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Klagspiegel – Crimen magiae

Andreas Deutsch

1. Oktober 2007

Der um 1436 entstandene „Klagspiegel“ ist das älteste Rechtsbuch, in dem römisch-rechtliche Inhalte in deutscher Sprache erläutert werden. Das rund 270 Seiten starke Werk enthält Zivil- und Strafrecht. Die Ausführungen zum „crimen magiae“ können als wichtige Vorlage für spätere Rechtstexte, namentlich die Zaubereibestimmungen der Constitutio Criminalis Carolina von 1532, gelten.

1. Allgemeine Bedeutung des Klagspiegels

Der Klagspiegel gilt als das „älteste und umfassendste Compendium des Römischen Rechts in deutscher Sprache“ (Stintzing 1867, S. 405). Auf allgemeinverständliche Weise erläuterte das Rechtsbuch vor allem den gar nicht oder nur halbstudierten Laien, die im 15. und frühen 16. Jahrhundert noch die Masse der vor Gericht Aktiven ausmachte, wie das an den Universitäten (in Latein) gelehrte und aus Italien mehr und mehr rezipierte römische Recht funktionierte. Der Klagspiegel gilt daher als einer der wichtigsten Wegbereiter der praktischen Rezeption des römischen Rechts in Deutschland. „Vielleicht hat kein Werk an der allgemeinen (populären) Verbreitung der römischen Rechtskenntnis und dadurch an der Umbildung des ganzen Rechtslebens einen größeren Anteil gehabt“ (Zoepfl 1858, S. 181).

2. Entstehung und Verbreitung des Klagspiegels

Nach neueren Untersuchungen kann als gesichert gelten, dass der Klagspiegel bereits um 1436 durch den Schwäbisch Haller Stadtschreiber Conrad Heyden verfasst wurde. Heyden hatte ab 1403 in Erfurt studiert, um dann nach einer entsprechenden Ausbildung 1413 zum Stadtschreiber der damals blühenden Reichsstadt aufzusteigen. Als solcher war er politischer wie juristischer Berater der Stadtregierung, Gerichtsschreiber des obersten Stadtgerichts sowie Repräsentant in allen auswärtigen Angelegenheiten. Zudem kam ihm auch die Redaktion von Gesetzen und sonstigen Rechtstexten zu. Nachdem er 1436 aus politischen Gründen aus seinem Amt entlassen worden war, hatte er die Zeit, das Rechtsbuch zu verfassen.

Die private Rechtsaufzeichnung fand zunächst handschriftliche Verbreitung, wurde aber schon um 1475 erstmals gedruckt, weitere vier Auflagen folgten bis 1500. Den prägnanten Namen „Klagspiegel“ erhielt das Werk jedoch erst mit der von Sebastian Brant herausgegebenen (inhaltlich unveränderten) Neuausgabe von 1516, in deren Folge sich das Rechtsbuch zum wahren Bestseller entwickelte. Zusammen mit dem Laienspiegel des Ulrich Tengler (1509) prägte er die „populäre Rechtsliteratur“ des gesamten 16. Jahrhunderts. Aber auch im 17. Jahrhundert wurde der Klagspiegel noch mehrfach neu aufgelegt.

Der Klagspiegel diente zudem als Vorlage für zahlreiche bedeutende Rechtstexte, namentlich der Wormser Reformation (1498), der Constitutio Criminalis Bambergensis (1507) und damit indirekt auch der Constitutio Criminalis Carolina (1532), sowie Tenglers Laienspiegel, Goblers Rechtenspiegel, Rauchdorns Practica und weitere.

3. Inhalt des Klagspiegels – Inquisitionsverfahren

Der Inhalt des Klagspiegels baut weniger auf dem (römischen) Corpus iuris civilis Kaiser Justinians direkt auf, als vielmehr auf dessen Bearbeitungen, namentlich der italienischen Glossatoren. Wichtigste Vorbilder für Heyden waren die Werke von Azo, Roffredus, Martinus de Fano, Gandinus und Durantis. Während das „Erste Traktat“ in 178 Titeln Zivil- und Zivilprozessrecht behandelt, finden sich im schlankeren „Ander Teil“ 59 Titel zu Strafrecht und Strafprozess. Anders als in den älteren deutschrechtlich geprägten Rechtsbüchern wird das allgemeine Strafrecht bereits von modernen Instituten wie Vorsatz, Fahrlässigkeit und Versuchstatbestand geprägt. Die Definition der Notwehr gilt ebenso als wegbereitend für das spätere Strafrecht wie beispielsweise die Ausführungen zur Schuldunfähigkeit von Kindern und Geisteskranken. Wie hundert Jahre später die Carolina kennt auch der Klagspiegel neben dem mittelalterlichen Anklageprozess, bei dem die Opferseite gegen den Täter vor Gericht ziehen musste, bereits das (für diese Zeit sehr fortschrittliche) Inquisitionsverfahren, bei dem das Gericht bei schweren Straftaten von Amts wegen aktiv werden musste, damit keine Tat unbestraft bliebe. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die christlich-naturrechtliche Begründung allen Rechts, die menschenunwürdigem Verhalten von vorneherein einen Riegel vorschieben sollte. Als Konsequenz hieraus fordert der Klagspiegel eine besonders lückenlose Beweisführung im Strafprozess, kombiniert mit dem (später über lange Zeit vergessenen) Rechtsgedanken des „in dubio pro reo“. Auch die Idee des „ne bis in idem“, „es sol[l] nyemant zwyfach gestrafft werden“ (etwa Titel 16 AT) sowie das Prinzip des rechtlichen Gehörs werden vehement eingefordert.

Da für den Inquisitionsprozess typisch, wird die Folter im Klagspiegel zugelassen, jedoch an strenge Voraussetzungen geknüpft, denn sie sei „ein fe[h]lend sorgfeltig ding/ und betreügt die wa[h]rheit“ (Titel 52 AT): Nicht jeder darf gefoltert werden; mehrere klare Indizien sind notwendig (wozu Aussagen anderer Gefolterter nicht zählen). Der Tortur muss eine Territion vorausgehen. Suggestivfragen sind verboten. Wer sein Foltergeständnis am nächsten Tag widerruft, darf deshalb nicht erneut gefoltert werden. Aussagen aufgrund rechtswidriger Folter dürfen nicht verwertet werden.

4. Zaubereibestimmungen

Der Tatbestand des „crimen magiae“ (Schadenzaubers) weicht im Klagspiegel deutlich von der spätmittelalterlichen Tradition ab, die unter „Hexerei“ als „crimen mixti fori“ Zauberei, Ketzerei und Vergiftung zusammenfasste und hierfür den Feuertod anordnete (vgl. schon Sachsenspiegel Ldr. II, 13 § 7). Im Klagspiegel ist der Schadenzauber hingegen streng von Ketzerei und Vergiftung getrennt. Ketzerei wird als „crimen laesae maiestatis divinae“ der kanonischen Rechtsprechung überlassen. Vergiftung wird – anders als im deutschsprachigen Raum zu dieser Zeit üblich – den Tötungsdelikten (Titel 35 AT) zugerechnet und damit säuberlich von der Magie geschieden. Diese scharfe Trennung kann als wichtiger Rationalisierungsschritt für die Tötungsdelikte gelten und ging später in die Bambergensis von 1507 (Art. 131 CCB) sowie dieser folgend in die Carolina (Art. 109 CCC) über.

Die Trennung von Zauberei und Vergiftung bedeutet freilich nicht, dass die Zauberei zugleich als Wahndelikt erkannt und verworfen worden wäre, vielmehr meint der Klagspiegler, selbst ein Totschlag oder Mord („manschlacht“) könne mittels schwarzer Magie geschehen. Wie wichtig ihm die Bekämpfung der Zauberei war, verdeutlicht Titel 111 im zivilrechtlichen Ersten Traktat zur „actio familiae erciscundae“, der Klage auf Erbteilung. Eine solche Teilung sei bei verbotenen Gegenständen unzulässig, denn „etlich sollen verbrennt werden oder zerrissen/ als böse artzney[-]/ oder zaubereybücher.“ Notfalls sollten die Miterben auf Zulassung der Vernichtung solcher Bücher verklagt werden; auch könne der Richter auf Antrag die sofortige Verbrennung aller „bücher, die verbotten sein zů lesen/ die wir im erben gefunden haben“ anordnen, namentlich aller „bücher in zauberey unnd falsch ertzney etc.“ Eine Anlehnung an die justinianischen Digesten (D. 10,2,4,1) ist an dieser Stelle unverkennbar.

Auch die eigentlichen Erläuterungen des Klagspiegels „Von den zauberern“ (Titel 37 AT) schließen eng, ja bisweilen unreflektiert, an das römische Recht, vor allem aber an die italienischen Vorlagen (namentlich Azo und Roffredus) an, was sich wohl damit erklären lässt, dass der Straftatbestand der Zauberei in der gerichtlichen Alltagspraxis Heydens kaum eine Rolle spielte. Wegen Zauberei sind zum einen strafbar „die, die sprechen, das[s] sie künden [=könnten] die schwartzen kunst/ oder sunst ander verbotten kunst“. Bei Androhung der Enthauptung soll „nyemandt wa[h]rsagen Divinirn“. Zum anderen gelten jene als Zauberer, „die mit zauberey dem leben der unschuldigen h[a]essig seindt/ und das gemüt der frawen biegen unnd neygen zů lieb/ begierd und unkeüscheit“. Sie sollen den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden – eine Strafdrohung, die in Deutschland kaum anschlussfähig war.

Wie seine italienischen Vorlagen sieht Heyden nur den Schadenzauber von diesen strengen Strafbestimmungen erfasst, nicht aber den in der spätmittelalterlichen Welt omnipräsenten wohltätigen Zauber. Plastisch formuliert er: „Wölche aber das wetter beschwören, umb des willen, das[s] das wet[t]er der frucht, die uff dem feldt steet, nit schaden thů,... die seind nit peen sunder[n] lo[h]nes wirdig.“ Vom Grundgedanken her, schließen sich später Bambergensis (Art. 131 CCB) und Carolina (Art. 109 CCC) dieser Privilegierung der nichtschädlichen Zauberei an, indem sie diese jedenfalls von der Todesstrafe ausnehmen und in das Ermessen der Richter (gegebenenfalls im Wege der Aktenversendung, Art. 219 CCC) stellen.

Streng sind die prozessualen Bestimmungen des Klagspiegels zur Zauberei: Aufgrund der Gefährlichkeit der Tat soll jeder berechtigt sein, einen mutmaßlichen Zauberer anzuklagen. Folter ist – entgegen den allgemeinen Regeln – selbst bei sonst ausgenommenen Personengruppen erlaubt, bleibt im Übrigen aber an die strenge Indizienlehre und das Wiederholverbot gebunden. Insoweit ist der Klagspiegel deutlich humaner und vorsichtiger als zahlreiche spätere Rechtsbücher und Gesetze, vor allem aber als die Praxis der nachfolgenden Jahrhunderte.

Literatur

Andreas Deutsch, Der Klagspiegel und sein Autor Conrad Heyden – Ein Rechtsbuch des 15. Jahrhunderts als Wegbereiter der Rezeption, Köln/Weimar/Wien 2004, insb. S. 523 ff., S. 553 ff.

Andreas Deutsch, Zwischen deliktischer Arzthaftung und Wetterzauber – Medizinrechtliche Fragestellungen im Klagspiegel (um 1436), in: Bernd-Rüdiger Kern / Elmar Wadle / Klaus-Peter Schroeder / Christian Katzenmeier (Hg.), Humaniora – Medizin, Recht, Geschichte – Festschrift für Adolf Laufs zum 70. Geburtstag, Berlin/Heidelberg 2006, S. 45-71.

Joseph Hansen, Quellen und Untersuchungen zur Geschichte des Hexenwahns und der Hexenverfolgung im Mittelalter, Bonn 1901, S. 122 ff.

Bernhard Koehler, Art. Klagspiegel. in: Adalbert Erler u.a. (Hg.): Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, 1. Aufl., Bd.2, Berlin 1978, Sp. 855-857.

Siegfried Leutenbauer, Hexerei- und Zaubereidelikt in der Literatur von 1450 bis 1550; mit Hinweisen auf die Praxis im Herzogtum Bayern, Berlin 1972, insb. S. 10, 104, 109.

Roderich von Stintzing, Geschichte der populären Literatur des römisch-kanonischen Rechts in Deutschland, Leipzig 1867, S. 337-407.

Heinrich Zoepfl, Deutsche Rechtsgeschichte, Bd.1, 3. Aufl., Braunschweig 1858, S. 181.

 

Ein vollständiger Scan der Klagspiegel-Ausgabe von 1536 steht online unter:

http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/drwbrant1536/

Empfohlene Zitierweise

Deutsch, Andreas: Klagspiegel (Conrad Heyden). In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zrm/

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Erstellt: 19.09.2007

Zuletzt geändert: 19.09.2007


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