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Manfred Coenen

Rheinische Braunkohle

Ausländerbeschäftigung und Zwangsarbeit in der rheinischen Braunkohlenindustrie

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen

Im Zuge der Durchsetzung des nationalsozialistischen Führer-Prinzips in allen Bereichen des öffentlichen Lebens unterstand die gesamte deutsche Wirtschaft bereits Ende 1933 weitgehend staatlicher Verfügungsgewalt. Unter Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, zugleich Wirtschaftsminister des Reiches und Preußens sowie Generalbevollmächtigter für die Wirtschaft, wurde die Lenkung der Volkswirtschaft des Dritten Reiches zwischen 1934 und 1936 durch staatliche Stellen massiv, aber wenig effektiv vorangetrieben. Auch sein Nachfolger, Walter Funk, seit 1932 Vorsitzender der Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP, hielt konsequent an der Vorgabe weitgehender Autarkie der nationalsozialistischen Planwirtschaft durch straffe Organisation fest. Alle Bereiche der gewerblichen Industrie waren – entsprechend dem „Gesetz zur Vorbereitung des organischen Aufbaus der deutschen Wirtschaft“ vom 27. Februar 1934 – fachlich gegliedert. Industrie, Handel und Gewerbe, aber auch Sektoren der Privatwirtschaft mussten sich nach rigiden Weisungen der Reichswirtschaftskammer in Berlin richten. Innerhalb der „Reichsgruppe Industrie“ bildeten die Unternehmen des rheinischen Braunkohlenbergbaus in der „Hauptgruppe I“ der „Wirtschaftsgruppe A“ noch einmal eine eigene regionale „Bezirksgruppe“ (Bezirksgruppe Rheinischer Braunkohlenbergbau der Wirtschaftsgruppe Bergbau mit Sitz in Köln). [1]

Im Vordergrund des zweiten „Vierjahresplanes“, der als neues Wirtschaftsprogramm auf dem Reichsparteitag in Nürnberg am 9. September 1936 angekündigt wurde, stand die heimische Gewinnung der industriellen Grundstoffe Kohle und Eisen. Für die im rheinischen Revier tätigen Bergbaugesellschaften bedeutete dieser Primat: Steigerung der Rohkohlenförderung bzw. Erhöhung der Brikettproduktion, und dies ohne Rücksicht auf die langfristig konzipierten Betriebspläne.

Bereits 1934 hatten sich die im Revier tätigen Unternehmen an der „Braunkohle-Benzin AG (BRABAG)“ in Berlin beteiligt. Aufgabe der BRABAG war die Herstellung von flüssigen Brennstoffen und Schmiermitteln. Als weitere Gemeinschaftsgründung der Bezirksgruppe wurde im Januar 1937 die Union Rheinische Braunkohlen Kraftstoff AG in Wesseling (Sitz Köln) gegründet. Speziell für dieses Unternehmen errichtete die Roddergrube AG ab Juli 1938 auf ihren Abteilungen Vereinigte Ville und Berrenrath zwei Hochdruckkraftwerke. Der zusätzliche Kohlebedarf für diese Anlagen und das Treibstoffwerk in Wesseling wurde ab 1940 aus der zum Großtagebau umgestalteten Grube Friedrich-Wilhelm-Maximilian (= Berrenrath-West) bei Türnich gedeckt.


Abb. 1

Als Folge des alsbald einsetzenden forcierten Abbaus der oberflächennahen Lagerstätten und mit Blick auf das erkennbare „vorzeitige“ Auslaufen der Förderung in verschiedenen kleineren Grubenbetrieben wurden die planerischen Vorbereitungen auf den künftig unabdingbaren großflächigen Braunkohlentieftagebau im Bereich Ville/Erfttal beschleunigt. Diese Aufgabe übernahm die am 29. März 1939 gegründete Rheinische Braunkohlentiefbaugesellschaft mbH in Köln. Teilhaber waren die Rheinische Aktiengesellschaft für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation (RAG), die Roddergrube AG, die Vereinigungsgesellschaft Rheinischer Braunkohlenbergwerke mbH, die Braunkohlen-Industrie-AG Zukunft in Eschweiler (BIAG), die Wilhelm Werhahn oHG Horrem/Neuß sowie das Braunkohlenbrikettwerk Gewerkschaft Hürtherberg und die Victor Rolff KG (Fürstenberg).

Bis Kriegsbeginn im September 1939 war der „Vierjahresplan“ nur etwa zur Hälfte verwirklicht. [2] Ungeachtet der beträchtlichen Produktionssteigerung blieb die Auslandsabhängigkeit der deutschen Industrie bei Grundstoffen von rund einem Drittel des laufenden Bedarfs bestehen. Unter diesem Aspekt entfesselte die deutsche Wehrmacht auf Befehl Hitlers zwar hoch gerüstet, aber auf langanhaltende Kampfhandlungen unvorbereitet den Krieg gegen Polen.

Die nach wie vor notwendigen Importe (u.a. Mineralöl, hochwertige Erze, Kautschuk) sollten sich nach den Vorstellungen des „Führers“ in dem Maße reduzieren, wie die Ausbeutung der Rohstoffressourcen im Osten „nach einem Blitzsieg“ voranschritt. In den Planungen spielte ein Einsatz von „Fremdarbeitern“ im Reichsgebiet zunächst keine Rolle. Die Ausweitung der Kriegsschauplätze kehrte die Verhältnisse dann um. Als immer mehr Deutsche zum Waffendienst eingezogen wurden, konnte die Wirtschaft des Dritten Reiches nur soweit in Gang gehalten und dann zu Höchstleistungen gebracht werden, wie das Arbeitskräftepotential in den besetzten Gebieten genutzt wurde.

