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Molitor, Ulrich

Thomas Gawron und Jens Geiling 

1. Mai 2007

* um 1442 in Konstanz, † 1507, Jurist in Konztanz, gilt als „gemäßigter“ bis „skeptischer“ Vertreter der Hexenlehre

Ulrich Molitor studierte in Basel (ab 1461) und der humanistisch geprägten Universität Pavia (ab 1465). 1470 wurde er zum Doktor des Kirchenrechts promoviert. Molitor war zunächst als Notar am bischöflichen Gericht, danach am bischöflichen Vikariat und in der Stadt Konstanz tätig, wodurch er in den Bischofstreit (1474-1480) involviert wurde. Ab Mitte der achtziger Jahre, vor allem durch den berühmten „Rotensteinprozess“ aufmerksam geworden, nahm Herzog Sigmund von Tirol seine Dienste vermehrt in Anspruch. Molitor wird zum herzoglichen Rat (1488) und 1495/96 schließlich zum Kanzler des Herzogtums Tirols ernannt, nachdem er im Streit aus dem bischöflichen Dienst ausgeschieden war. Der Tod Sigmunds machte diesem Arbeitsverhältnis bald ein Ende. Auf Vermittlung Kaiser Maximilians fand er 1497 bis zu seinem Tod eine Anstellung als Anwalt am Reichskammergericht. Der Vater von sechs Kindern starb 1507. Neben politisch-juristischen Texten verfasste Molitor auch eine lateinische Gerichtskomödie. Sein berühmtestes Werk ist der 'Tractatus...de lamiis [auch: laniis] et phitonicis mulieribus' ('Hexenbüchlein), das Molitor zu Beginn des Jahres 1489 beendete und gleichzeitig in Deutsch und Latein erschien. Nach Mautz diente das Traktat als „Bewerbungsschreiben“ am Konstanzer Hof. Wenige Jahre zuvor hatte Heinrich Institoris (zwischen 1481 und 1485) zahlreiche Hexenprozesse in der Diözese Konstanz initiiert. Auch aus dem Stadtgebiet sind für die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts mehrere Prozesse bekannt. Das „Hexenbüchlein“ ist Erzherzogs Sigmund von Tirol gewidmet, dessen eigene Haltung zu den Hexenprozessen wie auch im Traktat wohl eher kritisch war. Die Wahl des Themas war durchaus brisant, aber erfolgreich: Molitor wurde 1588 in die herzoglichen Dienste übernommen. Bis 1600 wurde das Werk über zwanzigmal aufgelegt.

Von Hexen und Unholden

Der Text ist in Form einer akademischen Disputation abgefasst, wobei sich der Dialog zwischen dem Stadtrichter Conrad Schatz als Praktiker und Befürworter, Konrad Stürzel (Rektor der Universität Freiburg/Kanzler Kaiser Maximilians I.) als Gelehrten und Herzog Siegmund als Zweifler und Fragenden entfaltet und so lebhaft wie auch logisch strukturiert das Für und Wider von Hexenglauben und –verfolgung in scholastischer Manier erörtert. Werden im ersten Hauptteil vor allem die verschiedenen Argumente zusammengetragen und knapp erwogen, erfolgt ein Fazit erst in den vier abschließenden Dialogen.

Molitor behandelt drei große Teilbereiche des Hexenglaubens. Ausführlich geht er auf die Fähigkeit der Hexen bzw. des Teufels zum Maleficum ein, behandelt anschließend den Hexenflug, die Tierverwandlung und – sehr knapp – den Sabbat. Nach einem kurzen Exkurs über die Wahrsagerei wird im Sinne eines Resümees die Bestrafung der Hexen diskutiert.

Zu den Maleficia zählt Molitor die Fähigkeit zum Wetterzauber, zur Verursachung von Krankheiten bei Menschen und des (negativen) Liebeszaubers. Die bestehenden Einwände gegen den Schadenszauber werden durch zahlreiche Beispiele aus der antiken und frühchristlichen Tradition scheinbar widerlegt. Überwiegend spricht Molitor jedoch über die Fähigkeiten des Teufels. Wohl aus argumentativen Gründen heraus betont Molitor ganz im Sinne Aristoteles die Bedeutung der Erkenntnisgewinnung durch Erfahrung. Gerade durch die Gerichtpraxis vor Ort ergeben sich immer wieder Exempel, welche für die zauberischen Fähigkeiten des Menschen zu sprechen scheinen. Eine ähnliche Rolle nehmen die Aussagen der Autoritäten ein (Nominalismus), wobei er allerdings zu einem großen Teil auf Beispiele der Heiligen Schrift und der Heiligenlegenden (Speculum Maius des Vinzenz von Beauvais) zurückgreift. Eine Diskussion des Machtverhältnisses bzw. des Wechselspiels zwischen Teufel und Hexe unterschlägt Molitor zunächst weitgehend und hebt sich die überraschende Pointe seiner Erkenntnis bis zum Ende des Textes auf: Weder der Teufel noch die Hexe können ohne die Zulassung Gottes irgendetwas bewirken. Dabei ist diese permissio Dei keine beliebig dehnbare, generelle Regel, die alles zulässt, was nicht explizit verboten ist! Sie ist immer auf bestimmte Aktionen und Personen beschnitten.

Dem Teufel verbleibt daher nur ein sehr eingeschränkter Spielraum. Auch diesen kann er nur nutzen, weil ihm als geistiges Wesen gegenüber den Menschen drei Vorteile zufallen: Er ist von überragender Schnelligkeit, besitzt überaus weit reichende Erfahrungen und Scharfsinn. Die Menschen selbst allerdings können nichts, was auf magische Fähigkeiten beruht. Der Teufel benutzt sein Wissen lediglich, um die Hexen zu vermeintlichen Taten anzustiften. Alle verwendeten Zaubermittel sind unwirksames „Narrenwerk“, welche die Suggestion unterstützen sollen. Geschickt nutzt der Teufel seine Fähigkeiten zur Verblendung, um einerseits die Hexen, andererseits der restliche Menschheit Glauben zu machen, es würde sich um Zauberei handeln. Diese dient nicht nur der Verführung der Schwachen, sondern auch der Erprobung der Frommen, wobei nicht auszuschließen ist, das gerade die Gerechten besonders leiden müssten.

Die Fähigkeit des Teufels zur Verblendung in verschiedensten Formen der optischen Täuschung, der Sinnestäuschung, des Vorgaukeln falscher Tatsachen oder Träume sowie der Suggestion ermöglicht auch den Glauben an Tierverwandlung, Hexenflug und Sabbat. Diese Charakterisierung des Teufels nimmt für Molitor einen zentralen Punkt innerhalb der Argumentation ein.

Intensiv wird auf Rechtsfälle im regionalen Umfeld zum Beweis des Hexenfluges eingegangen. Der Zweifler Siegmund führt den Canon Episcopi ins Feld, der den Glauben an den Flug nachtfahrender Frauen mit Diana in das Reich der Fantasie verbannt. Molitor spricht im Gegensatz zu anderen Autoren nicht von einer  neuen Sekte der Hexen, die kaum mit den nachtfahrenden Frauen des Canon Episcopi vergleichbar ist. Er spricht von denselben Frauen, welche umfassende Kenntnisse über fremde Regionen und Personen besäßen und macht bereits hier seine skeptische Haltung gegenüber den neuen Sektengedanken deutlich.

Denn letztlich erweist sich dieser Hexenflug wie auch der Sabbat nur als Traum, wobei offen bleibt wer diese Verblendung erfährt: die Hexen oder die Beobachter. Realität dagegen besitzt die Teufelsbuhlschaft, zu der sich die Betroffenen aktiv entschließen müssen. Dieser Verbindung kann jedoch kein Nachwuchs entspringen, da es dem Teufel unmöglich ist, eine lebendige Seele dem Zeugungsakt (mit Hilfe gestohlenen Samens) beizusteuern.

Der Dämonenpakt – den Molitor überwiegend aus den Anschauungen des Augustinus herleitet, ist für das Verbrechen also konstitutiv. Hexerei bleibt bei dem im römischen Recht geschulten Juristen Molitor ein rein geistliches Verbrechen. Der Abfall von Gott und die Bereitschaft zum Teufelspakt sind jedoch Grund genug, um mit dem Codex de Maleficis et Mathematicis (Codex Iustiniani, Gesetzt „multi) die Verurteilung zum Tode nach rein weltlichem Recht zu fordern. Diesen Widerspruch zwischen der Konstruktion eines rein geistlichen Verbrechens und der Zuordnung zum weltlichen Recht klärt Molitor jedoch nicht auf. Durchaus im Widerspruch zum römischen Recht und der Zuordnung des Hexereiverbrechens zu den Schwerverbrechen hatte er schon zuvor die Ansicht geäußert, dass die unter der Folter erpressten Aussagen aufgrund der Umstände keinen Geständniswert besitzen würden. Statt des Denunziationsprozesses spricht sich Molitor – jedoch wenig offensiv – für einen Akkusationsprozess ohne Folter und mit Anwalt aus.

Molitor schließt mit einer Vermahnung an die „Weiber“, sich einer tugendhaften Lebensführung zu befleißigen und den Versuchungen des Teufels zu widerstehen. Wie im gesamten Text spricht er dabei vorwiegend die Frauen an, wobei er subtil eine geschlechtsspezifische Prägung des Zauberdeliktes befördert, ohne dies offensiv zu diskutieren. Die Auswahl seiner Exempel stützt diese Zuspitzung nicht.

