persistent

Sie haben den folgenden Artikel über eine stabile URL aufgerufen:

Hexenverfolgungen St. Maximin bei Trier (Reichsabtei)

Rita Voltmer

07.12.00

1. Politische und territoriale Verhältnisse im 16. und 17. Jahrhundert

Das Gebiet der alten Benediktinerabtei St. Maximin vor Trier umfaßte im 16. Jahrhundert das Amt St. Maximin mit den Hochgerichten St. Maximin, Detzem, Fell und Oberemmel sowie seit 1589 das Amt Freudenburg. In diesem Territorium war der Abt von St. Maximin mit wenigen Ausnahmen alleiniger Grundgerichtsherr und besaß die unumschränkte Hochgerichtsbarkeit. Außerdem beanspruchte die Reichsabtei aufgrund alter Rechtsgarantien die Reichsunmittelbarkeit. Auf der anderen Seite bemühte sich Kurtrier angestrengt, auch diese Herrschaft seiner Landeshoheit zu unterstellen. Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts intensivierte sich der schwelende Streit zwischen St. Maximin und Kurtrier um die Reichsunmittelbarkeit und blieb bis zur endgültigen Klärung im Jahre 1669 latent. Bereits im Jahr 1570 erging ein Reichskammergerichtsurteil, nach dem die Abtei der Landeshoheit des Trierer Kurfürsten zu unterstellen sei. Doch nach diesem Urteil richteten sich Abt und Konvent von St. Maximin nicht. Besonders der Abt Reiner Biewer (1581-1613) setzte sich intensiv für die Unabhängigkeit seiner Herrschaft ein. Zwar leistete er 1582 dem Kurfürsten Johann II. von Schönenberg einen formellen Treueschwur, betitelte sich aber weiterhin - wie im übrigen auch seine Vorgänger - als Abt einer exemten Herrschaft. Überdies versuchte er, seinen Herrschaftsbereich zu expandieren und erwarb 1589 die Erbgrafschaft (später Amt) Freudenburg für die stolze Summe von 32.000 Talern. Daran schloß sich eine Neugliederung der Verwaltungsbezirke an. Der Abt ernannte Claudius Musiel zum Amtmann von Freudenburg, während den übrigen vier Hochgerichte des Amtes St. Maximin weiterhin Johann von Piesport vorstand. Im Jahr 1606 übernahm Johann, ein Sohn des Claudius Musiel, als Amtmann die Herrschaft Freudenburg. Das Hochgericht Oberemmel wurde ihm ebenfalls unterstellt, während sein Vater weiterhin die Amtmannschaft in den übrigen maximinischen Gebieten innehatte. Damit wurde von langer Hand die Nachfolge des Musielsohnes in alle Ämter seines Vaters vorbereitet.

Im Jahr 1600 verweigerte Biewer überdies dem Erzbischof den Anteil an der Landessteuer und rief, nachdem der Kurtrierer einige maximinische Dörfer hatte pfänden lassen, herzoglich-luxemburgische Truppen zur Hilfe. Darüber hinaus versuchte er, die die Kompetenzen des erzbischöflich-geistlichen Gerichts zu beschneiden und dessen Befugnisse seinem eigenen Amtmann Musiel zu unterstellen. Die Einrichtung eines maximinischen Oberhofs erlaubte es, Strafprozesse formell streng nach der Carolina zu führen, gleichzeitig aber politische, rechtliche und verwaltungstechnische Unabhängigkeit zu beweisen, da die Hochgerichte nicht jurisdiktionell an eine landesherrlich übergeordnete Gerichtsinstanz (z.B. durch Aktenversendung an den Trierer oder Koblenzer Oberhof) gebunden wurden.

