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Landkarte

 

In der Geschichtsforschung spielen Karten als Quellen meist eine nachgeordnete Rolle. Betrachtet man alte Karten jedoch im Zusammenhang mit ihren wissenschaftlichen und ideengeschichtlichen Voraussetzungen sowie in ihrer Funktion innerhalb gesellschaftlicher Kommunikationsprozesse, so wird ihr Potential als historische Quelle deutlich: Weit über eine vordergründige Zuordnung zur Geographie, Wissenschafts- oder Kunstgeschichte hinausreichend, können alte Karten u.a. auch für politik-, wirtschafts-, kultur- oder mentalitätsgeschichtliche Frageansätze herangezogen werden und vermögen damit wie kaum eine andere Quellengattung einen vielschichtigen Blick auf ihre Entstehungszeit zu eröffnen.

Im Zusammenhang mit den großen Entdeckungsfahrten und der Ptolemäus-Rezeption wurden im 15. Jahrhundert Karten verschiedener Traditionen miteinander kombiniert und um neue Erkenntnisse ergänzt und somit die Grundlagen der neuzeitlichen Kartographie geschaffen. Parallel zur Erweiterung des geographischen Wissens und der Weiterentwicklung seiner normierten und abstrahierten Darstellung auf Welt- und Länderkarten fanden in der Frühen Neuzeit Ausdifferenzierungen äußerer und inhaltlicher Art statt. Neben der Druck- und Atlaskartographie entwickelte sich als eigenständiger Zweig die behördliche Kartographie für Verwaltungs- und Gerichtszwecke. Für die Verlage wurde, ausgehend von Erhard Etzlaubs "Romweg-Karte" (um 1500), die Herausgabe von Karten und sonstigen Hilfsmitteln (etwa Meilenanzeiger) für Reisende zu einem wichtigen Betätigungsfeld. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde der, einige Jahrzehnte zuvor in Frankreich aufgekommene, Typus der Postroutenkarte durch Johann Peter Nell für das Reich adaptiert. Seine erstmals 1709 im Nürnberger Verlag Homann erschienene, über mehrere Jahrzehnte hinweg nachgestochene Karte bildete die Postrouten als gerade Verbindungslinien zwischen den Orten mit Entfernungsangaben durch Querstriche ab, so dass die Karte zusammen mit gedruckten Zeittafeln eine Vorausplanung des Postverkehrs ermöglichte.


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Als spezielle Weiterentwicklung der Postroutenkarten wurden zwischen 1764 und 1769 für das Kurfürstentum Bayern mehrere sogenannte "Mautkarten" publiziert, anhand derer die Möglichkeiten des Mediums Karte im folgenden demonstriert werden sollen.

Obwohl auch die beim Augsburger Verlag Tobias Conrad Lotter gedruckten bayerischen Mautkarten vordergründig als reine Verlagsprodukte erscheinen, handelte es sich bei ihnen doch um offizielle Informationsmittel mit Gesetzescharakter. Seit dem Regierungsantritt Kurfürst Max III. Joseph (1745-1777) war wiederholt über eine Reform des bayerischen Zollwesens nachgedacht worden. Insbesondere das Prinzip der Einnahmenmaximierung und die willkürlich wirkende Ungleichmäßigkeit, mit der an den einzelnen Stationen die Zollgebühren pro Wegabschnitt abverlangt wurden, waren Ziele der Kritik. 1765 trat mit der neuen, merkantilistischen Prinzipien folgenden "Churbaierische Mauth- und Accis-Ordnung" die lange vorbereitete Zollreform in Kraft, die sich insbesondere im Abbau überflüssiger Mautämter, in der Befreiung des Binnenhandels vom Warenzoll, der Vereinheitlichung und Vereinfachung der Tarife und der Errichtung einer Außenzollinie auswirkte.


