Themen

Reisebericht

 

Mit dem Beginn der "Institutionalisierung des Reisens" durch die Post in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ("Postkutschenzeitalter") entstand eine neue Reisekultur, die in einer zunehmenden Reiseliteratur ihren Ausdruck fand. Neben Reiseführern, Reisehandbüchern, wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Reiseschriften, Reisetagebüchern, Reisenovellen und Reiseromanen nahmen auch die Reiseberichte bzw. -beschreibungen einen wichtigen Platz unter den Publikationen rund ums Reisen ein.


Abb. 1


Abb. 2

Man kann prinzipiell zwischen zwei Arten des Reisens unterscheiden: Einerseits ist das Reisen in Geschäften zu nennen. Hierzu zählen unter anderem Hof-, Handels-, Missions- und Pilgerreisen, aber auch der Heerzug und die Wallfahrt. Andererseits reiste man seit dem "Postkutschenzeitalter" immer häufiger um des Reisens Willen. Das Reiseunternehmen wurde zum Selbstzweck und diente vor allem der Erweiterung des Erfahrungshorizonts.


Abb. 3


Abb. 4-7




Als Beispiele dieser neuen, in der Endphase der Frühen Neuzeit beobachtbaren Reisekultur sollen im Folgenden die bürgerliche Bildungsreise und die Forschungsreise näher untersucht werden.

Die bürgerliche Bildungsreise - Friedrich Nicolais Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781

Die Bildungsreise, die bürgerliche Gelehrte nach ihrem Studium unternahmen, hatte vor allem für die Aufklärer eine besondere Bedeutung. So galt Reisen als einziges Mittel, dem traditionell vorgegebenen Erfahrungsraum zu entgehen und den Erwartungshorizont zu erweitern. Seit Mitte der 70er Jahre vollzog sich somit der aufklärerische Politisierungsprozeß auch in der Reisebeschreibung.

Die Bildungsreise hatte zwei Hauptziele: Sie diente einerseits dem empirischen Erkenntnisgewinn (allgemeine Weltkenntnis und Bildung), andererseits ermöglichte sie aber auch die Kontaktaufnahme mit den berühmten Wissenschaftlern und Künstlern der Zeit. Reisen war somit zweckrational, was bedeutete, dass das Reiseverhalten ausschließlich von der Vernunft kontrolliert sein musste. Dementsprechend aufwendig waren auch die Reisevorbereitungen: Man studierte Reise- und Ortsbeschreibungen, notierte die wichtigen Personen und Sehenswürdigkeiten, die man besuchen wollte, rechnete die erforderliche Reisezeit aus und entwarf eine genaue Reiseroute.


Abb. 8

Ein "enzyklopädischer Reisender" par excellence war der Berliner Schriftsteller und Verlagsbuchhändler Friedrich Nicolai. Zusammen mit seinem ältesten Sohn bereiste dieser in sieben Monaten zahlreiche Städte Deutschlands und der Schweiz. Die Reiseroute verlief von Berlin über Leipzig, Nürnberg, Regensburg, Passau nach Wien. Von dort ging es über München, Augsburg, Ulm, Stuttgart und St. Gallen bis nach Zürich. Die Rückreise erfolgte über Straßburg, Heidelberg, Frankfurt, Göttingen, Hannover, und Magdeburg wieder nach Berlin.


Abb. 9

Diese Unternehmung bildete die Grundlage für seine sehr detaillierte Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahr 1781. Nebst Bemerkungen über Gelehrsamkeit, Industrie, Religion und Sitten in 12 Bänden. Die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen ergänzte er dabei durch zahlreiche Informationen und Beilagen, die auf einen ausgedehnten Briefwechsel nach seiner Reise zurückgehen. So finden sich neben Themenkomplexen wie Landwirtschaft, Gewerbe, Zunftwesen, Essgewohnheiten und Wohnverhältnissen auch Statistiken über Krankheit, Geburten und Sterblichkeit. Hinzu kommen Nachrichten über Staatsverwaltung, Finanzen und Jurisprudenz, religiöse Bräuche, Schulen, gelehrte Gesellschaften und Architektur.

Zu Beginn seines Berichts erläutert Nicolai: "Meine Absicht war vom Anfange an, von jeder Stadt im allgemeinen ein richtiges Bild zu entwerfen, [...] besonders aber, nicht bloß Nachrichten ohne Zweck zu sammeln, sondern dabey Wahrheiten zu sagen, die ich für gemeinnützig hielt." (Nicolai, Bd. 1, S. 13 f.) Nicolais vorrangiges Ziel war es, dem Leser eine kritische Bestandsaufnahme bestehender Verhältnisse vorzulegen. Bei dieser Darstellung spielt das von der protestantischen Aufklärung und den bürgerlichen Vorstellungen geprägte Werte- und Normensystem, dem sich Nicolai als praktisch orientierter, engagierter Gelehrter verpflichtet fühlte, eine besondere Rolle. Nicolai bezog Stellung; er wurde zum Kommentator und Kritiker.

Die große Aufmerksamkeit, mit der Nicolais Reisebeschreibung aufgenommen wurde, verdeutlicht, dass die Reiseberichte des 18. Jahrhunderts im Prozess der politischen Meinungsbildung zunehmend einen herausragenden Stellenwert einnahmen. Denn nicht zuletzt durch das Reisen bildeten sich die aufklärerischen Mentalitäts- und Bewusstseinsstrukturen heraus, die schließlich zur Entstehung der deutschen Aufklärungsgesellschaft führten.