Einen Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen zwischen St. Maximin und Kurtrier nach dem Tod des Abtes Peter von Freudenburg im Jahr 1623 und wurde damit in die Auseinandersetzungen des 30-jährigen Krieges hineingezogen. Die Kurie verweigerte die Anerkennung des neugewählten Abtes, statt dessen erlangte der Trierer Erzbischof Christoph von Sötern (1623-1652) die Abtei als Commende. Wieder rief St. Maximin den spanischen König um Hilfe, der sich als Herzog von Luxemburg auf alte Vogteirechte berufen konnte. Er ließ das Maximiner Gebiet besetzen und gegen den Zugriff des Kurtrierers schützen. Christoph von Sötern mußte 1625 auf seine Commende verzichten. Im darauffolgenden Jahr erging ein kaiserliches Hofratsurteil, das die Reichsunmittelbarkeit der Abtei wieder bestätigte. Sötern rief nun seinerseits französische Schutztruppen zu Hilfe, welche Teile des maximinischen Gebiets besetzten, plünderten und verwüsteten (1632-1634). Erzbischof Christoph geriet zwar in spanische Gefangenschaft, nahm aber nach seiner Entlassung 1645 den Kampf gegen die Abtei erneut auf. Eine kaiserliche Kommission bestimmte nach 1648, das Sötern der Abtei alle entzogenen Einkünfte und Güter zurückerstatten und die Schäden (insg. mehr als 85.000 Taler) ersetzen müsse. Davon unabhängig kassierte der Kaiser 1652 das Immedietäts-Urteil zugunsten der Abtei von 1626 und setzte das Kammergerichtsurteil aus dem Jahr 1570 wieder in Kraft. Die Abtei wehrte sich noch einige Jahre unter luxemburgischem Schutz, bis sich im Jahr 1669 Abt und Konvent endgültig unter Verzicht auf die Reichsunmittelbarkeit der kurtrierischen Landeshoheit unterwarfen.

2. Quellenlage

Die im Gebiet der Reichsabtei St. Maximin geführten Hexenprozesse (besonders unter Abt Reiner Biewer) müssen in einem direkten Zusammenhang mit dem Streit um die Reichsunmittelbarkeit gesehen werden; denn vor allem dort, wo es zu Konflikten um Herrschaftsrechte kam, blieben Akten als konkrete Beweismittel für ausgeübte Herrschaftspraxis eher erhalten als in in Gebieten mit unbestrittenen Hoheits- und Gerichtsrechten. Im Gegensatz zu Kurtrier, wo nahezu alle Hexenprozeßakten vernichtet wurden, haben sich für das Gebiet der Reichsabtei St. Maximin ca. 250 vollständige Prozeßakten, mehrere Fragmente sowie Hinrichtungs- und Besagungslisten erhalten. Die Mehrzahl stammt aus der ersten Verfolgungswelle (1586-1596); sie liegt in zeitgenössischen, formalisierten Abschriften, angefertigt von St. Maximiner Notaren (z.B. Peter Omsdorf), vor. Auch diese ordnende und archivierende Tätigkeit verweist auf die Absicht, die auf diese Weise "vorbildlich" aufgearbeiteten Prozeßprotokolle als Beweismittel in der St. Maximiner Kanzlei aufzubewahren. Kann aufgrund der überaus schlechten Quellenlage für Kurtrier keine zuverlässige quantitative Gewichtung der Verfolgung aufgestellt werden, bietet allein das sog. Hexenregister des Claudius Musiel die Möglichkeit, die erste große Verfolgung Ende des 16. Jahrhunderts im Gebiet der Abtei St. Maximin zu bilanzieren. Eindeutig ist von einem ungeheuren Bürokratisierungsschub auszugehen, den die Organisation der Hexenverfolgung in St. Maximin nach sich zog.

3. Aufarbeitung der Quellen

Mit der Edition des großen für St. Maximin vorhandenen Quellenbestandes beschäftigt sich die "Arbeitsgemeinschaft Hexenprozesse im Trierer Land" und seit 1997 das von der DFG an der Universität Trier geförderte Teilprojekt A5 "Zauberei- und Hexenprozesse im Maas-Rhein-Moselraum, 15.-17. Jahrhundert". Das sog. "Hexenregister des Claudius Musiel" wurde 1996 erstmals in einer wissenschaftlichen Edition vorgelegt (Voltmer/Weisenstein). Die weitere Aufarbeitung der Verfolgungen besonders im Vergleich mit den benachbarten Hexenverfolgungen im Herzogtum Luxemburg und in den Eifelherrschaften übernimmt ein Habilitationsprojekt (Voltmer).

4. Chronologie der Verfolgung, Opferzahlen

Auslösende Faktoren für die Verfolgungen im Gebiet der Abtei St. Maximin waren einerseits die schon für Kurtrier beschriebenen krisenauslösenden Klimaverschlechterungen. Eine Vorbildwirkung der bereits im Gang befindlichen Verfolgungen im Herzogtum Luxemburg und in Kurtrier ist nicht zu leugnen. Im überschaubaren Territorium der Abtei St. Maximin erreichte die Organisation der Verfolgung aber eine im Vergleich zum Herzogtum Luxemburg und zu Kurtrier nicht gekannte Perfektion. Die massenhaften Hexenprozesse im Trierer Land erregten bei den Zeitgenossen große Aufmerksamkeit. Vielfach fanden aber die in Flugblättern etc. kommentierten Hinrichtungen nicht auf kurtrierischem, sondern eben auf maximinischem Territorium statt, ein Unterschied, auf den in der Forschung oft zu wenig hingewiesen wird. Zumindest in der "Erweytterten Unholden Zeyttung" des Jahres 1590 werden die Verfolgungen in St. Maximin namentlich erwähnt.

