Die dadurch standardisierten Verhörprotokolle und Urgichten, die den Hauptbestandteil der Akten bilden, lassen kaum Rückschlüsse auf die sozialen Hintergründe zu.

2. Nachrichten über Hexenverfolgungen in der Grafschaft Fürstenberg

Im Kinzigtal wurden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mehr als sechs Personen wegen Hexerei hingerichtet. 1590 wies Graf Albrecht die Kinzigtaler Beamten zur Ausrottung der Hexen an; 1598 berichtete Oberamtmann Johann Branz dem Grafen über das Hexereilaster. 1599 wurden einige Frauen in Wolfach hingerichtet. 1601 forderte Graf Friedrich III. die Kinzigtaler Beamten abermals zur Hexenverfolgung auf. Im Amt Wolfach sind für die Jahre 1640/41 fünf Hinrichtungen überliefert.

Auch für den Baarer Raum sind vor den 1630er-Jahren nur einzelne Fälle bekannt. Der früheste Hexenprozess soll hier nach der Literatur im Jahr 1485 sattgefunden haben: Ein Angeklagter sei nach bestandener Feuerprobe gegen Urfehde freigelassen worden. Die früheste überlieferte Urfehde wegen Hexerei stammt aus dem Jahre 1565. Bis 1682 sind sporadisch weitere Hexenprozesse und Hexereiverdächtigungen zu finden. 1613 wurden in Hausen wahrscheinlich mindestens sieben Hexen hingerichtet. Der vermutlich letzte Hexenprozess in der Baar endete 1682 mit einer Freilassung.

Aus Stühlingen und Meßkirch sind immerhin Hexerei- oder Zaubereiverdächtigungen überliefert.

Die Urteile wurden jeweils durch das zuständige Malefizgericht verkündet, das in Bezug auf das Personal mit dem Landgericht identisch sein konnte. Die praktische Vernehmung wurde aber von einigen Beamten inquisitorisch geführt, deren Entscheidungen schließlich den Ausschlag gaben. Die anschließende „Besiebnung“ durch sieben ehrbare Bürger und das Verfahren vor dem Malefizgericht hatten demgegenüber nur noch formale Bedeutung.

Eine eigene Gesetzgebung zur Hexerei ist für die Grafschaft Fürstenberg nicht bekannt. Als Richtlinie nahm man unmittelbar auf die Artikel der Carolina Bezug, obwohl sie praktisch nicht beachtet wurden. Es gibt auch keinerlei Spuren einer Debatte über das Hexereidelikt in der Grafschaft.

3. Kettenprozesse in Hüfingen und Löffingen

Die intensivsten der Verfolgungen in den fürstenbergischen Territorien stellten nach unserem Wissensstand die Hexenprozesse von 1631/32 in Hüfingen und 1635/36 in Löffingen dar. In Hüfingen wurde gegen insgesamt neun Personen inquiriert, von denen mindestens acht hingerichtet wurden. In Löffingen fanden insgesamt 31 Personen den Tod. Dazu kamen zwei Fälle von geglückter Flucht und einem Selbstmord im Gefängnis.

1631/32 wurden mehrere Frauen in Hüfingen verhaftet und gefoltert. Aus ihren Geständnissen heraus gerieten zwei bedeutende Vertreter der lokalen Oberschicht, der Stadtverweser Mathias Tinctorius und die adelige Witwe Sabina von Schellenberg, in die Prozesswelle. Tinctorius wurde hingerichtet, Sabina von Schellenberg entkam der Folter durch Flucht. Die Hüfinger Hexenverfolgung drehte sich wohl eindeutig um Tinctorius, der wegen seiner Treue gegenüber der Landesherrschaft von der lokalen Elite gehasst wurde. Die Prozesse begannen bereits mit Giftmischereivorwürfen gegen seine Frau, und die Verhörenden erpressten im Folgenden von den anderen Angeklagten mehrfach seinen Namen. Die Gutachten der Universitäten waren im Fall der Sabina von Schellenberg gespalten: Freiburg stimmte der Folter nicht zu, Ingolstadt erlaubte sie.

Nachdem zwei in Hüfingen als Hexen angeklagte Frauen angegeben hatten, dass sie zwei Bräunlinger Frauen beim Hexentanz gesehen hätten, begann 1635 auch in der habsburgischen Stadt Bräunlingen die Hexenverfolgung. Die gefolterten Angeklagten gaben nacheinander ihre Bekannten als Mithexen an. In Bräunlingen wurde gegen insgesamt 14 Personen inquiriert, mindestens fünf Frauen und ein Mann wurden hingerichtet. Zu ihnen gehörte die Witwe eines Ratsherrn, die aus dem fürstenbergischen Löffingen stammte. Die Frau gab nun zwei andere Löffinger Frauen als ihre Komplizinnen an. Diese Information wurde von Hans Ulrich von Ramschwag, dem Oberschultheiß zu Bräunlingen, an das Löffinger Amt weitergeleitet. Die Verflechtungen der Verfolgungen auf verschiedenen Ebenen werden dabei besonders deutlich: Ramschwag war bereits einer der drei Verhörrichter in den Hüfinger Prozessen gewesen!

Seit November 1635 wurden in Löffingen über 31 Personen, darunter 28 Frauen, nacheinander verhaftet. Fast alle Personen wurden schnell (zwei Drittel innerhalb eines Monats zwischen Verhaftung und Exekution) zum Tod verurteilt und hingerichtet. Eine Frau unter den Opfern gestand dabei, dass sie mit dem Löffinger Stabhalter Mathias Glunk Unzucht begangen habe. Glunk war am Anfang der Prozesswelle als Stabhalter am Malefizgericht beteiligt gewesen, wurde aber nun rasch als Hexenmeister angeklagt und 1636 wegen Hexerei und Homosexualität als das letzte Opfer hingerichtet.

Die Skala der sozialen Schichten, aus denen die Opfer stammten, scheint breit gewesen zu sein; ihre Vermögensverhältnisse unterschieden sich stark. Neben Glunk fiel aus der Elite auch der Schultheiß zu Löffingen den Verfolgungen zum Opfer, endete allerdings durch Selbstmord. Bei den anderen ist aus den Quellen heraus oft nicht einfach festzustellen, welche Berufe die Männer der hingerichteten Frauen hatten, sie gehörten jedoch ganz sicher nicht zu sozialen Randgruppen. Das Alter der Opfer ist meistens nicht bekannt, Abweichungen von der sexuellen Norm konnten aber eine Rolle spielen.

Die Befragung war durch die Interrogatoria fest vorgegeben. Als Foltermittel wurden meistens das Aufziehen, viel seltener der spanische Stiefel oder das Strecken angewendet. Exorzistische Elemente scheint es in den Verhören nicht gegeben zu haben.

Fast alle Angeklagten wurden mit denjenigen Hexen, die schon ein Geständnis abgelegt hatten, „konfrontiert“, aber mit der Ausnahme des Prozesses von Sabina von Schellenberg lud man keine dritte Person als Zeuge vor.

In den Geständnissen sind nach dämonologischem Muster das erste Auftreten des Teufels, der von ihm gespendete Trost, Geldgeschenke, die sich nachher in Unbrauchbares verwandeln, Teufelsbuhlschaft, Verleugnung Gottes, die Teilnahme am Hexensabbat und der Schadenzauber beschrieben. Kleidung und Aussehen des Teufels und der Mitspielerinnen auf dem Hexensabbat, was sie gegessen hatten, wer wo und neben wem gesessen und mit wem getanzt hatte, wann das Fest angefangen und wann beendet worden war, findet sich in den Geständnissen akribisch notiert. Die Ordnung des Hexensabbats spiegelte dabei das Alltagsleben wider: Orgiastische oder übernatürliche Momente sind in den Aussagen wenig zu finden. Auch der Buhlteufel ist so menschennah, dass er sich über eine untreue Geliebte eifersüchtig ärgern kann. Der Teufel trägt als Namen zum Beispiel Hölderlin, Federlin, Wölfflin, Gräßlin, Peterle und ist oft schwarz gekleidet. Beim Schadenzauber stehen der Wetterzauber und Angriffe auf Tiere im Vordergrund.

Die sozialen Konflikte innerhalb der Ortseliten, die bei Tinctorius wie bei Glunk nachweisbar sind, mögen hinter deren Prozessen gestanden haben, jedoch bleiben die genaueren Hintergründe der Verdachtsgenese für alle Opfer sehr unklar. Im fürstenbergischen Amt Löffingen gab es wahrscheinlich keinen offenen Verfolgungsdruck von den Untertanen auf die Obrigkeit, jedenfalls findet sich keine Supplikation seitens der Gemeinde in den Akten.

