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Joachim Woock, Geschichtswerkstatt Verden

"... so sie angeregten Lasters verdechtig machet..."

Die letzten Hexenverfolgungen in den schwedischen Herzogtümern Bremen und Verden1

Einleitung

Eine übersichtliche Darstellung der Hexenprozesse in Verden findet man in einem Artikel von Otto Voigt.2 Eine didaktische Aufbereitung des Themas "Hexenverfolgung im Bistum Verden" für den Unterricht im Sekundar I und II - Bereich wurde von mir bearbeitet.3 In dieser Unterrichtseinheit findet man Materialien, die zum ersten Mal publiziert wurden (Faksimile einer sog. Urfehde, d. h. Schwurs einer verurteilten "Hexe"; Kostenaufstellung des Scharfrichters; Faksimile einer Karteikarte des "Hexen-Sonderkommandos" des Heinrich Himmler4). Dort auch zum ersten Mal abgedruckt die Kostenaufstellung eines Hexenprozesses aus den Jahren 1655-1659, eines Prozesses also, der nach dem Verbot der Königin Christina von Schweden im Jahre 1649 geführt wurde.5

Stellt sich die Frage, wann die Hexenverfolgung im Raum Verden endete, dann wird immer auf das Verbot des langjährigen Hexenprozesses (1647-1649) in Verden verwiesen.6 Mit dem Ende des 30jährigen Krieges waren die Schweden die Landesherren in den Herzogtümern Bremen-Verden. Durch ihre Verordnung7 von 1649, die übrigens das zweitfrüheste Verbot8 von Hexenverfolgungen in Deutschland durch eine Landesregierung darstellte, gingen Verden und die schwedische Königin in die Geschichtsschreibung ein. Diese Verfügung gegen Hexenprozesse hat auch den Ruf der Schweden gefestigt, nach ihrem Einmarsch ins Reich 1630 überall im Machtbereich die Hexenprozesse unterdrückt zu haben.9 Der Wert dieses Reskripts,10 das sich ja auf einen speziellen Hexenprozess11 in Verden bezog, im Tenor aber die Hexenprozesse allgemein ablehnte, ist unbestritten. Aber völlig verhindert wurden die Prozesse in den deutschen Besitzungen der Krone Schwedens damit jedoch nicht. Über diese Fälle soll hier, bezogen auf die Herzogtümer Bremen-Verden, berichtet werden. Einen Schwerpunkt bilden, begründet durch die Aktenlage, die Anklagen in der Stadt Verden.

Der Prozess, den die Schweden 1649 verboten hatten, wurde von der Stadt Verden aber nicht so leicht aufgegeben, obwohl die schwedische Regierung in Stade von der schwedischen Königin instruiert wurde, über die Einhaltung des Verbots zu wachen.12 Die beiden letzten Inhaftierten, der Ratsherr Franz Panning13 und die Frau des Bürgermeisters, Catharine Wolpmann,14 wurden gegen eine Kaution in Höhe von je 500 Talern freigelassen. Die Kosten für diesen Prozess beliefen sich exakt auf 940 Taler, neun Grote und 2 ½ Pfennig.15 So mussten die Angeklagten durch ihre Kaution die Kosten der Stadt decken! Dibbeke Wulf, die Frau des Ratsherren Johann Wulf, war geflüchtet. Aufgrund der Freilassungen fühlte sich die Familie sicher und Frau Wulf kehrte nach Verden zurück. Ermutigt durch ein Gutachten der Universität Helmstedt ließ der Magistrat Frau Wulf 1650 verhaften und verhören. Ihr Mann protestierte in Stade und 1651 wurde auch das Verfahren gegen Frau Wulf eingestellt.

"... in dem verfluchten und vermaledeiten Hexenproceß..."
Warner Erich Oporinus kämpft mit dem Hexenehepaar Wolpmann (1655 - 1659)

Im Archiv der Kirchengemeinde St. Andreas in Verden befindet sich ein kleines, in Schweinsleder gebundenes Buch,16 in dem der Pastor Warner Erich Oporinus17 seine Ein- und Ausgaben handschriftlich eintrug. Darin befindet sich ein "Verzeichnus der unnützen ohnkosten so in dem verfluchten und vermaledeiten Hexenproceß, welchen durch einen vndanckbaren leichtfertigen verräterischen buben anstiftung ich mit Harm Wolpmann und deßen weib von Ao 1655 bis 1659 durchführen mußte, angewandt worden, welchen der gerechte gott zu seine Zeit rächen vnd finden wird. "

Als Prozesskosten listet Oporinus folgende Posten auf:
"Advocaten=Rechnüng" der Verdener Syndici18 Korbmacher19 und Hojer20 (insgesamt 32 Rt.21 und 24 gr.22), die "Procuraters=Rechnung"23 der Herren Risman24 und Johannes am Ende25 aus Stade (insgesamt 12 Rt. und 27 gr.), 3 Rt. und 63 gr. für den Schreiber, Forderungen des Konsistoriums26 in Höhe von 8 Rt. und 40 ½ gr., Boten- und Postlohn schlugen mit 8 Rt. und 29 gr. zu Buche. Zum Schluss führt er "Neben=Ohnkosten, so in den verfluchten handeln an Reise=Zehrungen vnd anderen angewendet worden" in Höhe von 253 Rt. und 41 ½ gr. auf! Die "summa aller verfluchten ohnkosten" beziffert er dann mit 319 Rt. und 9 gr. Die Höhe der Reisekosten macht stutzig, fehlen doch Namen und Begründungen für diese Reisen. Hinzu kommt, dass die Rechnung offensichtlich manipuliert wurde. Als Summe stand zuerst 119 Reichstaler, die erste Ziffer "1" wurde dann zu einer "3" korrigiert und vor die Ziffern "53" als Summe der Reisekosten, wurde eine "2" gesetzt, um auf Reisekosten in Höhe von insgesamt 253 Reichstalern zu kommen!

Es scheint so, als ob Oporinus sich seinen Frust über diesen Prozess nachträglich gut bezahlen lassen wollte - vorausgesetzt ihm wurden diese Auslagen später erstattet. Von den beiden Angeklagten hatte er nichts zu erwarten, denn gewonnen scheint er diesen Prozess nicht zu haben, sonst wären ihm seine lasterhaften Flüche bestimmt nicht in die Feder geflossen!

Da von dieser Anklage sonst keine Dokumente erhalten geblieben sind, ist man bezüglich der Hintergründe zu diesem Prozess auf Spekulationen angewiesen. Die Beschuldigte Catharine Wolpmann war bereits im Prozess von 1647-1649 angeklagt. Sie wurde, wie bereits oben beschrieben, nach 20 Monaten Haft gegen Kaution freigelassen. Ihr Mann, Hermann Wolpmann, war Bürgermeister von 1643 bis 1659.27 Inwieweit es Zusammenhänge zwischen der Beendigung des Prozesses und der Aufgabe seines Bürgermeisteramtes gibt, ist nicht zu klären. Es ist auch unklar, warum Oporinus quasi eine Neuauflage des alten Prozesses von 1647-1649 anstrengte. Treibende Kraft des damaligen Prozesses war der als "Hexenschnüffler" bekannte Domprediger und Superintendent Heinrich Rimphof. Als Oporinus´ Vorgesetzter war ja vielleicht er der "undankbare, leichtfertige und verräterische Bube", der ihn zu diesem Prozess anstiftete! Vielleicht änderte sich 1655 auch das politische Klima der schwedischen Besatzer. Königin Christina dankte 1654 ab, Karl X. Gustav wurde ihr Nachfolger. Bezeichnend ist auch, dass die Hexenprozesse in Schweden selbst erst im Jahre 1669 aufflammten!28

Im Jahre 1658 wurde in Verden eine Frau verhaftet und im Gefängnis an Halseisen geschlossen, weil sie in Walsrode eine Wahrsagerin aufgesucht hatte. Die vier Stadtknechte erhielten dafür 24 Grote.29

" ... unter einem Eichbaum nackend gesehen... "
Verfahren wegen Hexerei außerhalb der Stadt Verden

Im Jahre 1653 wurde eine alte Frau in Freiburg (Kehdinger Land, Niederelbe) der Hexerei beschuldigt und ein Jahr lang in schwere eiserne Fesseln gelegt. Sie war von einer bereits gefolterten Frau " besagt" worden. Der Ehemann und der Schwiegersohn stellten mit dem Hinweis auf das Verbot von 1649 den Antrag, die Sache an die Justizkanzlei in Stade zu verweisen. Der Ausgang dieses Falles ist nicht überliefert.30

In Westeresch bei Scheeßel wurde 1664 die 17jährige Margarethe Meineke der Hexerei verdächtigt. Ein sog. Injurienprozess wurde von Margarethes Vater angestrengt. Er ahnte nicht, welchen Ausgang die Sache nehmen würde, als er gegen Dorothea Holsten eine Beleidigungsklage einreichte, weil diese seiner Tochter Hexerei nachgesagt hatte, und die Erhebung der Beweise forderte. Doch Mutter und Tochter wurden inhaftiert. Der Mutter wurde vorgeworfen, sie hätte der Tochter das Hexen gelehrt. Die Mutter erhängte sich im Gefängnis und Margarethe gestand unter der Folter alle ihr zur Last gelegten Taten.31 Die Witwe des schwedischen Gouverneurs Graf Hans Christoph von Königsmarck griff in den Prozess allerdings eher halbherzig ein: "Am Freytage soll die Inhafftirte Hexe verbrand werden, das hochgräfliche Frauenzimmer zu Stade32 intercediren,33 daß ihr zufödrist das Haubt möge abgeschlagen werden."34 Es galt damals als besondere Gnade wenn die Delinquenten vor dem Verbrennen enthauptet wurden. Warum die schwedische Regierung in Stade nicht diesen Prozess verhinderte, bleibt im Dunkeln.35

Im Jahre 1664 gab es in Rotenburg zwei weitere Prozesse in "Peinlichen Sachen": Agnesen Peterßen contra Catharinen Otten und Jürgen Wichers contra Jochimb Wichers. Aufgrund der fehlenden Akten können keine weiteren Aussagen über die Prozessverläufe gemacht werden.36

Im Jahre 1665 wurde in Rotenburg Anna Haßstedte, Tibke Berendts von Bartelsdorf und Anna Ratken von Waßerfese der Hexerei beschuldigt.37 Um ihre Unschuld zu beweisen, forderten die Frauen die sogenannte "Hexenprobe". Die "Wasserprobe" wurde von der Bevölkerung und den Verfolgungsbehörden als Gottesurteil angesehen und sollte vom Menschen nicht beeinflussbar sein. Da die Opfer wussten, dass sie unschuldig waren, forderten sie häufig selbst diese Hexenprobe. Dabei lag der Gedanke zu Grunde, dass man Hexen daran erkenne könne, dass sie spezifisch leichter als "normale" Menschen wären, da sie ja fliegen könnten. Würde man also die vermeintliche Hexe entkleiden, an Händen und Füßen zusammen fesseln und sie von einem Boot aus in ein ruhendes Gewässer gleiten lassen, dann müsste ein unschuldiger Mensch untergehen. Schwamm die Person dagegen auf dem Wasser, dann war sie als Hexe entlarvt! Damit Unschuldige nicht ertranken, wurde den Delinquenten ein Sicherungsseil um die Hüfte gebunden. Am 26. Mai 1665 spielte sich an der Mühlenkuhle folgendes Schauspiel ab:

"Im Beiseyn des Hrn. Drostens, Amtmanns und sämmtliche Amtsvögte etc. Nachdem die gestrige vorgewesene drey Weiber und ihre resp. Ehemann, Söhne, Töchter und Bürgen sich freiwillig wieder eingestellet, und ihre voriges Suchen wegen des Wasserbades ganz eifrig wiederholet, auch davon ganz nicht abzubringen gewesen, ist denselben solches verwilligt, jedoch von dem Gerichte vorher nochmahlen vorgehalten, wenn nun ein oder die ander unter ihnen würde oben schwimmen, und nicht zu Grunde gehen, ob sie dem dafür hielten und bekennen wollten, daß sie Hexen und Zauberinnen wehren, worauf sie alle einmüthig und mit ja antwortet, und wer oben treiben würde welches aber keine Noth hätten, weil sie Gottes Kinder wehren und nichtes den das lieben Vater unser und von Gott wüsten, so würde die Obrigkeit wohl wißen was mit derselben zu machen, bäten aber das sie mit ihren Verwandten, selbst nach dem Wasser gehen, und nicht durch die Amtsdiener hingeführet werden möchten, weiln sie doch noch zur Zeit ohnschuldig.


Ist ihnen solches gestattet, und wie sie ans Wasser bey die Mühlen gekommen, haben sie sich selbst ein nach der anderen entkleidet, worauf sie von den Nachrichter Meister Hannsen und seinen Leuten angenommen ins Schif geführet, und dreymahl auf die Mühlenkuhlen, Piekentief geworfen, die zwey ersten machten Hände und Füsse Kreutzweis more solito38 über und an einandergebunden, ausser den Stricken welche sie ums Leib gehabt um sie damit wieder zurück und herauf zu holen hinauf geworfen, haben aber alle oben geschwommen wie die Gänse, also daß auch keine fast einiger Bewegung sich vermerken lassen, ob sie auch bereits von Stricken frey und ledig gewesen, murten daß sie sich selber bey den Kopf und Haaren gefasset in Meinung sich dadurch unter Wasser zu bringen aber allens vergeblich ... Nachmittags seyn die Weiber eine nach der andern gerichtlich wiederum vorgefordert und ihnen vorgehalten wie das sie alle eben getrieben, und nicht einmahl unter Wasser gewesen, und weiln sie nun vorhin ihr eigen Urtheil gesprochen, so wurde auch eine jede ihre Schulde und Ohnthaten frey heraus bekennen, ihnen ihre Sünde vor Herzen laßen leid seyn und sich zu Gott bekehren. Anna Haßstedtin will nicht zustehen, saget daß sie ein Kind Gottes wehre, und kein Hexen gelernet, wobey sie aber ganz wehmüthig anzusehen gewesen, und etliche tiefe Seufzer gethan."39


Anna Haßstedte wurde zwei Monate später, am 24. Juli 1665, lebendig verbrannt! Das Schicksal der beiden anderen Frauen ist unbekannt.

Clauß Röhrß aus Schwalingen bei Tewel behauptete 1668, "Margarethen von Fintel auf seines Vaters Hofe unter einem Eichbaum nackend gesehen" zu haben. Daraufhin strengte sie, zusammen mit ihrem Sohn, eine Beleidigungsklage gegen den Denunzianten an. Das war, wie im Fall Margarethe Meineke gesehen, nicht ungefährlich. Da Clauß Röhrß den Beweis der Hexerei aber nicht liefern konnte, endete dieser Prozess nach fast drei Jahren mit seiner Verurteilung: er wurde vom Rotenburger "Peinlichen Notgericht" mit ewiger Verweisung bestraft. Das bedeutete, dass er nie wieder an seinen Wohnort (bzw. Gerichtsbezirk) zurückkehren durfte.40

Doch auch noch 1677 erließ das königliche Konsistorium an den Rat der Stadt Stade den Befehl, "die Pauckersche, weil sie der Hexerei beschuldigt" einfangen zu lassen!41

In Otterndorf in der Nähe von Cuxhaven wurden 1668 Lucia Mahlers und ihr Sohn Otto zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie eine Frau fälschlich der Hexerei bezichtigt hatten. Im Jahre 1673 beschuldigte das junge Mädchen "Margritchen" sich selbst und andere Frauen der Hexerei. Das Gutachten der Universität Kiel erklärte die Aussage des Mädchens für gelogen und wertlos. Margritchen wurde als Verleumderin ehrlicher Personen bestraft: "hinterwerts mit 2 Ruthen vollgestrichen,42 drauf verwarnet, bey Vermeydung schwerer Straffe nicht wieder ins Landt zu kommen, am Lindenbaum ins halßeysen gestellt und verwiesen."43 Doch 1735 (!) schien sich die Aufgeklärtheit der Verantwortlichen vernebelt zu haben. Damals verfügten die Königlich Großbritannischen zur Churfürstlichen Braunschweig=Lüneburgischen Regierung verordneten Geheimen Räte in Hannover auf einen Bericht des Geheimrats v. Münchhausen zu Stade, dass Margarethe Gooß, ein der Hexerei beschuldigtes Mädchen, in ein Zuchthaus gebracht, zu strenger Arbeit angehalten und im Christentum unterrichtet werden sollte. Die Stadt Otterndorf übernahm dafür die Kosten.44

Ferndiagnose aus dem Nachttopf und Hexenurin als Medikament Die Anklage gegen Ilse Einstmann

Die vermutlich letzte Hexen-Beschuldigung im Raum Verden fand 1683 in Verden statt.

Protokolle oder Gutachten sind über diesen Fall nicht in Verden erhalten geblieben. Im Rechnungsbuch der Stadt Verden aus dem Jahre 1683 fand ich nur folgende Eintragung: "29 7bris45 Vor daß informatorium Sent: Ilsen Einstmanß wegen beschuldigung der Hexerey der universitaet jena bezahlt 4 Gulden, 12 Grote."46 Im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar ist die Kopie dieses Gutachtens des "Schöppenstuhls Jena"47 erhalten geblieben. Auch das Schreiben der Stadt Verden mit der Bitte um Erstellung eines Gutachtens an die Universität Jena ist dort überliefert. Die Stadt wollte keine voreiligen Entscheidungen treffen und holte sich deshalb Rat bei einer Universität.

Wie bereits beim Fall der Dibbeke Wulf erwähnt, besorgte sich die Stadt an der Universität zu Helmstedt juristische Gutachten. Es wurden aber auch zu den anderen Hexenprozessen Gutachten der Universitäten Rinteln, Rostock und Wittenberg48 angefordert. Die Spruchpraxis an den juristischen Fakultäten war recht unterschiedlich. Die juristischen Fakultäten der Universitäten Helmstedt und Rinteln galten als "hardliner" in Sachen Hexenverfolgung. Rinteln zeigte dabei eine einzigartige Rücksichtnahme auf die landesübliche Wasserprobe.49 Keine andere deutsche Juristenfakultät akzeptierte sie auch nur als Prozessmittel!50 Ein Wandel trat in Rinteln erst durch Franz Gießenbier51 ein. Mit seinem Gutachten von 1648 beeinflusste er den Verdener Prozess im Sinne der schwedischen Königin. Die Universität Rostock gab bereits im Jahre 1589 ein Gutachten zu einem Hexenprozess in Verden ab.52 Dr. Johann Georg Goedelmann53 (1559-1611), ein Tübinger Jurist und Professor in Rostock bestimmte die Haltung der Universität und gewann wegen seiner überkonfessionellen Argumentation gegen die Hexenprozesse im ganzen deutschsprachigen Raum großen Einfluss.54

Was wurde nun der Ilse Einstmann vorgeworfen? In der Historischen Bibliothek des Domgymnasiums befindet sich das Buch des ehemaligen Bürgermeisters von Verden, Christoph Gottlieb Pfannkuche (1837-1855). Er hatte seine Bibliothek dem Domgymnasium vermacht. In seinem Kapitel über die Verdener Hexenverfolgung hat er nachträglich handschriftliche Korrekturen eingefügt, so auch zum folgenden Vierzeiler, der sich auf den Fall Einstmann bezieht: " Seitdem fanden keine Hexenprozesse weiter statt und im Aug. 1683 blieb das Gesuch einer Bürgerfrau sie auf das Wasser zu werfen, um das Gerede als habe sie durch Zauberei den Tod eines Kindes veranlasset, zu widerlegen, unberücksichtigt. "55 Pfannkuche muss also noch Unterlagen über diesen Fall eingesehen haben!

Anforderung eines Gutachtens der Universität Jena

Möchte man Originaldokumente zum Reden bringen, muss die Handschrift buchstabengetreu transkribiert und dann noch einmal in die heutige Umgangssprache "übersetzt" werden. An dieser Stelle soll nun das Schreiben der Stadt Verden vom 23. August 1683 an die Universität Jena im Originalwortlaut wiedergegeben werden:56

8. Sept.
Verden.
c.[ontra]
die Einstmännin: ob sie
alß Hexin uffs Waßer zusetzen,
v. dadurch zuprobiren od. nicht.57

Denen Hoch- und Wohledlen,
Vest und Hochgelahrten Herren
Decano, Seniori, und übrigen
Doctoribus und Assessoribus
Der Juristen Fakultät, bey
Der Fürstl. Sachsischen Universitaet Jena.
Unseren grosg.[ünstigen] HochgeEhrten
Herren
Jehna58.
4. Sept. Vehrden59
b.w.

Hoch- und Wohledle Vest- und Hochgelahrte /60 grosg.[ünstige] HochgeEhrte Herren / Eß ist dieser Zeit folgende Geschicht bey uns / vorgegangen. Ein unser Bürger nahmens / Paul Kröger welcher seines Handwercks ein / Töpffer oder Hafner61 hat ein Kind gehabt, / etwan 41 Jahr alt, welches von dem huesten / incommodiret62 und sich sich deswegen unpäslich / befunden, in selbigen bürgers hauß, kömpt / eine alte Frau, so zeithero von uns im / hiesigen armenhause aufgenommen / und unterhalten worden, nahmens Ilse / Einstmanns und erhandelt von dem Töpffer / einen Topff, wie sie sich nun an die bett= / stedte gelehnet und nach dem Kinde ge= / fraget, auch von des Haffners frau antwort / erhalten, ist selbige alte frau wieder / weggangen, bald drauff aber das unpäs= / liche Kind angefangen zu ruffen und zu / schreyen, hat auch weder tag oder nacht ruhe empfunden, sondern stets umb sich / gebißen und gekleihet,63 dahero der Vater / genöhtigt nach adhibirten64 medicamenten / eine adel.[ige] Frau ad. 2. Meilen von dieser / Stadt wohnhafft zu consultiren, welcher er / des Kindes urin gezeiget, und die antwort / erhalten, Eß wehre das Kind an Lung und / Leber mit großer Hitze beladen, habe auch / 3 Pulver gegeben, selbige dem Kinde / Zu adhibiren. In dem wirthßhause / selbigen ohrts wehre ihm nach erzehlter / seines Kindes Kranckheit gesagt, er sollte / sich bemühen, das er von der persohn die / er etwan suspectirte65 den urin bekehme / und selbigen dem Krancken Kinde eingebe, / so würde es sich bald beßern. Wie / nun des Kindes Vater wieder heimb= / kommen, dem Kinde die von der adel. / frauen gegebene medicamenta und Pulver / adhibiret, habe solches alles nicht verfangen / wollen, im gegentheil sey das Kind, bey / klaren augen blind, und an der rechten / seiten contract66 worden, habe auch mit / schreyen und ruffen unnachläßig con= / tinuiret, wie er aber das Elend seines / Kindes nicht lenger ansehen Konnen, / habe er sich nach dem armenhauße ver= / füget und obbenahmbte alte frau / Ilsen Einstmans angeredet, sie hette seinem / Kinde die Kranckheit angethan, sollte selbigen / wieder helffen, oder er wollte nach der / obrigkeit dem Stadtraht gehen, und sie / anklagen, wann sie ihm ihren urin geben / wollte, möchte es mit dem Kinde wohl / vielleicht beßer werden, und er wollte sie / alsdan nicht anklagen, welches Ilse vorerst / recusiret67 und gesagt sie wehre eine Ehrliche frau, und habe seinem Kinde nichts böses an= / gethan, wüste auch nichts als was sie von / gott wüste, darauff der Topffer von ihr / weg gangen, die alte frau aber sey ihm / auf den fuß gefolget in sein hauß, daselbst / begehret, ihr ein geschir Zu geben, worin / sie sofort urinirett, und begehret, dem / Kinde davon einzugeben, gleichfals habe / sie eine Schale voll rein waßer begehret, darin habe sie die Hände gewaschen, und / gerahten, die Eltern sollten dem Kinde darin / ein müeslein Kochen und geben, welches / alles auch geschehen, die alte frau/ Ilse habe sich zu dem Kinde gewand, dem= / selben Zugeredet. O du arme Kind, wat / bistu elend, et schall nu balle beter wehren. / daß Kind habe in dem solches geschehen, / sich hefftig gerißen, die Haar geräuffet, / und selbst mit denn negeln unter dem / gesicht sich verwundet, die alte Ilse sey darauf weg gangen, das Kind aber / so bald still worden und in schlaff / kommen, also das sie die eltern gute / Beßerung vermercket. Zwey tage / hernachen habe Ehr[würdiger] Mag.[ister] brinckman68 / Prediger ad Div.[ini]69 Johannis und der / alten Ilsen beichtvater, dieselbe zu sich / gefordert und ihr gesagt, sie sollte sich / vor uns exculpiren,70 oder er konnte sie / nicht vor sein beichtkind halten, weinig / tage hernach ist das Kind gestorben. /
An dem folgenden gerichtstage erschien / die alte Ilse Einstmans vor uns gerichtlich / Klagte, wie sie von dem Töpffer beschül= / diget würde, ob hette sie sein Kind be= / Zaubert, und wollte ihr Beichtvater sie / nicht annehmen, bis sie sich von der / Bezüchtigung loesgemachet, bate / inständigst sie aufs waßer setzen Zu / laßen, da ihre unschuld bald Zutage / kommen würde. /
Alß wir nun beide theile summariter / im Gericht vernommen, welche beide / ausgesagt, wie oben in facto gemeldet, / sind sie dasmahl beide dimittiret;71 / die alte frau Ilse Einstmans aber, läßet / nicht ab sondern helt alle tage gerichtlich /
Bey uns an, die waßer probe mit ihr / Zu versuchen, so gar das wir auch von steter / solchen sollicitatur72 (:alles ermahnens / und abweisens ungeachtet:) bishero sehr / incommodiret worden, und noch täglich / angeloffen werden, eß will sich dieselbe / (:ihrer außage nach:) auch nicht Zur ruhe / geben, bis sie die waßer probe erstanden. /
Nun wißen wir uns Zwarten ab denen / rechten, und reichs constitutionen73 wohl Zu / bescheiden, das wir solchen petitis74 zu de= / feriren75 uns noch Zur Zeit nicht mächtig / befinden, wollen uns auch in keine wege / darunter praecipitiren76 Verlangen / aber von unserem hochgeehrten Herren / dero rechtliches bedencken, und be= / gründete Responsion77 uff nachfolgende / frage /
Waß mit der alten Ilsen Einstmans da sie / sich wie bishero mit ihren suchen Zur / waßer probe durchaus nicht will ab= / weisen laßen endlich Zu verfahren, / und ob wir dieselbe da sich noch Zur Zeit / keine erhebliche indicia78 hervorthun ohn / special inquisition79 salva justitia80 thätlich / abzuweisen wohl befugt sein konnen: /
Ersuchen demnach unsere Hochgelehrte / Herren obiges factum bey versambleten / Collegio zu erwegen, und uns dero / Rechtens gemeßen information grosg.[ünstig] / unter dero Facultät Insiegel81 ver= / schloßen darüber Zu ertheilen, und / sind demselben alle behägliche dienste Zu erweisen willig, unter der obhut gottes stets seiender

Verden d. 23. Aug.
A.º 1683

Unser Hochgelehrten
Herren
Wir bitten baldige des boten
expedition82 welcher befehligt die gebühr pro studio et labore83 Dienstwillige Bürgermeistere und Raht der Stadt Verden

gegen schein Zu erledigen. "

Was war nun geschehen? Da kauft die im Armenhaus84 lebende Ilse Einstmann,85 die Frau des verstorbenen Schusters Hermann v. Einstmann,86 beim Töpfer Paul Kröger87 in seinem Haus in der Oberen Straße einen Topf und hört dabei von seinem kranken Kind. Sie tritt voller Anteilnahme an sein Bett und erkundigt sich bei der Mutter nach der Krankheit des Kindes. Kurz darauf verschlechtert sich der Zustand des Kindes. Warum der Vater nicht zum Stadtphysicus88 Dr. med. Valentin Löber oder zum allgemeinen Arzt Dr. med. Franz Joachim Schmid ging, darüber kann man nur spekulieren.89 Er zieht jedenfalls eine Adelige außerhalb Verdens vor, die anstatt in eine Kristallkugel, immerhin in den mitgebrachten Nachttopf des Kindes schaut! Wie früher etablierte Ärzte das konkurrierende Handwerk der "weisen" Frauen beurteilten, darüber gibt die Polemik eines Dr. J. C. Bitterkraut aus dem Jahre 1677 mit dem passenden Titel "Wehmühtige Klag-Thränen der Löblichen höchst-betrangten Artzney-Kunst" Auskunft: "Es will aber auch noch zu allem Überfluß so gar das weibliche Geschlecht in diese löbliche Artzney-Wissenschaft gantz fürwitzig sich mit einmischen; e s ist leider zur genüge bekannt, was grosser unzulässiger Stümperey dieses Geschlecht in bedeuteter Artzney-Kunst sich unterfange. " Der Doktor beschwert sich bitterlich darüber, dass alte Betschwestern, versoffene Kinds-Ammen, greinsüchtige Mütterlein, Wettermacherinnen und Besprecherinnen, auch junge Plaudermetzen und Nachtretterinnen, schmutzige Kuchel-Ratzen und Unter-Mädchen ohne nötige Vorbildung die Artzeney-Kunst zu ihrem Beruf machen, woran ein gelehrter Mann viel Zeit, Mühe und Arbeit hat aufwenden müssen. "Ja, es kommt nun mehr so weit, daß dergleichen waschhaffte Weiber so gar den Harn beschauen, allerley Mischmasch den einfältigen Leuten um ein ungleich höheren Wert, als eine rechtschaffene Artzeney, aus den Apotheken verkaufen. So ist auch unglaublich und zu beschreiben unmöglich, was solche Klüglinge mit [bestimmten Heilkräutern] selbsten anfangen und spielen; wodurch sie dann manche kranke Person, deren Zustände sie nicht einmal erkennen, in die äußerste Lebens-Gefahr stürzen, und sodann erst einem wohlerfahrenem Doktoren die Hände voll zu tun geben, welche das jenige, so sie frevelhafter Weise verderbet, wieder gut machen sollen."90

Aus heutiger Sicht nimmt der weitere Verlauf schon makabre Züge an. In der Kneipe wird dem Vater von den Stammkunden geraten, den Urin der "Hexe" dem kranken Kind einzuflößen. Als die Pülverchen der adeligen "Ärztin" nicht wirken, greift die abergläubische Familie tatsächlich zum "Hexentrank"! Ilse Einstmann bleibt nicht viel übrig, sie muss den Forderungen des Vaters nachkommen. Als verarmte Witwe hat sie bei einem Rechtsstreit keine Chance. Es ist typisch für die Hexenverfolgungen, dass die Opfer zum größten Teil aus der Unterschicht kamen. In den Vernehmungsprotokollen der Sammelprozesse in Verden werden immer wieder Frauen genannt, die im "Gasthause" wohnten. Ilse Einstmann musste aber von ihren Fähigkeiten, die ihr Gott (!) gegeben hatte, auch sehr überzeugt gewesen sein, wenn sie den Eltern rät, auch noch dem Kinde ihr schmutziges Handwaschwasser als Medizin zu verabreichen.

Dies alles lässt sich nur mit den damaligen Magievorstellungen erklären. Fühlte sich eine Person durch eine Hexe geschädigt, so verlangte diese von der vermeintlichen Hexe die Zurücknahme des Schadenzaubers ("Abtun"). Denn nur die Hexe, nicht ein Arzt kann das Übel beseitigen! Die "Hexe" hatte nun die Qual der Wahl:

  • Stillschweigen (denn: "Je breiter ich den Dreck trete, desto weiter fließt er! ").

  • Verteidigung, z. B. das Fordern der Wasserprobe (Problem: Setzt sie sich dadurch den Vorwurf aus, dass sie es nötig hat, sich zu verteidigen weil sie sich schuldig fühlt oder einen schlechten Ruf hat?). Häufig erklärten sich die Beschuldigten das Misslingen der Wasserprobe mit dem Kategorien des Hexenwahns (Ankläger hat das Fehlschlagen durch Hexerei herbeigeführt ! Retorsion ("Ich halte dich für eine Hexe, bis du mir beweist, dass ich eine Hexe bin! ")

  • Beleidigungsklage (Gang vor das Gericht kann gefährlich werden, wenn sich Zeugen melden, die den schlechten Ruf der verdächtigten "Hexe" bestätigen).

  • Zustimmung zum "Abtun" (nicht der Teufel, sondern Gott sorgt dafür, dass der teuflische Schadenzauber rückgängig gemacht wird). In der Fachliteratur91 wird das "diskrepante Interpunktion" genannt. Ein Beispiel soll das verdeutlichen:

Der Gesche gelingt das Buttern nicht. Sie beschuldigt die Anna und fordert zum Abtun auf. Anna geht daraufhin murrend weg. Kurz darauf wird Gesche krank und sie hegt den Verdacht, dass dies die Rache von Anna für die Aufforderung des Abtuns ist. Anna glaubt dagegen, das die Krankheit die von oben verhängte Strafe für die ungerechte Beschuldigung der Gesche ist. Aus diesem magisch-moralischen Kosmos heraus sagt sie der Magd der Gesche, dass ihre Herrin erst nach Abbitte wieder gesund wird. Gesche leistet daraufhin Abbitte bei Anna und wird gesund. Anna sieht sich bestätigt und Gesche sieht sich in ihrem Zaubereivorwurf bestätigt!

Nach dem Tode des Kindes92 wird Ilse Einstmann den Makel der Schadenzauberei nicht mehr los. Die Familie Kröger wird schon dafür gesorgt haben! Ilse Einstmann konnte sich nicht mit einer Beleidigungsklage gegen Paul Kröger wehren, sie hatte dafür kein Geld. Sie betrachtete die freiwillige Wasserprobe als einzigen Ausweg das Gerücht zu widerlegen.93 Aufgrund der inzwischen rechtsstaatlichen Verordnungen war die Wasserprobe als Hexenindikator verboten. Die Stadt wusste sich zu diesem Zeitpunkt nicht anders zu helfen, als ein Gutachten bei der Universität Jena anzufordern.

Das Gutachten des Schöppenstuhls zu Jena94

"PP.95 / Alß dieselbe uns einen Bericht / waß zwischen Paul Kröger vndt / Ilsen Einstmannes vorgangen, / in sich haltendt, Zuegeschicket vndt / darnebst angefuhret, welcher ge= / staltd die Einstmannin ohngeachtet / beschehener abschlagung v[nd] remonstration96 / nicht ablaße sondern / dieselbe schier täglich incommodire97 / vmb die waßerprobe mit Ihr / vorzuenehmen, Vermeinendt dar= / durch aus dem geschrey wegen / verdechtiger Hexerey sich los zue= / machen, Vnd uber folgende fr[age] / vnsere Rb. G.98 was mit / sothaner Ilßen Einstmannes, da sie / noch ferner mit diesen Ihren sachen / wegen sich an= / melden, vndt nicht ablaßen würde / V[nd] sollte, vor Zuenehmen, vndt ob sie / deshalben ab Zueweisen / Demnach b. wvR.99 Obwohl einige / Autoren vf diese waßerprobe / nicht wenig glauben sezen, auch an ezlichen orthen / solche vor diesen in gebrauch gewesen, / oder noch in gebrauch seyn magk, dennoch / aber vndt dieweil dieselbe weder / in Gottlichen Vndt weltlichen Rechten, / noch in Vernunffti= / gen ursachen gegründet, Viel= / mehr die selben Zuewieder, vndt vf eine / superstion100 hinaus laufft aus dergleichen / dinge zue judiciren101 vndt gewis zue= / schließen, ob ein Mensch mit dem sathan / ein Bundtnuß habe, oder sich des Zauberns be= / flißen, do doch Gott vndt die rechte andere mittell / sothane vbelthater Zuekommen Verordt= / net, von welchen so mann abtritt vnd Zue d[er]= / gleichen die Zuflucht nimmet, Gott / der herr groblich Versucht wardt, vndt hierdurch/ (: in dem bey solchen d[er] Sathan / offt sein Spiel hatt :) leicht ein vnschuldiger / Verdammet, ein schuldiger aber los gelaßen / werden kahn, wie solches die bey denen Docto= / ribus102 hinn vndt wieder angefuhrte Exempel / außweisen; Wie denn auch Vnsere Christ= / liche Lehrer vndt die Theologi hermit einstim= / men vndt dergleichen Proben alß vnn Zueleßig / vndt nicht Zuerathen achten v[nd] dafür warnen, / den denn auch fast alle J[uris]ti103 die vonn / solcher sache geschrieben, folgen vndt / iztberuhrte probe außer einiger wirckung achten; (: vid. / Lud. Dunde Cas. Consci.104 Tit. Von Gottl. gesez Seit.1. / Q. 40. P. 260 et 261. Marpurgens.105 Apud Dede= / kenn106. Vol. 2 The. Consil.107 seit. 19. Tit von Zaubery / vnd derselben Straffe;108 Carpz109 Pract Crim:110 3. Q. 122. / n. 69. Behold. Thesau. voc. waßerurtheil :) wel= / ches alles denn dermaßen statt findet, daß / ein Richter vndt obrigkeith, wenn die d[er]gleichen Vnbefugten / mittels sich gebrauchet, deßhalben belanget / werden kahn (: Godelmann,111 Tractide mag.112 Lib 3. / Qst. 5. N. 35 )113 So erscheinet auß solchen / allen soviel daß der Einstmannin suchen nicht / statt habe vndt sie hierunder bey ferneren / anhalten nochmahls / abzuweisen, / Ihr werdet aber dem wergke / fuglicher abhelffen, wenn Ihr vor allen / dingen bey denen Nachtbarn Vndt bekanten / der Einstmannin Ihres Lebens v[nd] Wandels / halber generaliter inquiriret114, v[nd] sonderlich / ob sie des Lasters d[er] Zauberey je. Verdacht / od[er] beschuldigt gewesen erkundigung einziehet, / wie nicht weniger sonst bey denen Geistlichen / wie sie sich in Ihren Christenthumb verhalten / gewißes attestat115 tesideriret116 Wenn / nun ferner dahero wied[er] Sie nichts erscheinet / so sie angeregten Lasters verdechtig / machet vndt die inquisitionem specialem fundiren117 / möge, So ist nicht Vnnbillich Paul / Kroger (von welchen gleichwohl die beschuldigung / Ihren ersten Vhrsprungk vnd zwar ohne genug= / samen grundt genommen) anzuehalten, daß / Er der Einstmannin eine Christliche Ehrener= / klarung deßhalben leiste, dar= / nebst Ihm beywillkühriger Strafe auf zueer= / legen, sich alles verdechtigen Beschuldigens / hinnfürder Zueenthalten od[er] durch rechtmeßigen / beweis, solches wird sie gebuhrend außzueführn / wehre der Einstmannin beichtvatder / anzuezeigen, daß noch zur Zeith soviel wieder / dieselbe nicht herfürgebrochen, daß sie / von beichtstuhl vnd heyl. Abendtmahl ferner abzue= / halten; Es wirdt aber auch gleichwohl / in Zukunft uff Ihr d[er] Einstmannin Leben vnd / wandel guthe obacht nicht vnnbillich gehalten.
v[on] R[echts] W[egen]"118

Die Antwort der Professoren war eindeutig. Der Forderung der beschuldigten Frau soll nicht nachgegeben werden, da die Wasserprobe zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als probate Hexenprobe angesehen wurde. Aber die Gutachter trauten ihr trotzdem das Zaubereilaster zu. Nachbarn und Verwandte sollen ihren Lebenswandel beobachten und die Geistlichen sollen befragt werden, wie sie sich zu ihrem Christentum verhält. Wenn in Zukunft keine weiteren Beschuldigungen gegen sie vorgetragen werden sollten, dann soll ihr Beichtvater sie auch wieder zur Beichte119 und dem Abendmahl zulassen. Sollte sich also ihre Unschuld herausgestellt haben, dann soll der Denunziant Paul Kröger, der keinen "genügsamen Grund" für seine Beschuldigung hatte, ihr eine christliche Ehrenerklärung abgeben. Außerdem soll ihm unter Strafandrohung mitgeteilt werden, dass er sich in Zukunft bei Beschuldigungen zurückhalten soll, für die er keinen Beweis hat. Es scheint auch keine weiteren Anschuldigungen gegen Ilse Einstmann gegeben zu haben. Sie lebte noch 14 Jahre und wurde im Januar 1697 begraben.120

"Touerer end Vorreder schall me brenenn"

"Zauberer und Verräter soll man brennen" - so steht es im "Statutum 151"121 der " Civitatis Verdensis Statuta", dem Verdener Stadtrecht von 1582. Da diese Gesetzesverordnung bis 1852 galt, könnten auch noch nach 1683 in Verden Hexenverfolgungen stattgefunden haben. In Deutschland fand der letzte Hexenbrand in Kempten/Allgäu im Jahre 1775 statt!122

Fest steht aber, dass das Stift Verden123 nicht zu den Gegenden gehörte, die man zu den Hauptverfolgungsgebieten zählte. Aus den erhalten gebliebenen Akten und den Veröffentlichungen geht hervor, dass in dem Zeitraum von 1517 - 1683 im Stift Verden insgesamt 112 Frauen, acht Männer und sieben Personen ohne Geschlechtsangabe ("N.N. ") angeklagt wurden, hauptsächlich in beiden Stadtteilen Verdens. 63 Frauen, vier Männer und vier unbekannte Personen wurden hingerichtet oder starben bereits unter der Folter. Die Schicksale von 31 Frauen, zwei Männern und einer unbekannten Person können nicht aufgeklärt werden.124 Für das Gebiet der heutigen Stadt Achim gibt es nur einen kleinen Hinweis: An einer Frau, die beschuldigt wurde eine Hexe zu sein, wurde im November 1641 die Wasserprobe durch den Scharfrichter aus Verden vollzogen.125 Die Stadt126 und das Stift Verden hatten zu der Zeit ca. 5.000 Einwohner.

Inwieweit die Hexenverfolgung auf dem platten Land eine Rolle spielte, kann für den Raum Verden nicht endgültig beantwortet werden. Die Protokolle des Gogerichts Achim127 von 1600-1630, also aus der "Hochzeit" der Stadtverdener Prozesse, enthalten keine Verhandlungen über Hexereivorwürfe. Die Hexenforschung entwickelte eine Stadt-Land-Theorie, die besagt, dass die meisten Opfer auf dem Land zu suchen sind, jedenfalls in Frankreich (81%) und in Polen (97%). Für Deutschland wird eher das Gegenteil konstatiert. Die Städte wurden zu Verfolgungszentren, es kam zum "Treibhauseffekt", zu Auseinandersetzungen innerhalb der politischen und wirtschaftlichen Eliten der Stadt.128 Dies kann für die Stadt Verden nur bestätigt werden. Das gilt auch für benachbarte Regionen. In der Stadt Osnabrück wurden 278 Personen (1561-1639), im Hochstift Osnabrück "nur" 53 Personen hingerichtet. In der Stadt Minden gab es 138 Opfer, dagegen betrug die Zahl der Opfer im Stift Minden 91 Personen. Und in der Stadt Lemgo mit 4.000 Einwohnern sind ca. 300 Opfer nachgewiesen, in der zugehörigen Grafschaft Lippe kam es dagegen zu 221 Prozessen.129 Aber keine Regel ohne Ausnahmen. Bei einer soliden Quellenbasis werden für Köln (40.000 Einwohner) nur 30 Angeklagte belegt und in der Reichsstadt Frankfurt kommt es zu überhaupt keiner Hexenverfolgung! Großstädte haben sich in der Regel eher mit Hexenprozessen zurückgehalten.130

In Bremen loderten bereits im Jahre 1603 die letzten Scheiterhaufen für zwei Frauen!131 Einen entscheidenden Einfluss auf das Zurückdrängen der Verfolgungen hatte dabei das "Edikt in Zaubereisachen" von 1603 des Bremer Erzbischofs Johann Friedrich!132

Nach den erhalten gebliebenen Akten wurden in Bremen zwischen 1503 und 1751 insgesamt 65 Personen wegen Hexerei angeklagt. Davon waren 40 Frauen und 22 Männer! 32 Personen wurden wieder freigelassen, 14 wurden verbrannt, vier waren im Gefängnis verstorben, fünf wurden geköpft, einer kam an den Galgen und neun andere erhielten andere Strafen (Staupenschlag, Stadtverweisung).133

Bezüglich der tatsächlichen Größenordnung der europäischen Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit herrschen teilweise phantastische Vorstellungen. Die Anzahl der Opfer wurde auf bis zu neun Millionen hochgerechnet, was allein schon aufgrund der Bevölkerungszahlen als absurd bezeichnet werden muss. Realistisch erscheint die Schätzung auf insgesamt max. 100.000 Personen, ca. 20.000 davon wurden in deutschen Landen hingerichtet. Stellt man sich sämtliche Opfer als einen Eisberg vor, so machen die Hinrichtungen nur die absolute "Spitze des Eisbergs" aus. Daneben dürfte es mindestens noch einmal so viele Menschen gegeben haben, die wegen Hexerei des Landes verwiesen worden sind, und noch einmal so viele, die andere geringere Strafen erhielten. Die breite Basis des Bergs von Hexereiverdächtigungen dürfte jedoch überhaupt nicht vor die Gerichte gelangt sein, da es zeitweise für die Denunzianten zu riskant war, Klage zu erheben.134 Aber auch schon das Gerücht allein genügte, die Beschuldigten zu stigmatisieren und an den Rand der Gesellschaft zu stellen. Der Frauenanteil betrug ca. 80%! So haben Hexenprozesse in Deutschland die nach den Judenverfolgungen größte nicht kriegsbedingte Massentötung von Menschen bewirkt.

An dieser Stelle möchte ich mich bei Frau Gudrun Hofmeister (Kirchenbuchamt der Domgemeinde) für die Unterstützung bei der Suche nach den Personenstandsdaten der "Akteure" und Herrn Dr. Adolf E. Hofmeister (Staatsarchiv Bremen) für die tatkräftige Hilfe bei der Transkription der Quellen bedanken. Herr Dr. Erdmann Weyrauch (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel) und Herr Dr. Sven Küttner (Universitätsbibliothek Marburg) übernahmen dankenswerterweise das Bibliografieren der in dem Gutachten genannten zeitgenössischen Fachliteratur. Herr Rolf Allerheiligen (Kreisarchiv Verden) stand wie immer beratend zur Verfügung und gab wertvolle Hinweise.

Literatur

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Woock, Joachim: "Ick, Beke Pipers von winbergen, Bekhenne... ". Hexenverfolgung im Bistum Verden, in: Praxis Geschichte, H. 4, Braunschweig 1991, S. 38-43.

 

Anmerkungen

[1] Eine kartographische Ansicht der Herzogtümer Bremen-Verden bei: Fiedler 1988, S. 62 ("Verwaltungsgrenzen in den Herzogtümern Bremen und Verden in der Schwedenzeit nach der großen Reduktion 1691-1712").

[2]Vgl. Voigt 1981.

[3]Vgl. Woock 1991.

[4] Vgl. auch Lorenz u. a. 1999.

[5] Einen kurzen Hinweis auf diesen Prozess: vgl. Voigt 1954, S. 52.

[6] Vgl. Schlüter 1869 und Diercke, C./Schröder, K. 1880.

[7] Eine Abschrift des Reskriptes befindet sich im Stadtarchiv Verden (Sign. A XV 3,2). Das Dokument wurde in unterschiedlichen Abschriften gedruckt: vgl. Nerger 1981, Nr. 8; Nerger 1986, S. 76f und Behringer 1995, S. 397f.

[8] Als erster Regent verbot 1642 der Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn die Hexenprozesse in Würzburg und 1647 als Mainzer Kurfürst im gesamten Erzbistum! (Vgl. Soldan 1843, S. 428).

[9] Diese Darstellung ist nach Schormann 1991, S. 153f, korrekturbedürftig. In den fränkischen Hauptverfolgungsgebieten wurden die Prozesse vor dem Einmarsch der Schweden durch den Reichshofrat (oberster Richter war der Kaiser!) eingestellt.

[10] Reskript = amtlicher Bescheid, Erlass, Verfügung.

[11]Dieser Prozess wurde wahrscheinlich nur deshalb niedergeschlagen, weil in ihm hochgestellte Persönlichkeiten verwickelt waren. Inwieweit die Schweden wirklich nicht mehr an die Strafwürdigkeit der Hexerei glaubten ist fraglich.

[12] Vgl. Nerger 1986, S. 77f.

[13]Er war der Bruder von Engel Wehland, der Witwe des ehemaligen Bürgermeisters Woldeke Wehland (Bürgermeister von 1626-1628). Sie wurde auch angeklagt, konnte aber flüchten. Auch Hille Panning, die Tochter von Franz Panning (er war Bürgermeister von 1608-1623), konnte flüchten.

[14] Sie war die Tochter von Engel Wehland! Es wurden häufig die Töchter der beschuldigten "Hexen" mitangeklagt, da man den Müttern unterstellte, sie würden ihre Hexenkunst den Töchtern lehren.

[15] Stadtarchiv Verden, Rechnungsbuch von 1649 (Sign. D XXII 1,29).

[16] "Verzeichnis der jährlichen Intraden und hebungen bey dem Predigtstuel zu St. Andreas in Verden 1654-1682", Kirchenarchiv St. Andreas, Sign.-Nr. H.S. 1.

[17] Oporinus (1613-1683) war von 1654 bis zu seinem Tod Pastor von St. Andreas. Sein Haus ist noch in der Grünen Straße in Verden erhalten. Auf dem Balken über der ehemaligen Toreinfahrt stehen die Namen der Eheleute, die Jahreszahl 1661, und auf den Torpfosten befinden sich die Wappen der beiden Eheleute.

[18] Syndikus = Stadtrichter und Rechtsvertreter des Magistrats.

[19] Dr. David Korbmacher war von ca. 1645-1654 im Amt.

[20]Dr. Jobst Bernhardt Hoyer war von ca. 1656-1658 im Amt.

[21] Rt. = Reichstaler (auch abgekürzt: Rth.), 1 Rt. = 72 Grote = 288 Pfennig.

[22] gr. = Grote.

[23] Prokurator = Rechtsbeistand.

[24] Der Anwalt Risman konnte im Stadtarchiv Stade nicht nachgewiesen werden, da Advokaten "exemt" waren, also kein Bürgerrecht erwerben mussten. Spätestens 1677 muss er aber tot gewesen sein, da aus diesem Jahr ein Steuerregister vorhanden ist, das auch die Advokaten aufführt (Mitteilung Dr. Bohmbach vom 85-09-05).

[25] Dr. Johannes am Ende (1617-1682) war Advokat in Stade ("Monsieur am Ende") und Bremen, Senator in Bremen, Syndikus der Stiftsritterschaft, ab 1667 "Vice Syndicus", 1673 zum Richter gewählt (Quelle: Genealogischer Verein "Maus", Bremen; Stader Archiv, Neue Folge H. 24, Stade 1934, S. 84). Mit den Leistungen von Dr. am Ende war Oporinus überhaupt nicht zufrieden, er schrieb in sein Rechnungsbuch: "Johannes am Ende für einen gang, da er nicht einmal das maul aufthethe ... 1 Rt. ").

[26] Konsistorium = oberste Verwaltungsbehörde einer ev. Landeskirche. In Stade war es zu dieser Zeit das "Königliche Konsistorium", zuständig für Ehesachen und der Kirchen- und Schulaufsicht.

[27] Vgl. Voigt 1982, S. 86.

[28] Vgl. König o. J., S. 472.

[29] Stadtarchiv Verden, Rechnungsbuch von 1658 (Sign. D XXII 1,38).

[30] Vgl. Jobelmann 1871, S. 262f.

[31] Vgl. Junck 1927, Nr. 9.

[32] Gräfin Agathe von Königsmarck hatte bis 1675 ihren Witwensitz in Agathenburg bei Stade (Jobelmann 1876, S. 229). Hans Christoph (*1663) hatte von Christina die Güter Rotenburg und Neuhaus geschenkt bekommen. Sein Sohn Graf Otto Wilhelm (*1639) erbte auch diese Güter und war somit oberster Gerichtsherr in Rotenburg (vgl. Junck 1927, Nr. 10). Er war aber kaum im Lande und konnte auch so nicht persönlich in die Hexenprozesse eingreifen. Von 1661 bis 1664 war er im diplomatischen Dienst in England und Frankreich. Im Jahre 1664 war er Oberst des schwedischen Leibregiments zu Pferde und 1666 beteiligte er sich an den Kämpfen gegen Bremen. 1672 wurde er "Vicegouverneur" der Herzogtümer Bremen-Verden (vgl. Jobelmann 1876, S. 225). Da er erst im Jahre 1682 heiratete, gab es zu diesem Zeitpunkt nur Agathe als "hochgräfliches Frauenzimmer"!

[33] intercediren = dazwischentreten, sich ins Mittel legen.

[34] Vgl. Junck 1927, Nr. 10.

[35] Vgl. Ruete 1895, S. 266-272.

[36] Vgl. Junck 1927, Nr. 10.

[37] Ebd.

[38] More solito = nach althergebrachter Sitte.

[39] Wasserprobe der Hexen im XVII. Jahrhundert 1785, S. 548f.

[40] Vgl. Junck 1927, Nr. 10.

[41] Vgl. Jobelmann 1871, S. 263.

[42] mit Ruten streichen = mit einem Stock oder einer Peitsche züchtigen ("Staupenschlag").

[43] Wurde eine Beklagte laut Urteil der Stadt bzw. des Landes verwiesen, musste sie schwören, den Ort nie wieder betreten zu wollen.

[44] Vgl. Lenz 1956, S. 92f.

[45] 29. September.

[46] Stadtarchiv Verden, Rechnungsbuch 1683 (Sign. D XXII 1,61).

[47] Die Spruchtätigkeit des Schöppenstuhls Jena war mit der Juristenfakultät der Universität Jena verbunden. "Schöppenstuhl heißt einiger Orten, als zu Leipzig, Halle, Jena usw. ein von der hohen Landes-Obrigkeit bestelltes, und mit Rechtsverständigen Personen besetztes Collegium, an welches gleichwie auch an die Juristen-Facultäten, streitige Urtheils-Fragen, sonderlich aber in peinlichen Sachen die gehaltenen Acten, pflegen abgeschickt zu werden... " (zit. nach Zedlers Universallexikon von 1743 in: Schormann, Bückeburg 1977, S. 56). Welche Position die Jenaer Professoren in der Hochzeit der Hexenverfolgung einnahmen, wurde bislang noch nicht untersucht.

[48] Gutachten im Prozess gegen die Familie Frese im Jahre 1617 (vgl. Schormann 1985, S. 182).

[49] Hermann Goehausen (1593-1632) wurde 1621 Professor an der Juristenfakultät in Rinteln. Die besondere Stellung der Fakultät zu den Hexenprozessen hat in seinem Buch "Processus juridicus contra sagas et veneficos" (Rinteln 1630) seinen Ausdruck gefunden. Als Mitglied des Spruchkollegiums verwendete Goehausen darin häufig Fälle aus der Rintelner Spruchpraxis als Belege und Anschauungsmaterial in seinen Ausführungen. Goehausens Buch zur Theorie der Hexenlehre ist nicht der einzige, aber bei weitem wichtigste gedruckte Beitrag zu diesem Thema. Friedrich v. Spee griff Goehausen in seiner berühmten "Cautio criminalis" an, die in der gleichen Universitätsdruckerei in Rinteln ein Jahr nach dem "Processus juridicus" erschien. Das seltsame Zusammentreffen gehört zu den Rätseln, die noch immer mit diesen Publikationen verbunden sind (zit. nach Schormann 1982, S. 128f).

[50] Vgl. Schormann, Bückeburg 1977, S. 120.

[51] Franz Gießenbier (1571-1649) wurde 1642 Jura-Professor in Rinteln (vgl. Schormann, Bückeburg 1977, S. 77). Er war in dem Prozess von 1617 (s. Anm. 47) der Verteidiger der Familie Frese (vgl. Schormann 1985, S. 183f; vgl. Schormann, Hildesheim 1977, S. 32)!

[52] Vgl. Rotermund 1824, S. 301.

[53] Vgl. Deutsche Biographie 1953, S. 497f.

[54] Vgl. Behringer 1995, S. 317, 344-347; Lorenz 1981 und Mahnke 1923, S. 12.

[55] Vgl. Pfannkuche 1830, S. 326.

[56] Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Schöppenstuhl Jena Nr. 1178, Bl. 26-27v, 30r/v und 31v.

[57] Dieser Eintrag wurde von der Universität

vorgenommen. Der 08. September ist vermutlich das Datum der Verhandlung.

[58] Anschrift auf dem Umschlag des Verdener Schreibens.

[59] Dieser Eintrag wurde von der Universität vorgenommen. Am 04. September erhielt die Universität das Schreiben der Stadt Verden.

[60] Der Schrägstrich ( / ) gibt das Zeilenende im Original an.

[61] Hafner oder Häfner ist die landschaftlich bedingte Bezeichnung für Töpfer und auch Ofensetzer.

[62] incommodiret = belästigt.

[63] gekleihet = gekratzt.

[64] adhibirten = angewendeten.

[65] suspectirte = verdächtigte.

[66] contract = zusammengezogen, verkrümmt, gelähmt.

[67] recusiret = geweigert.

[68] Magister Georg Joachim Brinckmann aus Verden war von 1678 bis zu seinem Tode (1705) Pastor an St. Johannis. 1683 war er 44 Jahre alt (vgl. Rübecamp 1977, S. 494).

[69] divini = göttlich.

[70] exculpiren = von der Schuld reinigen.

[71] dimittiret = entlassen.

[72] sollicitatur = Belästigung.

[73] reichs constitutionen = Reichsverordnungen.

[74] petitis = Gesuchen.

[75] deferiren = entsprechen.

[76] praecipitiren = vorwegnehmen.

[77] Responsion = Antwort.

[78] indicia = Indiz, Anzeichen.

[79] special inquisition = spezielle Untersuchung (Strafverfahren).

[80] salva justitia = geltendes Recht.

[81] Insiegel = Siegel.

[82] expedition = Versand.

[83] pro studio et labore = für Studium und Arbeit.

[84] Armenhäuser (auch Hospital, Gast- oder Siechenhaus genannt) gab es in Verden mehrere. Das zu St. Johannis gehörende Hospital (ehemaliger Kreishauskomplex) wurde 1660 abgerissen. In welchem Armenhaus Ilse Einstmann wohnte, ist nicht eindeutig zu bestimmen. Obwohl erst 1833 ein Neubau des St. Johannis-Armenhauses mit zusätzlichen Armenschule geplant wurde, wird sie in einem Armenhaus der Norderstadt gelebt haben, da sie auch dort begraben wurde (vgl. Nerger 1981, S. 63, 65).

[85] geb. Wiben (Wiebe) heiratete im Jahre 1667 ihren Mann (Kirchenbucharchiv Domgemeinde Verden, KB St. Johannis, Jg. 1667).

[86] Hermann (v.) Einstmann (auch: von Einste) hatte sein Haus in der Bäckerstraße (vgl. Rübecamp 1977, S. 199, 359).

[87] Paul Kröger verstarb im Jahre 1705 im Alter von 66 Jahren (Kirchenbucharchiv Domgemeinde Verden, KB Domgemeinde Jg. 1705). Er hatte sein Haus in der Oberen Straße (vgl. Rübecamp 1977, S. 160, 399).

[88] Der Stadtphysicus war eine Art Amtsarzt, der für arme und reiche Bürger praktizieren musste und der die Überwachung der "Ratsapotheke" (seit 1618) zu übernehmen hatte (vgl. Nerger 1981, S. 68).

[89] Im Jahre 1683 fand gerade ein Wechsel der Stadtphysici statt. Dr. Löber war Stadtphysicus bis 1683, sein Nachfolger wurde noch im gleichen Jahr Dr. med. Burchard Lembke (vgl. Rübecamp 1977, S. 490). Vielleicht fiel die Krankheit in die Interimszeit des Amtswechsels. Dr. Schmid verstarb 1698, wird vermutlich auch noch 1683 praktiziert haben.

[90] Zit. nach Haerkötter 1986, S. 20.

[91] Vgl. Walz 1994, S. 166.

[92] Der Tod des Kindes konnte nicht ermittelt werden, da die Kirchenbücher der Domgemeinde (zu der die Familie Kröger gehörte) erst mit dem Jahre 1692 beginnen.

[93] Dieses Vorgehen war verbreitet. Ein regelrechter Massenauftritt von freiwilligen Kandidaten ereignete sich in Essen im Jahre 1589, als insgesamt achtzehn Männer und Frauen zur "Hexentaufe" zugelassen wurden! (Vgl. Gersmann 1992, S. 265).

[94] Als Datum der Verhandlung ist der 08.09.1683 anzusetzen (s. Anm. 55). An diesem oder einem der folgenden Tage im September wurde das Spruchschreiben verfasst und abgeschickt. In Verden kam es dann am 29. September an (s. Anm. 44). Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Schöppenstuhl Jena, Nr. 1178, Bl. 28-29r.

[95] PP = P(raemissis) P(raemittendis) = unter Vorausschickung des Vorauszuschickenden (d. h. des gebührenden Titels). Der Schreiber der Kanzlei kennzeichnete bei der Anfertigung der Ausfertigung die notwendigen bekannten Passagen (Titel des Gutachtens, Gebührenbescheid, Empfänger, Datum der Verhandlung) durch "PP" und fügte sie dem Gutachten bei.

[96] remonstration = Zurückweisung.

[97] incommodire = belästige.

[98] Rb.G. = R(echts)b(edenken) G(ebeten) oder G. = Gutachten?

[99] b. wvR. = B(ekennen) w(ir) v(or) R(echt).

[100] superstitio (?) = Aberglaube, Irrwahn.

[101] judiciren = urteilen.

[102] Doctoribus = Gelehrten.

[103] Juristi = Rechtsgelehrte.

[104] Es handelt sich hier um das Buch von Ludwig Dunte: "Decisiones mille et sex casuum conscientiae diversis theologorum scriptis collectae contractae et in brevitatem redactae. Das ist kurtze und richtige Erörterung ein tausendt und sechs Gewissen Fragen, zusammengetragen durch Ludovicum Dunte", Erfurt 1648.

[105] Bei der Abkürzung Marpurgens dürfte es sich um einen Hinweis auf die Urheber (im Sinne einer Abkürzung von Facultas Theologiae Marpurgensis) des bei Dedeken abgedruckten Gutachtens der Marburger Theologischen Fakultät von 1583 handeln (vgl. Anm. 107). Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Dr. Sven Kuttner (Universitätsbibliothek Marburg).

[106] Dedekenn = Georg Dedeken, latinisiert: Georgius Dedekennus.

[107]Das Buch von Georg Dedeken trägt den Titel: "Thesauri Consiliorum et Decisionum Appendi Nova, Continens quaedam inserenda Operi Dedekenno-Gerhardino: das ist, Vornehmer Universitäten, Hochlöblicher Collegien, Wohlbestatteter Consistorien, auch sonst Hochgelahrter Theologen und Juristen Rath, Bedencken, Antwort, Belehrung, Erkentnüß, Bescheide, und Urtheile in und von allerhand schweren Fällen und wichtigen Fragen, belangend sowohl Religions- Glaubens- Gewissens- Kirchen- Ampts- und Ehe-, als Bürgerliche und and. " Das Buch erschien 1671 in Hamburg.

[108] Im 2. Band (Titel: Thesauri Consiliorum Et Decisionum Volumen Secundum, Politica Continens) des oben genannten Buches wird unter der Nummer 13 ein Gutachten ("Von der Wasserprob verdächtiger Personen, welche der Zauberey halben beschuldiget werden") der Theologischen Fakultät der Universität Marburg vom 02.10.1583 zitiert (S. 340 f).

[109] Dr. Benedict Carpzov (1595-1666) gilt als Begründer einer deutschen Rechtswissenschaft. 1620 Beisitzer des Schöppenstuhls, seit 1636 Assessor am Oberhofgericht, seit 1645 auch Professor in Leipzig. Er gilt, wie die neuere Forschung nachgewiesen hat, zu Unrecht als einer der blutgierigsten Hexenrichter seiner Zeit. Dieser stützte sich in seinen Schriften immer wieder auf die "Carolina" (Peinliche Halsgerichtsordnung Karls V. von 1532) und befürwortete prozessrechtliche Garantien, auch bei Hexenprozessen. An der Existenz von Hexen hegte er aber nie einen Zweifel! (Vgl. Urbahn, G.: Der Fall Maria Rampendahl, in: Wilbertz u. a. 1994, S. 143).

[110] Carpzovs "Practica nova imperialis rerum Criminalium" erschien 1635 in Wittenberg (vier Jahre nach Friedrich von Spees "cautio criminalis", dem Hauptwerk gegen die Hexenverfolgung) und enthält allerdings den Grundsatz, dass der Richter im Falle der Hexerei als einem Ausnahmeverbrechen vom ordentlichen Gerichtsverfahren abweichen dürfe. (Vgl. Döbler 1977, S. 208).

[111] Dr. Johann Georg Go(e)delmann schrieb in seinem "Tractatus... " 1584: "Die Hexen gestehen entweder Mögliches, nämlich, daß sie Menschen und Vieh durch ihre magische Kunst getödtet haben, und wenn sich dieses so erfindet, so sind sie nach Art. 109 der Carolina zu verbrennen; oder sie gestehen Unmögliches, z. B., daß sie durch einen engen Schornstein durch die Luft geflogen seinen, in Thiere sich verwandeln, mit dem Teufel sich vermischt haben, und dann sind sie nicht zu strafen; oder endlich gestehen sie einen Vertrag mit dem Teufel, in welchem Falle sie mit einer außerordentlichen Strafe, z. B. Staupenschlag, Verbannung oder Geldstrafe belegt werden können." (Vgl. König o. J., S. 507).

[112] Tractide mag. = gemeint ist hier Goedelmanns Abhandlung (s. Anm. 52): "Tractatus de magis, veneficis et lamiis, deque his recte cognoscendi et puniendis", Rostock 1584, Frankfurt 1591 und Nürnberg 1676; deutsche Übersetzung von Georg Nigrinus: "Von Zauberern, Hexen und Unholden wahrhaftiger und wohlgegründeter Bericht", Frankfurt 1592. (Vgl. Lorenz 1983, S. 39f).

[113] Goedelmann beschäftigt sich in Kapitel fünf mit der Wasserprobe. Kritisch auseinanderzusetzen hat er sich nur mit den Marburger Philosophen und Arzt Wilhelm Adolph Scribonius, der in seinem Werk "De sagarum natura et potestate" (1588) als einziger Gelehrter die Wasserprobe verteidigte. Obwohl die Wasserprobe in der Rechtswissenschaft auf totale Ablehnung stieß, die übrigens auch von den Autoritäten des Hexenwahns (z. B. Bodin und Del Rio) getragen wurde, hatte sich diese Hexenprobe dennoch in der Strafrechtspflege, gerade im niederdeutschen Raum, verbreiten und halten können. (Vgl. Lorenz 1981, S. 81f).

[114] generaliter inquiriret = allgemein nachforschen würdet.

[115] attestat = Gutachten.

[116] desideriret (?) = verlangen würdet.

[117] inquisitionem specialem fundiren = besondere Untersuchung begründen

[118] Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Schöppenstuhl Jena Nr. 1178, Bl. 28-29r.

[119] Auch noch nach der Reformation (in Verden ab 1567) nahmen die protestantischen Pfarrer die persönliche Beichte ab!

[120] "27.01.1697 Ilse von Einste ex od. dhinj (?): gratis pp" (pp = paupa = arm). Kirchenbucharchiv der Domgemeinde Verden, KB St. Johannis, Jg. 1697. "gratis pp" bedeutete, dass ihr, wie allen Bewohnern der Armenhäuser, im Todesfall ein freier Sarg zustand.

[121] "Touerer end Vorreder schall me brennen. So welck Christenmann offte wiff, de vnlouich is, offte mit touerie oder mit vorgifftnus vmmegeit, vnd mitt der vreschenn daet begrepenn wertt, denn schall be brenenn. Also schall me ock doenn einen Vörreder. " [(z. T.: u=v, v=u) " Zauberer und Verräter soll man brennen. Ein Christ, Mann oder Weib, der ungläubig ist, oder mit Zauberei oder mit Giftmischerei zu tun hat, und auf frischer Tat ergriffen wird, den soll man brennen. Ebenso soll man auch einem Verräter tun."](Stadtarchiv Verden, Sign. A XIII 1,2).

[122] Letzte "Hexen"-Hinrichtungen in Holland (1610), England (1684), Frankreich (1745), Schweiz (1782) und Polen (1792)!

[123] Um ca. 1500 war die Entwicklung des Stifts Verden zu einem geschlossenen Territorium abgeschlossen. Im 15. und 16. Jahrhundert entwickelten sich die Kirchspiele des Stifts zu sog. Vogteien. Ende des 16. Jahrhunderts kam für die Vogtei die Bezeichnung Amt auf. Das Stift Verden bestand seitdem aus den Ämtern Verden und Rotenburg. (Vgl. Voigt 1984, S. 147: Karte des Amtes Verden; Vogtherr 1985, S. 310: Karte des Stifts und der Diözese Verden).

[124] Vgl. Woock 1991, S. 43.

[125] Vgl. Pfannkuche 1830, S. 326 (handschriftlicher Zusatz von ihm).

[126] In der Norderstadt hatten das Bürgerrecht: 1575 = ca. 1.000 Einwohner, 1630 = ca. 900 Einwohner; nach der Vereinigung beider Stadtteile im Jahre 1667 besaßen ca. 1.300-1.500 Einwohner das Bürgerrecht. Die Zahlen für die Einwohner ohne Bürgerrecht sind nicht überliefert (vgl. Schuler 1990, S. 456).

[127] Go(h) = Verwaltungs- und Gerichtsbezirk des Mittelalters in Friesland und Sachsen. Die Protokolle des Gogerichts Achim beziehen sich auf die abgehaltenen "Land-" und auch "Notgerichte" (außerordentlich abgehaltene Gerichtstage aus besonderem Anlass) für den Bereich des Gogerichts Achim. Im 17. Jh. entsprach "Gogericht" in etwa dem Begriff "Amt"; vgl. Wolters 1995.

[128] Vgl. Schilling 1981, S. 362f.

[129] Vgl. Wilbertz u.a. 1994, S. 19.

[130] Vgl. für den niedersächsischen Raum: Gerhard Schormann 1985.

[131] Vgl. Schwarzwälder 1959, S. 212.

[132] Vgl. Cassel 1767 und Weise 1950.

[133] Vgl. Schwarzwälder 1959, S. 225.

[134] Vgl. Dülmen 1987, S. 162.

 

Empfohlene Zitierweise

Woock, Joachim: "... so sie angeregten Lasters verdechtig machet...". Die letzten Hexenverfolgungen in den schwedischen Herzogtümern Bremen und Verden, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b7zyf/

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Erstellt: 25.01.2006

Zuletzt geändert: 25.01.2006


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