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Hexenverfolgungen in der Grafschaft Nassau

Die Reichsgrafschaft Nassau und ihr Regent

Johanna Koppenhöfer

18.11.2003

Die frühere Reichsgrafschaft Nassau zwischen Rhein, Main und Sieg, ist, nachdem sie 1945 im heutigen Hessen aufgegangen ist, als politisches Territorium weitgehend aus dem Bewußtsein geschwunden. Die ehemals wichtigen Städte Dillenburg, Herborn und Siegen sind zu provinzieller Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Im 16. und 17. Jahrhundert trafen in diesem Territorium mit etwa 50.000 Einwohnern die katholische Religion, vertreten durch den Erzbischof von Trier, das Luthertum, protegiert durch den Landgrafen von Hessen - beide hatten territoriale Rechte in der Grafschaft - und der Calvinismus, den Untertanen durch ihren Landesherrn verordnet, aufeinander. Die religiösen Spannungen - der Calvinismus wurde von der Bevölkerung nur schwer akzeptiert - verschärfte die Diskrepanz zwischen der gebildeten Beamtenschicht und der meist armen Land- und Stadtbevölkerung.

Zwar war der Landesherr, Graf Johann VI, der 1559 als 23-jähriger die Regierung übernommen hatte, kein Befürworter der Hexenverfolgungen, hielt Zauberei jedoch als Laster in den Kreisen des kleinen Mannes für möglich und erließ im Jahre 1582 auf Drängen seiner Gemeinden das so genannte "Hexenmandat", in welchem er die Namhaftmachung verdächtiger Personen anordnete.

Seine strenge Rechtlichkeit, der sich auch seine Juristen und Beamten beugen mussten, beschränkte die Hexenprozesse während seiner fast 50-jährigen Regierungszeit (1559 - 1606) auf 70 Fälle mit 40 Hinrichtungen, einschließlich dreier Selbstmorde. Opfer waren 34 Frauen und sechs Männer. Bei 17 Opfern ist das soziale Umfeld erkennbar: 16 Personen hatten einen schlechten Ruf, vierzehn galten als sehr arm, 14 Personen waren verheiratet oder verwitwet, 12 waren älter als 50 Jahre. Vier Männer wurden wegen eines Werwolfverdachts, den man dem Hexenschema angepasst hatte, hingerichtet. Die meisten Hinrichtungen fanden in den Teilgrafschaften Diez und Hadamar statt, in denen das niedrigste Einkommen und ein hartnäckiges Festhalten an der katholischen Religion zusammentrafen. Es ist möglich, dass man aus Disziplinierungsgründen in diesen Gebieten härter durchgegriffen hat, als in den anderen Teilgrafschaften.

Verdachtsgenese und Mechanismen der Verfolgung

Auslöser für einen Hexenprozess war immer das "Gerücht der Zauberei", meist in Verbindung mit einem Schadensfall. Dieses "Gerücht", das oft seit Jahrzehnten bestand, hatte seine Wurzeln in der Abstammung von einer verdächtigen Person, in freundschaftlichem Umgang mit "beschrieenen Personen", Besagung durch hingerichtete Zauberer oder durch Wahrsager beziehungsweise Segner und Heiler. Auch der Leumund und das Betragen spielten eine wichtige Rolle. Zaubereiverdächtige galten als asozial, man duldete sie zwar, aber "niemand wollte etwas mit ihnen zu schaffen haben". Die "Zaubereitradition" reichte oftmals in einer Familie mehrere Generationen zurück, ebenso wie die Familientradition der Segner und Heiler, die sich als Gegenspieler der Hexen sahen. Die Ursprünge dieser Traditionen verlieren sich in der Vergangenheit.

Heilkundige Männer und Frauen wurden in der Grafschaft Nassau meist nur mit Kirchenbußen bestraft, Kinder wurden während der ganzen Zeit der Hexenprozesse niemals hingerichtet, ihre Aussagen wurden kritisch bewertet. Jedoch hat man öfter versucht, Töchter zu belastenden Aussagen über ihre Mütter zu bewegen. Es gab keine Vermögenskonfiszierungen, die Angehörigen mussten jedoch die Prozesskosten tragen. Verurteilte Personen wurden in einer Holzhütte verbrannt. Bei einem freiwilligen Geständnis milderte Graf Johann die Strafe in Enthauptung ab.

