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Festarchitektur

 

Die Festarchitektur, d.h. Monumente aus vergänglichen Baustoffen wie Holz, Leinen, Stuck oder Ton, bildeten den unverzichtbaren ephemeren, nicht auf Dauer angelegten Rahmen für frühneuzeitliche weltliche und geistliche Feste. Die allgemeinen Architekturtraktate thematisierten die Festarchitektur zumeist im Zusammenhang mit dauerhaften Gebäuden. Prominente Theoretiker, die sich in eigenen Abhandlungen mit der idealtypischen Gestaltung derartiger Bauten auseinander setzten, waren Emanuele Tesauro (1591-1677) und Claude-François Menestrier (1631-1705). Als wesentliche Regel für die Errichtung der Festarchitektur galt das Kriterium der Angemessenheit. Beim dBau mussten deshalb sowohl Jahreszeit, Festart, Festanlass und Status des Geehrten als auch die "Einheit" des Festes beachtet werden.


Abb. 1

Den Auftrag für die Anfertigung der Festarchitektur erteilten zumeist die Städte, in denen der Einzug stattfand. Die Konzeption lag in den Händen humanistisch gebildeter, rhetorisch erfahrener Personen, die sich an den politischen Maßgaben der Auftraggeber zu orientieren hatten. Der Inventeur besaß die Verantwortung für die Auswahl des Themas, dessen Untergliederung und die allegorische Umsetzung der Leitidee. Im Kontext der Festarchitektur nahm die Rhetorik eine wichtige Funktion ein, welche die Botschaft des Festes an die Bevölkerung und an den mit dem Fest Geehrten vermittelte. In Ausnahmefällen konnten auch Künstler die Konzeption der Festarchitektur übernehmen. So koordinierte Peter Paul Rubens 1635 den Einzug des Kardinalinfanten Ferdinand in Antwerpen, übertrug aber die Ausführung seiner Entwürfe den Künstlern seiner umfangreichen Werkstatt. Die auf den jeweiligen Anlaß des Festes ausgerichtete Disposition der Festarchitektur hatte zur Folge, dass der Architekturapparat niemals unverändert für ein anderes Fest übernommen werden konnte.

Das Repertoire, das dem Inventeur zur Verfügung stand, umfasste Stoffe aus der Bibel, der antiken Mythologie und der (Zeit-)Geschichte. In Verbindung mit Inschriften gelangten alle Arten symbolträchtiger Bilder wie Embleme, Devisen, Hieroglyphen, Rebusse, Wappen, Rätsel, Medaillen und Münzen zum Einsatz. Diese wurden mit Statuen, Medallions, Basreliefs, Cameen und Malerei kombiniert.

Es gab verschiedene Formen der Festarchitektur: Podien dienten ursprünglich als einfache Plattformen, auf denen die Übergabe der Stadtschlüssel an den Besucher stattfand. Verfolgte der Besucher einen Festzug von dieser Plattform aus, wurde dort ein Thron errichtet, den ein Baldachin, ein zeltartiger Aufbau oder eine Loge als besonders bedeutsamen Ort hervorhob.

In der Mitte von Plätzen oder vor bedeutenden Gebäuden errichtete man auch symbolisch besetzte Architekturformen wie Pyramiden, Obelisken oder Ehrensäulen. Den Fassaden der Häuser wurden ephemere Tempel oder Säulenhallen vorgeblendet. Ein weiterer häufig anzutreffender Typus der Festarchitektur war der Weinbrunnen, der neben seiner dekorativen Funktion auch dem praktischen Zweck der Erfrischung des Festpublikums mit Milch oder Wein diente.

Den beliebtesten Typus der Festarchitektur stellte die Ehrenpforte dar. Diese orientierte sich zumeist als ein- oder dreigeschossiger Durchgang formal am römischen Triumphbogen, besaß aber im Gegensatz zu diesem keinen Denkmalcharakter. Die Schaubühne mit Durchfahrt, die zweite Form des Ehrenbogens, verschwand in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Von geringerer Bedeutung waren propyläenähnliche Aufbauten und architravgeschmückte Säulenhallen.