Die Forschungsreise des 18. Jahrhunderts - Georg Forsters Reise um die Welt

Mit der Ausbildung der wissenschaftlichen Disziplinen nahm seit dem späten 18. Jahrhundert auch die Zahl der Forschungsfahrten in alle Teile der Welt zu. Es begann die Zeit der Reisen und großen Entdeckungen. Im Gegensatz zu den Reisen des 16. und 17. Jahrhunderts, deren vorrangiges Ziel die Erlangung von Reichtum war, gewann nun die Entdeckung des Unbekannten an sich an Bedeutung. Die wissenschaftliche Reise sollte das Wissen um die geographischen Zusammenhänge sowie die Verschiedenartigkeit der Kulturen und des Erfahrungshorizonts erweitern.

Neben Engländern, Franzosen, Dänen und Russen beteiligten sich vor allem Deutsche - im Dienst anderer Seefahrernationen - an solchen Expeditionen in fremde unerforschte Erdteile. Einer dieser Reisenden war Georg Forster (1754-1794) der bedeutendste Kenner der Reiseliteratur und Reiseschriftsteller des 18. Jahrhunderts. Er war Welt- und Europareisender, Reiseliterat, Naturwissenschaftler, Übersetzer, Herausgeber und Rezensent von Reisebeschreibungen.


Abb. 10

Zusammen mit seinem Vater Johann Reinhold Forster nahm er in den Jahren 1772 bis 1775 an der zweiten Südsee-Expedition von James Cook teil. Die Reise ging von Plymouth nach Madeira, zum Kap der Guten Hoffnung, dem antarktischen Zirkel, weiter nach Neuseeland, und Tahiti. Es folgte eine zweite Fahrt in die südlichen Breiten, wobei u. a. Neu-Kaledonien entdeckt wurde. Schließlich ging es an Feuerland vorbei zurück nach England.

Von den Erlebnissen und wissenschaftlichen Ergebnissen berichtet Georg Forster in seiner Beschreibung der Reise um die Welt. Das Werk erschien zunächst 1777 in englischer und zwischen 1778 und 1780 in deutscher Sprache, von Georg Forster selbst übersetzt. Die Vorrede des Berichts verdeutlicht das Ziel und den Charakter der Reisebeschreibung: "Mit einem Wort, man erwartet von ihm [Forster; Anm. d. Verf.] eine philosophische Geschichte der Reise, von Vorurteil und gemeinen Trugschlüssen frei, worinn er seine Entdeckungen in der Geschichte des Menschen und in der Naturkunde überhaupt, ohne Rücksicht auf willkürliche Systeme, blos nach allgemeinen menschenfreundlichen Grundsätzen darstellen sollte; das heißt, eine Reisebeschreibung, dergleichen der gelehrten Welt bisher noch keine vorgelegt worden" (Forster, S. 4). Von besonderer Bedeutung ist auch die Suche nach Wahrheit: "Jede Widerlegung eines Vorurteils ist Gewinn für die Wissenschaft; und jeder Beweis, daß eine herrschende Meinung des gemeinen Mannes irrig sei, ist ein Schritt zur Wahrheit, die allein verdient zum Besten der Menschen aufgezeichnet zu werden" (Forster, S. 61).

Die einzelnen Kapitel seiner Arbeit, die chronologisch den einzelnen Etappen der Reise folgen, sind stets gleich aufgebaut: Forster berichtet von der Reise selbst, dem Leben auf dem Schiff und dem Aufenthalt an Land. Der Leser erfährt Einzelheiten über die besuchten Orte, nützliche Bodenschätze, die Pflanzen- und Tierwelt sowie die Einwohner, deren Aussehen und den Umgang mit ihnen. Hält sich Forster länger an einem Ort auf, berichtet er zudem über die politische, ökonomische und religiöse Organisation des Landes.

Obwohl Forsters Reisebeschreibung wissenschaftlichen Anspruch erhebt, enthält sie neben objektiven auch zahlreiche subjektive Elemente, die dem Leser u. a. die Schönheit und Erhabenheit der Naturerscheinungen vermitteln sollen. Georg Forster schuf mit seiner Reise um die Welt eine neue Art der Reisebeschreibung, die mit dem Schritt hin zur subjektiven Authentizität an Wahrhaftigkeit und literarischer Attraktivität gewann.

[Christina Seidl] 

 

Literatur

Bausinger, Hermann / Beyrer, Klaus / Korff, Gottfried (Hg.): Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, München 1991

Forster, Georg: Reise um die Welt, in: Georg Forsters sämtliche Schriften, Leipzig 1843, Bd. I

Griep, Wolfgang / Jäger, Hans-Wolf (Hg.): Reisen im 18. Jahrhundert. Neue Untersuchungen (= Neue Bremer Vorträge, Bd. 3), Heidelberg 1986

Jäger, Hans-Wolf (Hg.): Europäisches Reisen im Zeitalter der Aufklärung (= Neue Bremer Beiträge, Bd. 7), Heidelberg 1992

Maurer, Michael (Hg.): Neue Impulse der Reiseforschung (= Aufklärung und Europa. Beiträge zum 18. Jahrhundert), Berlin 1999

Teuteberg, Hans-Jürgen: Reise- und Hausväterliteratur der frühen Neuzeit, in: Hans Pohl (Hg.): Die Bedeutung der Kommunikation für Wirtschaft und Gesellschaft. Referate der 12. Arbeitstagung der Gesellschaft für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte vom 22.-25.4.1987 in Siegen (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beihefte, Nr. 87), Stuttgart 1989, S. 216-254

 

Empfohlene Zitierweise

Seidl, Christina: Reisebericht. Aus: Medien und Kommunikation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6pzh6/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 13.03.2006

Zuletzt geändert: 16.05.2006


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail