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Danièle List

Der Luftkrieg in Nürnberg

 


Abb. 1: Die zerstörte Altstadt nach dem Angriff vom 2. Januar 1945, im Hintergrund die Ruinen der Kaiserburg und der Sebaldkirche; Stadtarchiv Nürnberg

Chronologie der Ereignisse

In den ersten beiden Kriegsjahren blieb Nürnberg weitgehend vom Luftkrieg verschont, obwohl die Stadt bereits 1939 zwei Alarme (davon ein Fehlalarm gleich am 1. September) erlebte. 1940 fielen Bomben auf Vororte der Nachbarstadt Fürth (17.08.) und auf das Märzfeld des Reichsparteitagsgeländes (21./22.12.). Bei diesen Angriffen waren die britischen Bomber auch zu anderen Zielen im Deutschland unterwegs. 1941 gab es mehrere Luftangriffe. In der Nacht vom 12. zum 13. Oktober wurde bei einem Angriff erstmals eine Person getötet.

Da in Nürnberg eine große Anzahl von Rüstungsbetrieben ansässig war, an erster Stelle die MAN, wo seit 1938 Panzer hergestellt wurden, mußte mit einem Großangriff gerechnet werden. Auch die strategisch wichtige Lage der Stadt, in der sich zwei bedeutende Bahnverbindungen, eine vom Ruhrgebiet nach Wien und Südosteuropa, die andere von Berlin nach München und Italien, kreuzten, machte die Stadt zu einem besonders lohnenden Ziel für die alliierten Luftstreitkräfte.

Der erste Großangriff in der Nacht vom 28. zum 29. August 1942 kam also nicht überraschend. "Man rechnete seit Monaten mit ihm", hieß es im Monatsbericht des Regierungspräsidenten für Mittel- und Oberfranken in Ansbach für August 1942. 50 britische Flugzeuge warfen Spreng-, Brand- und Phosphorbomben auf das Stadtgebiet und richteten große Schäden an. Rüstungsbetriebe (MAN, Faun) und der Rangierbahnhof wurden getroffen, 52 Wohnhäuser total zerstört, Kaiserburg und Albrecht-Dürer-Haus beschädigt, über 20.000 Menschen obdachlos. 136 Personen verloren ihr Leben. Für diese "Gefallenen" inszenierte die NSDAP eine Trauerfeier im „Heldenhain“ des Südfriedhofs.

Zu Beginn des Jahres 1943 war die Altstadt noch fast unversehrt, doch jetzt erreichte der Bombenkrieg Nürnberg endgültig. Die Luftangriffe häuften sich und die Pausen zwischen den Alarmen wurden immer kürzer. Bei zwei großen Angriffen zu Anfang des Jahres (25./26.2. und 8./9.3.) wurden Vororte und die Innenstadt getroffen, wobei wertvolle historische Gebäude, z. B. die Mauthalle, zerstört wurden. 360 Opfer waren zu beklagen.

Auch die Angriffe im August 1943 richteten verheerende Schäden an. Der Stadtteil Wöhrd wurde völlig zerstört, die gotische Lorenzkirche stark beschädigt, es starben 585 Menschen.

Ab diesem Zeitpunkt gehörten Fliegeralarm und der Aufenthalt in den Luftschutzräumen endgültig zum Alltag der Bevölkerung. Um die Lutzschutzsituation zu verbessern - der Bau von Bunkern wurde auf Grund des Materialmangels immer schwieriger -, wurden nach und nach die Felsengänge unterhalb der nördlichen Altstadt ausgebaut und zu einem System von Schutzräumen und Fluchtwegen gestaltet, das Schutz für 60.000 Menschen bot. Erfahrung mit dem Ausbau der z. T. mittelalterlichen Felsengänge hatte man bereits 1940 beim Bau des Kunstbunkers gesammelt, in dessen Räumen Kunstwerke aus Nürnberg gelagert wurden. Auch der Krakauer Marienaltar des Veit Stoß überlebte den Krieg im Nürnberger Kunstbunker.

1944 wurden 6 Großangriffe auf Nürnberg geflogen. Bei dem Angriff am 31.3. erlitt die Royal Air Force schwere Verluste. Wegen der deutschen Luftabwehr, des schlechten Wetters und des starken Windes erreichten viele Bomber ihr Ziel nicht. Im September und Oktober flog die US Air Force Tagesangriffe auf die Stadt: Am 3. Oktober fielen amerikanische Spreng- und Brandbomben auf die Industriegebiete im Süden des Stadtgebiets und auf die nördliche Altstadt, viele historisch wertvolle Gebäude wurden stark oder total zerstört (Teile der Kaiserburg, des Rathauses, der Sebalduskirche). Beide Angriffe kosteten mehr als 400 Menschen das Leben, 37.000 wurden durch sie obdachlos. Weitere Angriffe folgten am 19. Oktober (237 Tote), am 25., 26., 27. und 28. November und am 5. und 18. Dezember.

Den schwersten Angriff erlebte Nürnberg am 2. Januar 1945. Ab 19.20 Uhr flogen ca. 1.000 Bomber der Royal Air Force über die Stadt. Ihr Ziel waren die Wohngebiete in der historischen Altstadt. 1 Million Brandbomben und 6.000 Sprengbomben wurden abgeworfen. Die Bilanz dieser größten Katastrophe in der Stadtgeschichte: ca. 1.800 Tote (darunter viele Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter), 3.333 Verletzte, 100.000 Obdachlose. Die Altstadt war fast völlig zerstört. Die Löscharbeiten erstreckten sich über mehrere Tage. Viele Schulen und Ämtergebäude wurden total zerstört oder stark beschädigt, so daß das öffentliche Leben zunächst völlig lahmgelegt war.

In den letzten Monaten des Krieges wechselten sich fast täglich Klein- und Fliegeralarme, Störangriffe und erneute schwere Luftangriffe ab (20./21.2. 992 Tote, 16.3. 517 Tote, 5.4. 197 Tote, 11.4. - letzter Angriff auf Nürnberg - 74 Tote.). Insgesamt wurden in den vier Kriegsmonaten des Jahres 1945 auf Nürnberg mehr Bomben abgeworfen als in den Jahren 1942 bis 1944.

Die Stadt, in welche die Amerikaner am 20. April 1945 einmarschierten, war ein Trümmerfeld: "Insbesondere betroffen wurde das Stadtzentrum mit der Altstadt, deren Bestand an historischen Gebäuden fast restlos vernichtet ist, die dicht bevölkerten Gebiete südlich des Bahnhofs und die nordöstlich anschließenden Wohngebiete; Streuschäden liegen in sämtlichen Stadtteilen vor[...]." (Bericht des Baureferats vom 02.07.1945). Die Schuttmenge betrug 25,3 cbm je Einwohner (Köln: 31,2, Hamburg: 20,9, Berlin: 12,7). Der Luftkrieg hat in Nürnberg ca. 6.000 Menschen das Leben gekostet (Hamburg: 48.602, Berlin: 35.000, Köln: 13.654 Opfer).

Bibliographie

Diefenbacher, Michael u. Endres, Rudolf (Hg.): Stadtlexikon Nürnberg, Nürnberg 1999.

Handfest, Irene: Der Luftkrieg in Nürnberg. Quellen des Stadtarchivs zum 2. Januar 1945, Nürnberg 1985.

Schramm, Georg Wolfgang: Bomben auf Nürnberg. Luftangriffe 1940-1945, München 1988.

Ders.: Der zivile Luftschutz in Nürnberg 1933-1945, Nürnberg 1983.

 

Forschungsprojekt "Der Luftkrieg in Nürnberg, 1942-1945" (Stadtarchiv Nürnberg)

 

Kontakt: av(at)av.stadt.nuernberg.de

 

Empfohlene Zitierweise

List, Danièle: Der Luftkrieg in Nürnberg, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7z12m/

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Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 08.06.2006


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