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Volkskalender

 

Das Bedürfnis, den Jahresablauf aufzuzeichnen, ist uralt. Schon früh wurde Zeit erfasst und auf verschiedenste Arten festgehalten, z.B. in Holzstäbe eingeritzt. Es ist deshalb wenig überraschend, dass Kalender nach der Erfindung des Buchdrucks sehr bald in größerer Zahl hergestellt und verkauft wurden. Auf Einblattdrucke, die in der Regel an die Wand gehängt wurden, folgten bald umfangreichere Kalender, welche Informationen zu verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens enthielten. Die frühen Kalender waren einfach gehalten und von meist schlechter Druckqualität, angesichts des Erfolgs des Mediums gingen die Drucker jedoch seit dem 16. Jahrhundert dazu über, bei der typographischen Gestaltung mehr Sorgfalt anzuwenden.


Abb. 1

Besonders gut ablesen lässt sich die hier beschriebene Entwicklung an Inkunabeln aus der Reichsstadt Augsburg, die bereits gegen Ende des 15. Jahrhunderts als eine Hochburg des Kalenderdrucks galt. Drucker wie Johann Blaubirer, Johann Bäumler, Johannes Schoensperger und Hans Schauer druckten in ihren Offizinen seit den 1480er Jahren Teutsche Kalender, die nicht nur kalendarische Angaben enthielten, sondern darüber hinaus in allgemein verständlicher Weise astronomische, medizinische und meteorologische Kenntnisse vermittelten. Deren zunehmend reicherer Bilderschmuck, insbesondere die Holzschnitte, welche die einzelnen Monate darstellen, hat auf die spätere Kalenderproduktion in Deutschland nicht geringen Einfluss ausgeübt. Neben den Monatstafeln und dem Kalendarium wurden in der Folge das Aderlassmännlein, die Wetterregeln, Hinweise zu Landwirtschaft und Haushaltsführung, die Termine wichtiger Märkte und das sog. 'Prognosticum', die Vorhersage meteorologischer und anderer Erscheinungen des kommenden Jahres, zu festen Bestandteilen eines Kalenders.

Die wachsende thematische Bandbreite wirkte sich nicht nur auf den Umfang aus - aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind Kalender überliefert, die an die 1000 Seiten zählen -, sie begünstigte auch die rasche Ausdifferenzierung des Kalenders in verschiedene Untergattungen. Die größte Verbreitung fanden die sog. 'Schreibkalender', aus denen sich unser heutiger Terminplaner entwickelt hat. Das Besondere am Schreibkalender war, dass der Drucker Platz für persönliche Eintragungen des Benutzers ließ. Die stärker auf die spezifischen geschichtlichen, religiösen, bzw. genealogischen Interessen der Adressaten ausgerichteten Historischen Kalender (z. B. Türkenkalender), Kirchenkalender (Karmelitischer Kalender) oder Wappenkalender - um nur einige zu nennen - waren nicht selten in der Form eines Schreibkalenders konzipiert.


Abb. 2

Besonderer Erfolg war darüber hinaus dem vor allem seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verbreiteten Typus des 'Hinkenden Boten' beschieden. Dies gilt in besonderem Maße für den seit 1676 erscheinenden Baseler Hinckende Botten, der zahlreiche Nachahmer fand. Der Name verweist auf die Kolportage als eine wichtige Distributionsform frühneuzeitlicher Kalender. Die 'Hinkenden Boten' boten ihren Lesern nicht nur ein vollständiges Kalendarium, vielfältige Informationen im Hinblick auf die Bewältigung alltäglicher Probleme und einen ausgebauten 'prognostischen' Teil, sondern auch eine Vielzahl kürzerer Erzählungen und erfreuten sich aufgrund ihres unterhaltsamen Charakters rasch großer Beliebtheit.

Angesichts der Bedeutung, die dem Kalender als Medium der Information und der Unterhaltung seit dem 15. Jahrhundert bei vergleichsweise breiten Bevölkerungsschichten zukam, erstaunt es nicht, dass er im 18. und frühen 19. Jahrhundert als eines der wichtigsten Instrumente volksaufklärerischer Bestrebungen gepflegt wurde. Die traditionellen Kalenderrubriken erfuhren Modifikationen, die in Einklang mit den Anliegen ihrer aufgeklärten Autoren standen; als unwissenschaftlich qualifizierte Elemente hatten 'moderneren' medizinischen, meteorologischen und agronomischen Erkenntnissen zu weichen. Derart aktualisiert konnte sich der Kalender als wichtiger Informationsträger und unterhaltsamer Lesestoff bis ins frühe 20. Jahrhundert insbesondere in ländlichen Gegenden halten. Über Jahrhunderte bildete er demnach eines jener populären Medien, ohne deren Kenntnis das (früh)neuzeitliche Kommunikationssystem nicht adäquat beschrieben und begriffen werden kann.

[Brigitte Böhm / Silvia Serena Tschopp] 

 

Literatur

Giess, Stephan: "Merckwürdige Begebenheiten". Wissensvermittlung im Volkskalender des 18. Jahrhunderts, in: Traverse 6 (1993), Heft 3, S. 35-50

 

Empfohlene Zitierweise

Tschopp, Silvia Serena/Böhm, Brigitte: Volkskalender. Aus: Medien und Kommunikation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6pzh5/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 13.03.2006

Zuletzt geändert: 13.03.2006


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