Abb. 2

Ehrenpforten, die erstmals im Zusammenhang mit der Ehrung des Papstes im Rom des 12. Jahrhunderts erwähnt werden, wurden freistehend an den wichtigsten Plätzen des Festortes errichtet - vor dem Haupttor, auf dem Hauptplatz, vor der Kathedrale, dem Rathaus oder dem Gerichtsgebäude. Besonders eigneten sich hierfür Anfang und Ende breiter Straßen, die Mitte großer Plätze und Straßenkreuzungen. Die Einbindung in das Fest erfolgte dadurch, dass der Geehrte durch die Ehrenpforte ging, ritt oder fuhr. Zum üblichen Schmuck der Monumente gehörten Personifikationen, Reliefs mit allegorischen oder historischen Darstellungen, Inschriften, Embleme, Symbole und Trophäen. Besonders beliebt waren Enfiladen, Folgen von Ehrenpforten: Während die erste Ehrenpforte häufig mit einer Inschrift das Thema des jeweiligen Festes nannte, entwickelten die weiteren den Diskurs weiter. Als "architecture parlante" dienten sie vor allem der Verherrlichung des einziehenden Fürsten und der Selbstdarstellung der jeweiligen Kommune. Am Tag des Einzugs wurde die Ehrenpforte abends in vielen Fällen mit Flammenbüchsen oder Fackeln illuminiert. Festprogramme, die häufig während des Festaktes verteilt wurden, erleichterten das Verständnis der intendierten Botschaft.

Die ersten Ehrenpforten für einen weltlichen Würdenträger wurden 1347 in Rom zu Ehren Cola di Rienzos errichtet. Im 16. Jahrhundert entwickelte sich die Bauten in Italien von der Festdekoration mit antiken Motiven zum antiken Monument, das ganz in Steinfarbe gehalten war und sich an den Vorschriften der Architekturtheorie orientierte. Diese Architektur-Imitatio ermöglichten nach 1550 den Erfolg der "antiken" Ehrenpforte auch nördlich der Alpen. Diesewurde nun in allen westeuropäischen Ländern mit Ausnahme der Schweiz ein fast unverzichtbarer Bestandteil der Ehrung einziehender Fürsten. Das Aussehen der Ehrenpforten überliefern zahlreiche Graphiken, die häufig den gedruckten Festbeschreibungen beigegeben wurden, um das flüchtige Ereignis zu verewigen. So errichtete die Reichsstadt Nürnberg dem Kaiser nach der Rückkehr von der Krönung Ehrenpforten auf dem Weg zur Kaiserburg; gleiches gilt für die Residenzstadt Wien. Weitere Anlässe waren Krönungen wie die Friedrichs I. von Preußen in Königsberg (1701), die siegreiche Heimkehr eines Fürsten aus dem Krieg, Friedensschlüsse, Staatsbesuche und fürstliche Vermählungen. Johann Bernhard Fischer von Erlachs (1656-1723) Ehrenpforten gelten als künstlerische Höhepunkte der Gattung.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wirkte sich die Aufklärung auch auf die Gestaltung der Ehrenpforten aus, die zunehmend aus mit Laubwerk geschmückten Holzgerüsten bestanden. Zugleich büßte der allegorische Apparat weitgehend seine Bedeutung ein. Dass auch seitens der zu Ehrenden die Akzeptanz der Ehrenpforten geschwunden war, belegt der Befehl Kaiser Leopolds II. aus dem Jahre 1790, das für eine Ehrenpforte bestimmte Geld zur Ausstattung von 40 Landmädchen zu benutzen.

[Stefan W. Römmelt] 

Literatur

Erffa, Hans Martin von: Ehrenpforte, in: Ernst Gall und L. H. Heydenreich (Hg.), Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, Bd. 4, Stuttgart 1958, 1443-1504

Fagiolo Dell'Arco, Maurizio / Carandini, Silvia: L'effimero barocco: Struttura delle feste della Roma del seicento, Rom 1977

Holme, Bryan: Princely Feasts and Festivals: Five Centuries of Pageantry and Spectacle, New York 1988

Jacquot, Jean (Hg.): Les Fêtes de la Renaissance, 3 Bände, Paris 1956

John, Richard: Triumphal arch, in: Jane Turner (Hg.), The Dictionary of Art, Bd. 31, London 1996, 349-352

Loach, J. D.: Pageant and festival arts, in: Jane Turner (Hg.), The Dictionary of Art, Bd. 23, London 1996, 765-771

Oechslin, Werner / Buschow, Anja (Hg.): Festarchitektur. Der Architekt als Inszenierungskünstler, Stuttgart 1984

Strong, Roy Colin: Splendour at Court : Renaissance Spectacle and Illusion, London 1973

Triumphbogen, in: Lexikon der Kunst, Bd. 7, Leipzig 1994, 417-419

 

Empfohlene Zitierweise

Römmelt, Stefan W.: Festarchitektur. Aus: Medien und Kommunikation in der Frühen Neuzeit, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6pzgt/

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Erstellt: 10.03.2006

Zuletzt geändert: 10.03.2006


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