Für das Jahr 1572 ist der erste Maximiner Hexenprozeß belegt. Eine unter dem Verdacht der Kindstötung verhaftete Frau geriet bald in Zaubereiverdacht und wurde gemeinsam mit zwei weiteren von ihr beschuldigten Frauen hingerichtet. Massive Verfolgungen begannen 1586 nicht zufällig im Maximiner Hochgericht Oberemmel, das abgetrennt von dem übrigen Territorium zwischen luxemburgischem und kurtrierischem Gebiet lag, wo bereits Verfolgungen stattfanden. Die rasch Amts- und Herrschaftsgrenzen überschreitenden Besagungen von vermeintlichen Komplizen bereiteten auch hier den Boden für Verfolgungen. Gemeindlich gebildete Hexenausschüsse sind schon zu diesem Zeitpunkt nachweisbar. Während der ersten Verfolgungswelle zwischen 1586 und 1596 wurden mind. 400 Menschen verbrannt. Der Stillstand der Hexenjagd 1596 kann durch die physische wie psychische Erschöpfung der betroffenen Dörfer und den hohen Druck der Prozeßkosten erklärt werden. Zwischen 1609 und 1615 sind wieder vereinzelte Prozesse nachweisbar. Erst in den Jahren 1629 bis 1631 kam es zu einer zweiten größeren Hexenjagd, die mit 32 bekannten Prozessen nicht mehr das monströse Ausmaß der vorrangegangenen Verfolgung annahm. Die teilweise Besetzung des maximinschen Gebiets durch französische Truppen störte die Führung weiterer Prozesse, auch unterstützte der maximinsche Amtann Nikolaus Zilles wesentlich zurückhaltender die Verfolgungen. Für die Jahre 1637 und 1640/42 haben sich nur mehr sechs Prozeßfragmente erhalten. Die exemplarische Auswertung des sog. "Hexenregister des Claudius Musiel" hat gezeigt, daß etwa ein Drittel aller Angeklagten Männer waren, die zumeist der dörflichen Führungsschicht entstammten. Die soziale Herkunft der hingerichteten Frauen ist aufgrund meist fehlender Angaben nicht immer möglich. Arme Witwen aus der dörflichen Unterschicht sind auf jeden Fall in der Minderzahl; statt dessen fallen auch hier Frauen aus den örtlichen Meier-, Zender- und Schöffenfamilien auf.

