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Thesenblatt

 

In der akademischen Welt um 1500 war es üblich, Thesen, die Gegenstand einer Disputation werden sollten, durch einen Anschlag bekannt zu geben. Während des 16. Jahrhunderts etablierte sich die gedruckte Publikation der Thesen in Form von Heften oder Einblattdrucken. Den entscheidenden Schritt auf dem Weg zum Thesenblatt stellte die Verbindung der Thesen mit der Widmung an einen Patron dar. In Anknüpfung an die Tradition des Widmungsbildes und das Vorbild der Huldigungsblätter entstand um 1600 das illustrierte Thesenblatt. Die Bedeutung französischer, italienischer, spanischer und niederländischer Vorbilder ist in der Forschung noch umstritten.

In der Folgezeit spielte das illustrierte Thesenblatt als Medium im höheren katholischen Bildungswesen eine wichtige Rolle; illustrierte Thesenblätter protestantischer Provenienz ließen sich dagegen bisher nicht nachweisen. Besonders der Jesuitenorden griff auf die Gattung des Thesenblattes zurück. So finden sich Thesenblätter in Frankreich, der Westschweiz, im Rheinland und Belgien. Formal handelt es sich um einen großformatigen Einblattdruck auf Papier oder Seide, der im Kontext einer feierlichen Disputation Verwendung fand. Das Thesenblatt fand aber auch als Plakat Verwendung, das Tag und Uhrzeit der Disputation bekanntgab. Zudem diente das Thesenblatt auch als Einladungsformular, das dem Patron, den Professoren und den Opponenten, d.h. den Disputationsgegnern, zugeleitet wurde. Hinzu kam die Funktion als Programm, das die Zuhörer über den Verlauf der Veranstaltung informierte. Nach Abschluß des akademischen Aktes konnten die Thesenblätter als Trophäen der Defendenten, Widmungsblätter der Patrone und Sammelobjekte dienen.


Abb. 1

Charakteristisch für das Thesenblatt ist die Verbindung von Text und Bild. Zum Kernbestand des Textes gehören neben den verteidigten "Thesen", kurzen Lehrsätzen, Ort und Zeit der Disputation, die Namen der Prüflinge, welche die Thesen verteidigten, und des Präses, der die Disputation leitete. Soweit bisher nachweisbar, dominierten unter den Defendenten adlige Studenten, die nach Beendigung des Studiums häufig als Beamte, nicht aber als Wissenschaftler, Karriere machten. Die Gegenstände der philosophischen Thesen, die wohl zumeist der Präses verfaßt hatte, entstammten häufig der aristotelischen Philosophie. Die Integration der Thesen in das Thesenblatt erfolgte auf unterschiedliche Weise. Grundsätzlich kann zwischen zwei Typen von Thesenblättern, den einmal und den mehrfach verwendbaren, unterschieden werden. Im Gegensatz zu den an einen bestimmten Anlaß gebundenen Thesenblättern, deren Text zumeist eng mit der Bildkomposition verbunden ist, enthalten die multiokkasionellen Thesenblättern eher allgemeine Bilder und weisen eine spürbare Entfernung von Bild und Text auf. Dies erlaubte mehrere Auflagen desselben Thesenblattes. So wurde "Die Weltmission der Gesellschaft Jesu" wenigstens dreimal an verschiedenen Orten - 1664 in Dillingen, 1672 in Freiburg im Breisgau und 1705 in Prag - neu aufgelegt. Der allgemeine Charakter der Ordensallegorie und deren aufwendige, repräsentative Ausgestaltung im Detail legte eine mehrfache Verwendung des großformatigen Stiches nahe.

Die gesellschaftliche Bedeutung des Thesenblattes manifestiert sich in der Dedikation des Blattes an einen Gönner, die oft in Form eines Widmungsbriefes erfolgte. Neben Heiligen handelte es sich hierbei häufig um einzelne weltliche und geistliche Würdenträger oder Korporationen wie den Rat einer Stadt oder das Domkapitel einer Kathedralkirche. Zumeist nehmen die naturalistisch oder mythologisch-überhöht dargestellten Patrone den Mittelpunkt der Szene ein. Für eine Widmung des Thesenblattes an den Kaiser waren eine hochadelige Abstammung und die Verdienste des Vaters erforderlich. Ziel der Widmung war das Wohlwollen des Widmungsempfängers, das sich im Idealfall in einer finanziellen Unterstützung oder einem Karrieresprung zeigte.Das Fehlen der Thesentexte auf einigen Widmungsexemplaren belegt, dass die Thesen an sich für den Patron unter Umständen geringere Bedeutung besaßen.

Die "Erfindung" des Thesenblattes orientierte sich an der rhetorischen Tradition und folgte den Regeln des "Genus demonstrativum". Hierfür zeichneten mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die Defendenten, sondern die Präsides der Disputation verantwortlich. Die Umsetzung der "Erfindung" erfolgte durch den Vorzeichner, an dessen Entwurf sich der ausführende Kupferstecher orientierte. Zu den häufig wiederkehrenden Architekturmotiven gehören Zentralbauten und Altäre, Triumphbögen und -säulen sowie Theater und Bühnen.


Abb. 2

Der konfessionelle Kontext der Thesenblätter zeigt sich in der Wahl der Bildinhalte. So finden sich auf zahlreichen Thesenblättern die "neuen" - jesuitischen - Heiligen der Gegenreformation, Ignatius von Loyola, Franz Xaver und Franz Borgia. Beliebt war auch die Darstellung der "Unbefleckten Empfängnis", hier schlägt sich die von den Jesuiten nachhaltig geförderte Marienverehrung nieder.

Einen großen Anteil an den bildlichen Darstellungen nehmen panegyrische Themen ein, die ihre Impulse wesentlich aus der Literatur und emblematischen Quellen schöpften. Die Thesenblätter greifen mit Vorliebe das zentrale Thema der Dynastien, die Sicherung der Erbfolge, auf, während der Tod eines Herrschers unberücksichtigt bleibt. Leitmotiv des Herrscherlobs ist die Fähigkeit des Herrschers, sich in Krieg und Frieden gleichermaßen vorbildlich zu verhalten. Als Feinde der Christenheit werden im Medium des Thesenblattes Häretiker und Türken auf eine Stufe gestellt - Aufgabe des Fürsten ist es, die von beiden drohende Gefahr von der Kirche abzuwenden.

Nach einer Blütezeit im 17. und frühen 18. Jahrhundert verlor das Thesenblatt mit der Aufhebung des Jesuitenordens im Jahre 1773 und dem Geschmackswandel im Gefolge der Aufklärung seine Funktion. Inwieweit das katholisch geprägte Medium des Thesenblattes die Kommunikationsgrenzen der Konfession überwinden konnte, bleibt noch offen.

[Stefan W. Römmelt] 

 

Literatur

Appuhn-Radtke, Sibylle: Das Thesenblatt im Hochbarock. Studien zu einer graphischen Gattung am Beispiel der Werke Bartholomäus Kilians, Weißenhorn 1988

 

Empfohlene Zitierweise

Römmelt, Stefan W.: Thesenblatt. Aus: Medien und Kommunikation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6pzh3/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 13.03.2006

Zuletzt geändert: 13.03.2006


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