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Jesuitentheater

 

Im 16. Jahrhundert gewann das Theater als Ort des konfessionellen Diskurses besondere Bedeutung. Am Anfang stand das Reformationsdrama, das in polemischer Weise gegen die alte Kirche Partei ergriff. Mit erheblicher Verzögerung erkannte auch die römische Kirche, die sich im Gefolge des Konzils von Trient zunehmend stabilisierte, den Wert des Theaters als Medium konfessioneller Polemik und Selbstvergewisserung.


Abb. 1

Besonders der Jesuitenorden kultivierte seit der Mitte des 16. Jahrhunderts das Theater, das sich als fester Bestandteil des von der Gesellschaft Jesu weitgehend dominierten höheren schulischen Lebens etablierte und bis zur Aufhebung des Ordens 1773 gepflegt wurde. Das Jesuitentheater war ein Phänomen, das sich im ganzen katholischen Europa fand. Das Theaterspiel an sich besaß allerdings keinen Eigenwert, sondern fungierte als Multiplikator der kirchlichen Erneuerung; es verfolgte eine pädagogisch-didaktische und zugleich religiös-propagandistische Zielsetzung. Die bis in das 18. Jahrhundert durchwegs lateinischen Stücke orientierten sich in humanistischer Tradition hauptsächlich an Terenz, Plautus und Seneca.

Zentren des süddeutschen Jesuitentheaters waren München, Ingolstadt, Dillingen und Augsburg, wo eine große Zahl von Stücken entstand, die als "ludi autumnales" v.a. am Ende des Schuljahres mit großem Aufwand aufgeführt wurden. Neben diesen großen Stücken pflegte man auch kleinere dramatische Formen bis hin zu reinen Deklamationsübungen, die auf den szenischen Apparat verzichteten und nur kollegsintern rezipiert wurden. Den "Stoff" der Stücke entnahmen die Jesuiten der "Historie", so dem Alten Testament, der Kirchengeschichte, Heiligen- und Märtyrerlegenden, der antiken Literatur und der Zeit- und Lokalgeschichte. Zentrale Motive waren der Vanitas-Gedanke und die Darstellung der Ecclesia triumphans. Für die Abfassung der Stücke trugen die Rhetorikprofessoren der einzelnen Kollegien die Verantwortung. Zu den wichtigsten süddeutschen Dramenautoren zählen Jacob Gretser (1562-1625), Jacob Bidermann (1578-1639), Andreas Brunner (1589-1650), Jacob Balde (1604-1668) und Anton Claus (1691-1754). Im katholischen Kulturkreis wurde das Jesuitentheater unter anderem durch Benediktiner wie Simon Rettenpacher (1634-1706) rezipiert; auch Protestanten wie Andreas Gryphius nahmen das Jesuitentheater wahr.


Abb. 2

Die Aufführungen waren im 16. Jahrhundert ein Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens, den auch fürstliche Gäste angesichts des offensichtlich hohen "Unterhaltungswertes" nicht versäumen mochten. So stellte etwa die zehnstündige Münchener Uraufführung des "Triumphs des Heiligen Michael" anlässlich der Einweihung der gleichnamigen Kirche am 7. Juli 1597 ein herausragendes Zeugnis jesuitischer Theaterkultur dar.

Exemplarisch zeigt sich hier der repräsentative Charakter des Jesuitentheaters: Das an Anspielungen auf die Zeitgeschichte reiche Stück, das Musik, Tanz, Wort, Gestik und Dekoration miteinander verband, besaß den Charakter eines multimedialen Gesamtkunstwerkes, in dessen Kontext der Dramentext keineswegs dominierte. Die Bedeutung der gezeigten "Bilder" lag in der Belehrung und Erregung der Besucher, um mittels der Ansprache aller Sinne die Festigung des Glaubens bzw. Bekehrung des Zuschauers zu erreichen. Die für das Jahr 1609 bezeugte Conversio (Bekehrung) des Darstellers der Hauptrolle in Jacob Bidermanns "Cenodoxus" und dessen anschließender Eintritt in den Jesuitenorden verdeutlichen die religiöse Dimension wohl am prägnantesten.


Abb. 3

Die Bedeutung des Jesuitentheaters schwand im Laufe des 17. Jahrhunderts, als die italienische Oper ihren Siegeszug in Europa begann und das Jesuitentheater auf das zunehmende Desinteresse der Höfe stieß. Ein maßgeblicher Grund für das zurückgehende Interesse war sicher auch dessen konservativer Charakter. Die Rezeptionsbarriere des Lateinischen, das bis weit in das 18. Jahrhundert hinein verbindlich blieb, spielte in diesem Zusammenhang eine maßgebliche Rolle.

Die Frage nach der tatsächlichen Wirkung des Jesuitentheaters läßt sich aufgrund des Fehlens größerer Corpora von entsprechenden nichtjesuitischen Tagebuchaufzeichnungen oder Reiseberichten nur unzureichend beantworten. Einstweilen bleibt als Hauptquelle der Information über die Wahrnehmung der Aufführungen die jesuitische Darstellung: Die Verständigung über das Jesuitentheater vollzog sich im wesentlichen in der Gesellschaft Jesu selbst. So teilten sich die Jesuiten mittels Briefen ihre aktuellen Projekte mit und tauschten Dramen untereinander aus. Die Umsetzung des zumeist in handschriftlicher Form vorliegenden Textes legten Regieanweisungen fest. Das offizielle Berichtsnetz erlaubte eine stete Kontrolle des Jesuitentheaters durch die Ordensoberen. Nur lokal relevante Details der Aufführungen wurden in den Hauschroniken festgehalten. Die ordensinterne Nachrichtenübermittlung ist so hinreichend dokumentiert. Authentische Äußerungen des Publikums hingegen finden sich nur in geringer Zahl.

[Stefan W. Römmelt] 

Literatur

Bauer, Barbara / Leonhardt, Jürgen (Hg.): Triumphus Divi Michaelis Archangeli Bavarici - Triumph des Heiligen Michael, Urpatron von Bayern, Regensburg 1999

Hess, Günter: Spectator-Lector-Actor. Zum Publikum von Jacob Bidermanns Cenodoxus, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1 (1976), 30-106

Die Jesuiten in Bayern 1549-1773. Ausstellungskatalog der Staatlichen Archive Bayerns, hg. von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, München 1991, 168- 202

Rädle, Fidel: Das Jesuitentheater in Dillingen, in: Rolf Kießling (Hg.): Die Universität in Dillingen und ihre Nachfolger. Stationen und Aspekte einer Hochschule in Schwaben. Festschrift zum 450jährigen Gründungsjubiläum, Dillingen/Donau 1999, 501-532

Valentin, Jean-Marie: Le théâtre des Jésuites dans les pays de langue allemande (1554-1680), 3 Bde., Bern u. a. 1978

Wimmer, Ruprecht: Neuere Forschungen zum Jesuitentheater des deutschen Sprachbereiches. Ein Bericht (1945-1982), in: Daphnis 12 (1983), 585-692

 

Empfohlene Zitierweise

Römmelt, Stefan W.: Jesuitentheater. Aus: Medien und Kommunikation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6pzgx/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 13.03.2006

Zuletzt geändert: 13.03.2006


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