5. Verfolgungsorganisation und Verfahrenspraxis

Die Einreichung der Klageschrift lag in den Händen von privaten Klagekartellen (Hexenausschüssen). In St. Maximin waren die Hexenausschüsse keineswegs strikt verboten wie in Lothringen und Luxemburg. Ihre Anerkennung durch den Abt überschritt bei weitem die Duldung, die sie in Kurtrier erfuhren. In seinem Herrschaftsgebiet erhielten sie schon in den ersten schweren Hexenverfolgungen vor 1600 einen geradezu von Amts wegen eingesetzten Charakter. Ihre Zusammenarbeit mit den maximinischen Amtleuten, Schultheissen und Schöffen grenzte nahezu an Kumpanei und ihre Rolle in den Dörfern an Tyrannei. Nur wenige Offizialprozesse sind hier nachgewiesen. In der Regel reichten die deputierten Ausschüsse im Namen von Zender und Gemeinde bei den zuständigen Amtleuten die Klagepunkte, die Abschriften von belastenden Aussagen aus den Geständnissen von Hingerichteten sowie eine Liste mit Zeugen ein. Befragt wurden die Zeugen von einem maximinischen Beamten oder Schöffen in Beisein eines Notars, der das Protokoll führte. Die Vorakten wurden dann - gemäß der Carolina - dem St. Maximiner Oberhof übersandt, der über Verhaftung, gütliches und peinliches Verhör ein Rechtsgutachten erstellte. Anklageerhebung ex officio, Inhaftierung und weitere Verfahrensführung lagen nun in den Händen der inquirierenden maximinischen Beamten und Schöffen. Geführt wurden die Verfahren vor den lokalen Schöffengremien der jeweiligen Hochgerichte unter dem Vorsitz des maximinischen Amtmanns (z.B Johann von Piesport vor 1586 bis Anfang 1594, Claudius Musiel 1594-1609, Johann von Musiel 1609, Nikolaus Zilles n. 1613-1638) oder Oberschultheißen (Claudius Musiel vor 1585-1609). Nach ihrer Inhaftierung wurde die verdächtigte Person mit bereits geständigen, kurz vor der Hinrichtung stehenden angeblichen Hexen konfrontiert. Danach unterzog man sie den verschiedenen Verhören, die, ähnlich wie in anderen Territorien, einem festen Frageschema folgten. Die Wasserprobe wurde in St. Maximin keineswegs im Vorfeld eines Prozesses zur Reinigung oder zur Bestätigung eines Hexereiverdachtes eingesetzt, sondern erst dann, wenn die übliche Folter kein Resultat erzielt hatte und der Wille der angeklagten Person endgültig gebrochen werden mußte. Nach erfolgtem Geständnis befanden die Schöffen über das Urteil. Auch in St. Maximin verfuhr man am Endlichen Rechtstag wie in der Carolina vorgeschrieben, die man in den Prozeßakten als maßgebliches Gesetz angab. Bei Widerruf des Geständnisses wurde die verurteilte Person wieder der Folter unterworfen, bis sie die vermeintlichen Verbrechen erneut bekannte. Die nur als Schnellverfahren zu bezeichneten Prozesse dauerten zwischen Verhaftung und Hinrichtung in der Regel nur ein bis zwei Tage. In keiner Hexenprozeßakte lassen sich Hinweise auf einen Verteidiger finden. Sehr selten sind Gnadengesuche an den Abt; Appellationen an das Reichskammergericht gab es nicht. Nahezu alle zur Anklage gebrachten Verfahren endeten mit der Hinrichtung, erkannten die gutachtenden Schöffen des Oberhofs doch stets auf Inhaftierung und Folter, die dann das todbringende Geständnis erwirkte. Freilassungen sind nur in sehr wenigen Einzelfällen belegt. Von den Hinterbliebenen waren die oft horrenden Prozeßkosten zu begleichen, Konfiskationen gab es nicht.

6. Deutung und Ende der Prozesse

Ohne Zweifel erlebte die Hexenjagd im Gebiet St. Maximin während der Jahre 1586 und 1596 ihren absoluten Höhepunkt. Die massenhaften Verbrennungen dieser Zeit wurden zum einen gefördert durch die Angst vor einer bedrohlichen Hexensekte, deren Verfolgung existentiell zwingend wurde. Für diese geistigen Vorrausetzungen sind drei Faktoren vor allen Dingen verantwortlich:

1. Über Beichte, Send, Predigt, aber auch besonders durch die in St. Maximin immer öffentlich verlesenen Geständnisse und Besagungslisten wurden - wie anderernorts auch - die gelehrten Vorstellungen von Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Hexenflug und Hexensabbat vermittelt und konnten sich mit volkstümlichen Auffassungen vom Schadenszauber vermischen.

2. Die Besagung vermeintlicher Komplizen gewann innerhalb der Prozesse eine große Bedeutung, die durch den Tractatus de confessionibus maleficorum & sagarum des Weihbischofs Petrus Binsfelds bekräftigt wurde und welche sich im sog. "Hexenregister des Claudius Musiel" augenfällig niederschlug.

3. Der niederländische Theologe und an der Universität Trier lehrende Cornelius Loos verfaßte 1592 eine Schrift gegen die Thesen Binsfelds, deren Drucklegung verhindert wurde. Darin äußerte Loos tiefgehende Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Hexenverfolgung. Klarsichtig deutete er an, daß Hexenprozesse instrumentalisiert und für andere Zwecke mißbraucht würden. Er bezeichnete Landesherren, die Verfolgungen duldeten, als Tyrannen und leugnete den Hexenflug, die leibliche Erscheinung des Teufels und damit auch die Teufelsbuhlschaft. Seiner Meinung nach brachte allein die Folter Geständnisse hervor. Loos mußte 1593 seine Theorien feierlich in der Abtei St. Maximin in Beisein von Reiner Biewer, Weihbischof Binsfeld, dem Offizial Bodeghemius und dem päpstlichen Nuntius Frangipani abschwören. Damit wurde der Hexenglaube zu einem Dogma stilisiert, dessen Negation Ketzerei bedeutete.

Drei weitere Faktoren waren aber besonders entscheidend für die Umsetzung diffuser Hexenfurcht in eine gut organisierte Hexenjagd:

1. Die vielfach beschriebene krisenhafte Situation Ende des 16. Jahrhunderts bedingte ein Verfolgungsbegehren "von unten", das sich in der Gründung von gemeindlichen Hexenausschüssen äußerte. Diese Ausschüsse bedienten sich der üblichen Mechanismen von Gerücht und Denunziation, um bei ihrer Wühl- und Schnüffelarbeit erfolgreich in den Dörfern verdächtige Personen ausfindig zu machen. Ihre oftmals weiten Reisen zur Ermittlung von Besagungen trugen zur Verbreitung von Hexenangst und Hexenjagd bei.

2. Die Führung von Hexenprozessen bot karrierewilligen Beamten und Notaren eine Vielfalt von Chancen, sich zu profilieren, finanzielle Vorteile zu nutzen und sozial aufzusteigen (Claudius Musiel, Peter Omsdorf). In ihnen finden sich die Mediatoren zwischen gemeindlichem Verfolgungsdrängen und obrigkeitlichem Verfolgungsinteresse; denn

3. zeigte die St. Maximiner Obrigkeit ein vitales Engagement bei der Führung von Strafprozessen, d.h. Hexereiverfahren im Zusammenhang mit dem Kampf um die Reichsunmittelbarkeit. Bei keinem anderen Delikt ließen sich in so kurzer Zeit so hohe Hinrichtungszahlen erreichen und soviele Prozeßakten anlegen, die sorgfältig abgeschrieben und als Beweismittel archiviert werden konnten. Hier kann durchaus von einer herrschaftlichen Instrumentalisierung der Hexenprozesse gesprochen werden.

Gerade die Zusammenarbeit zwischen Hexenausschüssen, lokalen Beamten und Abt wirkte sich in den Jahren 1586-1596 verheerend auf die Hinrichtungsquote in St. Maximin aus. Nach dem Tod des Maximiner Amtsmanns Claudius Musiel 1609 und der Absetzung des verfolgungswilligen Abtes Reiner Biewer 1613 erlahmte der Eifer der Hexenjäger in St. Maximin merklich. Zwar beharrten auch die nachfolgenden Äbte und Amtmänner auf der Reichsunmittelbarkeit des Territoriums, doch erschien ihnen die Führung von Hexenprozessen wohl nicht mehr als ein probates Mittel der Durchsetzung, zumal die politische Situation der Herrschaft zusätzlich immense Kosten aufbürdete und die Kriegszeiten es oft unmöglich machten, "in Ruhe" Prozesse zu führen. Der Verfolgungswille der Bevölkerung schien jedoch ungebrochen, reichten die Ausschüsse doch unvermindert Klageschriften bei den Hochgerichten ein. Die nun abwartende und dämpfende Haltung der lokalen Beamten aber ließ nur noch wenige Prozesse bis zur Anklageerhebung kommen, worüber sich die Ausschüsse bitter beschwerten.

Festzuhalten bleibt, daß die Hexenverfolgungen im Gebiet der Reichsabtei St. Maximin ohne jegliche formale Einmischung des Trierer Kurfürsten durchgeführt wurden. So konnte die kurfürstliche Hexenprozeßordnung des Jahres 1591 dort auch keine Gültigkeit erlangen.

Literatur

Rita VOLTMER: Einleitung. In: DIES., Karl WEISENSTEIN (Bearb).: Das Hexenregister des Claudius Musiel. Ein Verzeichnis von hingerichteten und besagten Personen aus dem Trierer Land (1586-1594) (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellung 2). Trier 1996, S. 9*-104*.

DIES.: Claudius Musiel oder die Karriere eines Hexenrichters. Auch ein Beitrag zur Trierer Sozialgeschichte des späten 16. Jahrhunderts. In: Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, hg. v. Gunther Franz u. Franz Irsigler. Redaktion: H. Eiden u. R. Voltmer (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 4), Trier 1998, S. 211-254.

DIES.: "Gott ist tot und der Teufel ist jetzt Meister!" Hexenverfolgungen und dörfliche Krisen im Trierer Land des 16. und 17. Jahrhundert. In: Kurtrierisches Jahrbuch 39, 1999 (2000), S. 175-223.