Mit Beginn der Kampfhandlungen im September 1939 änderte sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt im Dritten Reich binnen kurzer Zeit. Durch die Einberufungen zum Heeresdienst fehlten besonders in der Landwirtschaft Arbeitskräfte für die sogenannte „Erzeugerschlacht“. Bis Dezember 1939 kamen etwa 100 000 Polen mehr oder weniger freiwillig ins Reichsgebiet. [3] Die Nachfrage nach Arbeitskräften war aber wesentlich größer. In den folgenden Monaten wurden 300 000 polnische Kriegsgefangene zum Arbeitseinsatz auf das Reichsgebiet verteilt. [4] Federführend für die westlichen Grenzgebiete war das Landesarbeitsamt Rheinland in Köln in Zusammenarbeit mit dem Wehrkreiskommando VI in Münster, ab Mai 1940 mit der Kommandantur des Kriegsgefangenen- Stammlagers (Stalag VI/G) in Bonn-Duisdorf.

Um die 117 deutschen Divisionen im Mai 1940 für den Feldzug gegen die Westmächte auf Kriegsstärke zu bringen, wurden mehr und mehr deutsche Facharbeiter zum Waffendienst eingezogen. Die hohen Vorgaben des „Vierjahresplanes“ waren aber wiederum nur zu erfüllen, wenn die ausgedünnten Stammbelegschaften in den Betrieben durch den verstärkten Einsatz von Hilfskräften, die für den Bergbau unqualifiziert waren, entlastet wurden.

Die rheinische Braunkohlenindustrie versuchte zunächst, die Lücken in den Gefolgschaften durch innerbetrieblichen Wechsel aus Werkstätten und Nebenbetrieben in den Produktionsbereich, eine allgemeine Urlaubssperre und die Einführung neuer Schichtsysteme – verbunden mit verlängerten Arbeitszeiten – zu schließen. Dieses Verfahren erwies sich sehr bald als nicht ausreichend. Deshalb beantragten einige Unternehmen nach längerem Zögern und mit großem Vorbehalt nunmehr direkt bei der zuständigen regionalen Arbeitsverwaltung (z.B. Arbeitsamt Horrem mit den später eingerichteten Nebenstellen in Bedburg, Frechen und Brühl) die Zuweisung von fremdländischen Hilfskräften.

Die nachfolgenden Angaben über den Einsatz von ausländischen Arbeitern in der rheinischen Braunkohlenindustrie basieren auf wenigen überlieferten Akten der RAG und der Roddergrube AG, die heute im Archiv der RWE Power AG aufbewahrt werden. Das gesichtete Material aus der Zeit 1936 bis 1946/47 ist als rudimentär und – bei Gegenüberstellung von Angaben aus verschiedenen Akten z.B. über die Zahl der beschäftigten Kriegsgefangenen oder Ostarbeiter – teilweise als nicht korrekt zu bezeichnen. Dennoch reicht das Ergebnis der Recherchen aus, die Lebensumstände der Männer und Frauen in den Grubenbetrieben, Brikettfabriken und Werkstätten erneut zu beleuchten und frühere Darstellungen über den Komplex „Ausländerbeschäftigung und Zwangsarbeit“ zu korrigieren. [5]

Der Arbeitseinsatz [6]

Grundsätzlich verfügten die Unternehmen im rheinischen Revier über lange und gute Erfahrungen im Umgang mit „Fremdarbeitern“. Seit etwa 40 Jahren waren beim Fabrikneubau und vorzugsweise im Abraumbetrieb je nach Bedarf Saison- und Wanderarbeiter „angelegt“ worden, da der heimische Arbeitsmarkt die Nachfrage nach Fachkräften nicht decken konnte (z. B. beim Bau der Frechener Brikettfabrik ‚Wachtberg‘). Sie stammten zum Teil aus Süddeutschland, die Mehrzahl aus den preußischen Provinzen. Außerdem gehörten von je her zahlreiche Polen und Italiener zu den Stammbelegschaften. Ferner wurden auch niederländische und belgische Facharbeiter aus den nahen Grenzgebieten angeworben. Diese qualifizierten Kräfte aus den westlichen Anrainerstaaten Deutschlands blieben nach 1939 vor Ort, weil sie im allgemeinen deutschfreundlich eingestellt waren, als angebliche „Kollaborateure“ nicht in ihre Heimatländer zurückkehren konnten oder sich von der nationalsozialistischen Ideologie angezogen fühlten.


Abb. 2


Abb. 3

Die Initiative, Kriegsgefangene in der Braunkohlenindustrie zu beschäftigen, ging von der „Bezirksgruppe“ in Köln aus. So heißt es zum Beispiel in einem Schreiben an die Direktion der Rheinischen Stahlwerke, Abt. Schallmauer, in Frechen-Bachem vom 18. März 1940:

„Wir geben Ihnen davon Kenntnis, daß wir vorsorglich für Ihre Gesellschaft die Zuteilung von 18 Kriegsgefangenen beim Arbeitsamt Horrem beantragt haben.[...] In unserem Schreiben an das Arbeitsamt Horrem haben wir besonders darauf hingewiesen, daß bei einer evtl. Zuteilung von Kriegsgefangenen die Bereitstellung und der Bau der erforderlichen Baracken nebst allem Zubehör vorausgehen muß, die Überweisung also nur Zug um Zug entsprechend der Fertigstellung der Unterkunftsräume erfolgen kann.[...]“ [7]

