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Medaille

 

Medaillen, d. h. münzähnliche Metallstücke, die meistens auf beiden Seiten ein Bild und/oder eine Inschrift tragen, dienen der preisenden oder kritischen Erinnerung an bestimmte Personen oder Ereignisse. Die Wiedergabe changiert zwischen realistischer und abstrahierender Darstellung. Während der Avers zumeist ein Porträt mit einer identifizierenden Inschrift zeigt, enthält der Revers meist eine bildliche oder textuelle Charakterisierung der dargestellten Person. Dies kann in der Form von Motti, Epigrammen und historischen Daten geschehen. Gängiger sind historische Szenen, Wappen, Allegorien oder Embleme, die verschlüsselt auf die jeweilige Person verweisen. Im Gegensatz zu den Münzen werden Medaillen nicht als Zahlungsmittel gebraucht; ihre Anfertigung kann daher auch im Auftrag von Privatpersonen erfolgen.

Bereits in der römischen Kaiserzeit wurden vom 2. bis zum 5. Jahrhundert Medaillons aus Bronze, Silber und Gold geprägt. Im Gegensatz zur neuzeitlichen Medaille erfolgte die Prägung der antiken Medaillons, die an Mitglieder der kaiserlichen Familie und des Hofstaates verteilt wurden, ausschließlich in staatlichem Auftrag. Der Ursprung der frühneuzeitlichen Medaille liegt im Italien des 15. Jahrhunderts. Die Entdeckung der Einzigartigkeit der menschlichen Physiognomie und der Porträts auf den römischen Münzen, verbunden mit dem Bestreben, die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins zu überwinden, hatte eine sofortige Popularität der Gattung Medaille zur Folge. Die erste Renaissancemedaille, ein Porträt des vorletzten byzantinischen Kaisers Johannes VIII. Palaiologos, schuf Pisanello um das Jahr 1438. Im Lauf des 15. Jahrhunderts verbreiteten sich die Medaillen in allen Staaten Italiens, deren Oberschicht das Medium, das partielle Unsterblichkeit versprach, überaus schätzte. Zentren der Medaillenkunst waren Mantua, Ferrara, Venedig, Rom und Mailand.

Nach 1500 wurden auch in Deutschland zahlreiche Medaillen geprägt, die sich durch ihre realistische Gestaltung und das weitgehende Fehlen einer komplexen Bildlichkeit deutlich von den italienischen Stücken unterscheiden. Zentren der Medaillenproduktion waren Augsburg und Nürnberg.

In Frankreich fand die Medaille erst im 16. Jahrhundert weitere Verbreitung. Während sie um 1500 von Städten wie Lyon anläßlich königlicher Entrees in Auftrag gegeben wurden, übte im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts die Patronage der Krone maßgeblichen Einfluß auf die Entwicklung der Medaille aus, die durch die königliche Münze im propagandistischen Sinne instrumentalisiert wurde.

Im 17. und 18. Jahrhundert bestimmte das Porträt weiterhin das Erscheinungsbild der Medaillen, die zunehmend als Medium der Propaganda dienten. Medaillenserien boten die Möglichkeit, die Geschichte und Erfolge eines Staates greifbar zu machen; aus diesem Grund eigneten sie sich auch vortrefflich als Geschenk für Diplomaten.

Das Potential der Medaille für eine politische Instrumentalisierung wird am Beispiel Frankreichs besonders deutlich. Prominente Künstler wie Jean Warin (1607-1772) und Jean Mauger (1648-1722) verewigten die zentralen Ereignisse der Herrschaft Ludwigs XIV. in Medaillen, die sich durch Klarheit der Komposition und Feinheit der Ausführung auszeichnen. Welche politische Bedeutung die Medaillenproduktion besaß, zeigt die 1702 publizierte Medaillengeschichte Ludwigs XIV., die 286 Medaillen reproduzierte. Von 1702 bis 1723 unterlag das Schlagen von Medaillen der Kontrolle der in den 1660er Jahren gegründeten Petite Académie, welche die Verantwortung für die Auswahl der Stücke und die Prüfung der Inschriften und Entwürfe trug. Dieses System brachte Medaillen hervor, die als die fortschrittlichsten ihrer Zeit galten und vielen Künstlern als stilprägendes Vorbild dienten.

Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts unterlagen die französischen Künstler keiner akademischen Kontrolle und konnten so Themen wie den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in Medaillenserien aufgreifen. Um 1800 setzte auch Napoleon dieses Medium zum Preis seiner militärischen Erfolge ein. Von 1804 bis 1814 entstand in der Pariser Monnaie des Médailles unter der Aufsicht Vivant Denons (1747-1825), des maßgeblichen Beraters Napoleons in künstlerischen Fragen, die Histoire Métallique. Denon lieferte auch die Mehrzahl der Entwürfe. Die Serie von etwa 90 Medaillen im neoklassizistischen Stil erinnerte an die herausragenden Ereignisse der napoleonischen Kriege. Nach dem Ende der Feindseligkeiten erfreuten sich diese Erinnerungsstücke an eine dramatische Epoche der europäischen Geschichte zunehmender Beliebtheit. Ähnliche Serien wurden auch in Rußland und England geprägt.

Die Medaille fand freilich auch jenseits der Politik Verwendung. In ganz Westeuropa erkannten Institutionen wie Akademien und gelehrte Gesellschaften ihre Instrumentalisierbarkeit im Sinne der Motivation und Belohnung. Die Medaille dokumentierte so auch den wissenschaftlichen Fortschritt. Das gestiegene Prestige der Medaille führte zu Ausstellungen in den Pariser Salons und in der Londoner Royal Academy. Die Wertschätzung der Medaillen zeigte sich im 18. Jahrhundert auch in der Gründung von Münzkabinetten.

[Stefan W. Römmelt] 

 

Literatur

Barnes, Joanna: Denon, Baron (Dominique-)Vivant, in: Jane Turner (Hg.), The Dictionary of Art, Bd. 8, London 1996, 763 f.

Bresc-Bautier, Geneviève: Warin [Varin], Jean, in: Jane Turner (Hg.), The Dicitonary of Art Bd. 32, London 1996, 863 f.

Scher, Stephen K./ Eimer, Christopher / Attwood, Philip: Medal, in: Jane Turner (Hg.), The Dictionary of Art, Bd. 20, London 1996, 917-927

Vajda, Laszló / Panvini Rosati, Franco: Coins and medals, in: Encyclopedia of World Art, London 1960, 700-748

 

Empfohlene Zitierweise

Römmelt, Stefan W.: Medaille. Aus: Medien und Kommunikation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6pzgz/

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Erstellt: 13.03.2006

Zuletzt geändert: 13.03.2006


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