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Festzug

 

Das Fest der Frühen Neuzeit zeichnete sich durch eine Vielfalt von Medien aus, die zu repräsentativen Zwecken eingesetzt wurden und die Dignität des jeweils im Zentrum des Festes Stehenden optisch und akustisch hervorheben. Das Medium des Festzuges integrierte den Raum in das Fest und manifestierte sich als festlicher Zug v.a. in zwei Hauptformen, dem Festeinzug ("adventus" bzw. "Entrée"), und dem Festaufzug. Beide unterlagen in unterschiedlichen Abstufungen den Bestimmungen des Zeremoniells.


Abb. 1-2


Die Tradition der Festzüge reicht bis in die Antike zurück. Während die "pompa triumphalis", der Triumphzug, schon in der römischen Republik gebräuchlich war, etablierte sich der "adventus", die feierliche Begrüßung des Herrschers bei der Rückkehr nach Rom bzw. dessen Empfang in einer Provinz, erst in der Kaiserzeit.

Der Festeinzug eines Landesherrn oder dessen Vertreters in eine Stadt seines Territoriums stand in Beziehung zu einem Rechtsverhältnis und war für die besuchte Stadt von besonderer Bedeutung. Bereits die Stadttore waren zu Ehren des Fürsten geschmückt. Den Rahmen des Festzuges bildeten die herausgeputzten Straßen und Plätze der jeweiligen Stadt. Zu deren Dekor gehörten Bildteppiche, Festons, Girlanden und Kränze. Wesentliche Bedeutung für die Festeinzüge besaß die ephemere Architektur, d.h. Bauwerke, die aus vergänglichem Material errichtet und nach Ende des Festeinzugs wieder abgebrochen wurden. Hierzu gehören Ehrenpforten, Schaugerüste mit lebenden Bildern und Tempel. Vorbilder der Ehrenpforten, die in Italien spätestens seit dem 12. Jahrhundert Verwendung fanden, waren die römischen Triumphbogen. Fand der Festeinzug am Abend statt, gehörten Illuminationen der Häuser und der ephemeren Architektur zu den üblichen Festdekorationen. Feuerwerke waren ebenfalls konventionelle Bestandteile eines Festeinzugs.

Hielt der römisch-deutsche Kaiser Einzug in einer Stadt des Reiches, gehörte zum Zeremoniell des Einzugs der Empfang der Stadtschlüssel. Zumeist ritt der Herrscher unter einem Traghimmel in die Stadt ein, begleitet von Kerzen- oder Fackelträgern; das Reichsschwert wurde dem Kaiser vorangetragen. Im Laufe des 17. Jahrhunderts trat an die Stelle des Einritts das Einfahren in Kutschen. Pauker und Trompeter sorgten für die akustische Begleitung. Dieser zahlte sich für die Bevölkerung insofern aus, als sie zumeist mit "Auswerfmünzen" beschenkt wurden.


Abb. 3

Im Gegensatz zum eher konservativen Festeinzugszeremoniell des Kaisers erfuhren die italienischen Festeinzüge im Zeitalter der Renaissance eine spürbare Veränderung. "Carretti", Wagen, die schon im 14. Jahrhundert bei Prozessionen mitgeführt worden waren, mutierten nun zu Triumphwagen. Diese boten Platz für allegorische Darstellungen sowie mythologische und historische Szenen.

Die Einzüge der französischen Herrscher, die im 16. Jahrhundert häufig auch Provinzstädte wie Lyon besuchten, standen unter italienischem Einfluß. Dies manifestierte sich in der Übernahme antiker Elemente für die Titel der Publikationen, die den Einzug verewigten, den Themen der Darbietungen und den Dekorationen der Schaugerüste. Im 17. Jahrhundert fanden fast nur noch königliche Einzüge in Paris statt. Die letzte große Veranstaltung dieser Art hielt Ludwig XIV. 1660 nach dem Abschluß des Pyrenäenfriedens in Paris ab. Festbeschreibungen und Kupferstiche, welche die Teilnehmer und die aus diesem Anlaß errichtete ephemere Architektur wiedergaben, hielten Ablauf und Erscheinungsbild in Text und Bild für die Nachwelt fest.

Im 17. Jahrhundert verloren die Festeinzüge aufgrund des schwindenden Rechtscharakters gegenüber den Festaufzügen an Bedeutung. Der Einzug, so etwa der Kurfürsten zur Kaiserkrönung in Frankfurt, besaß nun vornehmlich repräsentativen Charakter. Dies galt allerdings nicht für Anlässe wie die Kaiserkrönung in Frankfurt und für Kaiserbesuche auf Reichstagen. Auch der Einzug des Statthalters in den spanischen Niederlanden behielt seinen Rechtscharakter. Bis 1702 war der Einzug in Antwerpen mit der herkömmlichen Leistung des Eides verknüpft, die Privilegien der Niederlande zu achten. Besondere Bedeutung besaßen hierbei die Schaudekorationen und die lebenden Bilder. Den bedeutendsten künstlerischen Ertrag zeitigte 1635 der Festeinzug des Kardinalinfanten Erzherzog Ferdinand in Antwerpen 1635 - Peter Paul Rubens hatte das Konzept erstellt und die meisten Dekorationen entworfen.

Im Gegensatz zu Festeinzügen fanden Festaufzüge im Rahmen von Festen statt. Die Entwicklung eines einheitlichen Konzeptes war in Italien bereits um 1500 üblich. Zu den wichtigsten Bestandteilen gehörten Triumphwagen, was auf den Vorbildcharakter römischer Triumphzüge verweist. Im mediceischen Florenz, dem Zentrum der italienischen Festkultur des 16. Jahrhunderts, waren Festzüge, die ein übergeordnetes Thema umsetzten, unter Umständen Teil einer mehrere Monate umfassenden Festfolge. Gelegenheiten für fürstliche Festaufzüge boten vornehmlich Familienfeierlichkeiten wie Taufen und Hochzeiten - einer breiteren "Öffentlichkeit" war allein der Festaufzug zugänglich.


Abb. 4

Die Mode der Festaufzüge verbreitete sich rasch nördlich der Alpen. Ein bedeutendes Beispiel eines einheitlichen Festaufzuges liefert die Hochzeit Erzherzog Karls von Innerösterreich mit Maria von Bayern, die 1571 in Wien gefeiert wurde. Im Laufe des 16. Jahrhunderts verlor dieses Festelement aber zugunsten des Theaters und der Musik an Bedeutung. Die nun ebenfalls in Mode kommende Maskerade war an keinem übergeordneten Thema ausgerichtet - jede Gruppe wählte ein eigenes Motto, so 1568 bei dem Aufzug zum Ring- und Kopfrennen, das Bestandteil der Münchner Hochzeit Erbprinz Wilhelms von Bayern mit Renata von Lothringen war.

Im Mittelpunkt der Festfolgen standen bis ins 18. Jahrhundert Ritterspiele wie Ringrennen, Kopfrennen, Quintanrennen, Ballienrennen, Kübelstechen und das Fußturnier. Der Festaufzug diente dem Einzug der jeweiligen Parteien. Beliebte Themen waren die vier Elemente, die vier Jahreszeiten, die vier Erdteile und die sieben Planeten. Eine Alternative zum Ringrennen bot das "Roßballett". Das "Freudenfest zu Pferd" wurde vor allem am Wiener Hof gepflegt. So gelangte 1667 anläßlich der Hochzeit Leopolds I. mit der Infantin Maria Theresia ein derartiges Gesamtkunstwerk von Text, Choreographie und Musik zur Aufführung.

Im 18. Jahrhundert, als die Gepflogenheiten des französischen Hofes Vorbildcharakter besaßen, wurden die Ritterspiele zunehmend durch Quadrillen und Karusselle ersetzt. Die absolutistische Herrschaftsstruktur spiegelte sich in der Struktur des Festaufzuges wieder: Der König erteilte den Auftrag zum Entwurf eines Programmes und entschied über dessen Bestandteile bis ins Detail. Städtische Festaufzüge hingegen setzten sich zumeist aus Mitgliedern einer einzelnen Gruppe, etwa des Rates oder einer Zunft, zusammen. Als Veranstalter fungierten Korporationen wie Bruderschaften, Gilden, Gesellschaften, die etwa das Maischießen oder überregionale Schützenfeste zum Anlaß von Festaufzügen nahmen. Das prominenteste Beispiel eines Handwerkerumzugs im Kontext der Fastnacht stellt wohl der Nürnberger Schembartlauf dar.

Eine grundlegende Veränderung der Festkultur brachte die Französischen Revolution. Dies wirkte sich auch auf die Festzüge aus - so stand nicht der König, sondern das Vaterland im Zentrum der "fête de le Féderation", die den ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille feierte.

[Stefan W. Römmelt] 

 

Literatur

Béhar, Pierre / Watanabe-O`Kelly, Helen (Hg.): Spectaculum Europaeum, Wiesbaden 1999

Möseneder, Karl, Zeremoniell und monumentale Poesie. Die "Entrée solenelle" Ludwigs XIV. 1660 in Paris, Berlin 1983

Roy, Rainer / Kobler, Friedrich: Festaufzug, Festeinzug, in: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, Bd. 8, München 1987, 1418-1520

Tenfelde, Klaus: Adventus. Zur historischen Ikonologie des Festzugs, in: Historische Zeitschrift 235 (1982), 45-84

 

Empfohlene Zitierweise

Römmelt, Stefan W.: Festzug. Aus: Medien und Kommunikation, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6pzgv/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 13.03.2006

Zuletzt geändert: 13.03.2006


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