4. Beamte und Rechtsgelehrte

Einige der beteiligten Juristen waren eindeutig Verfolgungsbefürworter. So riet der Rottweiler Syndikus Johann Werlin, der Sabina von Schellenberg im Namen des Grafen ohne Folter verhörte, zu harten Maßnahmen gegen die in Hüfingen angeklagten Frauen. Er vertrat die Meinung, dass die Hexen zum Tode verurteilt werden sollten, auch wenn sie keinen Schaden gegen Menschen und Vieh angerichtet hätten. Dabei versuchte er diejenigen Juristen zu widerlegen, die nach dem Wortlaut des Artikels 109 der Carolina Zauberei ohne Schadenstiftung nicht bestrafen wollten.

In diesem Zusammenhang waren auch die Manipulationsversuche durch Juristen bemerkenswert. Der Jurist Erasmus Pascha, der früher ein fürstenbergisches Amt bekleidet hatte, riet in seinem Gutachten zu den Hüfinger Prozessen den fürstenbergischen Beamten ganz direkt, den Verwandten der Sabina von Schellenberg, die zur Verteidigung Einsichtnahme in die Gerichtsprotokolle forderten, wegen Unklarheiten und Widersprüchlichkeiten in den Protokollen nicht alles, sondern nur einen selektiven Teil zu zeigen. Der Doktor beider Rechte Adolf Hammar versuchte im Fall Glunk mit lügnerischen Verhörmethoden ein Geständnis vom Angeklagten zu erpressen.

Es ist nicht zu übersehen, dass es unter den Beamten auf lokaler Ebene offensichtlich enge Kontakte und Kommunikationsnetzwerke gab, die die Herrschaftsgrenze überschritten und autonom wirkten. Die an den Verhören in einer der oben genannten drei Städte beteiligten Personen bekleideten nachfolgend immer auch ein Amt in einer anderen Stadt. Das Beispiel Ramschwag wurde bereits genannt. Zu erwähnen wäre auch der Oberamtmann zu Staufen, Michael Klingelin, bei dem man in den Bräunlinger Hexenprozessen Rat suchte, der aber auch in den Verhörverfahren in Löffingen oft anwesend war, während dort kein Gutachten einer Juristenfakultät eingeholt wurde. Sogar Mathias Glunk selbst scheint über die Bräunlinger Prozesse sehr gut informiert gewesen zu sein.

Literatur

Ronald Asch, Verwaltung und Beamtentum. Die gräflich fürstenbergischen Territorien vom Ausgang des Mittelalters bis zum schwedischen Krieg 1490–1632, Stuttgart 1986.

Eugen Balzer, Die Bräunlinger Hexenprozesse, in: Alemannia 3. F. 2 (1910), S. 1f.

Franz Ludwig Baumann (Bearb.), Mitteilungen aus dem Fürstlich Fürstenbergischen Archive. Quellen zur Geschichte des F. Hauses Fürstenberg und seines ehedem reichsunmittelbaren Gebietes 1560–1617, 2 Bde., Tübingen 1894–1902.

Eveline Dargel, „Ihr leib und seel den höllischen Geistern übergeben“. Hexenprozesse im Blumberger Schloß, in: Joachim Sturm (Hg.), Die Geschichte der Stadt Blumberg, Blumberg 1995, S. 88–92.

Franz Disch, Chronik der Stadt Wolfach, Wolfach 1920.

Wilhelm Franck, Der Hexenprozeß gegen den Fürstenbergischen Registrator Obervogteiverweser und Notar Mathias Tinctorius und Consorten zu Hüfingen. Ein Sittenbild aus den 1630er Jahren, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Beförderung der Geschichts-, Allterthums- und Volkskunde von Freiburg, dem Breisgau und den angrenzenden Landschaften 2 (1872), S. 1–42.

Heinrich Schreiber, Hexenprozesse in Freiburg im Breisgau, Offenburg in der Ortenau und Bräunlingen auf dem Schwarzwalde, Sonderdruck aus dem Adresskalender für die Stadt Freiburg 1836, Freiburg im Breisgau 1836.

August Vetter, Hüfingen. Das einstige Brigobanne, bedeutende alemannische Siedlung, ehemahliger Herrschaftssitz, fürstenbergische Oberamts- und badische Amtsstadt, die Künstlerstadt im Herzen der Baar, Hüfingen 1984.

Empfohlene Zitierweise

Muta, Kazuo: Fürstenberg, Grafschaft. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zpm/

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Erstellt: 20.11.2007

Zuletzt geändert: 27.11.2007


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