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Damhouder, Joos de

Jos Monballyu und Rik Opsommer

12.07.00

* 25.11.1507 Brügge (Grafschaft Flandern), + 22.01.1581 Antwerpen (Herzogtum Brabant); Jurist; 1524-1531 Studium in Löwen und Orléans; 1532 Anwalt in Brügge; 1537 Ratsmitglied in Brügge; seit 1551 Rat in der habsburgisch-niederländischen Finanzverwaltung; bekannt geworden durch seine Praxis rerum criminalium (1554), die großen Einfluß auf die Strafrechtspflege des 16. und 17. Jahrhunderts hatte.

Damhouder: Leben und Werk

Jeder, der sich für die Strafrechtsgeschichte des 16. Jahrhunderts interessiert, kennt die Arbeiten des Juristen Joos de Damhouder (1507-1581). Seine Praxis rerum criminalium (1554 und ff.), die er noch im gleichen Jahr in einer französischen und niederländischen Fassung veröffentlichte, wurde 1565 auch ins Deutsche übersetzt. Diese Arbeit beeinflusste das europäische Strafrecht in das späte 18. Jahrhundert hinein.

Joos de Damhouder wurde am 25. November 1507 als Sohn von Simon und Marie de Roodes in Brügge geboren. Seine Eltern gehörten der kapitalkräftigeren Bürgerschaft an, weshalb sie auch Joos die Kosten einer Juristenausbildung bezahlen konnten. Er studierte zuerst in Löwen (1524-1528), ehe er 1528 zur international renommierteren Juristenfakultät in Orléans wechselte, wo er 1531 die Lizenzwürde errang. Während er seine Professoren lebenslang in guter Erinnerung behielt, blieb ihm von seinen Kommilitonen vor allem im Gedächtnis, dass sie Bacchus weit mehr geliebt hatten als Baldus oder Bartolus.

Nach dem Studiumabschluss kehrte Damhouder in seine Heimatstadt zurück, wo er bald Louise de Chantraines, eine reiche Bürgerin aus Brügge, heiratete. Nach der Aufnahme seiner Anwaltstätigkeit wurde Damhouder schon am 2. September 1532 für ein Jahr zum Stadtschöffen ernannt. Das Leben bei der Brüggener Anwaltskammer gefiel ihm jedoch keineswegs. Später beklagte er sich häufig über die geringe Zahl an qualifizierten Anwälten und Prokuratoren: Die Anwälte würden sich oft wie habgierige Wölfe benahmen, indem sie ihre Mandanten ständig zur Anstrengung neuer Prozesse oder langwieriger Verfahren ermunterten. Sie würden extra lange Schriftsätze anfertigen, damt " sie selbst fett und dick", ihre Mandanten dagegen "mager und dünn" würden. Letztendlich wuessten viele Mandanten dann gar nicht nicht, wie sie sich aus dieser juristischen Sackgasse befreien sollten.

Ein wahrhafter Anwalt sollte laut Damhouder die folgenden Tugenden besitzen. Er müsse die Sache seines Mandanten "de facto" und "de iure" so gut wie möglich vertreten, dürfe keine sittenwidrigen Sachen vertreten, solle sich angemessen verhalten, seine Klienten nicht betrügen und so genaue wie klare Schriftsätze verfassen.

1537 gab Damhouder seinen Beruf als Anwalt auf. In seiner Eigenschaft als städtischer Ratspensionär betätigte er sich nun als juristischer Berater der Stadtbehörden bei Gerichts- und Verwaltungssachen. So beschäftigte er sich mit dem damaligen delikaten Streit zwischen der Stadt und der Kirche in bezug auf die Reorganisation der lokalen Fürsorge. Diese Tätigkeit führte zur Herausgabe des Buches Patrocinium pupillorum, minorum atque prodigorum (Brügge 1544), das sich vor allem mit der Rolle der Stadt bei der Organisation des Fürsorgewesens befaßte.Unter dem Titel Subhastationum compendiosa exegesis (Gent, 1546) folgte bald darauf ein Buch mit ähnlicher Thematik, das sich insbesondere der Frage des Verkaufs von Waisengütern widmete. Beide Bücher erschienen in mehreren Auflagen, zudem wurden sie in die französische (1567), deutsche (1576) und sogar polnische (1605) Sprache übersetzt.