Mitte Juni 1940 teilte das Landesarbeitsamt Rheinland in Köln jedoch mit, „daß z. Zt. noch 7000 Kriegsgefangene für die Landwirtschaft gestellt werden müßten.“ [8] Für die Industrie stünden lediglich Kriegsgefangene aus dem Westen zur Verfügung. So erklärt sich, dass im Juli 1940 bei der Victor Rolff KG 50 Gefangene aus dem Frankreich-Feldzug beschäftigt waren, weitere 25 bei der RAG, Abt. Grube Louise in Brüggen, und etwa ebenso viele bei der Roddergrube AG Abt. Grube Berrenrath-West in Türnich-Balkhausen. [9] Außerdem waren von August bis Dezember 1940 zwischen 16 und 20 französische Kriegsgefangene zum Arbeitseinsatz auf Grube Louise abkommandiert. [10] Auf dem Gelände der Horremer Brikettfabrik (W. Werhahn) arbeiteten dagegen rund 50 ehemalige polnische Kriegsgefangene nunmehr als „Zivilarbeiter“. [11] Auch auf Fortuna-Nord wurden ab Juni 1940 einige frühere Kriegsgefangene aus Polen zeitweise eingesetzt.


Abb. 4

Die RAG-Gefolgschaftsnachweise vom viertletzten Arbeitstag des jeweiligen Monats weisen für das Jahr 1941 aus, dass in den Betrieben der Gesellschaft für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation nur polnische Zivilarbeiter und französische Kriegsgefangene in begrenzter Zahl beschäftigt waren. Der Grund dafür war, dass der Beamte des Bergreviers Köln-West gegen die Beschäftigung von unqualifizierten Arbeitern, die der deutschen Sprache nicht mächtig waren, Einspruch einlegte. Erst im September 1941 lagen „Vorschriften über das Verhalten in Bergwerksbetrieben“ u.a. in französischer und polnischer Sprache vor, so dass von dieser Seite dann keine Einwände mehr gegen das „Anlegen“ von ausländischem Hilfspersonal erhoben wurden. [12]

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 2.06.1941 bestanden im Spätsommer Aussichten, den nach wie vor bestehenden Hilfskräftemangel zu mindern. Das Reichswirtschaftsministerium in Berlin ließ mitteilen, „daß Arbeiten im Braunkohlenbergbau für den Einsatz sowjetischer Kriegsgefangener für möglich erklärt wurden, wobei die besonderen Bedingungen (geschlossener Einsatz usw.) beachtet werden müßten.“ [13]

Im Ausländernachweis der RAG für 1942 spiegelt sich punktuell das weitere Kriegsgeschehen wider: Nach dem Scheitern des deutschitalienischen Vorstoßes in Nordafrika schickte die faschistische Regierung in Rom verstärkt italienische Arbeiter nach Deutschland. Etwa ein Jahr nach den großen Kesselschlachten der deutschen Heeresgruppen in der Sowjetunion mit Millionen Gefangenen wurden ab Mai 1942 Russen von der Deutschen Reichsbahn in die Mannschaftsstammlager der Wehrmacht im Rheinland transportiert. Sie sollten vorzugsweise in den für die Rüstung wichtigen Betrieben eingesetzt werden.


Abb. 5

NS-Rüstungsminister Albert Speer verlangte zusätzliche Anstrengungen. So organisierte die Wehrmacht in Rußland und in der Ukraine regionale Zwangsaktionen, die durch Razzien unter der Zivilbevölkerung die erwarteten Quoten an zusätzlichen Arbeitskräften bringen sollten. Die frühere freiwillige Anwerbung von männlichen und weiblichen Arbeitskräften in den besetzten Gebieten ging mit Beginn der „Sauckel-Aktionen“, benannt nach dem thüringischen NSDAP-Gauleiter und Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz (GBA) Fritz Sauckel, in eine gnadenlose Menschenjagd nach Zivilarbeitern über.


Abb. 6

Auf den ersten Blick erscheint das Kontingent der RAG an sowjetischen Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangenen als nicht sehr groß. Faktisch hinzuzurechnen sind jedoch die rund 150 männlichen Beschäftigten – in der Mehrzahl russische Ostarbeiter – der Kölner Firma für Tief- und Eisenbahnbau Christian Krutwig, die das Landesarbeitsamt Rheinland dem Unternehmen für Bau- und Abraumarbeiten auf der Beisselsgrube und der Grube Giersberg-Fortuna zugewiesen hatte. [14] Die ausländischen Firmen A. M. de Vetten/Den Haag und van der Straeten/Antwerpen, die ebenfalls in beiden Betrieben sowie zeitweise auf Grube Grefrath tätig waren, beschäftigten ausschließlich Holländer bzw. Belgier.

Nur handschriftlich als Marginalien sind im Gefolgschaftsnachweis für die zweite Jahreshälfte 1942 die Kriegsgefangenen in vier von 11 RAG-Betrieben ausgewiesen.


Abb. 7

Die militärischen Ereignisse im Kriegsjahr 1943 hatten auf die deutsche Rüstungswirtschaft kaum Einfluss. Im Gegenteil: Bei anhaltendem Arbeitskräftemangel näherte sich die Produktivität der Betriebe den Vorgaben des „Vierjahresplanes“ langsam an. Da das nationalsozialistische Regime aber nicht mehr auf neue Kriegsgefangene als Arbeitskräfte zurückgreifen konnte, wurden in den noch besetzten Gebieten weitere Zivilpersonen zum „Reichseinsatz dienstverpflichtet“. Damit erklärt sich der Zuwachs an polnischen und belgischen Arbeitern in den RAG-Betrieben.