Die größte Prozesswelle mit acht Hinrichtungen fand in den Jahren 1589-91 statt, ausgelöst durch die Selbstanzeige einer jungen Frau aus der Unterschicht in Verbindung mit einem Unwetter, das die Ernte des Gebietes vernichtet hatte. "Zauber-Merg" hatte alle Frauen genannt, die seit längerem im Verdacht der Zauberei standen. Fast alle waren miteinander bekannt oder hatten voneinander gehört, ihre Dörfer waren eng benachbart. Einige waren offensichtlich unschuldig. Trotzdem wurden die Todesurteile genehmigt, weil durch dieses Unwetter eine Gefährdung des öffentlichen Wohls befürchtet wurde und die Zahlung der Abgaben in Gefahr war.

In den Nassauer Prozessen des 16. Jahrhundert war eine Aktenversendung an eine Juristische Fakultät nicht üblich, aber es wurden Rechtsgutachten unabhängiger Juristen eingeholt, die so manchen Angeklagten retteten. Auch Verteidiger waren zugelassen, wenn die Familie der Angeklagten sie bezahlen konnten. Der Verteidiger war bestrebt, die Aussagen der Zeugen zu widerlegen, um die Angeklagten vor der Folter und damit vor einem Geständnis zu retten. Gute Verteidiger findet man aber gelegentlich auch als Ankläger wieder, für die entsprechende Bezahlung vertraten sie jede Seite.

"Hexendiskussion" hinter den Kulissen.

Graf Johanns Juristen und Theologen konnten sich kaum eine eigene oder sogar abweichende Meinung von der gängigen Hexentheorie erlauben. Die meisten Beamten sahen wie der Landesherr die "Ausrottung des Zaubereilasters" als eine ungeliebte Aufgabe an, die eben erledigt werden mußte. In juristischen und theologischen Kreisen diskutierte man die verschiedenen Rechtsstandpunkte und Theorien. Die Unmöglichkeit, ohne Folter zu einem Geständnis zu gelangen, schuf Unbehagen. Genaue Untersuchungen der Anschuldigungen ergaben oft nachbarliche oder familiäre Streitigkeiten als Grund für einen Zaubereiverdacht, was einen Prozess eigentlich ausschloss. Besonders die Theologen vertraten eine mildere Haltung und warnten vor möglichen Justizmorden. Auch einige Rechtsgutachter betrachteten die Hexenlehre mit Skepsis, da vieles darin den Naturgesetzen widerspräche und somit unmöglich sei. Das neue römische Recht schrieb den Inquisitionsprozess vor, der ein Geständnis erforderte. Die so genannte "Carolina" hatte aber bei Zaubereidelikten einige Sicherheitsbarrieren eingebaut, die meist peinlich eingehalten wurden.

Die im Vergleich zu den umliegenden Herrschaften sehr niedrige Gesamtzahl von 40 Hinrichtungen in der Grafschaft Nassau in 50 Jahren ist das Resultat der vorsichtigen Haltung des Grafen und seiner Beamten.

Der Ausbruch der Massenprozesse 1628 - 1631

Nach dem Tode Graf Johanns VI. wurde sein Territorium in fünf Teilgrafschaften zersplittert, von denen hier die Grafschaft Nassau-Dillenburg untersucht wurde, da unter seinem Enkel Ludwig Heinrich und dessen Enkel Heinrich eine kontinuierliche Weiterverfolgung der Politik Johanns zu erwarten war.
Die Zahl der Hinrichtungen in dieser Teilgrafschaft stieg in den Jahren 1628-32 auf etwa 170 an, die Schwerpunkte lagen in Städten Herborn (96 Hinrichtungen) und Dillenburg (39). In der Gesamtgrafschaft Nassau wurden in diesen Jahren etwa 400 Menschen exekutiert.

Entscheidende Neuerungen waren:

Die Bildung eines genossenschaftlichen Ausschußwesens: Die Aktivitäten der gewählten Hexenausschüsse, deren Mitglieder Einheimische waren, die jedes alte Gerücht kannten, gaben den Hexenprozessen einen ungeheuren Auftrieb.