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Im Gegensatz zur vorherigen Undurchsichtigkeit in der Zollerhebung wurde nun generell auf Transparenz gesetzt; die Zollordnung wurde in einer großen und einer kleinen Druckausgabe zum Kauf angeboten. Neben dem Verordnungstext enthielten die Drucke ausführliche, nach Waren sortierte Zolltariftabellen.

Eine Innovation stellte die Nutzung der Kartographie für die Vermittlung der räumlichen Aspekte eines Gesetzeswerks dar: Der Zollordnung wurde eine sogenannte "Mautkarte" beigebunden, die, korrespondierend zu den zwei verschiedenen Druckformaten, in einer prunkvollen großen und einer einfacheren kleinen Version ausgefertigt worden war. Die vom eigentlichen Inhalt her identischen, nach dem Vorbild der Postroutenkarten gestalteten Karten enthielten mit der Wiedergabe der Mautämter, des Handelsstraßennetzes und der Auszeichnung der zur Chaussee ausgebauten Streckenabschnitte sämtliche geographischen Informationen, die für die Erhebung der Warenzölle und des Wegegeldes maßgeblich waren. Zur Verbreitung aktueller Nachrichten bezüglich des Handels wurde außerdem das "Churbaierische Intelligenzblatt" zur Verbreitung von Verkaufsanzeigen, Marktnachrichten und amtlichen Verordnungen ins Leben gerufen. Neben Gesetzestext, Tariftabelle und Mautkarte bildete dieses amtliche Periodikum somit die vierte Säule des mit der Zollordnung von 1765 geschaffenen Kommunikationssystems.


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Mit ihrer Informationspolitik beabsichtigte die kurfürstliche Regierung eine Förderung des Wirtschaftslebens und damit mittelbar der Staatseinnahmen: Indem die Abgaben für die Händler nun im voraus kalkulierbar und deren Rechtmäßigkeit kontrollierbar wurden, sollte die Attraktivität des Landes insgesamt für den Handelsverkehr gesteigert werden. Die Intention, mittels einer Karte nicht nur raumbezogene Informationen besonders übersichtlich zu transportieren, sondern darüber hinaus auch eine werbewirksame Selbstdarstellung hinsichtlich der Reformpolitik zu erreichen, kann als geglückt gelten: Die Mautkarten, die 1768 in ergänzter Neuauflage erschienen und denen 1769 eine spezielle Mautkarte für die Oberpfalz nachfolgte, wurden zu den wohl erfolgreichsten kartographischen Darstellungen Bayerns in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

[Daniel Schlögl] 

 

Literatur

Kupèík, Ivan: Mappae Bavariae. Thematische Karten von Bayern bis zum Jahr 1900. Sonderausstellung des Deutschen Museums München (Veröffentlichungen aus dem Archiv des Deutschen Museums; Bd. 2), Weißenhorn 1995, 17 f., 118

Schaup, Wilhelm: Salzburg auf alten Landkarten 1551-1866/67 (Schriftenreihe des Archivs der Stadt Salzburg; Bd. 13), Salzburg 2000, 311-314

Schlögl, Daniel: Die bayerischen Mautkarten 1764-1769, in: 8. Kartographiehistorisches Colloquium Bern 1996. Vorträge und Berichte, hg. von Wolfgang Scharfe (Cartographica Helvetica, Sonderheft; 16), Murten 2000, 33-40

Schlögl, Daniel: Der planvolle Staat. Reformpolitik und kartographische Landesaufnahme im spätabsolutistischen Bayern, Diss. München 2000 (im Druck)

Wolff, Hans: Kunst und Geschichte alter Karten Bayerns, in: Landshut ins Bild gesetzt. Karten und Ansichten vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, hg. von Franz Niehoff (Schriften aus den Museen der Stadt Landshut; Bd. 9), Landshut 2001, 55-83, hier 66 ff.

 

Empfohlene Zitierweise

Schlögl, Daniel: Landkarten. Aus: Medien und Kommunikation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6pzh2/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 13.03.2006

Zuletzt geändert: 13.03.2006


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