Trotzdem Molitor also eine eher skeptische Sicht auf das Delikt der Hexerei entwickelt, übernimmt er im Fall des Glaubens an den Dämonenpakt, die strafrechtlichen Konsequenzen und die geschlechtspezifische Zuordnung unkritisch Elemente der stark befürwortenden Hexenlehre, die seinen eher rational gefassten Argumentationszusammenhängen im Fall des Schadenszaubers, des Hexenfluges, der Tierverwandlung und des Sabbats zu widersprechen scheinen. Gänzlich vermeidet Molitor die Diskussion, ob es sich bei den Hexen um eine neue Sekte handeln würde.

Reagierte Molitor vor allem auf den Hexenhammer, wurde sein Werk oft nur in seiner letzten Sequenz – der Forderung nach dem Todesurteil – wahrgenommen. Delrio und Bodin rezipierten Molitor sehr kritisch bzw. gaben seine Aussagen stark verkürzt und ihren verfolgungsbefürwortenden Intentionen entsprechend wieder. Vor allem die protestantischen Theologen, aber auch Johann Weier haben sich auf Ulrich Molitor dagegen auf seine skeptischen Ansichten bezogen.

Ausgaben vor 1800

1489, Reutlingen (Johann Otmar) 1489, lateinische Fassung.

1489, Strassburg (Prüss) 1489, lateinische Fassung. http://diglib.hab.de/inkunabeln/146-13-theol-14/start.htm

1489, Rütlingen (Greif) 1489, lateinische Fassung. http://diglib.hab.de/inkunabeln/179-2-quod-2/start.htm

1494, Speyer (Conrad Hist), lateinische Fassung.

1495, Leipzig (Arnoldus de Colonia) 1495, lateinische Fassung.

1505, Köln (Cornelius von Zierickzee) 1505, lateinische Fassung.

1508, Augsburg (Johann Otmar) 1508, deutsche Übersetzung. http://daten.digitale-sammlungen.de/0000/bsb00004293/images/

1544, Hexen-Meysterei…, Straßburg (Jakob Cammerlander) 1544, deutsche Übersetzung.

1545, Hexen Meisterei, Strassburg (Jakob Cammerlander) 1545, deutsche Übersetzung.

1561, Paris (Aegidius Corrozet) 1561, lateinische Fassung.

1575, Straßburg (Christian Müller d. J.) 1575, deutsche Übersetzung von Conrad Lautenbach.

1576, Frankfurt/M. (Nikolaus Basse) 1576, deutsche Übersetzung durch Conrad Lautenbach.

1576, (Lambert Daneau, Jacob Vallick und Ulrich Molitor), Köln (Johann Gymnicus / Einhorn) 1576, deutsche Übersetzung durch Conrad Lautenbach.

1580, in: Malleus Maleficarum, Frankfurt/M. (Nikolaus Basse) 1580, deutsche Übersetzung.

1582, Frankfurt/M. (Nikolaus Basse) 1582, lateinische Fassung.

1586, in: Abraham Sawr (Hg.), Theatrum de Veneficis, Frankfurt/M. (Nikolaus Basse) 1586, deutsche Übersetzung durch Conrad Lautenbach.

1588, in: Malleus Maleficarum, Frankfurt/M. (Nikolaus Basse) 1588, lateinische Fassung.

1595, in: D. Augustini Sententiae ex omnibus, lateinische Fassung, Helmstedt (Lucius?) 1595.

1595, Köln (Gerhard Grevenbroich) 1595, lateinische Fassung.

1600, in: Malleus Maleficarum, Frankfurt/M. (Nikolaus Basse) 1600, lateinische Fassung.

Ausgaben nach 1800

1926, Des sorcieres et des devineresses, Paris (Nourry) 1926 (Köln 1489).

1968, De las brujas y adivinas, Buenos Aires (Jorge Alvarez) 1968.

1926, pour la première fois en français. - Paris (Nourry) 1926

1997, Jörg Mauz (Hg.), Schriften Ulrich Molitoris, Konstanz 1997 (Studien zur Kulturgeschichte 1).

Literatur

Edward Bever, Ulrich Molitor (1442-1508), in: Richard M. Golden (Hg.), Encyclopedia of Witchcraft. The Western Tradition, Volume 3, Santa Barbara/Denver/Oxford 2006, S. 776-777.

Jörg Mauz, Ulrich Molitoris, Ein süddeutscher Humanist und Rechtsgelehrter, Wien 1992.

Martina Deter, Ulrich Molitoris und Johannes Geiler von Kaisersberg und die Anfänge des Hexenwahns in Deutschland, 1988.

Gerd Schwerhoff, Rationalität im Wahn, Zum gelehrten Diskurs über die Hexen in der frühen Neuzeit, in: Saeculum 37, 1986, S. 45-82.

Wolfgang Ziegeler, Möglichkeiten der Kritik am Hexen- und Zauberwesen im ausgehenden Mittelalter, Zeitgenössische Stimmen und ihre soziale Zugehörigkeit, (Kollektive Einstellungen und sozialer Wandel im Mittelalter 2), Köln; Wien 1973.

Empfohlene Zitierweise

Geiling, Jens/Gawron, Thomas: Molitor, Ulrich. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zsh/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.06.2007


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