DIES.: Die großen Hexenverfolgungen in den Teritorien zwischen Reich und Frankreich (16. u. 17. Jahrhundert) - Abläufe, Ursachen, Hintergründe. In: Incubi Succubi. Hexen und ihre Henker bis heute. Historisches Lesebuch zur Ausstellung, hg. v. Dies. und Franz Irsigler. Luxemburg 2000, S. 71-82. [= Les grandes vagues de la chasse aux sorcières dans les territoires entre Empire et France aux XVIe et XVIIe siècles - faits, causes et circonstances. In: Incubi Succubi. Les sorcières et leurs bourreaux, hier et aujourd'hui. Contribution historique accompagnant l'exposition sous la dir. de Rita Voltmer et Franz Irsigler. Luxembourg 2000, S. 71-82]

DIES.: Von der besonderen Alchimie, aus Menschenblut Gold zu machen oder von den Möglichkeiten, Hexenprozesse zu instrumentalisieren. In: Incubi Succubi. Hexen und ihre Henker bis heute. Historisches Lesebuch zur Ausstellung, hg. v. Dies. und Franz Irsigler, Luxemburg 2000, S. 93-104 [= D'une étrange alchimie qui fait de l'or avec du sang ou des moyens de tirer bénéfice des procès de sorcellerie. In: Incubi Succubi. Les sorcières et leurs bourreaux, hier et aujourd'hui. Contribution historique accompagnant l'exposition sous la dir. de Rita Voltmer et Franz Irsigler. Luxembourg 2000, S. 95-106]

DIES.: Ausschüsse, Monopole, Formalkläger. Die Vorbereitung und Einleitung von Hexenprozessen im Trierer und Luxemburger Land. In: Hexenprozesse und Gerichtspraxis, hg. v. Herbert Eiden, Gunther Franz, Franz Irsigler und Rita Voltmer (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 6), im Druck.

DIES.: Hochgerichte und Hexenprozesse. Beispiele für die herrschaftlich-politische Instrumentalisierung von Hexenverfolgungen. In: Hexenprozesse und Gerichtspraxis, hg. v. Herbert Eiden, Gunther Franz, Franz Irsigler und Rita Voltmer (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 6), im Druck.

DIES./Herbert EIDEN: Rechtsnormen und Gerichtspraxis bei Hexereiverfahren in Lothringen, Luxemburg, Kurtrier und St. Maximin während des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Incubi Succubi. Hexen und ihre Henker bis heute. Historisches Lesebuch zur Ausstellung, hg. v. Dies. und Franz Irsigler, Luxemburg 2000, S. 47-59 [= Normes juridiques et pratique judicaires dans les procès de sorcellerie en Lorraine, au Luxembourg, dans l'Electorat de Trèves et à Saint-Maximin aux XVIe et XVIIe siècles. In: Incubi Succubi. Les sorcières et leurs bourreaux, hier et aujourd'hui. Contribution historique accompagnant l'exposition sous la dir. de Dies. und Franz Irsigler, Luxembourg 2000, S. 47-59].

DIES./Franz IRSIGLER (Hgg)., Incubi Succubi. Hexen und ihre Henker bis heute. Historisches Lesebuch zur Ausstellung. Luxemburg 2000 [=Incubi Succubi. Les sorcières et leurs bourreaux, hier et aujourd'hui. Contribution historique accompagnant l'exposition sous la dir. de Rita Voltmer et Franz Irsigler. Luxembourg 2000].

DIES./ Karl WEISENSTEIN (Bearb).: Das Hexenregister des Claudius Musiel. Ein Verzeichnis von hingerichteten und besagten Personen aus dem Trierer Land (1586-1594) (Trierer Hexenprozesse. Quellen und Darstellung 2). Trier 1996

 

Siehe auch folgende Artikel:

Biewer, Reiner von Rita Voltmer

Hexenregister des Claudius Musiel (1586-1594) von Rita Voltmer

Musiel, Claudius von Rita Voltmer

Omsdorf, Petrus, Notar in St. Maximin und Kurtrier (gest. 1615) von Rita Voltmer

Piesport, Johann von, St. Maximiner Amtmann und Hexenrichter (gest. 1594) von Rita Voltmer

Zilles, Nikolaus (1575-1638) von Rita Voltmer

Empfohlene Zitierweise

Voltmer, Rita: St. Maximin bei Trier (Reichsabtei) - Hexenverfolgung. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zr9/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail