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Mode

 

Dass Kleidung nicht nur dazu diente, den Körper zu schützen, sondern auch ein wichtiges Kommunikationsmedium bildete, wird gerade in der Frühen Neuzeit deutlich. In einer Zeit, in der das Analphabetentum noch weit verbreitet war und daher Symbolen eine wichtige Rolle zukamen, drückten bestimmte Kleidungsstücke, Stoffe und Accessoires die Stellung einer Person im weltlichen Gefüge aus. Sie konnten aber ebenso dazu dienen, geistige Strömungen sowie politische Ideen auszudrücken. Dies soll anhand einiger Beispiele aufgezeigt werden.

Kleiderordnungen bzw. die herrschenden Schichten, die diese Ordnungen festlegten, bestimmten lange Zeit die Mode in der Gesellschaft. In der zeitgenössischen Vorstellung war jedem Menschen ein Platz in der von Gott geschaffenen Weltordnung zugewiesen worden, die nicht durchbrochen werden durfte. Anhand der Kleidung sollte die jeweilige Position erkenntlich werden: Den unteren Schichten war daher die Verwendung von kostbaren Stoffen, Schmuck und sogar von bestimmten Farben verboten. Aber auch dem Adel am französischen Hof wurde genau diktiert, welche Kleidung zu bestimmten Festen und Zeremonien zu tragen waren.

Diese Regelungen dienten den oberen Schichten auch dazu, sich nach unten hin abzugrenzen; und dies gerade in einer Zeit, in der das Bürgertum zunehmend nach Einfluss in Wirtschaft und Politik strebte. Die einzelnen gesellschaftlichen Stände sollten weiterhin erkenntlich bleiben, so dass die Kleiderordnungen der Frühen Neuzeit weitgehend verschärft wurden und die herrschenden Schichten bis ins 18. Jahrhundert hinein die Mode bestimmten. Kleidung war also eine Frage der Privilegien, die erst mit der Französischen Revolution abgeschafft wurden.


Abb. 1

Wie sehr sich geistige Strömungen jeweils in der zeitgenössischen Mode ausdrückten, sieht man ganz deutlich im Laufe des 18. Jahrhunderts. Dominierte in Europa fast bis zum Ende des 18. Jahrhunderts das höfische Vorbild, insbesondere das französische, gewann die englische Mode, zusammen mit den Ideen der Aufklärung zunehmend an Einfluss. Der am Handel orientierten englischen Oberschicht kam es nicht mehr darauf an, in der höfischen Gesellschaft zu glänzen, sondern ihre Bekleidung ihren Berufen und praktischen Erfordernissen im Alltag anzupassen. Auch die zunehmende Orientierung an Natur und Natürlichkeit hatte zur Folge, dass die Kleider bequemer und wesentlich schlichter wurden: Männer trugen einen einfachen Frack mit wenig Stickerei und eine einfache Kniehose; die Damen bevorzugten anstelle des höfischen Manteaus und der Jupes ein Kleid aus einem Oberteil mit Schleppe und einem locker daran befestigten Rock. Auch ist ein Einfluss der männlichen Mode bei den Damen zu bemerken: Sie trugen häufig einen Mantel - Redingote - und einen hohen Hut sowie einen Spazierschirm, der dem männlichen Attribut Spazierstock sehr ähnelte.


Abb. 2

Im Gegensatz dazu war die Mode am französischen Hof weiterhin sehr aufwendige, besonders zur Zeit Marie Antoinettes, die sehr stark die Mode ihrer Umgebung beeinflusste und für ständige Veränderung sorgte. Berühmt geworden sind - nicht zuletzt durch zahlreiche Karikaturen und heftige Kritik - die aufgetürmten Haarmoden, die mit Federn, Blumen, kleinen Objekten bestückt waren und aufwendige Namen hatten: Coiffure à la Vénus pèlerine, coiffure à la petite Palissade oder coiffure à l'oiseau royal. Die Frisuren wurden teilweise nach den Seeschlachten, die Frankreich erfolgreich im Unabhängigkeitskampf Nordamerikas geschlagen hatte, benannt und sogar Miniaturschiffe schwammen auf den toupierten Locken der Damen. Angeblich waren die Haare oft so stark toupiert und bestückt, dass die Damen nicht mehr in den Kutschen sitzen, sondern nur noch knien konnten und sogar die Polizei das Tragen aufwendiger Frisuren im Theater verbot. Spätestens zu Begin der Revolution verschwanden diese Haarmoden als Zeichen des Exzesses und der Verschwendung.

Aber nicht nur im Alltag, sondern besonders im politischen Bereich spielte die Mode eine wichtige kommunikative Rolle. Ein frühes Beispiel ist die spanische Hoftracht, die sich im Zeitalter der Gegenreformation an allen europäischen Höfen etablierte. Spanien bildete sich zu einem wichtigen Zentrum der Gegenreformation aus, wozu zum einen die Gründung des Jesuitenordens durch Ignatius von Loyola 1534 und zum anderen die Verschärfung der Inquisition durch Papst Pius III. beitrugen. In der Kleidung drückte sich der Kampf gegen Ketzerei und Unglauben aber gerade auch gegen den Luxus darin aus, dass die schwarze Farbe, als Farbe der Tugend, dominierte. Ebenso wurde die Bewegungsfreiheit durch sehr enge Schnitte und Absteifungen - besonders durch die berühmte Halskrause - stark eingeschränkt. Die Individualität in der Mode wurde weitgehend ausgeschlossen.

Besonders anschaulich wird die politische Kommunikationsfunktion von Mode und Accessoires während der Französischen Revolution, in der v.a. der starke Einfluss der Mode auf breitere Bevölkerungsschichten auffällt.

Bereits in den ersten Tagen nach der Erstürmung der Bastille konnte man anhand von Accessoires, wie zum Beispiel der phrygischen Mütze oder der Kokarde, die Stellungnahme gegenüber der Revolution sehr eindeutig herauslesen, wie der Korrespondent des deutschen Magazins "Journal des Luxus und der Moden" Ende August 1789 aus Paris berichtete:


Abb. 3

"Man glaubt sich von Grunde aus geputzt, wenn man die National-Kokarde am Huthe, vor der Brust, oder am Bonnet trägt. Aber diese Kokarde selbst durchlief binnen acht Tagen drey Veränderungen. Die erste sah ich den 12. Jul. da man das Exil Neckers erfuhr und diese war dunkelgrün; den andern Morgen war es ein Verbrechen der beleidigten Nation eine dunkelgrüne Kokarde zu tragen, weil man sich erinnert hatte, daß dieß die Farbe des Grafen von Artois sey. Man nahm also weiß, hellblau und rosa. Diese verschwanden in wenig Tagen, und man wählte dafür ponceau, weiß und ein dunkleres blau. Ich fragte eine Modehändlerin, warum man diese Farben statt der andern gewählt hätte. "Sie sind solide" sagte sie mit einen kleinen Seufzer. Das Wort "solid" in dem Munde einer Modehändlerin ist ein neuer Beweis, daß die Franzosen nicht mehr die alten sind. ..." (Journal des Luxus und der Moden, 30.8.1789, S. 446).

Aber auch andere Accessoires steckte man sich an: Zum Beispiel einen Freiheitsfächer, einen Frac à la Bastille, Knöpfe à la Nation, au Tiers Etat, Knöpfe mit patriotischen Aufschriften oder ähnliche Symbole der Freiheit auf den Kopfbedeckungen.


Abb. 4

Am gängigsten waren Kostüme in den neuen Nationalfarben Rot, Weiß und Blau. Sehr verbreitet waren aber auch Uniformen in den neuen Nationalfarben. Da die Frauen ebenfalls ihren Patriotismus zum Ausdruck bringen wollten, gab es sogar eigene Damenuniformen aus blauem Tuch mit weißem Kragen und rotem Revers. Dazu trugen sie schwarze Filzhüte und eine blau-weiß-rote Schnur oder eine Kokarde.