Nach 13 Jahren im anstrengenden Amt eines Ratspensionärs wechselte Damhouder Ende Mai 1550 zur Tätigkeit des städtischen Gerichtsschreibers in Kriminalsachen über. Recht bald entschied er sich zur Abfassung eines strafrechtlichen Traktats. Obwohl die Arbeit bereits 1551 fertiggestellt war, erschien sein Enchiridion rerum criminalium erst 1554 in Löwen. Diese Verzögerung hing damit zusammen, dass Damhouder sein Buch unbedingt mit Illustrationen versehen wollte, die notwendigen Holzschnitte jedoch erst 1554 geliefert bekam. Im gleichen Jahr erschien das Werk in Antwerpen unter dem später viel bekannter gewordenen Titel Praxis rerum criminalium , gefolgt noch 1554 von einer kürzeren französischen und 1555 von einer kürzeren niederländischen Fassung. Ein unbekannt gebliebener Autor hat die Praxis rerum criminalium 1565 ins Deutsche übertragen. Damhouders Werk erläutert ausführlich die strafrechtliche Prozedur. Die zahlreichen Holzschnitte, die die einzelnen Prozessphasen und die verschiedenen Straftaten darstellten, galten damals als revolutionäre Neuerung.

Nach der Ernennung Damhouders zum Mitglied ("gecommitteerde") des habsburgisch-niederländischen Finanzrates am 6. Januar 1551 durch die Landvögtin Maria von Ungarn zog Damhouder nach Brüssel. Mitglied des Finanzrates blieb er bis 1576. Ab 1565 übernahm er zusätzlich noch das Amt des Oberjagdmeisters der flämischen West- und Ostdünen. Diese Ernennungen wirkten sich keineswegs hinderlich auf seine wissenschaftliche Tätigkeit aus. 1564 redigierte er eine überarbeitete Fassung seines Patrocinium pupillorum und ergänzte dieses mit seiner De magnificentia politicae amplissimae civitatis Brugarum , eine Art Lobeshymne seines Geburtsortes Brügge. 1567 folgte unter den Titel Le refuge et garand des pupilles, orphelins et prodigues eine französische Übersetzung der Patrocinium pupillorum . Im gleichen Jahr veröffentlichte er die Praxis rerum civilium , die ebenfalls bald ins Deutsche (1572), Französische (1572) und Niederländische (1626) übersetzt werden sollte. 1568 lieferte Damhouder unter dem Titel Enchiridion parium aut similium utriusque juris eine Ergänzung zu diesem Werk mit Auszügen aus dem klassischen und mittelalterlichen römischen und kanonischen Recht nach.

Um 1570 begannen die Religionsstreitigkeiten auch Damhouder zu beschäftigen, der sich auf die katholische Seite schlug und 1571 seine Paraeneses christianae verfaßte. Diese theologische Arbeit, mit zahlreichen Auszügen aus der Bibel, den Kirchenvätern, und aus verschiedenen mittelalterlichen Kommentatoren, widmete er dem Landvogt Alva. Kurz darauf folgte eine zweite theologische Arbeit ( Speculum conscientiae ) die jedoch nie gedruckt wurde und verschollen ist.

Während der Jahre 1573 und 1574 verfasste Damhouder unter dem Titel Appendix cum elencho de propriis libris eine Art Überblick über sein gesamtes Oeuvre. Dieses Resümee wurde erst 1601 als Anhang eines Neudruckes der Praxis rerum criminalium veröffentlicht. Als zweiter Anhang der Ausgabe d. J. 1601 erschien seine Praxis rerum criminalium sententiae selectae . Anders, als der Titel vermuten lässt, handelt es sich nicht um eine Ergänzung seiner Praxis rerum criminalium , sondern um ein alphabetisches Repertorium aller Texte juristischer und nicht-juristischer Traktaten, die Damhouder zur eigenen Benutzung zwischen 1539 und 1544 gesammelt hatte.

Joos de Damhouder starb am 22. Januar 1581 in Antwerpen. Seine Frau war schon 1575 verstorben. Das Ehepaar hinterließ drei Töchter und einen Sohn, Louis, der zwischen 1585 und 1613 Provinzialjustizrat in Flandern war.