Abb. 8

Die Tabelle über die betriebsfremden Gefolgschaften im Jahr 1943 lässt mehrere Besonderheiten beim Arbeitseinsatz der Kriegsgefangenen und Ostarbeiter erkennen. Vermutlich je nach Art oder Menge der anfallenden Arbeit wurden auf Fortuna, Fortuna-Nord, in der Beisselsgrube, auf Grefrath, im Gruhlwerk und auf Louise entweder Gefangene oder Ostarbeiter oder beide zusammen eingesetzt. Letzteres war aus Gründen des mutmaßlichen Informationsaustausches untereinander und der befürchteten Verabredung zu Sabotageakten seitens der Militärdienststellen grundsätzlich untersagt. Angesichts der schwierigen Lage wurde diese Verfahrensweise aber stillschweigend geduldet. Außerdem tauschten in der RAG-Hauptwerkstatt Grefrath die Ostarbeiter ihre Plätze mit Kriegsgefangenen. Für die beschäftigten Kriegsgefangenen im Gruhlwerk kamen wiederum Ostarbeiter in den Südwesten des Reviers. Auch auf Louise wurde diese Auswechslung vorgenommen. Ab Mai 1943 bis September 1944 waren zwischen 20 und 30 Ostarbeiter auf Vermittlung des Arbeitsamtes Horrem bei den Kraftwerken Fortuna beschäftigt. [15]


Abb. 9


Abb. 10

 

Als sich die alliierten Truppen im Spätsommer 1944 bis nahe an die Reichsgrenze im Westen vorgekämpft hatten, erging Mitte September von den örtlichen Polizeibehörden in den Landkreisen die Weisung, sämtliche bei der Braunkohle beschäftigte Ost- und polnische Zivilarbeiter sowie Kriegsgefangene über den Rhein abzutransportieren. [16]

Diese Anordnung ist offensichtlich nicht befolgt worden. In den RAG-Betrieben wurde lediglich eine erneute Umschichtung bzw. eine Verlagerung der ausländischen Arbeitskräfte innerhalb des Firmenverbundes vorgenommen. Für die internierten italienischen Kriegsgefangenen (Badoglio-Italiener) war jetzt die RAG direkt zuständig. Sie wurden zur deutschen Belegschaft gezählt, unterstanden wahrscheinlich aber formal nach wie vor den Wehrmachtsbehörden.


Abb. 11

Im Bemühen, den „Westwall“ in einen erhöhten Verteidigungszustand zu bringen, wurden im November 1944 aus den RAG-Betrieben 271 deutsche Arbeiter, 10 Angestellte und 80 Ausländer zu Schanzarbeiten in frontnahe Lager abkommandiert. Die Gesamtzahl betrug im Dezember des selben Jahres 243 Mann. Nach dem endgültigen Scheitern der deutschen Ardennenoffensive wurden im Januar 1945 erneut insgesamt 369 Arbeiter aus den RAG-Betrieben abgezogen und zu Schanzarbeiten eingesetzt.


Abb. 12

Bis zur Offensive der amerikanischen Streitkräfte über die Rur bei Düren und Jülich am 23. Februar 1945, in deren Verlauf Köln Anfang März erobert wurde, waren in den RAG-Betrieben noch etwa 200 zivile Fremdarbeiter und rund 100 Litauer beschäftigt, deren Status nicht feststellbar ist. Dazu kamen rund 490 sowjetische Kriegsgefangene. 164 von ihnen wurden noch in der März-Statistik der Grube Grefrath geführt. [17]


Abb. 13

In der RAG-Ausländerstatistik für September 1946 wurden wieder polnische Arbeiter erfasst. Von ihnen waren 79 auf Fortuna und 42 auf der Beisselsgrube beschäftigt, zwei auf Louise sowie je einer auf der Grube Grefrath und im Gruhlwerk. Im Oktober waren es bereits 271, von den 264 im Rahmen der „United Nations Relief and Rehabilitation Administration“ (UNRRA) in der Braunkohle eingesetzt wurden. [18] Im November 1946 sind insgesamt 228 UNRRA-Polen und 7 polnische Arbeiter auf Fortuna-Nord, Fortuna, Louise und in der Beisselsgrube tätig. Auch die Abraum-Firma Christian Krutwig arbeitete wieder mit 105 Mann in der Beisselsgrube. Im Dezember 1946 ging die Zahl der UNRRA-Polen bei der seit Kriegsende zwangsverwalteten RAG auf 161 zurück. Bis Ende 1948 arbeiteten noch von dem UNO-Hilfswerk betreute ehemalige polnische Zivilarbeiter auf Fortuna-Nord und auf Louise. Weitere UNRRA-Polen wurden von der Firma Krutwig für Abraum- und Gleisarbeiten in der Beisselsgrube und zeitweilig auf Grube Carl bis März 1949 eingesetzt. Nach diesem Datum hat das Kölner Unternehmen offenbar seine Tätigkeit für die RAG beendet.

Differenzierte Angaben über Zwangsarbeiter bei der Roddergrube AG sind auf der Grundlage des gesichteten Aktenmaterials im RWE Power-Archiv nicht zu machen. Am 28. Juni 1940 schloss das Deutsche Reich, vertreten durch den Kommandanten des Stalag Bonn-Duisdorf, mit den Braunkohlenbrikettwerken in Knapsack einen rechtsgültigen Vertrag über die Beschäftigung von 250 polnischen Kriegsgefangenen. Darin heißt es u.a.: „[...]

§ 5 Der Unternehmer verpflichtet sich, die Kriegsgefangenen unter den gleichen Bedingungen wie Gefolgschaftsmitglieder gegen Unfall zu versichern und die gesetzlichen Beiträge zu bezahlen. Bei Erkrankungen oder Unfall am Beschäftigungsort ist der Unternehmer zum Transport des Kriegsgefangenen zum Stalag bzw. das zuständige Kriegsgefangenen-Lazarett bzw. Krankenhaus verpflichtet. Die Kosten des Transportes werden vom Deutschen Reich ersetzt.