Abb. 5

Dem Einfallsreichtum der SchneiderInnen und ModistInnen waren keine Grenzen gesetzt: Für Damen wurden Modelle der erstürmten Bastille in Hüte geformt - 40 cm Höhe mit einer vierfachen Reihe aus Türmen, Balustraden und Zinnen - oder Schuhschnallen in Form des Grundrisses der Bastille.

Der konservative Adelige, der den Geschehnissen nicht genug Bedeutung beimaß, trug weiterhin eine weißgepuderte Zopfperücke und silberne Schuhschnallen. Die Gegner der Revolution trugen einen Anzug mit schwarzer Jacke und eine schwarz geränderte Krawatte, als Zeichen der Trauer. Eine grüne Hose galt als Zeichen royalistischer Gesinnung, da Grün die Farbe des Comte d'Artois, Bruder des Königs und Anführer der Gegenrevolutionäre, war. Für die Damen existierte z.B. ein Kleid à la Coblentz, wobei Koblenz ein wichtiger Ort der Emigration war: Das rot-schwarze Kleid symbolisierte das Blut, das vergossen wurde und die Trauer. Ein rotes Halsband wurde an der Stelle getragen, an der die Guillotine hinunterzufallen drohte.

Sehr beliebt war auch der Rückgriff auf die antike Mode, die in Frankreich bereits 1788 verbreitet war. Damals spielte sie im Zusammenhang mit dem aufklärerischen Gedankengut auf die Einfachheit des Klassizismus an: Die Gewänder waren in der Regel einfach und aus weißem Stoff geschneidert; der Verzicht auf das Korsett war ein wichtiger Ausdruck der Frauenemanzipation. Mitte der 1790er Jahre kam die antike Mode erneut auf und verweist auf die Orientierung an den antiken Demokratien. Jacques Louis David wurde sogar damit beauftragt, ein Nationalgewand zu entwerfen, das aus einer Hemdjacke, Pantalons und einer Schärpe mit der Aufschrift "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" bestand, das sich aber nicht durchsetzen konnte.

[Beatrice Hermanns] 

 

Literatur

Madeleine Delpierre, Se vêtir au XVIIIe siècle, Paris 1996

Martin Dinges, Die soziale Funktion von Kleidung, in: ZHF 19 (1992), S. 49ff

Wilhelm Hornbostel, Voilà, Glanzstücke historischer Moden, 1750-1960, München 1991

Annemarie Kleinert, Gretel Wagner, Mode und Politik. Die Vermarktung der französischen Revolution in Frankreich und Deutschland (1789 bis 1793), in: Waffen- und Kostümkunde 31 (1989), S. 24-38

Annemarie Kleinert, La Mode, miroir de la révolution francaise, in: Modes & Révolutions, Katalog des Musée de la Mode et du Costume, Paris 1989, S. 58-81; mit anderen Illustrationen auch in: Francia 16 (1989), 75-98

Ingrid Loschek, Reclams Mode- und Kostümlexikon, Stuttgart 1999

Modes et Révolutions 1780-1848, Ausstellungskaatalog, Paris 1989

Aileen Ribeiro, Fashion in the French Revolution, London 1988

Daniel Roche, Apparences révolutionnaires ou Révolution des apparences, in: Modes & Révolutions, Katalog des Musée de la Mode et du Costume, Paris 1989, S. 105-127

Erika Thiel, Geschichte des Kostüms. Die europäische Mode von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin 2000

Gerhard Wagner, Von der Galanten zur Eleganten Welt. Das Weimarer Journal des Luxus und der Moden (1786-1827) im Einflußfeld der englischen industriellen Revolution und der Französischen Revolution, Hamburg 1994

Leonie von Wilckens, Die Mode - von ihrer Zeit geprägt, in: Wilhelm Hornbostel, Voilà, Glanzstücke historischer Moden, 1750-1960, München 1991, S. 14-19

 

Empfohlene Zitierweise

Hermanns, Beatrice: Mode. Aus: Medien und Kommunikation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6pzh1/

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Erstellt: 13.03.2006

Zuletzt geändert: 13.03.2006


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