Damhouders Hexenlehre

Damhouder ist in der europäischen Welt als Kriminalist bekannt, die Praxis rerum criminalium und ihre Übersetzungen wurden in einer Reihe von Hexenprozessen als Grundlagenwerke zitiert. Damhouder war jedoch keineswegs der alleinige Urheber der genannten Werke. Ganz im Gegenteil handelte es sich bei der Praxis rerum criminalium zum größten Teil um nichts anderes als um eine lateinische Übersetzung der zweiten Fassung des Corte instructie omme de jonghe practisienen in materien criminelen des flämischen Juristen Filips Wielant (1441-1520). Damhouder hatte höchstwahrscheinlich ein anonymes Manuskript dieser Arbeit erworben und schamlos kopiert. Er ging sogar soweit, alle Textelemente, die auf den ursprünlgichen Autor verwiesen, entweder zu unterschlagen oder zu verändern. Die für jeden Anwalt wichtige Tugend des ´Nichtlügens´ schien also für ihn selbst nicht zu gelten. Damhouder ergänzte Wielants Text jedoch um Hinweise auf die juristische Literatur und einige originelle Anmerkungen, so dass die Arbeit an inhaltlicher Fülle zunahm. Einer der von Damhouder zugefügten Nachträge beschreibt zum Beispiel umfassend das Hexereidelikt ("sortilegium").

Wie bei Wielant erwähnt Damhouder in seiner "Praxis rerum criminalium" öfters das Hexereidelikt, am häufigsten im Kapitel bezüglich der geistlichen Majestätsschändung. In den ersten 79 Paragraphen des Kapitels beschreibt er die Blasphemie oder Gotteslästerung, die Prevarikation oder Pflichtschändung, die Apostasie oder Glaubensverleugnung, die Häresie oder Ketzerei, sowie schließlich die Simonie. Die übrigen 64 Paragraphen sind der Hexerei gewidmet. Den langen Abschnitt über die Hexerei begründete Damhouder mit dem Hinweis darauf, dass diese schreckliche Missetat wegen der Unwissenheit der Magistrate häufig ungeahndet bliebe.

Der scholastisch-bartolischen Methode folgend, lieferte Damhouder in den Paragraphen 80 bis 83 eine Definition und eine Beschreibung der Hexerei. Unter dem Einfluß der Causa 26 des Decretum Gratiani bezeichnete er die Hexerei als menschliches Schadenswerk unter Mitarbeit des Teufels. Teufelsanhänger galten den Zeitgenossen als die schrecklichsten Feinde der Menschheit. Damhouder ordnete sogar jeden, der sich im Namen eines Heiligen oder im Namen einer apostolischen Sendung mit der Wahrsagerei beschäftigte, dieser Gruppe unter. Solche ZauberInnen rieten gutgläubigen Leuten, zu beten oder Psalmen aufzusagen, Almosen zu verteilen, Pilgerfahrten zu unternehmen, zu fasten oder ähnliche pietätvolle Aufgaben zu erledigen. Letztendlich jedoch handelten diese ZauberInnen im Auftrag des Teufels. Wie wir später sehen werden, wurde Damhouder in seiner juristischen Laufbahn mindestens ein Mal mit einem solchen Zauberin konfrontiert.

Damhouder ging also von einem umfassenden Hexereibegriff aus. Für ihn waren abergläubisches Treiben ("specie superstitiosa"), bösartige Zauberei ("specie maleficia"), Liebesmagie ("specie amatoria") oder Wahrsagerei ("specie divinatoria") verschiedene Varianten der Hexerei. Als Hexe bezeichnete er jede Person, die ein Liebesverhältnis mit dem Teufel hatte und auf dessen Betreiben hin schädliche, illusorische oder abergläubische Aufträge erfüllte. Als schädlich betrachtete Damhouder u.a. die Liebesmagie, unter illusorisch ordnete er die Wahrsagerei ein, und unter dem Aberglauben verstand er das Kurieren verzauberter Menschen. Alle erwähnten Zaubereiformen waren laut Damhouder in Persien und Chaldea entstanden.

Damhouders Erörterungen und Erklärungen waren kaum originell. Der Jurist plagiierte buchstäblich das erste Kapitel des Tractatus de sortilegiis von Paulus Grillandus. Die Paragraphen 84 bis 108 über die Wahrsagerei, die Liebesmagie und die schädliche Zauberei, waren eine genaue Kopie des zweiten Kapitels der Arbeit des Grillandus'.

Die Paragraphen 109 bis 117, ebenfalls buchstäblich Grillandus entnommen (Kapitel drei des Tractatus de sortilegiis ), sind dem Teufelspakt gewidmet. Damhouder stellt hier dar, wie Hexen den Teufel zu verehren versprachen und den Sakramenten wie der kirchlichen Lehre abschworen. In den erwähnten Paragraphen erörterte Damhouder, an welchen finsteren Orten die Hexen tagten, im Paragraph 124 beschrieb er, mit welchen Gegenständen Hexen ihre Missetäten betrieben. Für eine genaue Beschreibung wies er jedoch auf die Kapitel 3 und 5 des Grillandus hin. Das Problem, warum gefangene Hexen sich selbst nicht befreien könnten (Paragraphen 125 bis 127) entnahm Damhouder wortwörtlich dem neunten Kapitel des zitierten Tractatus de sortilegiis .

Die Paragraphen 128 bis 139, die die übernatürliche Hexenkraft behandeln, stammen nicht aus Grillandus, sondern wurden aus dem ersten Teil der Quaestio sexto und aus dem mittleren Teil der Quaestio quinta des bekannten Liber octo quaestionum des Johannes Trithemius kopiert. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass nur die Hinweise auf die Fachliteratur in Paragraph 140 von Damhouder selbst stammen. Dort empfiehlt er die zitierten Arbeiten von Grillandus und Trithemius ebenso wie den Tractatus de superstionibus von Martinus de Arles, wie den Tractatus de lamiis des Johannes Franciscus Ponzonibus oder den Malleus malificarum des Jacobus Sprenger und Heinrich Institoris. Damhouder kannte diese Traktate zum großen Teil über die bekannte, 1535 in Lyon unter dem Titel Oceanus iuris erschienene Gesamtausgabe.

Damhouders Arbeit über Hexerei enthält hier also kaum originelle Aspekte. Man findet nur einige theoretische Auseinandersetzungen über den Begriff und über die verschiedenen Arten von Hexerei, die fast vollständig aus zwei bekannten Handbüchern kopiert wurden, und für die juristische Praxis irrelevant waren. In den französischen und niederländischen Übersetzungen seiner Praxis rerum criminalium ließ Damhouder diesen Teil aus, um nur auf die lateinische Fassung hinzuweisen. Damhouder hat in den zitierten Paragraphen bezüglich der Majestätsbeleidigung also nichts Neues zur Hexenlehre gebracht.

Damhouder erwähnt die Hexerei ebenfalls im Kapitel, das sich mit der Zaubereitötung beschäftigt. Ein Mann oder eine Frau, der durch Zauberei jemanden tötet, muss verbrannt werden. Die gleiche Strafe gilt für Leute, die auf ähnliche Weise jemanden unfruchtbar machen oder aber dafür sorgen, dass eine schwangere Frau nicht gebären kann. In seinem Kapitel über mündliche Beleidigungen poniert Damhouder, dass der Astrologe, der mittels seiner Technik jemanden beschuldige, nicht wegen Beleidigung, sondern wegen Aberglaubens bestraft werden solle. Beide Fälle sind wiederum Wielant entnommen.

Insgesamt kann man also festhalten, dass Damhouder aus den angeführten Gründen für die Entwicklung der Hexenlehre eher unwichtig ist. Daß der Jurist aus Brügge in vielen Hexenprozessen zitiert wurde, hing jedoch damit zusammen, dass er, anders als Wielant, die Hexerei auch in seinem Kapitel über die Tortur umfassend behandelte. Damhouder fängt dort, wie üblich, mit einer Übersetzung des Wielantschen Textes an, ergänzt diesen aber um mehrere persönliche Anmerkungen: Der oder die Verdächtige soll zuerst kahl geschoren werden und leiblich inspiziert werden, so dass er oder sie keine gefühllos machenden Gegenstände verstecken kann. Erst danach soll man mit der eigentlichen Tortur beginnen.

Um seine Ansicht zu bekräftigen, führt Damhouder ein Beispiel aus seiner Praxis als Ratspensionär an: In Brügge wohnte damals eine alte Frau die man für eine Heilige oder eine Art Jüngerin Jesu hielt, da sie auf wundertätige Art und Weise heilen, zum Beispiel Buckel oder gebrochene Beine von Kindern richten konnte. Sie arbeitete nicht mit Arzneimitteln oder anderen, äußerlich erkennbaren Verfahren, sondern verpflichtete ihre Patienten etwa zu den folgenden religiösen Handlungen: Dreitägiges Fasten; Organisation einer Pilgerfahrt nach Sankt Arnold in Oudenburg (bei Oostende) oder nach Sankt Hubert im Ardennerwald; Beten des Vater Unsers; Zahlung mehrerer heiligen Messen, u.s.w.

Diese Praxis schien den Brüggener Schöffen höchst verdächtig. Eines Tages wurde die Frau gegen Mitternacht zu Hause festgenommen und ins Gefängnis eingesperrt. Am nächsten Tag fing die peinliche Befragung an. Die Schöffen interessierten sich vor allem für die wahre Natur der angewandten Heilmittel. Doch die Frau verwies nur auf deren Heilkraft. Während der Tortur bestätigte sie ihre Unschuld und leugnete jede Unterstützung durch den Teufel. Als das Opfer auf der Folterbank bemerkte, dass der anwesende Bürgermeister gichtkrank war, schlug die Frau ihm vor, ihn zu kurieren. "Können sie das", fragte der Bürgermeister, und bot ihr 2000 Goldstücke, falls sie es fertig brächte. Der Gerichtsschreiber und zwei Ratspensionäre (u.a. Damhouder), die ebenfalls präsent waren, fanden dies unerhört. Die Frau wurde daraufhin in einen anderen Raum gebracht, während der Gerichtsschreiber und die Pensionäre den Bürgermeister wie folgt warnten: "Herr Bürgermeister, achten Sie darauf, was Sie tun oder sagen. Sie wissen nicht, welches Risiko Sie eingehen, wenn Sie sich von dieser Frau behandeln lassen. Beachten Sie, welche düsteren Kräfte diese Frau anwendet. Fragen Sie sie. Sollte sie nur eine apostolische Methode verfolgen, werden wir sie nicht aufhalten. Falls sie jedoch andere Mittel anwendet, dann sind diese ganz bestimmt verdächtig". So wurde die Frau wieder in den Befragungsraum geführt. Ein Ratspensionär erkundigte sich nach den angewandten Heilmitteln. Die Frau antwortete, dass es ausreiche, wenn der Bürgermeister an ihre Heilkraft glaube. Er müsse dies nur öffentlich erklären.

Die Ratspensionäre schlossen hieraus, dass die Frau mit dem Teufel verkehre. Sie erinnerten den Bürgermeister und die Schöffen daran, dass die Apostel immer im Namen Christi geheilt hätten. Hier solle es nun stattdessen genügen, der Frau zu glauben. Der Bürgermeister bereute darauf sein früheres Angebot und versicherte, niemals mehr die Angebote der Frau in Anspruch nehmen zu wollen. Zusammen mit den Schöffen verurteilte er sie zu einem neuen Verhör auf der Folterbank. Die alte Frau ging jedoch nicht in die Knie. Sie bekannte einige geringfügige Missetaten, leugnete jedoch jeden Teufelskontakt. Letztendlich wurde die Befragung beendet und die Frau wieder ins Gefängnis eingesperrt.

Nach einigen Tagen ergaben sich neue Beschwerden, und die Frau wurde zum dritten Mal zur Folterbank gebracht. Trotz heftiger Schmerzen bekannte sie wiederum nichts. Während einige der Schöffen der Meinung waren, man solle die Frau nun entlassen oder ihr doch wenigstens etwas Ruhe gönnen, plädierten andere für eine Weiterführung der Tortur. Letztlich einigte man sich auf eine halbstündige Ruhepause. Nach diesem Termin wurde die Frau erneut gefoltert. Trotz eines kräftigen Anziehens der Seile bekannte sie jedoch immer noch nichts, sondern fing, ganz im Gegenteil, an, den Henker und die Richter auszulachen. Sie rieb die Finger aufeinander und schrie: "Ungeachtet dessen, was sie mir antun, so schrecklich dies auch sein möge, sie werden nie etwas aus mir herausbekommen". Kurz danach schlief die Frau sogar auf der Folterbank ein. Völlig ratlos, entschieden die Schöffen, von der Folter abzulassen und die Frau wieder ins Gefängnis zu bringen.

Ein zusätzliches Gerichtsverfahren brachte neue belastende Ergebnisse, so dass eine vierte Folterung stattfand. Zur Vorsorge wurde ihr alle Körperhaare entfernt. Aber die Frau bekannte immer noch nicht. Während der Tortur bemerkte man plötzlich noch einige Haare in den Achselhöhlen und am Schambereich, die sofort abrasiert wurden. Dies führte zum gewünschten Erfolg. In ihrer Vagina entdeckte man ein Pergament mit fremden Namen, unbekannten Buchstaben und eigenartigen Kreuzen. Die Richter waren jetzt fest entschlossen, die Tortur weiterzuführen. Nach einigen Minuten bekannte die Frau verschiedene Missetaten. Sie bestätigte die Tatsache, dass man sie ohne Entdecken des Pergaments nie zu einem Bekenntnis hätte bringen können. Das Pergament verleihe ihr die Kraft, jede Tortur zu überstehen. Ohne das Pergament sei sie jedoch wehrlos.

Nach diesen Geständnissen berieten die Schöffen über die Strafe. Einige meinten, sie verdiene den Feuertod. Die Mehrzahl war jedoch der Ansicht, man solle ihr hohes Alter und die Tatsache beachten, dass sie eine Frau sei. Sie plädierten für eine Strafe knapp unter der Todesstrafe ("poena circa mortem"), also für eine lebenslängliche Verweisung aus der Grafschaft bei Todesandrohung. Des weiteren sollte sie zuvor auf dem Brüggener Marktplatz mit einer Perücke an den Pranger gestellt werden, die der Henker verbrannte. Dies solle demonstrieren, wie knapp die Frau der Todesstrafe entronnen war. Nachdem man diese Zeremonie vollzogen hatte, wurde die Frau von zwei Schöffen und einem Ratspensionär (Damhouder?) aus der Stadt geführt. Sie zog in die seeländische Stadt Middelburg, wo sie ihre frühere Heiltätigkeiten weiterführte, so dass sie später auch dort vom städtischen Bailli verhaftet wurde. Nachdem letzterer Kenntnis von den Brüggener Prozessunterlagen erhalten hatte, zog er sie vor das Middelburger Schöffengericht. Die Frau wurde letztendlich zum Tode verurteilt und lebendig verbrannt. Diese Geschichte findet man nur bei Damhouder und nicht in dem Wielantschen Text.

Damhouder hat diese Geschichte keineswegs ersonnen oder kopiert, sondern stützte sich diesbezüglich auf seine Tätigkeit als Brüggener Ratspensionär. Das Register, das die städtischen Kriminalurteile enthält, erwähnt am 26. August 1538 die Verurteilung einer Cathelyne Onbaert aus Westkapelle, der Witwe des Boudin Beernaert. Cathelyne war vor Jahren schon vom Brüggener Propsteigericht ("Proossche") verurteilt worden. Trotzdem hatte sie wieder begonnen, Leuten Ratschläge zu erteilen, wie man z.Bsp. quälende Geister abwehren, Krankheiten heilen oder gestohlene oder verlorengegangene Güter zurückerhalten könne. Sie wandte in der Praxis immer verschiedene unerlaubte, abergläubische und von der heiligen Kirche verbotene Mittel an. Cathelyne wurde auf der Brüggener Burg an den Pranger gestellt. Neben ihr standen ein Bündel Stroh, ein Bündel Reisig und eine Feuerpfanne. Da sie kahl war, trug sie eine Perücke, die vom Henker verbrannt wurde. Sie wurde für den Zeitraum von 50 Jahren unter Todesandrohung aus der Grafschaft verbannt. Dieses Urteil zeigt, dass die Brüggener Schöffen eigentlich an die Todesstrafe dachten, aber wegen mildernder Umstände nicht ausgesprochen worden war. Die Tatsache, dass Cathelyne keine Haare mehr hatte, deutet darauf hin, dass sie zuvor rasiert worden war.

Die gleiche Cathelyne Onbaert wird in einem Schöffenurteil der seeländischen Stadt Vlissingen (nahe Middelburg) vom 20. Januar 1541 erwähnt. Sie wurde in dieser Stadt zum Feuertod verurteilt weil sie, trotz früherer Verurteilungen wegen Wahrsagerei und teuflischer Heilpraxen in Brügge, Vlissingen und anderen Orten auf der Insel Walcheren, bösartige und abergläubische Missetaten betrieben hatte und die Lehren Gottes und seiner Heiligen nicht befolgte. Unter anderem hatte sie versucht, Kranke unter Anwendung einer Schnur zu heilen, die mit einer Stecknadel verbunden war. Damit maß sie dann die Länge des Unterarms der Patienten, während sie zugleich verschiedene Zauberformeln aussprach. Bei Gewittern lief sie barhäuptig und barfuß, fluchend und spuckend über die Strasse, wobei sie den "bösen Feind" um Gnade bat. Diese Angaben stehen im Einklang mit Damhouders Erzählungen in seinem Kapitel über die peinliche Befragung.

Genau dieser Bericht über die Tortur der Cathelyne Onbaerts übte einen starken Einfluß auf die späteren Hexenprozesse aus. Unter Anwendung der Praxis rerum criminalium wurden in vielen Prozessen Frauen ganz rasiert und ihre Intimteile genau untersucht. Diese Kahlscherung und Leibesvisitation war jedoch keineswegs eine Damhoudersche oder Brüggener Erfindung. Sie wird schon 1487 im Malleus malificarum erwähnt. Dort wird in Hexereisachen die Kahlscherung als dritte Vorsichtsmaßnahme empfohlen, da Hexen immer versuchten, anhand von Amuletten in ihren Kleidern, Haaren oder in der Intimzone während der Tortur nichts auszusagen. Auch Grillandus erwähnt in seinem De quaestionibus et tortura diese Praxis. So stellte Grillandus mal fest, dass ein Opfer ein Pergament mit dem Namen Jesus Christi, mit Kreuzen, und mit verschiedenen Zauberzeichen, zwischen seinen Haaren verborgen hatte. Solange er dieses Pergamentversteckt hielt, konnte er während der Tortur unempfindlich sein, ja schlief sogar ein. Es ist mithin klar, dass die Pergamentsuche bei Cathelyne Onbaert von Grillandus inspiriert worden ist. Es stellt sich sogar die Frage, ob man diese Suche bei Cathelyne Onbaert überhaupt vollzogen hat. Es würde nicht verwundern, wenn Damhouder dieses Vorgehen aus dem Text des Grillandus kopiert hat. Die Tatsache, dass diese Kahlscherung weder im Brüggener Urteil noch im Vlissinger Urteil erwähnt wird, deutet darauf hin.

Literatur

J.-J. Thonissen, Art. Josse de Damhouder, in: Biographie nationale 5, Brüssel 1875, Sp. 59-70;

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E. Strubbe, Die Stellung Damhouders in der Rechtswissenschaft, in: Przewodnik Historyczno-Prawny 1, Lemberg 1930, S. 219-226;

Steffenhagen, Art. Damhouder, in: ADB 4, Berlin 1968 (ND), S. 717-718;

E. Strubbe, Joos de Damhouder als criminalist, in: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 38, Groningen 1970, S. 1-65;

J. Van Rompaey, Art. Damhouder, Joos de, rechtsgeleerde, in: Nationaal biografisch woordenboek 5, Brüssel 1972, Sp. 273-284;

J. Monballyu, La théorie sur la sorcellerie chez Wielant et Damhouder, in: Houd voet bij stuk. Xenia iuris historiae G. Van Dievoet oblata, hg. v. F. Stevens und D. van den Auweele, Löwen, 1990, S. 291-313;

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Empfohlene Zitierweise

Opsommer, Rik/Monballyu, Jos: Damhouder, Joos de. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zor/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.02.2006


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