§ 6 Der Unternehmer soll die Kriegsgefangenen mit Menschlichkeit behandeln und sie besonders gegen Gewalttätigkeiten, Beleidigungen und öffentliche Neugier schützen. [...]“ [19]

Im als „vertraulich“ ausgewiesenen Bericht der „Abteilung Statistik“ wird dann festgestellt, dass in den Abteilungen Vereinigte Ville und Berrenrath Ende 1940 insgesamt 541 Kriegsgefangene eingesetzt waren. [20] Ende Februar 1941 betrug ihre Zahl 613. Sie verringerte sich bis zum Jahresende auf 495. Dazu kamen 45 „Dienstverpflichtete“, deren Heimatländer nicht genannt werden. Vermutlich handelte es sich um polnische Zivilarbeiter. Auffällig ist, dass in den Abteilungen Vereinigte Ville und Berrenrath-West der Roddergrube AG nach dieser Statistik fast ausschließlich Kriegsgefangene, in der Mehrzahl wahrscheinlich Sowjet-Russen, gearbeitet haben. Die Zahl der eingesetzten „Ostarbeiter“ war in beiden Betrieben dagegen vergleichsweise gering. Für die übrigen Betriebe der Brühler Aktiengesellschaft liegen nur summarische Angaben vor.

Die 10-Jahresstatistik über die Förderung und Produktion im gesamten rheinischen Braunkohlenrevier macht deutlich, dass in den Kriegsjahren 1939 bis 1943 zwischen 60- und 70-Millionen Tonnen Kohle gewonnen wurden. 1944 ging die Quote dann auf den Stand von 1937 zurück.


Abb. 14

Der enorme Produktivitätszuwachs im rheinischen Revier während des Krieges ist letztlich auch durch den massiven Einsatz von zivilen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen erreicht worden. Die ihnen zum Teil abgepressten Leistungen und Opfer werden nicht geschmälert, wenn in diesem Zusammenhang auf die hohen Einberufungen der Braunkohle-Gefolgschafter zum Reichsarbeits- oder Heeresdienst verwiesen wird. [21]


Abb. 15


Abb. 16


Abb. 17

 

Die Lebensumstände

Der Befehlshaber im Wehrkreis VI ließ im Juni 1940 ein „Merkblatt für die Behandlung von Kriegsgefangenen beim Arbeitseinsatz“ verbreiten. Darin heißt es u.a.:

„I. Arbeitseinsatz

1. Die kriegsgefangenen Offiziere und Mannschaften sind in Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlagern (Stalag) untergebracht. Die Mannschaften sind nach dem Genfer Abkommen zur Arbeit verpflichtet. Für die Beschäftigung der im Unteroffziersrang stehenden Kriegsgefangenen gelten besondere Bestimmungen.

2. Kriegsgefangene sind bei Bedarf von dem Unternehmer bei dem örtlich zuständigen Arbeitsamt anzufordern und werden in Kriegsgefangenen-Arbeitskommandos (Kr.Gef.Arb.Kdos.) eingesetzt. Jedem Kr.Gef.Arb.Kdo. werden Wachmannschaften (Wam.) des Stalag zugeteilt.[...]

3. Voraussetzung für die Zuteilung von Kr.Gef. ist der Abschluß eines Arbeitsdienstvertrages zwischen dem Kommandanten des Stalag und dem Unternehmer, in dem die Arbeitsbedingungen festgelegt sind. [...]

II. Unterkunft

Für die Unterbringung der Arbeitskommandos haben die Unternehmer zu sorgen (Bereitstellung der Unterkunft und Ausstattung mit Gerät).[...]

3. Die Unterbringung der Kr.Gef. muß gesichert und hygienisch einwandfrei sein. Türen und Fenster müssen sicher verschließbar sein. Es müssen ausreichende Wasch- und Abortanlagen, Heizung und Licht vorhanden sein. Als Lagerstätte ist Strohsack mit Decken im allgemeinen als ausreichend anzusehen.

III. Verpflegung

1. Für die Verpflegung der Arbeitskommandos haben die Unternehmer

zu sorgen. Die Verpflegung der Kriegsgefangenen soll so ausreichend sein, daß ihre volle Arbeitskraft erhalten bleibt.[...]

V. Arbeit [...]

4. Die Arbeitsdauer der Kriegsgefangenen richtet sich im allgemein nach dem Ortsgebrauch. An Sonn- und deutschen Feiertagen soll der Kr. Gef. dieselbe Ruhe haben, die dem deutschen Arbeiter gewährt wird.[...]

6. Der Arbeitsentgelt für den Kr.Gef. ist von dem Unternehmer (Vertragsgegner) mit dem Stalag abzurechnen und keinesfalls dem Kr.Gef. auszuhändigen. Der Kr.Gef. erhält den ihm zustehenden Lohn vom Stalag durch Gutschrift bzw. in Lagergeld. [...]

7. Besonders gute Arbeitsleistungen können von dem Arbeitgeber durch Überlassung von getragenen Wäschestücken (Hemd, Unterhose, Socken, Taschentücher), Schuhzeug (Holzschuhe), sowie Rauchwaren in geringen Mengen belohnt werden. [...]“ [22]

Die Arbeitszeit für in der Braunkohle beschäftigte Kriegsgefangene betrug 48 Stunden wöchentlich. Das ihnen eigentlich zustehende Entgelt von 60 Prozent der jeweils gültigen Lohnsätze für „freie deutsche Arbeiter“ wurde nicht ausgezahlt. Der Betrag wurde nach Abzug der Verpflegungskosten (3 Mahlzeiten täglich) vertragsgemäß der Zahlmeisterei des Stalag überwiesen, die Gutschriften ausstellte oder sogenanntes „Lagergeld“ für den täglichen Bedarf bereitstellte. Für die Verpflegung der Kriegsgefangenen mussten Lebensmittelkarten und Bezugsscheine beantragt werden.


Abb. 18

Auf Anordnung Hitlers wurden die polnischen Kriegsgefangenen im Juli 1940 „freigelassen“. Damit war keine Rückkehr in die Heimat verbunden, sondern die Männer mussten als „ausländische Arbeiter“ an ihren bisherigen Arbeitsplätzen bleiben. [23] Sie waren als „freie polnische Zivilarbeiter“ nunmehr an die Weisungen der nationalsozialistischen Arbeitsverwaltung gebunden. Ihr Lohn wurde „tarifmäßig“ berechnet mit der Einschränkung, dass nach Abzug der Steuer und Sozialbeiträge vom verbleibenden Nettolohn ein Betrag von 15 Prozent einbehalten wurde. Der Restlohn wurde nicht ausbezahlt, sondern nach Abzug der Kosten für die Verpflegung in den Lagerkantinen und des Taschengeldes von 1 Reichsmark pro Tag auf ein persönliches Konto genommen oder den Familienangehörigen überwiesen. Die Zivilarbeiter unterlagen der Pflicht zur Kranken-, Unfall-, Invaliden- und Arbeitslosenversicherung entsprechend der knappschaftlichen Regelung. Nach einer Anordnung des „Reichsverteidigungskommissars West“ wurden die Arbeiter in Baracken zusammengefasst und erhielten Gemeinschaftsverpflegung. Diese konnte durch „Schwer- und Schwerstarbeiterzulagen“ ergänzt werden.

Die polnischen Arbeiter unterstanden einem „Lagerführer“. Sie mussten auf ihrer Kleidung ein Abzeichen in Form eines auf der Spitze stehenden Quadrates mit einem violetten „P“ auf gelbem Grund tragen. Ihnen war der Besuch von Theatern, Kinos, Gaststätten usw. untersagt; außerdem galt ein Ausgehverbot für bestimmte Nachtstunden. Seife und Waschmittel wurden den Zivilarbeitern in angemessenem Umfang zur Verfügung gestellt. Als Ersatz für verschlissene Arbeitskleidung und Schuhwerk konnten sie gegen Bezahlung gebrauchte Arbeitskleidung deutscher Arbeiter erwerben.

Auch die Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter unterlagen der Kennzeichnungspflicht. Sie mussten auf blauem Untergrund den weißen Schriftzug „Ost“ an ihrer Kleidung tragen. In der „Verordnung über die Einsatzbedingungen der Ostarbeiter[24] vom 30. Juni 1942 wurden auch die Bestimmungen über das sogenannte „Ostarbeiter-Sparen“ festgelegt. Es handelte sich um die Einrichtung von Sonderkonten „für die Ansammlung und Mitnahme von Ersparnissen sowie restlicher Lohngelder.“ Der Geltungsbereich beschränkte sich auf Ostarbeiter aus dem Reichskommissariat Ukraine, dem Generalbezirk Weißruthenien und die unter Wehrmachtsverwaltung stehenden Teile der Sowjetunion. Die Sparkarten wurden vom jeweiligen Betrieb angelegt. Vom einbehaltenen Lohn konnten Sparmarken in den Werten 1, 3, 5 und 10 Reichsmark eingeklebt werden. War eine Mindestsparhöhe von 90 RM erreicht, konnte der Arbeiter die Karte an das „Berliner Büro der Zentralwirtschaftsbank Ukraine“ einsenden. Von hier wurde die Sparkarte zur Auszahlung an die Familienangehörigen an die „Heimatbank“ weitergeleitet. [25]

Bei Bummelei am Arbeitsplatz wurden die Ostarbeiter mit Geldstrafen belegt oder von der Verteilung von „Sonderrationen“ ausgeschlossen. Im übrigen kam bei „Plünderung im freigemachten Gebiet, Verbrechen bei Fliegergefahr, gemeingefährlichen Verbrechen und der Ausnutzung des Kriegszustandes“ die „Verordnung gegen Volksschädlinge[26] vom 5. September 1939 zur Anwendung.

Wegen des inzwischen katastrophalen Arbeitskräftemangels gingen die Betriebsleitungen im Frühjahr 1943 dazu über, auch „fremdsprachige Ausländer“, mit denen „eine ausreichende Verständigung möglich“ war, in verantwortungsvollen Positionen einzusetzen. Gegen dieses Verfahren erhob das Bergamt Köln-West zunächst Einwände, stimmte dann aber zu, dass Flamen, Holländer und auch Ostarbeiter sowie sowjetische Kriegsgefangene z. B. als Lokomotivführer, Heizer, Kettenbahnwärter oder Bagger-Monteur beschäftigt wurden. [27]

Zur Erhaltung ihrer Leistungskraft wurden die Verpflegungssätze der Ostarbeiter auf Grund eines Erlasses des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft vom 6.Oktober 1942 nach folgenden Richtsätzen neu geregelt:

„1. ist ab sofort die Zuckerschnitzelbeimischung beim Brot in Fortfall gekommen,

2. wurde für die Ostarbeiter die wöchentliche Kartoffelration auf 7000 g erhöht,

3. wurde für Lang- und Nachtarbeiter die wöchentliche Fleischration um 50 g und die Fettration um 20 g erhöht,

4. wurde die Brotration für Schwerstarbeiter um 200 g erhöht,

5. wurde, um den Verzehrsgewohnheiten der Ostarbeiter entgegenzukommen, zugelassen, anstelle von 500 g Brot 360 g Roggenmehl oder Roggenschrot oder 360 g Roggengrütze zu beziehen, um daraus sättigende Suppen herzustellen,

6. erhalten die Ostarbeiter Gemüse nach Jahreszeit und Aufkommen.“ [28]

Der Leiter des Arbeitsamtes in Horrem, Reg. Rat Dr. Andrée, teilte in einem Rundschreiben mit:

„[...] Bei Nachprüfung bisheriger Beschwerden (ausländischer Arbeiter) mußte festgestellt werden, daß berechtigte Klagen darauf zurückzuführen waren, daß manche Betriebsführer über die den Ostarbeiter zustehenden Mengen nicht im Bilde waren und infolgedessen diese Nahrungsmittel nicht im zustehenden Ausmaß angefordert worden sind oder darauf, daß die Zubereitung der Speisen nicht sachgemäß erfolgte. [...]“ [29]

Vor diesem Hintergrund richtete die RAG-Hauptverwaltung an die „Abteilung Rüstungsausbau“ des Reichsministers für Bewaffnung und Munition, Außenstelle Köln, einen Antrag auf eine „Freigabebescheinigung“ zum Bezug eines weiteren 300-Liter-Wasserbad-Kochkessels zur Sicherung der Verpflegung der auf Fortuna-Nord beschäftigten ausländischen Arbeiter und Kriegsgefangenen. [30] Im März 1943 wurde auf Grube Fortuna eine neue Küche für ausländische Arbeitskräfte in Betrieb genommen. Die Grubenverwaltung bat den DAF-Gaufachschaftsleiter Pg. Schorn in Köln, zur Unterweisung des eigenen Küchenmeisters für 1 bis 2 Tage einen Koch zur Verfügung zu stellen, „welcher Erfahrung in der Zubereitung des Essens für die Ausländer (Holländer, Belgier und Ukrainer) besitzt.“ [31]

Im Oktober 1944 veröffentlichte die „Reichsvereinigung Kohle“ neue „Anweisungen über den Einsatz von ‚Ausländern‘ im Braunkohlenbergbau“.

„[...] VII. Im Interesse der Leistungssteigerung ist insbesondere dafür Sorge zu tragen, daß die „Ausländer“ die behördlich vorgesehenen Verpflegungssätze unter allen Umständen erhalten. [...]

X. Auf leistungssteigernde Maßnahmen ist besonderen Wert zu legen. Hierzu gehören:

a) die Ausnutzung der behördlichen Anordnungen über Lohn- und Prämienzahlung unter besonderer Berücksichtigung der Leistung bei der Art der Entlohnung (Gewährung von Prämien für gute Leistung),

b) Berücksichtigung der Leistung bei der zusätzlichen Verpflegung,

c) Bereithaltung von Marketenderwaren,

d) Freizeitgestaltung.“ [32]

Die Realität sah im fünften Kriegsjahr anders aus. Nach erneuten Klagen über mangelhafte Verpflegung informierte sich der Betriebsdirektor von Fortuna in Begleitung des Werkschutzleiters und Lagerführers sowie des Küchenbetreibers in einem Lager für 400 italienische Militärinternierte und etwa 100 Ostarbeiter der Union-Kraftstoff in Wesseling. Im Protokoll heißt es u.a.:

„[...] Die Verpflegung erfolgt durch die [...] Werksküche, in der 6 Kessel à 300 Ltr. mit entsprechenden Küchenmaschinen aufgestellt sind. Die Küche machte keinen sauberen Eindruck. Die Zubereitung des Mittag- und Abendessens besorgt ein Koch, der auch die übrigen Lebensmittel, Brot, Wurst Butter, Kaffee, Tee, Marmelade, Zucker usw. portionsweise ab- und zuteilt. In das Mittag- bzw. Abendessen kommen von den den I.M.I [= italienische Militärinternierte] pro Kopf und Tag zustehenden 32 Gramm Fett (Margarine) = 26 Gramm, während 6 Gramm für Brotaufstrich ausgegeben werden. Die Getreide pp.- Nährmittel, Kartoffeln, Freibankfleisch, werden in dem Essen auf die Woche verteilt. Bei reinen Steckrübengerichten ohne Kartoffeln werden die Steckrüben tags vorher abgekocht. Von dem Metzger, der das Fleisch liefert, werden jede Woche 400 Ltr. Wurstbrühe geliefert, die in das Essen kommen. Je nach Geschmack der einzelnen Nationalitäten werden die Gerichte gut schmackhaft gewürzt mit Essig, Salz, und evtl. B(o)uillon-Paste, Maggi-Erzeugnisse(n) pp. zubereitet. [...]

Abends wird die volle Verpflegung – Brot pp. – ausgehändigt. Ausser obigen Tagesrationen wird an der Arbeitsstelle zwischendurch eine dünne Suppe verabreicht. Aus den 4 grossen Lägern (mit ca. 2500 – 3000 Mann) erübrigte Rest(e) werden an Einzelne für besondere Leistungen, sogen. ‚Nachschläge‘ ausgeteilt. [...]“ [33]


Abb. 19

Die für den gesamten Komplex „Zwangsarbeit im Dritten Reich“ gültigen Wahrnehmungen dürfen nicht den Blick auf die Tatsache verstellen, dass die Unternehmen im rheinischen Braunkohlenrevier sich wenigstens darum bemüht haben, die Lebensumstände der Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeiter unter den gegebenen Bedingungen partiell zu mildern. Sie waren offenkundig bestrebt, dass die Vorschriften über Unterbringung und Verpflegung exakt eingehalten wurden. Allerdings sind Anspruch auf dem Papier und Wirklichkeit im Arbeitseinsatz oft sehr unterschiedlich gewesen. Dass es bei den von ihnen getroffenen Maßnahmen zur Erhaltung und Ausnutzung der Arbeitskraft dieser Personen auch um eigene bzw. staatliche Interessen ging, ist nicht zu bestreiten.

Anmerkungen

  • [1]

    Organisationsstruktur der Reichswirtschaftskammer 1935.

  • [2]

    Alan S.Milward, Die deutsche Kriegswirtschaft 1939-1945, Stuttgart 1966.

  • [3]

    Jost Dülfer, Deutsche Geschichte 1933-1945, Führerglaube und Vernichtungskrieg, Stuttgart-Berlin-Köln 1992, S.169 ff.

  • [4]

    Die ersten polnischen Kriegsgefangenen wurden bereits Mitte Oktober 1939 im Kreis Bergheim zum Einbringen der Rübenernte eingesetzt. (ERFTBOTE, Bedburg, 7.10.1939, 14.10.1939, Kreisarchiv des Erftkreises: BERGHEIMER ZEITUNG, 1.11.1939; Stadtarchiv Kerpen, Gemeinde Türnich, 411, (1939-1942).

  • [5]

    Volker H.W. Schüler, Mißhandelt und ausgebeutet, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in der Gemeinde Türnich, in: Kerpener Heimatblätter, 2/1991, S. 39 ff.

  • [6]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 210/130 RAG (1935-1954); Die Angaben in allen nachfolgenden Tabellen beziehen sich, soweit nicht anders vermerkt, auf folgende Betriebe: Fortuna, Beisselsgrube, Sibylla, Grefrath, HW.Grefrath, Carl, Clarenberg, Gruhlwerk, Donatus und Louise und wurden aus der Quelle unverändert übernommen.

  • [7]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 244/214 Schallmauer; Aus dem weiteren Schriftwechsel geht hervor, dass es sich bei den angeforderten Kriegsgefangenen um „Nationalpolen“ handeln sollte.

  • [8]

    A.a.O., vertrauliches Schreiben vom 18.6.1940.

  • [9]

    Stadtarchiv Kerpen, Gemeinde Türnich, 411 (1939 –1942).

  • [10]

    Die RAG-Statistik weist die französischen Kriegsgefangenen gesondert aus.

  • [11]

    Der neue Status für diesen Personenkreis galt seit Sommer 1940.

  • [12]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 210/214 RAG, 1940 – 1947.

  • [13]

    A.a.O.

  • [14]

    Zentralarchiv RWE Power AG, RAG 210/214.

  • [15]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 210/130 RAG, Statistische Belegschaftsmeldungen Mai 1943 – Dezember 1945; nach RAG 210/214 wurden die R.E.W. Kraftwerken Fortuna zwischen 15. 4. und 4.9.1942 insgesamt 23 Zivilrussen als Arbeiter zugeteilt.

  • [16]

    Stadtarchiv Kerpen, Amt Kerpen, Nr. 2960.

  • [17]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 210/130

  • [18]

    18 Die UNRRA war Anfang November 1943 in Washington von 44 alliierten Nationen mit dem Ziel gegründet worden, in den von der nationalsozialistische Gewaltherrschaft befreiten Gebieten die Wirtschaft wieder in Gang zu setzen.

  • [19]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 310/143 Roddergrube AG.

  • [20]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 310/130, Roddergrube AG.- Statistik, Statistiken für die Jahre 1934 –1949.

  • [21]

    Nach März 1945 sind die Angaben auf Kriegsgefangene, Vermisste und Gefallene bezogen.

  • [22]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 244/214 Schallmauer; Mit der Steigerung der alliierten Luftangriffe auf die Betriebe der rheinischen Braunkohlenindustrie wurden auch für die ausländischen Arbeitskräfte u.a. Splittergräben ausgehoben und Löschteiche eingerichtet sowie die Baracken mit Verdunkelungsrollos und Spezialanstrich versehen oder mit Grünpflanzenbewuchs getarnt.

  • [23]

    Die neuen „ausländischen Arbeiter“ erhielten auf Weisung der Kommandantur des Stalag VI/G die ihnen abgenommenen Wertsachen zurück und ihr „Lagergeld“ wurde in Reichsmark umgetauscht. Die Arbeitsverträge mit den Unternehmen wurden gekündigt. – Die Verwaltung des Abschnitts Köln-Land des Stalag VI/G war in Brühl, Uhlstraße 19 untergebracht.

  • [24]

    Reichsgesetzblatt, 1942, Tei I, S. 149.

  • [25]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 210/214 RAG.

  • [26]

    Reichsgesetzblatt, 1939, Teil I, S. 1679.

  • [27]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 210/214 RAG.

  • [28]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 244/214 Schallmauer.

  • [29]

    A.a.O.

  • [30]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 210/214 RAG, 1940 – 1947.

  • [31]

    A.a.O.

  • [32]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 244/214 Schallmauer.

  • [33]

    Zentralarchiv RWE Power AG, 210/214 RAG, 1940 – 1947.

Empfohlene Zitierweise

Coenen, Manfred: Rheinische Braunkohle. Ausländerbeschäftigung und Zwangsarbeit in der rheinischen Braunkohlenindustrie, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7z2f/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 20.10.2006

Zuletzt geändert: 31.10.2006


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