Eine Änderung der Kriterien, die zum Einsatz der Folter berechtigten: Die Zeugenaussagen wurden jetzt schon vor der Inhaftierung gesammelt und von den Juristen geprüft. Genehmigten sie den Haftbefehl, galt diese Genehmigung gleichzeitig für den Einsatz der Folter.

Der Einsatz von professionellen Hexenkommissare: Die Überlastung der Dillenburger Hofräte mit diplomatischen Aufgaben im 30-jährigen Krieg und die wachsende Anzahl der Hexenanklagen löste den Einsatz von spezialisierten Hexenkommissaren aus, die schon aus finanziellen Gründen an Hexenprozessen interessiert waren und alte Verfahren, die mit einer Entlastung geendet hatten, wieder aufrollten, oder mit Hilfe der Ausschüsse weitere Opfer aufspürten.

Eine Veränderte Einstellung des Landesherrn und seiner Räte. Die religiöse Motivationwich einer zunehmenden "Pilatushaltung" der Obrigkeit unter der Voraussetzung der Kostengarantie durch die Gemeinden

Die Dezentralisierung der Prozessführung und der zunehmender Einfluss durch die lokalen Gewalten beziehungsweise eine mangelnde Supervision durch die Hofkanzlei. Die Verfahren spielten sich nicht mehr zentral in Dillenburg ab, sondern waren außerdem auf die Gerichtsorte Herborn und Driedorf verteilt, damit entfiel eine echte Kontrollmöglichkeit der Hofkanzlei bezüglich der Verhöre und der Anwendung der Folter.

Eine Kostenexplosion, die sich einerseits durch die Verpflichtung freier Juristen als Hexenkommissare und Zehrungskosten für das gesamte am Prozess beteiligte Personal einschließlich der Ankläger ergab, andererseits auch durch die herrschende Inflation und die Kostenübernahme durch die betroffenen Gemeinden, sofern bei den Angeklagten kein Vermögen vorhanden war,

Das wachsende Besagungs- und Geständnisbereitschaft der Angeklagten, die manchmal 30 oder 40 Personen besagten und oft sogar auf eine schnelle Hinrichtung drängten, um ihren Familien den finanziellen Ruin zu ersparen.

Die gebräuchlichste Hinrichtungsart dieser Jahre war die Enthauptung. War ein freiwilliges Geständnis vorausgegangen, wurden die Hingerichteten auf dem Kirchhof begraben, ansonsten verbrannt. Die unter Graf Johann VI. angewendete Feuerstrafe war nicht mehr üblich, wäre bei den Massenhinrichtungen auch kaum möglich gewesen.

Abbruch der Hexenprozesse nach 1632

Die Hexenprozesse in der Grafschaft Nassau-Dillenburg fanden ihr vorläufiges Ende nach der großen Prozesswelle 1629-32. Dieser Abbruch kann zum Teil mit der Furcht vor einer Expansion der Anklagen in die höheren Stände begründet werden. Angeklagte in verschiedenen Gerichtsorten versuchten, Standespersonen, die man für die Hexenjagd und die dahinter stehenden Motive verantwortlich machte, in die Prozesse zu verwickeln, wenn auch ohne großen Erfolg. Gefährdet waren Schultheiße und Bürgermeister, die den örtlichen Konflikten viel näher waren, als die herausgehobene Schicht der gelehrten Juristen.

Auch die Steuern, die man zur Bestreitung der Prozesskosten der Bevölkerung auferlegte, wurden als schwere Belastung empfunden und trugen zu einer Verminderung der Verfolgungswut in den Gemeinden bei.

Der Niedergang der Hexenprozesse wurde jedoch in erster Linie durch die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges verursacht. Überfälle der verschiedensten Truppen, verbunden mit Not und Teuerung hatten das Interesse der Bevölkerung und ihrer Obrigkeiten von den Hexenverfolgungen abgelenkt. Dazu kam die mangelnde religiöse Motivation des Landesherrn Ludwig Heinrich, der sich gerne als Kriegsheld betätigte. Ein Umdenken der Juristen und Theologen ist jedoch erst in den vierziger Jahren des 17. Jahrhunderts erkennbar.

Der Fall Wehrheim 1651/52 und 1681 - 87

Das Amt Wehrheim war "zwieherrisch", das heißt geteilt zwischen dem katholischen Erzbistum Kurtrier und dem reformierten Nassau-Dillenburg. Die Bevölkerung war lutherisch, es gab jedoch immer eine heimliche katholische Minderheit, die mit der kurtrierischen Regierung und ihrem Amtsverwalter sympathisierte.

Hexenprozesse und wohl auch einige Hinrichtungen hatte es um 1631 gegeben, sie waren aber durch die Ankunft der Schweden im Jahre 1633 unterbrochen worden. Drei Personen hatten die Prozesse von 1631 überlebt und wurden sofort verhaftet, als im April 1651 ein Großfeuer im Ort ausbrach. Auch hier drang der "Ausschuß der Conföderierten" auf einen Hexenprozess, den die beiden Regierungen zuließen, obwohl in ihren eigenen Ländern seit den vierziger Jahren keine Prozesse mehr stattgefunden hatten. Die Prozesswelle riß insgesamt 17 Opfer aus Amt Wehrheim und dem zugehörigen Anspach in den Tod. Kurtrier weigerte sich dann allerdings, weitere Prozesse zu führen. Es war seit 1631 war üblich gewesen, daß beide Regierungen alternierend halbjährlich den Vorsitz bei den Prozessen übernahmen.

Etwa 30 Jahre später brachen mehrere Brände aus, für die man Hexen verantwortlich machte. So wurden nochmals acht Personen hingerichtet, von denen einige in den früheren Prozessen besagt worden waren. Kurtrier schickte zwar einen Hochgerichtsschöffen als Prozessbeobachter, der erfolglos versuchte, die Verfahren zu verhindern, fand aber keine tatkräftige Unterstützung bei seiner Regierung, obwohl in kurtrierischem Gebiet Hexenprozesse seit 1659 untersagt waren. Insgesamt wurden in beiden Verfolgungszeiten 19 Frauen und sechs Männer hingerichtet.
Auch in den beiden Wehrheimer Prozesswellen waren die Primärfälle immer mit der Abstammung von einer "Zauberschen" und einem langjährigen Zaubereigerücht verbunden.
In der Volksmeinung genügte das Wissen um die Zugehörigkeit zu einer seit Generationen belasteten Familie, um Konflikte oder Unglücksfälle in vorsätzlichen Schadenszauber umzudeuten.
Erschwerend kam im Amt Wehrheim dazu, daß der Verfolgungseifer angeheizt wurde durch die innerdörflichen Machtkämpfe zwischen Protestanten und heimlichen Katholiken, denen die kurtrierische und nassau-dillenburgische Regierung im Interesse des politischen Gleichgewichts einen unzulässigen Spielraum gewährte.

Quellen

Caspar Olevial, Der Gnadenbund Gottes, Siegen-Herborn 1590.

Wilhelm Zepper, Von der christlichen Disciplin oder Kirchenzucht, Siegen 1596.

Literatur

Wolfgang Behringer (Hg.), Hexen und Hexenprozesse, München 1988.

Wolfgang Behringer (Hg.), Hexenverfolgungen in Bayern, Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsraison in der frühen Neuzeit, München 1987

Andreas Blauert, Frühe Hexenverfolgungen, Ketzer, Zauberei- und Hexenprozesse des 15. Jahrhunderts, Hamburg 1989.

Werner Croissant, Die Berücksichtigung geburts- und berufsständischer und soziologischer Unterschiede im deutschen Hexenprozess, Mainz 1953.

Johanna Koppenhöfer, Die mitleidlose Gesellschaft. Studien zu Verdachtsgenese, Ausgrenzungsverhalten und Prozeßproblematik im frühneuzeitlichen Hexenprozeß in der alten Grafschaft Nassau unter Johann VI und der späteren Teilgrafschaft Nassau-Dillenburg (1559-1687), Frankfurt/M. und andere 1995.

Gerhard Schormann, Hexenprozesse in Deutschland, Göttingen 1981.

Empfohlene Zitierweise

Koppenhöfer, Johanna: Nassau - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zqk/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 14.02.2012


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